Lorenz Althen - Übersetzen und Dolmetschen in Korea 2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Koreanische Sprache 3
3. Geschichtliche Entwicklung im 20. Jahrhundert 7
4. Übersetzer und Dolmetscher in Korea 9
4.1. Von der Joseon-Dynastie bis zur japanischen Okkupation 9
4.2 . 20. Jahrhundert 12
5. Übersetzer- und Dolmetscherausbildung in Korea 14
6. Berufsverbände 18
7. Der koreanische Markt für Dolmetscher und Übersetzer 20
7.1. Der koreanische Markt für Dolmetscher 20
7.2. Der koreanische Markt für Übersetzer 21
8. Publizistische Aktivität koreanischer Translatologen 24
9. Fazit 25
10. Bibliographie 26
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1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, einen ersten Eindruck in den Markt für Übersetzen und Dolmetschen in Korea zu bieten. Dabei soll zunächst die koreanische Sprache, das koreanische Schriftsystem und in groben Zügen auch auf die jüngste geschichtliche Entwicklung in Korea eingegangen werden. Im Folgenden wird die sich wandelnde Stellung der Übersetzer und Dolmetscher in der Gesellschaft Koreas betrachtet und sowohl auf die Stellung des Englischen als auch auf die Ausbildungssituation für Übersetzer und Dolmetscher eingegangen. Neben den Berufsverbänden werden im einzelnen die translatorischen Arbeitsmärkte für Übersetzer und Dolmetscher vorgestellt. Zuletzt möchte ich kurz auf die publizistische Aktivität von koreanischen Translatologen in der kanadischen Fachzeitschrift META eingehen, durch die ich auch den ersten Anstoß für dieses Thema erhalten habe. Es soll durch diese Arbeit auch gezeigt werden, dass Korea eine wichtige Position auf dem internationalen Markt für Übersetzen und Dolmetschen hat und dass es durchaus nicht schaden kann, sich über den eigenen Horizont hinaus mit, wenn - auch zunächst sehr fremden - (Sprach-)Konzepten auseinanderzusetzen. An dieser Stelle möchte ich mich herzlichst bei Dennis Hänsel bedanken, der mir freundlicherweise die Publikation META 51 Nr. 2 aus Montréal zusenden konnte.
2. Die Koreanische Sprache
Koreanisch wird zur Sprachfamilie des Altaischen gezählt und ist demnach mit Turkisch, Mongolisch und Tungusisch verwandt, also in seinen Ursprüngen eurasiatisch. Der Einfachheit halber möchte ich an dieser Stelle keine Unterscheidung von Nord- und Südkoreanisch vornehmen, sondern betrachte Koreanisch als übergeordnete Kategorie zur nördlichen und südlichen Sprachvariante. Neben Chinesisch und Japanisch gehört Koreanisch zu den größeren Sprachen Ostasiens, wenn man vom Russischen in Sibirien und vom Mongolischen einmal absieht. Neben dem historisch dominanten Chinesisch, dass auch sprachgeschichtlich die Grundlage des Japanischen bildet, war in der Entwicklung des Koreanischen weiterhin auch das Mongolische von großem Einfluss, vor allem durch die Eroberungszüge unter Dschingis Khan. Aufgrund der geographischen Lage der koreanischen Halbinsel waren die sprachlichen und politischen Kontakte über lange Zeit von den direkten
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Nachbarländern bestimmt, die abwechselnd als Besatzungsmächte in Erscheinung traten. Da vor allem China die frühe Geschichte und Kultur Koreas bestimmte, wurden zunächst chinesische Schriftzeichen verwendet um Koreanisch zu schreiben, bis es in der Joseon-Dynastie (1393-1910) unter König Sejong dem Großen 1446 zu einer bemerkenswerten und nachhaltigen Schriftreform kam (vgl. Jaffré 2003:4f.). Da die seinerzeit in China neu aufkommende Ming-Dynastie einen Sprachwechsel zugunsten der in Peking verbreiteten Aussprache bewirkte und Korea sich auf ein anderes Chinesisch einstellen musste, sah Sejong in Korea die Notwendigkeit, eine neuartige Schrift mit Namen „Hangeul“ zu entwickeln, dessen Bedeutung etymologisch auf „das Volk lehren/lernt“ zurückgeführt werden kann. Ziel war es auch, das Chinesische möglichst in allen Facetten darstellen zu können, weshalb sich die Erarbeitung eines phonologischen Sprachsystems anbot. Im Chinesischen gibt es unter Berücksichtigung der verschiedenen Sprachvarianten weit mehr als 20.000 verschiedene Schriftzeichen (dazu Thimm). Blickt man vor diesem Hintergrund auf die drastische Reduzierung der Schriftzeichen und die Erfindung eines logischen und relativ einfach zu erlernenden Sprachsystems, kann man durchaus von einer sprachgeschichtlichen Revolution sprechen. Die Koreanische Schrift wurde zu einem bestimmten Zeitpunkt (1443-1446) in relativ kurzer Zeit entwickelt und basiert in ihrer Form auf keiner bereits vorhandenen Schrift. Die spezifische Struktur des Hangeul beruht auf der Kombination von 10 Vokalen mit 14 Konsonanten (dazu Abb.1), also insgesamt 140 verschiedenen Grundzeichen, obwohl jedoch nach wie vor auch chinesische Schriftzeichen verwendet werden. Ebenso wie das Japanische und das Chinesische kann Koreanisch vertikal von rechts nach links, wie auch horizontal von links nach rechts gelesen werden. Letztere Eigenschaft, zusammen mit der Tatsache, dass es sich um ein Phonem-Schriftsystem (vgl. Gyu 2007) handelt, also in erster Linie auf der graphischen Darstellung von phonetischen Merkmalen basiert, begünstigt ein rasches Erlernen der Schriftzeichen und ermöglicht somit auch Gesellschaftsgruppen außerhalb der gebildeten Schichten einen Zugang zur Schriftsprache. In Hangeul werden die Silben aus jeweils drei Teilen gebildet: Anlaut, Inlaut und Auslaut. Die sich dadurch ergebende Struktur verbindet den phonemischen Aspekt der Schriftzeichen als Lautwiedergabe mit dem aus dem chinesischen bekannten Silbenzeichen-System, bei dem für jede Silbe ein bestimmtes Zeichen verwendet wird.
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Durch die große Überlappung des koreanischen und chinesischen Wortschatzes lassen sich zahlreiche chinesische Zeichensymbole durch relativ wenige Hangeul-Schriftzeichen darstellen, was zunächst dazu geführt hat, dass Hangeul besonders in der gehobenen Klasse als vulgär eingestuft wurde, da sich diese sehr stark an der chinesischen (Sprach-)Kultur orientierte (vgl. Sampson 1985:123). Erst zum Ende des
19. Jahrhunderts wurde Hangeul in Korea immer populärer und löste allmählich das Chinesische im alltäglichen Schriftgebrauch ab.
Des Weiteren ist der systematische Aufbau von Hangeul in großem Maße logisch, da ähnlich klingende Laute mit ähnlich aussehenden Zeichen dargestellt werden. Interessanterweise sind die Buchstaben, die für die Konsonanten entwickelt wurden, den an der Artikulation beteiligten Organen nachempfunden (vgl. dazu Poitou 2004). Die Zeichen für die Bildung von Vokalen orientieren sich an den wesentlichen Elementen der in Korea ausgeübten Konfuzianischen Lehre: Himmel, Erde und Mensch bzw. Metall, Wasser, Holz, Feuer und Erde sowie der Himmelsrichtungen, und ermöglichen daher eine direkte Einbindung in (bei Koreanern) bestehende philosophische Denkmuster.
Aus linguistischer Sicht wird das koreanische Hangeul als ein innovatives und einzigartiges Schriftsystem bezeichnet (vgl. dazu auch Diamond 1994, Ledyard:156 und Kim-Renaud 1997:ix ). Die koreanische Zeitung Chosun Ilbo erwähnt eine Studie der Fakultät für Linguistik, Philologie und Phonetik der Universität Oxford aus den 1990er Jahren, bei der Koreanisch als führend im Bereich Rationalität, Wissenschaftlichkeit und Originalität bewertet wird 1 . Leider war mir diese Studie jedoch nicht zugänglich. Neben der UNESCO, die zu Ehren von Hangeul den König-Sejong-Preis für Engagement im Bereich Alphabetisierung verleiht, wird der hohe Stellenwert des Koreanischen Schriftsystems auch von Sprachwissenschaftlern bestätigt:
Whether or not it is ultimately the best of all conceivable scripts for Korean, Han’gul must unquestionably rank as one of the great intellectual achievements of humankind. (Sampson 1985:144)
1 http://english.chosun.com/w21data/html/news/200710/200710090023.html (06.01.08)
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Ein an dieser Stelle wichtiger zu erwähnender Aspekt bei der Entwicklung und Verbreitung des Koreanischen als Schriftsprache ist m. E. auch die frühe Verwendung beweglicher Lettern für den Buchdruck. In enger Verbindung mit der Entwicklung von Papier und der frühen Drucktechniken in China ergab sich durch das neu entwickelte Buchstabensystem Hangeul erstmals die Möglichkeit, mit relativ geringem Aufwand unterschiedliche Druckformen anzufertigen. Im Gegensatz zu der in China hohen Zahl von verwendeten Schriftzeichen konnte sich der Buchdruck mit beweglichen Lettern in Korea schnell durchsetzen und fand seine erste Anwendung sogar vor der Erfindung des Buchdrucks in Europa durch Gutenberg (vgl. Thimm).
Die logische Struktur der Schrift macht Koreanisch zu einem gut maschinenlesbaren Sprachcode, der maschinell leicht zu erfassen ist (z. B. bei der Eingabe in Computer oder Mobiltelefone). Neben der Verwendung als Programmiersprache hat dies dazu geführt, dass Koreanisch mittlerweile zu einer der am meisten verwendeten Sprachen im Internet geworden ist. Besonders deutlich wird dies, wenn man die Online-Nutzung der Bevölkerung sowie die hohe Aktivität der koreanischen Software-Industrie betrachtet. Nach Angaben von internetworldstats.com werden allein in Südkorea 34 Mio. Internetnutzer verzeichnet, was in etwa 2/3 der Bevölkerung entspricht. (zum Vergleich Deutschland 61,1%).
Die Zahl der weltweiten Sprecher des Koreanischen kann auf ungefähr 80 Mio. geschätzt werden, wovon die meisten Sprecher auf Südkorea (ca. 49 Mio.) und Nordkorea (ca. 23 Mio.) entfallen. Die größten Sprachgemeinschaften außerhalb Koreas sind in China auszumachen, gefolgt von den USA, Japan und anderen Ländern. Als Lehrsprache erfreut sich Koreanisch weltweit zunehmender Beliebtheit, was auch in engem Zusammenhang mit der Entwicklung des Landes im 20. Jahrhundert zu sehen ist. Für die kommenden Jahre plant das koreanische Ministerium für Kultur und Tourismus unter der Führung des National Institute of the Korean Language die Einrichtung von sog. „Sejong“-Sprachschulen, die nach dem Vorbild des Institut Français oder des Goethe-Intstituts Koreanisch zunächst in Asien und später auch weltweit fördern sollen 2 .
2 vgl. dazu: http://www.korean.go.kr/eng/ >education>sejong schools (05.01.08)
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Einer der jüngsten Erfolge für die Koreanische Sprache ist, dass die der UNO nahestehende Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) ab April 2007 im Sinne des PCT 3 -Abkommens Koreanisch als eine der Sprachen aufführt, in der
Patentschriften in einem Mindestumfang geprüft werden müssen.
Im Folgenden möchte ich auf die wichtigsten geschichtlichen Entwicklungen Koreas eingehen, die sich zum einen auf die Ausbreitung der Koreanischen Sprache auswirken und zum anderen für den Übersetzungsmarkt Korea von entscheidender Bedeutung sind. Dazu konzentriere ich mich im wesentlichen auf die Zeit nach der japanischen Okkupation (bis 1945) und auf die jüngsten wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen.
3. Geschichtliche Entwicklung im 20. Jahrhundert
Die Position, die Korea heute in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kultur und Kunst einnimmt, wird verständlich, wenn man sie als Konsequenz einer geschichtlichen Entwicklung betrachtet, die aus einem lange Zeit von der Außenwelt isolierten Volk eine in vielen Bereichen führende Nation gemacht hat. Mächtige koreanische Konzerne agieren auf dem Weltmarkt und in der PISA-Studie der OECD liegen koreanische Schüler wiederholt auf den Spitzenplätzen. Wie ist es dazu gekommen?
Im Anschluß an die japanische Besatzung von 1910 bis 1945 wurde das Machtvakuum auf der koreanischen Halbinsel durch die beiden Weltmächte USA und UDSSR gefüllt, die Korea am 38. Breitengrad territorial in Norden und Süden aufteilten, was die unterschiedliche Entwicklung beider Länder maßgeblich geprägt hat. Durch Aggression des sovjetisch beeinflussten, kommunistische Nordens kam es 1950 zum Koreakrieg, der tiefe Gräben in der koreanischen Gesellschaft hinterließ und zur Trennung zahlreicher Familien führte. Nach dem Waffenstillstandsabkommen 1953 befand sich Korea infolge des Krieges in einer politisch wie wirtschaftlich sehr instabilen Lage. Unter der Führung des Generals Park Chung Hee kam es 1961 zu
3 Vertrag über die internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Patentwesens
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einem Militärputsch und zu einer Militärdiktatur in Südkorea, die bis 1979 andauerte. In dieser Zeit konnten jedoch durch enge Verbindung von Staat und Wirtschaft nationale Unternehmen gegründet werden, die zur Industrialisierung Südkoreas führten und den Außenhandel, vor allem mit den USA begünstigten. Während der kommunistische Norden auch durch die engen Verbindungen zur Sowjetunion und China eine andere Entwicklung nahm, konnte sich Südkorea mehr und mehr nach außen öffnen und fand zu einer wirtschaftlichen und politischen Eingliederung in die Weltgemeinschaft. Trotz der teilweise instabilen politischen Verhältnisse in den 80er Jahren bis zu den demokratischen Wahlen 1987 konnte Südkorea nach und nach seine Position im ostasiatischen Raum zwischen den Mächten China, Japan, UDSSR und USA behaupten. Nord- und Südkorea wurden 1991 in die UNO aufgenommen. (vgl. dazu auch Brockhaus 2005:542ff.)
Südkoreas Wirtschaft hat sich in erster Linie durch einen starken Export entwickeln können, der vor allem in den Bereichen Automobile, (Elektro-)Technik, Softwareentwicklung, Unterhaltungstechnik und Halbleiterentwicklung zustande kam. Einige der wichtigsten Unternehmen sind: Deawoo, Samsung, Hyundai und LG. In diesen Bereichen findet sich auch der größte Arbeitsmarkt für Übersetzer ins bzw. aus dem Koreanischen.
Seiner neuen Rolle als demokratische, weltoffene Nation konnte Südkorea bei der Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele in Seoul 1988 gerecht werden, die neben dem Beitritt zu den Vereinten Nationen 1991 und zur OECD 1996 einen wichtigen Moment der jüngeren Geschichte darstellen. Im Zusammenhang mit der geopolitischen Entwicklung, die zum Zusammenbruch der Sowjetunion geführt hat, blieben die Ängste vor einer erneuten Aggression des Nordens allerdings noch bis Ende der 80er Jahre bestehen. Vor allem die Militärpräsenz auf beiden Seiten der entmilitarisierten Zone und die Schaffung von zahlreichen Tunnelsystemen auf nordkoreanischer Seite verdeutlichen, dass das derzeitige Verhältnis zwischen beiden Nationen von zentraler Bedeutung für die Koreaner ist.
Bemerkenswert ist hierbei, dass beide Länder sich offiziell noch im Kriegszustand befinden, da der 1953 vereinbarte Waffenstillstand bislang nur durch einen Nichtangriffspakt abgelöst wurde, der nach vorsichtigen Annäherungen 1991 zwischen
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Lorenz Althen, 2008, Übersetzen und Dolmetschen in Korea, München, GRIN Verlag GmbH
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