Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Historische Wurzeln 4
3. Grundlagen der Bindungstheorie 6
3.1 Bindungs- und Explorationsverhalten 6
3.2 Phasen der Bindungsentwicklung 6
3.3 Das Arbeitsmodell von Bindung 8
3.4 Mütterliche Feinfühligkeit und ihr Einfluss auf die Bindungsentwicklung 8
3.5 Erfassung von Bindungsqualitäten 9
3.5.1 „Fremde Situation“ 9
3.5.1.1 Bindungsmuster 10
3.5.2 Bindungsstatus der Eltern und AAI 11
3.6 Längsschnittliche Zusammenhänge 12
3.7 Bewertung der Bindungstheorie 12
4. Bindungsstörungen im Kleinkindalter 13
4.1 Bindungsklassifikation in diagnostischen Manualen 13
4.2 Diagnostik und Typologie von Bindungsstörungen 15
4.2.1 Keine Anzeichen von Bindungsverhalten 15
4.2.2 Undifferenziertes Bindungsverhalten 16
4.2.3 Übersteigertes Bindungsverhalten 16
4.2.4 Gehemmtes Bindungsverhalten 17
4.2.5 Aggressives Bindungsverhalten 17
4.2.6 Bindungsverhalten und Rollenumkehr 18
4.3 Ursachen von Bindungsstörungen 18
4.4 Anwendung der Bindungstheorie in klinischen und beratenden Settings 19
5. Schluss 21
Literaturverzeichnis 22
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1. Einleitung
Die Bindungstheorie beschreibt die frühen Beziehungen zwischen einem Kind und seinen wichtigsten Bezugspersonen, die es ständig betreuen. Diese frühen Bindungserfahrungen beeinflussen die gesamte Persönlichkeitsentwicklung. Sie werden vor allem dadurch bestimmt, ob und inwieweit die primäre Bezugsperson angemessen auf die Bedürfnisse und Signale des Kindes reagiert. Bowlby und Ainsworth, die Begründer der Bindungstheorie, haben versucht diese frühen Bindungserfahrungen messbar zu machen. Durch verschiedene
Erfassungsmethoden (Fremde Situation, Adult Attachment Interview etc.) ist es gelungen diese Erfahrungen, die im Menschen in einem Arbeitsmodell mental repräsentiert sind, anhand von unterschiedlichen Bindungsqualitäten zu beschreiben. Die Bindungstheorie hat auch großen klinischen Wert - vor allem für die Diagnose von Verhaltensstörungen und in der praktischen Arbeit mit Kindern und ihren Familien. Seit vielen Jahren hat die Bindungstheorie in der Wissenschaft mehr und mehr an Bedeutung gewonnen und sich durch empirische Stützung als eigenständige Basistheorie etabliert.
Zum besseren Verständnis der Bindungstheorie werde ich zunächst diese theoretischen Grundlagen erläutern. Dabei stelle ich zu Beginn die geschichtliche Entwicklung und die Grundlagen der Bindungstheorie dar. Zu diesen Grundlagen gehören vor allem das Bindungs- und Explorationsverhalten, die Phasen der Bindungsentwicklung, das Arbeitsmodell von Bindung und die unterschiedlichen Bindungsqualitäten. Zudem werde ich darstellen, inwieweit die mütterliche Feinfühligkeit Einfluss auf die Bindungsentwicklung nimmt und mit welchen Methoden sich die Bindungsqualitäten erfassen lassen. Im Anschluss an die theoretischen Grundlagen beschäftige ich mich mit Bindungsstörungen im Kleinkindalter. Zum bessern Verständnis werde ich zunächst darlegen, wie diese in den diagnostischen Manualen klassifiziert sind. Im Anschluss werde ich die in den Klassifikationen aufgeführten Diagnosen näher beleuchten und differenzieren. Man unterscheidet hier im Unterschied zu den diagnostischen Manualen sechs Typologien von Bindungsstörungen. Im Anschluss werde ich kurz auf die Ursachen von Bindungsstörungen und auf die Anwendung der Bindungstheorie in klinischen und beratenden Settings eingehen. Aufgrund der
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Literatur- und Forschungsbandbreite kann ich in dieser Arbeit die Themen nur sehr kurz anreißen und auch nicht das gesamte Themenspektrum der Bindungstheorie aufgreifen.
2. Historische Wurzeln
Die Bindungstheorie wurde von dem britischen Kinderpsychiater und Psychoanalytiker John Bowlby und der kanadischen Psychologin Mary Ainsworth entwickelt. Hauptgegenstand der Theorie sind der Aufbau und die Veränderung enger sozialer Beziehungen über die gesamte Lebensspanne und das Modell von Bindung der frühen Mutter-Kind-Beziehung. „Bindung („attachment“) ist die besondere Beziehung eines Kindes zu seinen Eltern oder Personen, die es beständig betreuen. Sie ist im Gefühl verankert und verbindet das Individuum mit der anderen, besonderen Person über Zeit und Raum hinweg“ (Grossmann 1997, S. 51 zit. n. Ainsworth 1973). Die Theorie entstand vor allem durch die Forschungen Bowlbys, der im Auftrag der Londoner Tavistock Clinic und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Erklärungen für die Entwicklungsschäden von Kindern aus dem 2. Weltkrieg suchte, die von ihrer Mutter getrennt worden waren. Zudem bediente sich Bowlby bei seiner Theoriegründung auf die Beobachtungen an Heimkindern von René Spitz, der die Effekte des Entzugs mütterlicher Fürsorge untersuchte. Aus seinen Beobachtungen schloss Spitz, dass Kinder, die in Waisenhäusern getrennt von ihren Mütter leben, „[…] einem hohen Entwicklungsrisiko ausgesetzt sind, weil sie nicht die Art von Fürsorge erhalten, die sie dazu befähigt, enge sozio-emotionale Bande zu knüpfen“ (Siegler 2005, S. 584). Diese Beobachtungen brachten Bowlby bei seiner Theoriebildung entscheidend voran, da sowohl Spitz als auch Bowlby die Mutterentbehrung als entscheidenden Faktor der kindlichen Bindungsentwicklung ansahen. Weitere Anleihen machte Bowlby vor allem bei der Psychoanalyse und der Ethologie. Bowlby, ebenfalls Psychoanalytiker, nahm ähnlich wie Freud an, dass die frühkindlichen Erlebnisse eines Menschen der Schlüssel zur Erklärung seiner gesamten
Persönlichkeitsentwicklung sind. Daher leistet die Feinfühligkeit der Mutter, d.h. inwieweit sie sich liebevoll und zuverlässig um ihr Kind kümmert, einen entscheidenden Beitrag zur emotionalen Entwicklung des Kindes. Im Gegensatz zu Freud, dessen Erkenntnisse vor allem auf der Analyse vorangegangener
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Erfahrungen basieren, bedient sich Bowlby bei seinen Erkenntnissen vor allem der Verhaltensbeobachtung, denn Ethologen nehmen an, dass es zwischen dem Verhalten eines Menschen und den inneren Prozessen Parallelen gibt. Durch die Verhaltensbeobachtung bietet sich die Möglichkeit zur objektiven Erfassung individuellen Verhaltens. Zudem macht John Bowlby Anleihen bei den Untersuchungen zum Bindungsverhalten nichthumaner Primaten von Harry F. Harlow und Robert Hinde. Diese nahmen bei Tieren, ähnlich wie Bowlby beim Menschen, eine starke emotionale Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern an. Diese Annahme basiert auf einer Reihe von Experimenten an Affen, die von Geburt an isoliert aufwuchsen. Wenn diese Affen dann mit anderen Affen zusammengebracht wurden, zeigten sie schwere emotionale Störungen. Die Ergebnisse stützen die Annahme, dass eine gesunde soziale und emotionale Entwicklung in den frühen Interaktionen mit Erwachsenen wurzelt. Einen entscheidenden Beitrag zur Modifizierung und Weiterentwicklung der Theorie leistete vor allem Mary Ainsworth, die ein standardisiertes, systematisches Instrument zur Erfassung kindlicher Bindung im Säuglingsalter und zum mütterlichen Fürsorgeverhalten entwickelte. Durch dieses Instrument, auch „Fremde Situation“ genannt, gelang es erstmals Bowlbys Bindungsmodell in einer standardisierten Situation beobachtbar zu machen. Mit zunehmender wissenschaftlicher Akzeptanz und Bekanntheit der Bindungstheorie wurden weitere standardisierte Instrumente zur Erfassung der Bindungsqualität entwickelt. Die Forschungen konzentrierten sich dabei zunehmend auf die Erfassung der Bindung im Jugend- und Erwachsenenalter. Im diesen Zusammenhang ist vor allem das Adult Attachment Interview (AAI) zu nennen, durch das Bindungserfahrungen und deren Auswirkungen auf die aktuelle psychische Einstellung gegenüber Bindung untersucht werden können. Das AAI basiert auf der Annahme der Bindungstheorie, dass frühe Bindungserfahrungen eine Auswirkung auf die spätere Einstellung gegenüber Bindung und Beziehungen haben. Die Bindungstheorie stammte ursprünglich aus klinischer Richtung, wurde aber mit zunehmender Bekanntheit und Akzeptanz auch von Entwicklungspsychologen genutzt.
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3. Grundlagen der Bindungstheorie
3.1 Bindungs- und Explorationsverhalten
Das Bindungsverhalten und das Explorationsverhalten bilden zwei komplementäre Verhaltenssysteme, die dennoch voneinander abhängig sind. Zunächst dient die Mutter als sichere Basis für das Kind, zu der es bei Gefahr zurückkehren kann. Auf dieser Grundlage kann das Kind seine Umwelt erkunden. Tritt in einer für das Kind unsicheren Situation eine Veränderung hinsichtlich der Verfügbarkeit der Mutter ein, versucht es durch angeborene Bindungsverhaltensweisen, wie Weinen, Klammern etc., Nähe zur Mutter herzustellen. Diese Verhaltensweisen dienen dazu ein Sicherheitsgefühl herzustellen, wenn das Kind vor Aufgaben steht, die es alleine nicht bewältigen kann oder wenn es sich unsicher fühlt. Das Bindungsverhalten wird mit zunehmendem Alter immer differenzierter und richtet sich auf einige wenige Bindungspersonen aus. Es kann nur beobachtet werden, wenn das Bindungsverhaltenssystem aktiviert ist. Im Gegensatz dazu tritt das Explorationsverhalten in Erscheinung, wenn das Bindungsverhaltenssystem deaktiviert ist. Dann beginnt das Kind seine Umwelt zu erkunden. Wiederum kann jedoch ohne die Bindungsperson als Sicherheitsbasis kein Explorationsverhalten auftreten. Entstehen beim Kind während des Explorationsverhaltens Angst oder Verunsicherung wird das Bindungsverhaltenssystem wieder aktiviert und das Kind sucht die Nähe zu seiner Bindungsperson. Mit zunehmendem Alter reichen häufig auch symbolische Nähe bzw. die Bindungsrepräsentation als Sicherheitsbasis. Wie die Beobachtungen Ainsworths in der Fremden Situation belegen, können sich Kinder in ihrem Bindungs- und Explorationsverhalten sehr unterscheiden. Diese Unterschiede können ganz unterschiedliche Ursachen haben. Als Hauptursache gelten aber vor allem die Feinfühligkeit der Mutter und ihre prompte Zuwendung auf die Kindlichen Signale.
3.2 Phasen der Bindungsentwicklung
Im Säuglings- und Kleinkindalter vollzieht sich die Bindungsentwicklung in vier Phasen. Während der Vorbindungsphase (0-3 Monate) ist der Säugling in der Lage Personen von Gegenständen zu unterscheiden - er kann aber Personen nicht eindeutig voneinander unterscheiden. Zwischen 3 und 6 Monaten vollzieht sich die 6
Arbeit zitieren:
Nadine Deiters, 2008, Grundlagen der Bindungstheorie, München, GRIN Verlag GmbH
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