,,Reeducation" und ,,Reorientation" in
Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg
Philosophische Fakultät
Politikwissenschaft
Politische Theorie und Ideengeschichte
"HS Die Gründung der Politikwissenschaft und die "Verwestlichung" der politischen Kultur
in der Bundesrepublik Deutschland"
Norman Giolbas
Oktober 2009
2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 3
2.1. Reeducation in Deutschland nach 1945 ... 4
2.2. Die Begriffe ,,Reeducation" und Reorientation... 4
2.3. Links- und realpolitische Strömungen in den USA... 6
2.4. Pläne und Akteure ... 8
2.5. Die Ziele und deren Umsetzung in der Bildungsarbeit ... 11
3.1. Franz L. Neumann... 16
3.2. Umerziehung aus der Perspektive Franz L. Neumanns ... 17
4.Fazit und Perspektive ... 21
3
1. Einleitung
Das Ende des Zweiten Weltkrieges wird in Deutschland häufig auch als die Stunde Null
bezeichnet. Dahinter verbirgt sich nicht nur der vollständige Zusammenbruch der
Infrastruktur, also die materielle Komponente, sonder auch das Einstürzen eines
Ideologiegerüstes, welches nun neu erschaffen werden musste. Dabei war völlig klar, dass
ohne eine Fundierung der demokratischen Grundsätze in der Gesellschaft durch Schulen,
Universitäten und andere Bildungseinrichtungen, die Demokratie auf lange Sicht an
Legitimation verlieren würde. Besonders die neuen Generationen sollten dazu in einer
Tradition erzogen werden, die die Demokratie als ihre zukünftige Staatsform akzeptieren.
Dies betonte auch der Hohe Kommissar McCloy am 12. Dezember 1949, um die
Schwerpunkte der künftigen Arbeit zu erläutern.
1
Sein vorrangiges Ziel war dabei, die Jugend
für die Demokratie zu gewinnen. Dazu war es notwendig das gesamte Schulsystem zu
reformieren, aber auch den Zugang zu Bildungseinrichtungen für alle Klassen zu
ermöglichen. Besonders die USA hatten großes Interesse daran als Besatzungsmacht das
Deutsche Volk mit Hilfe der Reeducation-Strategie zur demokratischen Staatsform zu
bewegen, wobei dies auch unter dem Hintergrund des sich anbahnenden Kalten Krieges ganz
pragmatisch gesehen werden muss.
2
Henry Kellermann bezeichnete die Reeducation als eine
,,eine Ergänzung der Politik mit nichtpolitischen Mitteln, den langen Hebel am
Besatzungsapparat."
3
Trotzdem ist die Ansicht zu kurz gegriffen, die Amerikaner hätten nur
aus dem Dilemma der Ost-West-Blockbildung heraus die Einführung der Demokratie
befürwortet.
Um die Umerziehung in Deutschland zu gewährleisten, war es notwendig den geeigneten
ideologischen Unterbau zu erschaffen, auf dessen Fundament schlussendlich der sich
politisch engagierende Bürger hervorkommen sollte. Unter den Begriffen der Reeducation
und Reorientation wurden sobald Maßnahmen ergriffen die geneigt waren, das deutsche Volk
in einer Art und Weise zu erziehen, die mit demokratischen Vorstellungen einher gingen.
Die vorliegende Arbeit versucht darzustellen was sich hinter den Begriffen der Reeducation
1
Vgl. Hermann-Jopsef Rupieper: Die Wurzeln der Westdeutschen Nachkriegsdemokratie. Der Amerikanische
Beitrag 1945-1952, Opladen 1993, S. 110.
2
Vgl. Birgit Braun: Umerziehung in der amerikanischen Besatzungszone. Die Schul-und Bildungspolitik in
Württemberg-Baden von 1945 bis 1949, Münster 2004, S. 16.
3
Henry Kellermann: Von Reeducation zur Reorienation. Das amerikanische Reorientierungsprogramm im
Nachkriegsdeutschland. In; Manfred Heinemann (Hrsg.) Umerziehung und Wiederaufbau. Die
Bildungspolitik in Deutschland und Österreich, Stuttgart 1981, S. 87.
4
und Reorientation verbirgt und schließt mit einem Vergleich eines der Gründungsväter der
Politikwissenschaft in Deutschland Franz L. Neumann.
2.1. Reeducation in Deutschland nach 1945
Die Ziele und Vorhaben der Alliierten in Bezug auf die deutsche Umerziehung, waren
getragen von den jeweiligen Nationen selbst. Ein Grundkonsens kann in der Aufgabe gesehen
werden, Deutschland in einen friedlichen und demokratischen Staat umzuformen, indem
keine militärische Drohkulisse mehr existent sein sollte. Darüber hinaus jedoch waren sich die
Siegermächte nicht einig, was mit Deutschland geschehen sollte. Die Amerikaner hatten
kurzzeitig die Idee Deutschland in einen Agrarstaat zu verwandeln, Roosevelt, der durch
dieses Vorhaben seinen Wahlkampf gefährdet sah, verwarf den Morgenthau-Plan
4
wieder.
Eine andere Strömung der US-Administration unter Truman bestand in den Plänen der
sogenannten Realpolitiker. Diese Strategie verfolgte nicht die Schwächung Deutschlands
sondern dessen Stärkung, als Bollwerk gegen die Sowjetunion.
5
Die Franzosen unter Charles
de Gaulles waren daran interessiert den Erbfeind beständig am Boden zu halten aber auch
besonders viele Reparationsleistungen von Deutschland fordern zu dürfen, während die
Briten, als Inselstaat, bereits Gedanken verfassten, Westdeutschland in ein Bündnis gegen den
Kommunismus zu zwingen.
Hinzukam, dass sich die Kontroversen zwischen den westlichen Alliierten und der
Sowjetunion zunehmend verstärkte und ein Konsens nicht mehr möglich schien.
Da es insgesamt sehr vielschichtige Ansätze über die Zukunft der deutschen Bevölkerung und
deren Systematik gab, wird dieser Aufsatz nur die amerikanischen Pläne behandeln, da diese
auch im Hinblick auf den Vergleich mit den Gründungsvätern der Politikwissenschaft eine
Rolle spielen.
2.2. Die Begriffe ,,Reeducation" und Reorientation
Zunächst muss das Selbstverständnis, das von großen Teilen der Öffentlichkeit sowie den
amerikanischen Politikern getragen wurde geklärt werden, die in dem Kampf gegen den
4
Vgl.Wolfgang Lautemann und Manfred Schlenke: Geschichte in Quellen. Die Welt seit 1945, München 1980,
S. 66-68.
5
Vgl. Jutta-B. Lange-Quassowski: Neuordnung oder Restauration. Das Demokratiekonzept der
amerikanischen Besatzungsmacht und die politische Sozialisation der Westdeutschen: Wirtschaftsordnung
Schulstruktur -Politische Bildung, Opladen 1979, S. 109. Diese Strömung der Politik äußerte sich in der am
12. März 1947 verkündeten Truman-Doktrin. Sie stand damit am Anfang der ,,Containment-Politik".
5
Nationalsozialismus einen Kreuzzug des Guten gegen das Böse sahen.
6
Aus dieser
Perspektive heraus wird auch klar, dass die Amerikaner ihre Aufgabe als eine Art säkulare
Mission verstanden, die zugleich von einem enormen Sendungsbewusstsein bestimmt war.
Der Begriff Reeducation selbst wurde am 28. Dezember 1942 das erste Mal offiziell
verwendet,
7
sollte aber bald in den Sprachgebrauch der amerikanischen Publizisten einfließen.
Hierbei ist anzumerken, dass es im Hinblick auf die anderen Besatzungszonen andere Begriffe
waren die benutzt wurden, um die Umerziehung zu beschreiben.
8
Die Verwendung des deutschen Begriffes der Umerziehung als pedant zu Reeducation, sieht
Karl Ernst Bungenstab sehr kritisch, da er zu stark das Erziehungselement betont.
9
Die
Bedeutung drängt also mehr auf den Willen zum Wandel und nicht nur einfache
Umerziehung.
Da in der Psychotherapie der Begriff Reeducation auf eine Korrektur der Verhaltensmuster
eingeht kamen auch aus dieser Richtung Beiträge und Forschungsansätze.
Als eine der ersten Arbeiten auf psychiatrischem Niveau kann die Arbeit von Richard M.
Brickner gewertet werden. Sein Aufsatz zur Diagnose und Therapie einer paranoiden
Tendenz, geht der Frage nach, wie das aggressivste Land der Erde in eine friedliche Nation
zurückgeführt werden kann.
10
Zwar erregte erst später seine Monographie ,,Is Germany
Incurable" die Öffentlichkeit, jedoch, so stellt Uta Gerhardt fest, war es eben nötig die
Reeducation auch unter einer psychiatrischen Etikette zu betrachten.
11
Um aber am Ziel der
Reeducation festhalten zu wollen, war es nötig die Schalthebel der Macht und die Eliten im
neuen Deutschland auszutauschen. Das es gerade in dieser Beziehung arge Probleme durch
Personalmangel gab ist längst kein Geheimnis mehr. Das dieses Unterfangen trotz seiner
Schwierigkeiten in die Tat umgesetzt wurde, beziffert Kellermann es als eine beispiellose
wenn auch nicht unumstrittene Aktion der Besatzungsmacht.
12
Den offiziellen Anstoß zur
Reeducation gab die Direktive 296/5 die am 21.August 1946 veröffentlicht wurde.
,,The re-education of the German people ca be effective only as it is an integral part of
6
Vgl. Braun, S. 16.
7
Von Vizepräsident Henry Wallace anläßlich des Jahrestages der Geburt von Woodrow Wilson.
8
Die Briten verwendeten häufig den Begriff ,,Reconstruktion", die Franzosen ,,mission civilisatrice" und die
Sowjets den Terminus der ,,antifaschistisch-demokratische Umgestaltung".
9
Vgl. Karl-Ernst Bungenstab: Umerziehung zur Demokratie? Reeducationpolitik im Bildungswesen der US-
Zone 1945-49, Düsseldorf 1970, S.19.
10
Vgl. Richard M. Brickner: The German Cultural Paranoid Trend, in: American Journal of Orthopsychiatry 12
(1942), S. 611-632.
11
Vgl. Uta Gerhardt: Re-education als Demokratisierung der Gesellschaft Deutschlands durch das
amerikanische Besatzungsregime, in: Leviathan, H. 3 (1999), S. 365.
12
Vgl. Henry J. Kellermann: Reeducation, in: Manfred Heinemann (Hrsg.) Umerziehung und Wiederaufbau.
Die Bildungspolitik in Deutschland und Österreich, Stuttgart 1981, S. 86.
6
a comprehensive program for their rehabilitation. The cultural and moral re-education
of the nation must, therefore, be related to policies calculated to restore the stability of
a peaceful German economy and to hold out the hope for the ultimate recovery of
national unity and self-respect."
13
Fasst man den Rahmen letztendlich genau und versucht anhand der Direktiven eine Ordnung
vorzunehmen, endet die Reeducationpolitik mit der JCS-Direktive 1779, deren neuer Kurs
nun die kulturelle Re-Orientierung war.
14
Der kurz gefasste Unterschied zwischen
Reeducation und Reorientation lag im Wesentlichen in der Perspektive. Da die harte
amerikanische Propaganda nicht die gezielte Wirkung zeigte, entschlossen sich die USA nicht
mehr die Verbrechen der Deutschen zu thematisieren, sondern eher auf die positivistischen
Errungenschaften der Demokratie einzugehen, um damit die Zweifler zu überzeugen. An
vorderster Front stand demnach die Demokratisierung der Deutschen durch die Reorientation
als Mittel zum Zweck. Das ehemalige Ziel der Reeducation, Aufklärung durch Abschreckung,
wurde damit zugunsten der Vermittlung von positiven Inhalten verschoben. Die
Hauptbotschaft von vielen amerikanischen Filmen war dabei auf die Notwendigkeit einer
Demokratie gerichtet, was über das Medium Kino vermittelt wurde. Der Begriff der
Reorientation ist oft auch als Amerikanisierung bezeichnet wurden und erklärt die Faszination
der jungen Generation über den neuen Lebensstil der Amerikaner mit seinen materiellen
Möglichkeiten und individuellen Freiheiten.
15
Mit anlaufender Wirtschaftshilfe und der zunehmenden Hoffnung der Deutschen im neu
entstehenden Europa eine rehabilitierte Rolle spielen zu dürfen, kam es zu Zweifeln an der
Echtheit der deutschen Umorientierungserfolge. Die Frage wurde gestellt, inwieweit das
deutsche Volk schon reif sei für eine Demokratisierung? Die verinnerlichten Werte einer
autoritären Demokratie, wären wiederum nur Anpassungsleistung des deutschen Volkes
gewesen, nicht aber mit den dem Ziel der Demokratie vereinbar gewesen.
2.3. Links- und realpolitische Strömungen in den USA
Einen großen Stellenwert nehmen in dieser Betrachtung die Standpunkte der Präsidenten ein,
deren Pläne wie oben schon erwähnt in entgegengesetzte Richtungen gingen. Franklin D.
Roosevelt kannte Deutschland, er war vertraut mit der Sprache und hatte als Kind häufig am
13
State-War-Navy Coordinating Committee Directive (SWNCC 269/5). In Germany 1947-1949, S. 542.
14
Vgl. Gerhardt, S. 356.
15
Vgl. Claus-Dieter Krohn: Ein intellektueller Marshallplan? Die Hilfe der Rockefeller Foundation beim
Wiederaufbau der Wissenschaften in Deutschland nach 1945, in: Hans Braun / Uta Gerhardt / Everhard
Holtmann (Hrsg.): Die lange Stunde Null. Gelenkter sozialer Wandel in Westdeutschland nach 1945, Baden-
Baden 2007, S. 227.
0 Kommentare