Gliederung
I. Einleitung. 3
1. San Marco in Venedig. 3
2. Thema, Zielsetzung und Aufbau der Arbeit. 4
II. Chronologie der Baugeschichte 5
1. Gründung un Planung von San Marco 5
2. Der erste Kirchenbau. 6
3. Der zweite Kirchenbau. 9
4. Der dritte Kirchenbau. 10
III. Forschungsgeschichtliches Kapitel 13
1. Unstimmigkeiten der Strukturen 13
2. Vorbilder von San Marco. 17
3. Besondere Veränderungen im Inneren der Kirche 25
4. Fassadenthematik 27
5. Erkenntnisse der Deutschen Forschungsgesellschaft 2003. 28
6. Die Bronzepferde 31
IV. Zusammenfassung 33
V. Bibliographie. 34
2
I. Einleitung
1. San Marco in Venedig
Für die meisten Betrachter erscheint San Marco als großes Kunstwerk aus einem Guss aus glanzvollen Steinen und imposantem Mosaikwerk. Dass dem nicht so ist, ist auf den ersten Blick nicht erkenntlich. Die jeweiligen Epochen haben ihren Teil zum Charakter von San Marco beigetragen. Innerhalb von 900 Jahren wurde immer wieder „gebaut, ergänzt und restauriert 1 “.
Es ist herausgefunden worden, dass es vor der heutigen Markuskirche schon zwei weitere gegeben hatte. Die erste Markuskirche wurde 829/ 30 von dem Dogen Giovanni Partecipazio begonnen und nach nur kurzer Bauzeit vollendet 2 ; die Überlieferung weiß zwar von einer Bautätigkeit auch unter dem Dogen Pietro Orseolo I., der dieses Amt von 976 bis 978 inne hatte, jedoch ist nicht anzunehmen, dass es sich hier um einen Neubau handelt. In dieser kurzen Amtszeit können nur Instandsetzungsarbeiten an der Kirche vorgenommen worden sein 3 , die 976 stark durch einen Brand in Mitleidenschaft gezogen worden war.1063 hat der Doge Domenico Contarini einen Neubau errichten lassen. Das Gesicht des ursprünglichen Contarini- Baus hat sich in den darauffolgenden Jahrhunderten durch etliche bauliche Maßnahmen und durch die opulente Ausgestaltung stark verändert 4 . Entscheidend bei der Veränderung des Baus war auch die Ausschmückung durch von dem vierten Kreuzzug mitgebrachtem Beutegut. Infolgedessen verdeckten nun marmorne Säulen und Steinplatten die Fassaden. Bei Restaurierungsarbeiten im 19. Jahrhundert hat sich herausgestellt, dass der Contarini- Bau nicht vollständig über neuen Fundamenten erbaut wurde, sondern auch unter Verwendung älteren Baumaterials, das augenfällig hauptsächlich Teil des Partecipazio- Baus war. Diese Ausfindung verdeutlichte, dass ohne eine Rekonstruktion der ersten Markuskirche die Baugeschichte der Contarini- Kirche nicht aufzuschlüsseln ist; es muss und musste durchleuchtet werden, in welchem Maße die Rücksichtnahme auf den Partecipazio- Bau die Planung des Neubaus beherrscht hat.
Aufgrund all der Veränderungen und Neuerungen an San Marco scheint die Grundstruktur des 11. Jahrhunderts an einigen Stellen zwar noch durch, jedoch lassen sich klare Aussagen
1 Schuller, Manfred: Hinter der Fassade von San Marco, in: forschung 1/ 2006, Bonn 2006.
2 Demus, The Church of San Marco in Venice, S. 64 f.; der 829 verstorbene Doge Giustiniano Partecipazio
beauftragte in seinem (in einer Kopie des 14. Jahrhunderts überlieferten) Testament seine Gemahlin, ut hedificet
basilicam ad suum honorem (=beat Marci) intra territorio sancti Zachariae (La Basilica, Documenti, Nr. 20). Die
Weihe soll bereits 836 stattgefunden haben.
3 Demus 1960, S. 79 f.; ebenso Dorigo, Wladimiro: Venezia, Mailand 1983, S. 579 f. Von einer „Orseolo-
Kirche“- wie es häufig in der Literatur vorkommt- soll daher im folgenden überhaupt nicht die Rede sein.
4 Vgl. Demus 1960, S. 75 f.
3
über das ehemalige Gesicht der Kirche nur schwerlich treffen. Dadurch sind in der architekturgeschichtlichen Forschung viele Spekulationen über die Baugeschichte gemacht worden.
San Marco fungierte einerseits als Kathedrale der Stadt und andererseits als geweihter Ort, der die Grundprinzipien der Autorität und die Garantien für den Staat Venedig repräsentierte. Es war in erster Linie die Kirche des Dogen, der Magistraten und derer die in offizieller Verbindung mit dem Staate standen. Demzufolge diente der Markusdom auch für folgende offizielle und politische Zeremonien: die Wahl des Dogen, die Segnung der in den Krieg ziehenden Soldaten, die wichtigsten „Amtseinsetzungen und die Ausstellung der dem Feind abgenommenen Fahnen 5 “. Ferner wurde der Kirchenbau auch oft auf Geldmünzen dargestellt. So verbanden sich rechtliche und diplomatische Aspekte im Namen des Hl. Markus mit patriotischen und religiösen Idealen, die in den Sinnbildern der Fahnen und im steinernen Löwen mit dem aufgeschlagenen Evangelienbuch zum Ausdruck kamen, dem beeindruckenden Emblem der venezianischen Herrschaft.
2. Thema, Zielsetzung und Aufbau der Arbeit
Dieser Hausarbeit liegt die Baugeschichte von San Marco zugrunde. Zielsetzung der Arbeit ist es, die unterschiedlichen Bauphasen und deren jeweilige Veränderungen sowohl in als auch an der Kirche herauszuarbeiten. Ebenfalls von Bedeutung für diese Arbeit sind die Vorbilder und Einflüsse von San Marco.
Die Hausarbeit beginnt mit einführenden Worten über San Marco in Venedig. Im Kapitel der Chronologie der Baugeschichte werden die Gründung und Planung von San Marco und die drei Kirchenbauten besprochen. Im darauffolgenden forschungsgeschichtlichen Kapitel werden Punkte wie Unstimmigkeiten der Strukturen, Vorbilder von San Marco, Veränderungen im Inneren der Kirche, die Fassadenthematik, Erkenntnisse der Deutschen Forschungsgesellschaft und die Bronzepferde erarbeitet. Abschließend folgen eine Zusammenfassung zu den Ergebnissen der Fragestellung, Bibliographie und Abbildungsanhang.
5 Perocco, Guido: Die Basilika von San Marco, Venedig 1974, S. 26.
4
II. Chronologie der Baugeschichte
1. Gründung un Planung von San Marco
Durch die aus Alexandria im Jahre 828/ 29 gestohlenen Markus- Reliquien waren die Venezianer stark genug, um sich gegen das fränkische und byzantinische Reich und das Papsttum zu behaupten, die die Unabhängigkeit des aufstrebenden Venedigs gefährden konnten. 827 war auf dem Konzil von Mantua die Auseinandersetzung um den rechtmäßigen Sitz des Patriarchats zwischen dem fränkischen Aquileia und dem venezianischen Grado zugunsten von ersterem entschieden worden. So fiel Venedig dem fränkischen Patriarchat zu. Da die Venezianer aber im Besitz der Gebeine des Hl. Markus waren, der vermeintliche Gründer des Patriarchats, konnten sie weiterhin für die Ansprüche Grados eintreten, um sie dann an sich zu reißen. Ferner mag wohl aufgrund des Autonomiestatusses das Bedürfnis entstanden sein, „sich geschickt durch den Mythos einer Stadtgründung, die direkt auf den Hl. Markus zurückgeführt wurde, eine apostolische Vergangenheit zu schaffen 6 “. Denn offensichtlich wurde der Evangelist, der Jünger Petrus’, zu den Aposteln hinzugezählt. In diese solemne Selbstdarstellung wollte man sich auf den frühchristlichen Ursprung zurückberufen, der gerade aufgrund seiner historisch nicht gesicherten Wurzeln eines bedeutsamen und demonstrativen Gestus bedurfte 7 . So erklärt sich also, warum die Kirche der Zwölf Apostel, der ruhmreiche Aufbewahrungsort der Reliquien aus antiker Zeit, zum Vorbild erwählt wurde und kein Gebäude der blühenden zeitgenössischen Architektur Konstantinopels.
Der Doge Giustiniano Partecipazio nimmt die Verlegung des Regierungssitzes von den abseits gelegenen Inseln Eraclea, Torcello und Malamocco ins Zentrum der Lagune, nach San Marco, zum Anlass, dem Evangelisten Markus dort ein Heiligtum zu erbauen. Dieses sollte im Laufe der Geschichte zum „Zentrum der Macht 8 “ und dem Enststehungsort der Ideale werden. Hier zeigte sich die architektonische Manifestation des erstarkenden venezianischen Selbstbehauptungswillen. 1094 wurde die nach dem Hl. Markus benannte Kirche geweiht. An diesem Punkt hatte Venedig seine Mutterkirche, die von dem Hl. Markus gegründete Kirche von Aquileja, und gleichzeitig Sitz des adriatischen Patriarchats, in der apostolischen Würde beerbt.
6 Zuliani, Fulvio: Die Bauhütte der Sankt- Markus- Kirche, in: Die Baukunst im Mittelalter, Düsseldorf 2005, S.
72.
7 Über die Entstehung des Mythos siehe ebenfalls Demus, 1960, bes. S. 7- 18.
8 Demus, Otto, Wladimiro Dorigo, Antonio Nero, Guido Perocco, Ettore Vio: San Marco. Die Mosaiken. Das
Licht. Die Geschichte, München 1993, S.21.
5
2. Der erste Kirchenbau
Die erste Markuskirche wurde 829/ 30 von dem Dogen Giovanni Partecipazio angefangen und nach kurzer Bauzeit fertiggestellt 9 . Der 829 verstorbene Doge Giustiniano Partecipazio betraute in seinem, in einer Kopie des 14. Jahrhunderts tradierten, Testaments 10 seine Gattin, eine Kirche zu Ehren des Hl. Markus zu erbauen, infra territorio Sancti Zachariae, dessen Ort sich unterhalb des Gartens des nahegelgenen Nonnenklosters befand. Die Weihe soll bereits 836 stattgefunden haben. Partecipazio sorgte ferner für die Bereitstellung von Baumaterial, das hauptsächlich von den überzähligen Steinen der Abtei St. Ilario kam. Die restlichen Materialien wurden von anderen Quellen beschafft, darunter war auch ein Haus auf Torcello. Dies scheint zu verdeutlichen, dass die Kirche zumindest teilweise, aus vorgefertigtem Material gebaut wurde, das auch antike Spolien beinhaltet haben könnte. Partecipazio, der bald darauf verstarb, begann wohl noch nicht mal das Gebäude, obwohl Giovanni Diacono das Gegenteil bestätigte. Wenn der Bau noch zu seiner Lebzeit begonnen worden wäre, hätte er wohl kaum die Unannehmlichkeit auf sich genommen, in seinem Testament den zu bebauenden Ort zu erwähnen. Seine Witwe und Giovanni, sein Bruder und Nachfolger, handelten nach seinem letzten Willen und vollendeten die Kirche in den 30er Jahren des 9. Jahrhunderts. Obwohl heute von der ersten Kirche nichts sichtbar ist, ist die Frage nach dem architektonischen Typ und der Ausdehnung von hoher Wichtigkeit, nachdem diese die Form und die Ausmaße der heutigen Kirche beeinflusst haben könnten. Einige Teile des Baumaterials können auch in dem späteren San Marco enthalten sein. Die Quellen liefern keine profunde Basis für eine Rekonstruktion des ursprünglichen Gebäudes. Die einzigen Hinweise, auch wenn diese selbst nicht sehr verlässlich sind, sind in der Translatio Sci Marci und im Chronicon Altinate (Venetum), das deutlich der Geschichte der Translatio folgt, bis auf einen Fehler nämlich den Namen des Gründers, enthalten. Das gleiche Bausatzmusterdie Grabeskirche in Jerusalem- ist von dem Chronicon Altinate für den Grundbau von San Marco, San Salvatore und von dem späten chronico von Stefano Magno für San Zaccharia beansprucht. Demus ist der Meinung, es sollte nicht zu viel Bedeutung in die vermeintliche Beziehung zwischen San Marco und der Grabeskirche gelegt werden. Wie dem auch sei, die Aussagen der venezianischen Chroniken sind keine große Hilfe, den Grundriss und die Gestalt der ersten Markuskirche wieder zu errichten. Aufgrund des Typus und des Grundrisses waren sich bis vor kurzem alle „Sachverständigen“ einig, dass die erste Markuskirche ein basilikales Gebäude mit einem hölzernen Dach war. Laut Cattaneo war es
9 Demus 1960, S. 64 f.
10 Das Dokument ist in abgekürzter Form gedruckt in La Ducale Basilica, Documenti, S. 3, no. 20.
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ein eher kleines Gebäude. Er nahm an, dass es sich von der heutigen Westwand des Mittelschiffes bis zu dem östlichen Ende des Querschiffes erstreckte, und nur in einer Apsis endete, die Gänge waren gegen Osten durch gerade Wände geschlossen 11 . Cattaneo leitete die Größe des ursprünglichen Gebäudes von späten Chroniken ab, diese sprechen von einem ersten kleinen Gebäude im Gegensatz zu der neuen Kirche des 11. Jahrhunderts. Eine Großzahl von Chroniken besteht auf der Tatsache, dass die neue Kirche einen unterschiedlichen Grundriss hatte, gebaut „in altra maniera die quello la era a quel tempo“. Viele Autoren haben angenommen, ohne jeglichen Beweis für eine solche Behauptung, dass die wichtigsten Wände des heutigen Gebäudes auf den Fundamenten der Kirche aus dem 9. Jahrhundert ruhen, mit Ausnahme des Presbyteriums, des Querschiffes und des Atriums, von denen alle nach der herrschenden Meinung im 11. Jahrhundert hinzugefügt wurden. Kürzlich wurde diese Behauptung, die Eingang in alle aktuellen wissenschaftlichen Bücher gefunden hat, durch die Ergebnisse der Sondierungen und Ausgrabungen, die Forlati 1950 durchgeführt hatte, herausgefordert. Zuerst zeigt sich, dass dort, wo man durchgehende Mauerfundamente, die die Querschiffe entlang der Linie durchkreuzen, die wiederum die Wände des westlichen Kreuzarmes mit denen des Presbyteriums verbindet, erwarten sollte, sich gar kein solches Mauerwerk befindet 12 . Auch wurden keine Spuren von Kolonnadenfundamenten, die in der Fortführung der bestehenden säulenförmigen Arkade noch vorhanden sein sollten, gefunden. Des Weiteren kann nun bewiesen werden, dass das Material und die Arbeitstechnik der Querschiffwände, laut Cattaneos Theorie im 11. Jahrhundert neu gebaut, identisch mit denen der westlichen und nördlichen Wände ist, von letzteren wurde angenommen, dass sie ,zumindest in ihren unteren Schichten, zu der ersten Kirche aus dem 9. Jahrhundert gehörten. Überdies scheint es, dass die Steine des Fundaments der zentralen Pfeiler von römischer Arbeitsausführung sind und tatsächlich Teile der antiken Spolien sind, die Partecipazio in seinem Testament für den Bau der Kirche haben wollte. Diese sind im Übrigen den Steinen des Fundaments des Campaniles ähnlich, die im 9. Jahrhundert aufgestellt wurden. Dieser Anhaltspunkt gab Forlati ein gutes Argument seine Rekonstruktion der San Marco- Kirche aus dem 9. Jahrhundert als kreuzförmiges Gebäude zu liefern 13 , der Grundriss entsprach in vielerlei Hinsicht dem der heutigen Kirche. Die Hauptunterschiede zwischen Forlatis Rekonstruktion und dem heutigen Grundriss betrifft die Apsiden, die, in dem Gebäude des 9. Jahrhunderts, noch nicht ihre Artikulierung mit Nischen und Stützpfeilern erreicht hatten. Die seitliche Ausdehnung des Querschiffes, das die
11 La Ducale Basilica, Testo, S. 113 ff.
12 Demus 1960, S. 65.
13 Demus 1960, S. 66.
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Julia Lehnert, 2008, Baugeschichte von San Marco in Venedig, München, GRIN Verlag GmbH
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