Hausarbeit
Universität Leipzig
Institut für Romanistik/ Französistik
II
Lehrstuhl für Landeskunde
Seminar: Von der Gazette zum Internet
Wintersemester 2002/2003
Die aktuelle Situation der
Susanne Richter
III
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Entwicklungstendenzen der der Presse 1
2.1 Sinkende Auflagen bei der französischen Tagespresse 2
2.1.1 Die Tageszeitung Le Monde 6
2.1.2 Andere nationale Tageszeitungen 9
2.1.3 Die Online-Auftritte der PQN 11
2.2 Positive Auflagenentwicklungen bei der Zeitschriftenpresse 12
2.2.1 L’ Express 15
2.2.2 Le Nouvel Observateur 15
2.2.3 Le Point 16
2.2.4 L’Evenement du jeudi 16
2.2.5 Marianne 17
2.2.6 Le canard enchaîné 17
2.2.7 Den Nachrichtenmagazinen geht trotz allem der Atem aus 18
2.3 Große Verluste im Anzeigengeschäft 20
2.4 Konzentrationstendenzen 21
2.5 Die Herausbildung einflussreicher Pressekonzerne 24
2.6 Gesetzesänderungen bieten Pressekonzentration keinen Einhalt 25
3. Schlussbemerkung 27
4. Literaturverzeichnis 29
5. Weitere Quellen 29
IV
1. Einleitung
Die Presse ist das älteste Massenmedium. Sie ist in Jahrhunderten gewachsen und weist deshalb besonders traditionelle Strukturen auf. Und dabei ist sie jedoch wie kaum ein anderer Bereich ständigen Veränderungen unterworfen, wobei die Strukturen nicht so leicht aufzubrechen sind wie bei jüngeren Medien. Andererseits ist sie gerade deshalb einem größeren Anpassungsdruck ausgesetzt. Deshalb stellt sie immer wieder ein besonders interessantes Untersuchungsfeld dar. Verschiedene technische Neuerungen 1 bewirken die von Grund auf neue Gestaltung des Medienmarktes. „Der Kampf um die wirtschaftliche Existenzsicherung, wie er nicht zuletzt auch in der intensiven Werbung um Leser, Hörer und Zuschauer ablesbar wird, hat zum Teil neue Dimensionen erreicht und ist in seinen Konsequenzen noch nicht absehbar.“ 2
Doch ich möchte in meiner Hausarbeit nicht in die Zukunft blicken, sondern darstellen, in welcher aktuellen Situation sich die französische Presse derzeit befindet. In meiner Hausarbeit werde ich nur einen kleinen Einblick in die Entwicklungstendenzen der wichtigsten Zeitungen und Zeitschriftengeben können. Verschiedene Daten und Hintergründe und auch Vergleiche zu Deutschlands Presse sollen das Ganze abrunden.
2. Entwicklungstendenzen der Presse
Die Krise der französischen Presse schwelt im Grunde seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und spitzt sich seitdem immer wieder periodisch zu: Beim großen Zeitungssterben zu Beginn der 50-er Jahre, während des Fernsehbooms der 70-er und schließlich erneut in den 90-ern. Traditionsreiche Zeitungen und Zeitschriften mussten in diesen Jahren ihr Erscheinen einstellen, während andere neue wie Pilze aus dem Boden schossen. Die einen überlebten nur kurze Zeit, anderen gelang es, sich zu
1 Zum Beispiel das Internet.
2 Vgl. Große/ Lüger, Seite 245
1
etablieren. Gleichzeitig ändern sich die Eigentumsverhältnisse immer rascher. Diese letzte tiefgreifende Krise der nationalen Presselandschaft ist noch nicht überwunden.
Große und Lüger zitieren in ihrem Buch „Frankreich verstehen“ zwei andere Autoren 3 , die sich ebenfalls mit der Lage der französischen Presse auseinandergesetzt haben. Sie beurteilen diese je nach Perspektive aber höchst unterschiedlich:
1. „Frankreichs gegenwärtige Presse macht insgesamt nicht den Eindruck, als ob sie finanz- und staatsunabhängig sowie in ihrer freien Meinungsbildung eingeschränkt sei. Dafür sorgt allein schon die politische Streuung von den kommunistischen bis zu den gaullistischen Blättern, welche sich gegenseitig äußerst scharf überwachen und mit großem Eifer alle Missstände ans Licht der Öffentlichkeit ziehen.“ 2. „Die französische Presse befindet sich in einer so bewegten und schwierigen Phase, dass es üblich geworden ist, von einer Krisensituation zu sprechen. In der Tat hat dieser Sektor eine tief greifende und abwechslungsreiche Entwicklung durchgemacht. Dies betrifft vor allem die Modernisierung ihrer Strukturen, die jetzt umso härter erscheint, als sie hinausgezögert wurde...“
Nach der Lektüre diverser Literatur, möchte ich mich letzterer Meinung anschließen, vor allem was die Tagespresse betrifft. Um das darzustellen, werde ich mich nicht auf eine bloße Bestandsaufnahme und die Darstellung aktueller Nachrichtenorgane beschränken. Ich werde auch Bezug nehmen auf eine Reihe ökonomischer Faktoren wie Auflagenentwicklung, Konzentrationsgrad, Werbeaufkommen und deren Einfluss auf Tendenzen inhaltlicher Ausrichtung. Hinzu kommen relativierende Vergleiche mit früheren Entwicklungsstadien und mit Daten zur deutschen Presse.
2.1 Sinkende Auflagen bei der französischen Tagespresse
Der Zuwachs der französischen Zeitschriften, auf die im nachfolgenden Punkt genauer eingegangen werden soll, geht weitgehend zu Lasten der Tagespresse. Vor allem nach
3
Vgl. Große/ Lüger, Seite 245
2
1968, wo noch eine Gesamtauflage von rund 13 Millionen Exemplaren erreicht wurde, nahmen die Zahlen kontinuierlich ab. Eine gegenläufige Tendenz lässt sich für Deutschland ausmachen. Seit den Anfängen der Lizenzpresse wird ein stetiges Auflagenwachstum registriert. Im Anschluss an die Einigung ergab sich zunächst eine Rekordauflage von insgesamt rund 27 Millionen. Im Laufe der Zeit hat es sich allerdings auf einem Niveau von ungefähr 25 Millionen Exemplaren eingependelt. Eine Sättigung des Zeitungsmarktes dürfte auch hier allemal erreicht sein.
Als Erklärung für die unterschiedliche Entwicklung dieses Marktes in Frankreich und Deutschland führen Große und Lüger darauf zurück, dass sich die bundesdeutschen Tageszeitungen durch frühzeitige Modernisierungen im Herstellungsbereich gegenüber dem Konkurrenzdruck anderer Medien, speziell der Zeitschriften und des Fernsehens, bislang besser behaupten konnten. 4 Dabei darf man allerdings nicht außer Acht lassen, dass die absoluten Auflagenzahlen sowohl der Zeitungen als auch der Presse insgesamt in der Grande Nation wesentlich niedriger sind, als in der Bundesrepublik. Das heißt, die hier aufgeführten Druckmedien finden generell ein geringeres Käuferpotenzial.
Dann kommt noch hinzu, dass die Franzosen lausige Zeitungsleser sind. Nicht einmal jeder fünfte Franzose über 15 Jahren liest noch regelmäßig eines der „Quotidiens nationaux“. Mehr noch: Von den 14- bis 34-Jährigen soll jeder Dritte noch nie eine Zeitung oder Zeitschrift gekauft haben. 5 Die Krisenserien haben Frankreich im internationalen Vergleich immer weiter zurückgeworfen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat das Land die weltweit größte Dichte an Zeitungslesern aufgewiesen. Auf der Weltrangliste des Gazettenkonsums dümpeln sie heute so auf Platz 28 herum, weit abgeschlagen hinter Ländern wie Norwegen, Japan oder der Schweiz. 6 Von den
4
Vgl. Große/ Lüger, Seite 252
5 Durch die Verkabelung, die Multimedialisierung, die verstärkte Nutzung des Satellitenfernsehens und
den Ausbau privater Programmangebote kann sich diese Tendenz noch wesentlich verschärfen.
Meinungsforscher haben auch herausgefunden, dass die Menschen in Frankreich der Presse weniger
Glauben schenken als dem Fernsehen.
6 Siehe Tabelle auf nächster Seite zur Leserdichte.
3
203 Tageszeitungen, die es in Frankreich 1946 gegeben hat, sind gerade noch 70 übrig 7 , deren verkaufte Auflage („diffusion“) ebenso kontinuierlich schrumpft wie deren Gesamtauflage („tirage“). Fast entschuldigend pflegen französische Journalisten in Diskussionen zu sagen: „Dafür sind wir bei den Nachrichtenmagazinen ganz vorn.“
Zum Vergleich: Großbritannien 443 321
Quelle: Große/Lüger, Seite 254
Eine Tatsache, die für die französischen Tageszeitungen ebenfalls negativ ins Gewicht fällt, ist der schwankende Kundenkreis. Denn der größte Teil der Zeitungen wird an Kiosken verkauft. Daher resultiert auch die aufwendigere Gestaltung der Titelblätter. Der Rest, nicht einmal 20 Prozent der Tagesauflage, wird über Abonnements verkauft. In Deutschland ist es dagegen umgekehrt. Hier dominiert eindeutig die Abonnementzeitung, und etwa 30 Prozent der Auflage werden über den Straßenverkauf abgesetzt. Wobei die Tendenz steigend ist. In Paris ist die rückläufige Auflagenentwicklung wesentlich deutlicher zu spüren als in der Provinz. „Lag zu Beginn des Jahrhunderts die Auflage der in Paris gedruckten Presse noch um einiges höher als die der regional erscheinenden, so glich sich das Verhältnis bereits in den 30er Jahren aus. Heute macht die Provinzpresse mit etwa gleich bleibender Auflagenhöhe
7 Von den 70 übrig gebliebenen Tageszeitungen sind jedoch nur noch acht nationale Blätter. Ein Grund
dafür ist das Wegsterben der Leser.
4
mehr als zwei Drittel der Gesamtauflage der französischen Tageszeitungen aus, der Anteil der Hauptstadtpresse sinkt dagegen weiter, wenn auch in abgeschwächter Form.“ 8 Die folgende Tabelle zeigt die Auflagenhöhe der größten Tageszeitungen 9 in Frankreich und Deutschland.
1. Ouest-France 783 1. Bild 4446 2. Le Monde 399 2. Westdeutsche Allgemeine*** 1140 3. L’Equipe* 393 3. Rheinische Post 440 4. Le Parisien** 365 4. Freie Presse 435 5. Le Figaro 363 5. Kölner Stadtanzeiger 426 6. Sud Ouest 345 6. Süddeutsche Zeitung 424 7. La Voix du Nord 331 7. Frankfurter Allgemeine 417 8. Nice-Matin 276 8. Mitteldeutsche Zeitung 383 9. Le Progrès 268 9. Sächsische Zeitung 373 10. Le Dauphiné libéré 266 10. Augsburger Allgemeine 369
* Sportzeitung ** ohne Aujourd’hui *** alle Titel
Quelle: www.ojd.com, 1999
Absoluter Spitzenreiter mit einer Auflage von knapp 800 000 Exemplaren ist die Regionalzeitung Ouest France 10 , die selbst die nationalen Tageszeitungen übertrifft. Großer Beliebtheit erfreut sich auch die täglich erscheinende Sportzeitung L’Equipe. Es verzeichnet die stärksten Zuwachsraten überhaupt. In den 80-er Jahren stieg die Auflage um 46 Prozent und lag 1999 bei fast 400 000 Exemplaren. Und so sportbegeistert französische Zeitungsleser auch sind, so wenig ausgeprägt ist ihre Vorliebe für Klatsch. Zwar kommt Le Parisien auf eine höhere Auflage als Le Figaro, aber im Unterschied zu England und Deutschland existiert ist Frankreich weder eine starke noch eine aggressive
8 Vgl. Große/ Lüger, Seite 253
9 Die nationale französische Tagespresse umfasst mehr als 70 Titel. Trotz der Bezeichnung „national“
werden sie in Paris gemacht und berichten zum größten Teil auch über Paris. Die Themen aus den
Regionen spielen eine zweitrangige Rolle.
10 Die in Rennes herausgegebene Zeitung steht für die Normandie und die Bretagne unangefochten an der
Spitze.
5
Arbeit zitieren:
Susanne Richter, 2003, Die aktuelle Situation der französischen Presse (Stand 2003), München, GRIN Verlag GmbH
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