Johannes Reimann 14.10.2002
Hausarbeit:
Sommersemester: 2002
Veranstaltung: Soziologie Sozialer Ungleichheit
Thema:
Die Reproduktion Sozialer Ungleichheit im und durch das deutsche Bildungs- und Schulsystem.
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Inhalt:
Seite:
1. Einleitung 3
2. Soziale Ungleichheit im Bildungssystem 4
2.1. Die Bedeutung formaler Bildungsabschlüsse 5
2.2. Chancengleichheit im Bildungssystem 6
2.3. Soziale Ungleichheit trotz Bildungsexpansion 8
2.4. Soziale Ungleichheit durch Habitus und
Lebensstil 10
3. Perspektiven eines sozial integrierenden
Schul- und Bildungssystems 12
3.1. Ökonomische Benachteiligung 13
3.2. Benachteiligung durch das dreigliedrige
Bildungssystem 14
3.3. Soziokulturell bedingte Benachteiligungen 15
4. Abschließende Stellungnahme 17
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1. Einleitung
Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit sind in modernen, demokratischen Gesellschaften wie der Bundesrepublik Deutschland allgemein akzeptierte Werte. Eine realistische Betrachtung der tatsächlichen Gegebenheiten zeigt aber recht deutlich, dass das deutsche Bildungssystem, als Verteilungsinstanz formaler Bildungsabschlüsse, noch weit von seinem Anspruch auf Chancengleichheit entfernt ist. Da aber Erfolg im Bildungssystem und das Erlangen formaler Bildungsabschlüsse direkte Auswirkungen auf den sozialen Status der Individuen haben, bedeutet eine ungleiche Verteilung von Bildungschancen eine Reproduktion sozialer Ungleichheit.
Der Schule als gesamtgesellschaftliche Institution, die vor der Aufgabe steht verschiedenste soziokulturelle Gruppen zu integrieren und durch ihre Beurteilungsgsfunktion wiederum nach Bildungserfolg zu separieren und somit soziale Ungleichheit zu produzieren, steht daher eine besonders in der Verantwortung, sich mit der Problematik der Chancenungleichheit verschiedener sozialer Schichten, beziehungsweise soziokultureller Milieus
auseinanderzusetzen. Es scheint jedoch, dass die Schule nicht nur indirekt mit dem Problem der sozialen Benachteiligung einiger Schülergruppen konfrontiert wird, sondern durch ihre generelle Konzeption und durch im Unterricht tagtäglich auftretende kulturell bedingte Missverständnisse und Benachteiligungen seitens des Lehrpersonals, aktiv an der Reproduktion sozialer Ungleichheit beteiligt ist und damit die Chancenungleichheit verschiedener sozialer Gruppierungen produziert.
Ich werde mich im Folgenden mit dem Begriff der Chancengleichheit und der damit verbundenen Problematik auseinandersetzen und die Strukturen der sozialen Ungleichheit im deutschen Bildungssystem darstellen. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse werde ich Perspektiven eines sozial integrierenden, also die Problematik der
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Chancenungleichheit erkennden und bekämpfenden Bildungssystems darstellen, das aktiv die Reproduktion sozialer Ungleichheit zu verringern versucht. Aus dieser Konzeption heraus ergeben sich Forderungen an verschiedene Handlungsträger des Bildungswesens. So wird sowohl die Politik angesprochen, strukturelle Rahmenbedingungen zu schaffen die dem Abbau
herkunftsspezifischer Bildungschancenungleichheit dienen, als auch die Bildungsinstitutionen selber und deren Vertreter, das Lehrpersonal, das gefordert ist im täglichen Unterricht sich der Problematik der Reproduktion sozialer Ungleichheit bewusst zu machen, das eigene Handeln unter diesem Gesichtspunkt zu reflektieren und Maßnahmen zu treffen um Chancenungleichheit abzubauen.
2. soziale Ungleichheit im deutschen Bildungssystem
In modernen Gesellschaften nimmt die Bildung, vor allem in Form von formalen Bildungsabschlüssen, aber auch als Allgemeinbildung oder Humankapital, einen immer größer werdenden Stellenwert ein. Vor allem in Bezug auf Strukturen sozialer Ungleichheit ist Bildung eine Determinante von weitreichender Bedeutung. Bildung selbst dient als Indikator sozialer Differenzierung und darüber hinaus ist sie „zur wichtigsten Grundlage für den materiellen Wohlstand moderner Gesellschaften geworden“ (Hradil, 1999, S. 145). Mitte der 60er Jahre wurde das deutsche Bildungssystem reformiert in der Hoffnung, mehr soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit zu erzeugen. Die Hochschulen wurden ausgebaut, der Zugang zum sekundären Bildungssystem vereinfacht und das dreigliedrige Schulsystem, mit Haupt-, Realschule und Gymnasium eingeführt. Diese Veränderungen, bekannt als Bildungsreform hatten weitreichende Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben.
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Dennoch musste die aktuelle Sozialstrukturanalyse inzwischen feststellen, dass die, durch die Bildungsreform ausgelöste Bildungsexpansion nicht, wie erwartet, zu mehr Chancengleichheit und einer Öffnung des Bildungssystems für sozial unterprivilegierten Schichten geführt hat. Überdies hinaus hat sie sogar gegenteilige Effekte produziert.
2.1. Die Bedeutung formaler Bildungsabschlüsse
In modernen Gesellschaften, mit immer komplexer werdenden technischen, gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen gewinnen Bildung und formale Bildungsabschlüsse immer mehr an Bedeutung. Bereits in den 50er Jahren stellte der Soziologe Shelsky fest, die Schule sei zur „ersten und damit entscheidenden, zentralen sozialen Dirigierungsstelle für die zukünftige soziale Sicherheit, für den zukünftigen sozialen Rang und für das Ausmaß zukünftiger Konsummöglichkeiten“ (Shelsky, 1957, S. 17) geworden. Seit der sogenannten Bildungsexpansion der 60er Jahre ist in Deutschland ein Effekt zu beobachten, der häufig als „Aufwertungseffekt“ (Geißler, 1995, S. 258) formaler
Bildungsabschlüsse bezeichnet wird. Mittlere und höhere Bildungsabschlüsse werden „immer wichtiger für den Einstieg in viele Berufslaufbahnen (...). Wo früher niedrige Schulabschlüsse genügten, werden heute mittlere oder höhere gefordert“ (ebd.). Aber gleichzeitig mit dieser Aufwertung formaler
Bildungsabschlüsse ist auch der gegenteilige Effekt, eine „Entwertung“ (ebd.) derselben zu beobachten. Entwertung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass „mit einem Bildungszertifikat des selben Niveaus (...) nur noch Berufspositionen mit durchschnittlich weniger Statuschancen (Einkommen, Einfluß, Arbeitsqualität, Prestige u. ä.) erworben werden“ (ebd.) können. Rainer Geißler spricht in diesem Zusammenhang von einem „Paradox der
Arbeit zitieren:
Johannes Reimann, 2002, Die Reproduktion sozialer Ungleichheit im und durch das deutsche Bildungs- und Schulsystem, München, GRIN Verlag GmbH
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