UNIVERSITÄT PADERBORN
FAKULTÄT FÜR KULTURWISSENSCHAFTEN
INSTITUT FÜR GERMANISTIK UND VERGLEICHENDE
LITERATURWISSENSCHAFT
Wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des akademischen Grades eines
Magister Artium (M.A.)
,INSHA' ALLAH` -
DIE FIGUR DES ISLAMISTISCHEN GOTTESKRIEGERS
ALS NEUES MOTIV IN DER EUROPÄISCHEN
LITERATUR
EINGEREICHT VON:
Simone Elbrecht
Paderborn 2008
FACH:
NEUERE DEUTSCHE LITERATURWISSENSCHAFT
Inhalt
1 Einleitung...3
2 Entwicklung und Bedeutung des islamistischen Gotteskriegers ...8
2.1 Der Islam als Kontrastprinzip zum Westen...8
2.2 Die Assassinen von Boten der Treue zu Boten des Todes...18
2.3 Die iranische Revolution, die Hisbollah und der Märtyrer...28
2.4 Die Muslimbruderschaft und die Pflicht zum Dschihad...37
3 Christoph Peters: Ein Zimmer im Haus des Krieges...50
3.1 Zum Autor Christoph Peters...50
3.2 Aufbau und Inhalt des Romans: Ein Zimmer im Haus des Krieges...51
3.3 Jochen Abdallah Sawatzky: Der Kampf wird zum Ziel...52
3.4 Historische und gesellschaftliche Bezüge: Das Ägypten der 90er Jahre...61
3.5 Die mythologische Figur Osama bin Laden...66
3.6 Zusammenfassung: Islam versus Inhaltsleere westlicher Gesellschaften...69
4 Lutz Hübner: Gotteskrieger...75
4.1 Zum Autor Lutz Hübner...75
4.2 Aufbau und Inhalt des Dramas: Gotteskrieger...75
4.3 Zac: Weltbild eines islamistischen Gotteskriegers...76
4.4 Zusammenfassung: Der narzisstische Jahiid...81
5 Yasmina Khadra: Die Attentäterin...84
5.1 Zur Autorin Yasmina Khadra...84
5.2 Aufbau und Inhalt des Romans: Die Attentäterin...86
5.3 Dr. Amin Jaafari: Der Ehemann auf der Suche nach Motiven und Drahtziehern...88
5.4 Sihem: Eine ungewöhnliche Selbstmordattentäterin...95
5.5 Zusammenfassung: Das Selbstmordattentat als Teil der palästinensischen Kultur...97
6 Resümee...100
7 Literaturverzeichnis...107
3
1
Einleitung
Mit den Ereignissen vom 11. September 2001 in New York trat eine neue Dimension der
Opferbereitschaft in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Die 19 Attentäter in den Flug-
zeugen planten und vollzogen letztendlich ihre Mission mit der absoluten Gewissheit, sie
nicht mehr zu überleben. Es existierte kein Plan zur Flucht oder zur Rettung durch weitere
Kombattanten, denn die Opferung ihres eigenen Lebens war ein fixer und notwendiger Be-
standteil des Terroranschlags. Nach den Attentaten folgten stigmatisierende und stereotype
Deutungen, vor allem verbreitet durch die Medien, die die Attentäter als irre Fanatiker,
Psychopathen, indoktrinierte und gehirngewaschene Wahnsinnige darstellten. Gerade die
verheerenden Folgen, allen voran die Zahl der Opfer, die bei den Anschlägen in den
Flugzeugen, den Gebäuden und der Umgebung des WTC ihren Tod fanden, ließen zunächst
keine andere Schlussfolgerung über die Gesinnung der Täter zu.
Doch nachdem sich der erste Schock über ein Ereignis, das keinen historischen Vergleich
kennt, gelegt hatte, verwirrte nicht nur die Erkenntnis, dass es sich bei den Anschlägen gerade
nicht um blinden Aktivismus, sondern um eine wohlüberlegte und präzise durchgeplante
Operation gehandelt hatte. Für noch mehr Unbehagen sorgte die Tatsache, dass die Attentäter
keine ungebildeten, perspektivlosen Männer waren, die in ihren Heimatländern im Nahen
Osten der untersten sozialen Schicht angehörten und außer ihrem Leben nichts mehr zu
verlieren hatten. Ganz im Gegenteil waren es intelligente junge Männer, die z. T. aus reichen
arabischen Familien stammten, in westlichen Ländern ein technisches Studium absolvierten
und, zumindest oberflächlich, in das westliche Leben integriert zu sein schienen.
Dass die Täter gläubige Muslime waren und der islamistischen Terrororganisation al-Qaida
angehörten, ließ zwar einerseits durch vorschnelle Vorurteile die arabischen Länder als neues
,altes` Feindbild des Westens auferstehen, andererseits entfachte dieser Umstand aber auch
ein reges Interesse an der arabischen Welt, seiner Kultur, seinen Werten und vor allem an sei-
ner Religion.
Neben der Aktualität der Ereignisse weist der Terrorismus als literarischer Stoff eine gewisse
Attraktivität auf:
Die massive Konzentration radikaler Normbrüche im Ausnahmezustand, die paradoxale Verbin-
dung von Verbrechen und Idealismus und der tragische Widerstreit von Individuum und Gesell-
schaft etwa haben als literarische Themen große Tradition und versprechen gesellschaftliche Bri-
4
sanz, Konfliktreichtum und Spannung sowie ein immenses Potential an - negativen wie positiven
Helden.
1
Als beliebte Nebenhandlung lassen sich Beschreibungen von Terroristen und terroristischen
Anschlägen in zahlreichen Krimis finden, zum literarischen Leitmotiv hingegen wird der Ter-
rorismus aber erst dann, wenn er in der Gesellschaft seinen aktuellen Einsatz hat oder hatte.
2
Die Ereignisse des 11. September und nachfolgende Anschläge in London und Madrid ließen
den islamistischen Terrorismus als aktuelle und neue Bedrohung des Westens zu Tage treten
und rückten ihn in das öffentliche Bewusstsein. Wie der theoretische Teil über die Entwick-
lung des islamistischen Terroristen im 2. Kapitel zeigen wird, handelt es sich nicht um ein
Phänomen, das erst im Jahr 2001 zum ersten Mal auftauchte. Terroristische Anschläge, eben-
so wie Selbstmordattentate, die nicht mehr durch ethnisch-nationalistische oder
sozialrevolutionäre Motive begründet wurden, sondern eine Erweiterung durch den religiösen
Rückbezug auf den Islam erfuhren, existieren in den Ländern des Nahen Ostens seit den
frühen 80er Jahren. Doch erst die Symbolkraft der zusammenstürzenden Türme des World
Trade Centers führte uns den islamistischen Terrorismus vor Augen und attackierte nicht nur
das Leben an sich, sondern auch die in der westlichen Welt vorherrschende Geisteshaltung:
Ein System wie das unsere, das auf der selbstverständlich geglaubten Rationalität des Eigeninter-
esses beruht, bleibt nur so lange unangreifbar, wie niemand diese Rationalität in Frage stellt.
3
Und eben diese Rationalität greift der islamistische Gotteskrieger an, der nicht nur andere
töten, sondern auch selber sterben will; der fast unaufhaltsam und unangreifbar wird, denn er
ist mit seiner Opferbereitschaft bis zum letzten Ende, der Macht des Staates mit seinem
Tötungsmonopol zuvorgekommen und entzieht sich somit jeder Form der Bedrohung und Ab-
schreckung.
Die Betrachtung des Phänomens des islamistischen Attentäters in dieser Arbeit wirft aller-
dings zweierlei Probleme auf: Erstens findet der Blick auf den religiös-motivierten Attentäter
in der gewählten Literatur aus Sicht des säkularisierten Westens statt. Die Autoren versuchen,
aus einer rationalen und auf das vernunftgesteuerte Individuum gerichteten Sichtweise, das
1 Thomas Hoeps: Arbeit am Widerspruch. ,Terrorismus` in deutschen Romanen und Erzählungen (1837-1992).
Dresden: Thelem bei w.e.b. 2001. S. 11.
2 Hoeps bezeichnet die Jahre zwischen 1970 und 1992 als ,Blütezeit` des Terrorismus als literarisches Thema
in der deutschen Literatur infolge der realen und gegenwärtigen Bedrohung durch die RAF, die mit der
Studentenrevolte 1968 begann. Vgl. ebd., S. 21.
3 Christoph Reuter: Mein Leben ist eine Waffe. Selbstmordattentäter - Psychogramm eines Phänomens.
München: C. Bertelsmann 2002. S. 364.
5
Phänomen des Märtyrers zu erklären, der bereit ist, sein Leben für Volk und Glauben zu
opfern. Denn
als der moderne Mensch aufhörte, der Religion die erste Rangstelle im Gesamt seiner persönlichen
Angelegenheiten zuzuweisen, hörte er auch auf zu glauben, andere Menschen zu anderen Zeiten
hätten Religion jemals so wichtig genommen.
4
Die zweite Schwierigkeit ist die immer noch vorherrschende Stigmatisierung der Täter, denen
jegliche Normalität abgesprochen wird. Die Suche nach ihren Motiven birgt die Gefahr,
Erklärungsansätze zu liefern, die ihre menschenverachtende Tat zwar nicht rechtfertigen,
jedoch versuchen, sie geistig nachvollziehbar zu machen und Gründe und Ursachen für ihr
Handeln aufzuzeigen.
Die Erweiterung des Verständnisses infolge der Darstellung von kulturellen, gesellschaftli-
chen, historischen und politischen Massenphänomenen auf lokaler, regionaler und globaler
Ebene zusammen mit der individuellen Motivation des Attentäters läuft Gefahr, als erster
Schritt zur Legitimation der Gewalt wahrgenommen zu werden. Denn gerade der islamisti-
sche Terrorismus polarisiert unsere Gesellschaft und führt zu derselben Schwarz-Weiß-Male-
rei, die wir an Islamisten verurteilen.
Die amerikanische Paranoia nach dem 11. September zeigt, wie leicht Menschen in paranoide Ge-
walttätigkeiten hineinrutschen können - so wie amerikanische Bürger anschließend Muslime und
arabisch aussehende Menschen als Zielscheibe ihrer Vergeltung ins Visier genommen haben.
5
Das Handeln der islamistischen Terroristen ist in unserem Verständnis so irrational, ,,dass
unser Verstand fast instinktiv Zuflucht sucht in der Vorstellung vorausgegangener brachialster
Gehirnwäsche."
6
Dabei werden einerseits die gesamten islamischen Länder als akute Gefahr
gesehen, die den Westen mit fanatischen und irren Attentätern ihrer Herrschaft unterwerfen
wollen; andererseits als Kultur der Steinzeit mit einer Verherrlichung der Vergangenheit, die
die Frauen entrechtet und verschleiert, Dieben die Hände abschlägt, Vergewaltigungsopfer
steinigt und an 72 Jungfrauen im Paradies glaubt. Doch der Großteil der Muslime besteht we-
der aus Fundamentalisten, noch aus Terroristen, und sie wünschen sich ebenso wie wir eine
freie und friedliche Welt: In den Ländern des Nahen Ostens
4 Bernhard Lewis: Die Assassinen. Zur Tradition des religiösen Mordes im radikalen Islam. Frankfurt am
Main: Eichborn 2001. S. 185.
5 Jerry S. Piven: Terrorismus als Religionsersatz. In: Der 11. September. Psychoanalytische, psychosoziale und
psychohistorische Analysen von Terror und Trauma. Hg. v. Thomas Auchter, Christian Büttner u.a. Gießen:
Psychosozial-Verlag: 2003. S. 184-218. S. 211-212.
6 Reuter: Mein Leben ist eine Waffe, S. 13.
6
leben Menschen, die unsere Wertvorstellungen teilen, mit uns sympathisieren und gern das gleiche
Leben wie wir führen würden. Sie erkennen, was Freiheit heißt, und möchten sich auch in ihrer
Heimat an ihr erfreuen.
7
Diese Arbeit soll zum einen Hintergründe über den islamistischen Attentäter liefern, um
seiner Stigmatisierung und Stereotypisierung entgegen zu wirken, ungeachtet der zweifelsoh-
ne zu verurteilenden brutalen und inhumanen Taten durch die Terroristen. Dennoch stellt sich
die Frage, wie es möglich ist, dass es gerade zum Ende des 20. Jahrhunderts zu dieser
Verherrlichung der Vergangenheit [kommt], die in allen islamistischen Gruppen zu Hause ist:
wenn es darum geht, dass nur die Scharia, das islamische Recht, zu befolgen und der koranischen
Offenbarung buchstabengetreu nachzuleben sei? Dann werde die islamische Weltmacht wieder
auferstehen und mit ihr eine gerechte Führung.
8
Zum anderen soll diese Arbeit zeigen, aus welchem Blickwinkel die drei gewählten Autoren
die Thematik beleuchten und welche Absichten sie mit ihren Werken verfolgen. Denn im Sin-
ne Andreottis sind ,fiktionale Wirklichkeit` und ,Wirklichkeit des realen Lebens` zwar nicht
gleichzusetzen, doch in jedem Fall beeinflussen sie sich wechselseitig: Die
Entstehung [von Dichtung] ist stets von gesellschaftlichen und kultur- oder geistesgeschichtlichen
Bedingungen abhängig, auch wenn der Autor dadurch nicht einfach wie etwa in der marxisti-
schen Literaturauffassung zum bloßen Sprachrohr gesellschaftlich bedingter Gegebenheiten wer-
den muss. Aus der einen Erkenntnis, dass gesellschaftliche Bedingungen und Dichtung miteinan-
der in einem Wechselverhältnis stehen, ergibt sich die andere, dass die gleiche Dichtung weitge-
hend von diesen gesellschaftlichen Bedingungen her verstanden werden muss. Das gilt nun auch
für die moderne Literatur: Ihre Wechselbeziehung zum gesellschaftlichen und kulturgeschichtli-
chen Kontext äußert sich sehr deutlich.
9
Der Titel verweist auf aktuelle Erklärungsversuche des Märtyrer-Phänomens, die in der
Folgezeit des 11. September in der Literatur zu finden sind. Das Attribut ,islamistisch` bezieht
sich auf die Anhänger radikaler Widerstandsbewegungen, die sich auf den islamischen Glau-
ben beziehen, aber von der Gesamtheit der Muslime klar abzugrenzen sind.
Der Begriff ,Gotteskrieger` grenzt die terroristisch agierenden Täterkreise von anderen sozial-
revolutionär oder ethnisch-nationalistisch orientierten Gruppen ab, während Insha' Allah, für
ihre Bereitschaft steht, bis zum eigenen Tod zu kämpfen - ,so Gott will`.
7 Bernhard Lewis: Die Wut der arabischen Welt. Warum der jahrhundertelange Konflikt zwischen dem Islam
und dem Westen weiter eskaliert. Frankfurt am Main: Campus 2003. S. 174.
8 Reuter: Mein Leben ist eine Waffe, S. 34.
9 Mario Andreotti: Die Struktur der modernen Literatur. 2. überarb. Auflage. Bern: Haupt 1990. (UTB Bd.
1127). S. 63.
7
Im Mittelpunkt der Arbeit stehen der deutsche Roman von Christoph Peters: Ein Zimmer im
Haus des Krieges, das deutsche Drama von Lutz Hübner: Gotteskrieger und der in Frankreich
erschienene Roman von Yasmina Khadra: Die Attentäterin.
Alle drei Autoren wählen den islamistischen Attentäter als Romanfigur, um so hinter die Be-
weggründe zu gelangen, die einen Menschen dazu führen, sein Leben als Waffe einzusetzen.
In erster Linie soll sich die Arbeit damit befassen, wie der Terrorismus gesehen und beschrie-
ben wird: Welche möglichen Motivationen werden für den Schritt in den bewaffneten Kampf
skizziert? Welche Rolle spielen der Islam und sein Paradiesversprechen? Welche Verbindung
besteht in arabischen Ländern zwischen der islamischen Religion und der Politik? Welche
Rolle spielt die herrschende Gesellschaftsordnung? Wie ist das Verhältnis von Fiktion und
Wirklichkeit und welche Wirkungen können erzielt werden? Bietet die literarische Verarbei-
tung Lösungsvorschläge?
Das zweite Kapitel soll in die Entwicklung und Bedeutung des islamistischen Gotteskriegers
einführen und ein theoretisches Gerüst für die Literatur bilden. Zunächst soll die Entstehung
des Islam, die innere Verkettung von Religion und Politik aufzeigen, die bis heute alle
arabischen Länder beeinflusst. Anhand der Assassinen wird die Weiterentwicklung des ver-
einzelten politischen Mordes als taktischer Zug in eine langfristige Strategie einer Minderheit
dargelegt. Das Unterkapitel über die Iranische Revolution beschäftigt sich mit der aktuellen
Welle der Re-Islamisierung in der arabischen Welt und mit dem beginnenden Einsatz des
Menschen als Waffe, dem Märtyrer. Das Konzept des modernen Selbstmordattentäters wird
anhand der Hisbollah veranschaulicht. Abschließend soll der Aufstieg der Muslimbruder-
schaft zum Vorbild aller modernen islamistischen Widerstandsbewegungen skizziert werden.
In den folgenden drei Kapiteln soll die ausgewählte Literatur analysiert werden, beginnend
mit einer Übersicht über Autor, Inhalt und Aufbau. Dann folgt die Darstellung der Figuren,
die als islamistische Gotteskrieger agieren, wie dies bei Peters und Hübner der Fall ist, oder
die durch einen Märtyrer im familiären Umfeld unter den Folgen leiden und sich auf die Su-
che nach Motiven begeben. Die historischen und aktuellen Umstände, psychoanalytische An-
sätze und gesellschaftliche Hintergründe sollen das Bild vervollständigen, das in einem ab-
schließenden Resümee bewertet wird.
8
2
Entwicklung und Bedeutung des islamistischen Gotteskriegers
2.1
Der Islam als Kontrastprinzip zum Westen
Der Islam ist mit seinem Ursprung im 7. Jahrhundert neben dem Judaismus und dem Chris-
tentum die jüngste der drei Weltreligionen. Er dehnt sich räumlich aus zwischen Marokko und
Indonesien, Kasachstan und Senegal und umfasst heutzutage mehr als 1,3 Milliarden Anhän-
ger. Ebenso wie die jüdische und christliche ,,Buchreligion"
10
, beruft sich der Islam auf Abra-
ham als Stammvater, den Monotheismus und dieselbe religiöse Tradition. Seine Glaubensan-
hänger teilen mit den Juden die Vorstellung, dass das Gesetz Gottes nahezu alle Punkte des
menschlichen Lebens bestimmt und selbst den Alltag eines Gläubigen in Bezug auf Ess- und
Trinkgewohnheiten regelt.
11
Gemeinsam mit den Christen, abgegrenzt von den jüdischen, hin-
duistischen, buddhistischen und konfuzianistischen Anhängern, sind die Muslime davon über-
zeugt, ,,dass sie allein die auserkorenen Empfänger und Hüter der letztgültigen, göttlichen Of-
fenbarung an die Menschheit sind"
12
Der Koran basiert auf dem Nachlass der jüdischen Offen-
barung und auf philosophischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen der griechischen Anti-
ke.
13
Doch schon in den ersten Jahrzehnten der Entstehung und Verbreitung des Islam durch
den Propheten Mohammed sind Unterschiede zum christlichen Europa in seiner Geisteshal-
tung in Bezug auf die Relationen zwischen Staat, Religion und Gesellschaft zu erkennen, die
sich im Laufe der Zeit immer weiter manifestierten und schließlich zu seinem kontrastieren-
den Wesen zum Westen beitrugen.
14
Mohammed Ibn Abdullah wurde um 570 n. Chr. in bescheidenen Verhältnissen im polytheisti-
schen Wallfahrtsort Mekka geboren.
15
Er betätigte sich zunächst als Kaufmann, bis ihm im
Alter von 40 Jahren in einer Vision der Engel Gabriel erschien, der ihm die göttlichen Verse
des Korans offenbarte. Der Engel besuchte Mohammed in seinen Träumen fortan bis zu sei-
nem Tod und trug ihm auf, die Offenbarung in der Welt zu verbreiten.
16
Doch in seinem Ge-
burtsort Mekka fand die verkündete, sich radikal vom Polytheismus abgrenzende, Lehre des
Islam nicht viele Anhänger und Mohammed floh um 622 n. Chr. schließlich mit einer kleinen
10 Peter Conzen: Fanatismus: Psychoanalyse eines unheimlichen Phänomens. Stuttgart: Kohlhammer 2005. S.
238.
11 Vgl. Lewis: Die Wut, S. 28.
12 Ebd.
13 Vgl. ebd., S. 29.
14 Vgl. ebd., S. 27f.
15 Vgl. Dieter Bednarz u. Daniel Steinvorth: Verse für Krieg und Frieden. In: Der Spiegel 52 (2007). S. 18-35.
S. 20.
16 Vgl. Lewis: Die Wut, S. 27f.
9
Gemeinde nach Medina. Die Auswanderung aus Mekka wird als Hidschra bezeichnet und bil-
dete den Beginn der islamischen Zeitrechnung.
17
In Medina begründete Mohammed als Herr-
scher den Islam in einem ganzen Staat.
18
Er war nicht nur Stifter und Prophet des jungen
Islam, sondern nach seiner Flucht aus Mekka und der Eroberung Medinas gleichzeitig auch
Herrscher eines Landes, Befehlshaber einer Armee, entschied über Recht und Unrecht, Krieg
und Frieden.
Zunächst bestand die größte zivilisatorische Leistung der islamischen Religionsstiftung darin, dass
eine staatliche Zentralinstanz gegründet wurde, die pax islamica, die eine Integration der Beduinen
in ein Staatswesen einschloß.
19
Neben dieser Zentralinstanz ersetzte der Islam die traditionellen Stammesstrukturen und ver-
wandtschaftlichen Verbindungen durch die umma, die alle Muslime durch ihre gemeinsame
Religion verband. In dieser islamischen Gemeinschaft wurden alle Beziehungen untereinan-
der nach den Grundsätzen der göttlichen Offenbarung geregelt und sie stellte ihre Anhänger
an die Stelle eines auserwählten Volkes, die im Besitz der vollkommensten Religion waren.
20
Die Verse des Koran wurden von Mohammeds Anhängern auswendig gelernt und zunächst
mündlich tradiert, bis sein dritter Nachfolger, der Kalif Oman, um 650 die Zusammenfassung
der aufgezeichneten und überlieferten Dokumente des Propheten zu einem geschlossenen
Buch veranlasste, dessen Fassung bis heute nicht verändert wurde.
21
Mit seinen Regeln, Ermahnungen und Erkenntnissen ist er [der Koran] die ständig gegenwärtige
Richtschnur für fast ein Fünftel der Menschheit, viel umfassender und strenger als das heilige
Buch der Christen.
22
Die historischen, strukturellen Bedingungen in Arabien, mit denen in Auflösung begriffenen
Stammesgesellschaften und der wachsenden Bedrohung durch räuberische Beduinen des sich
gerade entfalteten Handels, waren reif für eine Veränderung. Dies bereitete den Boden für
Mohammed in der Person des Religionsstifters und bildete die Voraussetzung, dass er zusam-
men mit seiner kleinen Anhängerschar ein islamisches Reich mit weltweiter Geltung erschaf-
fen würde.
23
17 Vgl. Lewis: Die Wut, S. 27f.
18 Vgl. ebd., S. 55.
19 Bassam Tibi: Einleitung. Maxime Rodinson, der Islam und die westlichen Islam-Studien. In: Rodinson,
Maxime: Islam und Kapitalismus. Mit einer Einleitung von Bassam Tibi. Frankfurt am Main: Suhrkamp
1986. S. IX-L. S. XXI.
20 Vgl. ebd.
21 Vgl. Bednarz u. Steinvorth: Verse für Krieg und Frieden, S. 28.
22 Ebd., S. 21.
23 Vgl. Tibi: Maxime Rodinson. In: Rodinson: Islam und Kapitalismus, S. XIX-XXI.
10
Er führte einen ersten erfolgreichen Heiligen Krieg gegen die Machthaber in Mekka, später
gegen das Persische Reich und gegen die christlichen Regionen Syrien, Palästina, Ägypten
und Nordafrika. Im 8. Jahrhundert eroberte das immer mächtiger werdende islamische Reich
schließlich Spanien, Portugal und große Teile Süditaliens. Mohammed schien seinem Ziel, ein
weltbeherrschendes islamisches Reich zu schaffen, immer näher zu kommen.
24
Der Erfolg des
Propheten als Invasor und Herrscher, im Gegensatz zur Kreuzigung von Jesus Christus und
dem Tod Moses, noch bevor er das Gelobte Land erreichte, und die historische Entfaltung zur
Weltreligion, bestärkten die Anhänger des Islam in der Berechtigung der religiösen Autorität
als alles durchdringende Macht.
25
In der Tat schien der Islam mit seiner Verbundenheit von
Religion und Politik und dem heiligen religiösen Gesetz der Scharia, das die Durchsetzung
der Macht, die Rechtmäßigkeit der Staatsgewalt und die Beziehung zwischen Herrscher und
Untertanen regelte, als letzte entstandene Religion die vollkommenste zu sein.
26
Nach Mohammeds Tod 632 n. Chr. musste ein neuer Stellvertreter Gottes auf Erden von der
Gemeinschaft gewählt werden, um den Auftrag des Propheten, ,,Gottes Offenbarung zu ver-
breiten, bis alle Welt sie akzeptierte"
27
, zu erfüllen. Die Muslime entschieden sich für den
Schwiegervater Mohammeds, Abu Bakr, der fortan der ,,khalfa"
28
Gottes sein sollte und er-
schufen somit die Institution des Kalifats. Doch nicht alle in der Gemeinschaft waren mit dem
neuen Oberhaupt einverstanden. Eine Gruppe sah im Schwiegersohn und Vetter Mohammeds,
Ali, einen legitimeren Nachfolger und spaltete sich von der Mehrheit ab:
Diese Gruppe ist als Sch ' atu' Al , die Partei Alis, bekannt geworden, späterhin einfach als Schia
(Schiiten). Im Laufe der Zeit wurde sie zum Anlass für den bedeutsamsten religiösen Konflikt im
Islam.
29
Doch die beginnende innerpolitische Zerrissenheit der Muslime ordnete sich der unterschwel-
ligen Übereinstimmung in ihrem gemeinsamen Glauben im Kampf gegen Andersgläubige un-
ter: ,,Bereits im Zeitalter der Kreuzzüge brachte die wachsende ideologische Einheit der latei-
nischen Christen die muslimische Welt als Kontrastprinzip hervor."
30
24 Vgl. Lewis: Die Wut., S. 55f.
25 Vgl. ebd., S. 33.
26 Vgl. Conzen: Fanatismus, S. 238; Lewis: Die Wut, S. 31.
27 Lewis: Die Wut, S. 30.
28 Wird aus dem Arabischen übersetzt mit dem Wort `Stellvertreter`, vgl. ebd.
29 Bernhard Lewis: Der Untergang des Morgenlandes. Warum die islamische Welt ihre Vormacht verlor.
Bergisch Gladbach: Lübbe 2002. S. 39.
30 Monika Wohlrab-Sahr: Konversion zum Islam in Deutschland und den USA. Frankfurt am Main: Campus
1999. S. 350.
11
Der Islam dehnte sich zunächst unter der Herrschaft des Religion und Politik vereinenden Ka-
lifats immer weiter aus, gewann eine zunehmende Anhängerschaft - zum großen Teil auch
durch kriegerische Maßnahmen der Bekehrung - und wurde ein Jahrhundert später schließlich
die führende Zivilisation auf der Welt, die ihre Grenzen erst an der Schwelle zu Europa und
dem Hindukusch fand.
31
Während das ferne und fremde China sich nur auf eine einzelne
Region begrenzte, Indien sich unterwarf und islamisierte und in Europa die antiken Gesell-
schaften zerfielen und barbarische Kämpfe um den rechten Glauben stattfanden
32
, ,,zeichnete
sich [der Islam] durch große und mächtige Königreiche, eine Blüte des Gewerbes und
Handels sowie neue und kreative Leistungen in Wissenschaft und Kunst aus."
33
Auf dem Weg zur Weltherrschaft schien dem jungen islamischen Reich nach den ersten tau-
send Jahren seiner Begründung einzig das christliche Europa als ernstzunehmender Gegner
entgegen zu stehen. In der hauptsächlich in Asien und Afrika verbreiteten religiösen Vielgöt-
terei und Götzenanbetung sahen die Muslime keine große Gefahr; das Christentum hingegen
war mit dem Islam vergleichbar:
Folglich betrachteten sie die Christen als die eigentlichen Rivalen im Kampf um die Weltherr-
schaft, [...]. Christenheit und Islam sind zwei religiös geprägte Zivilisationen, die nicht wegen ih-
rer Unterschiede, sondern wegen ihrer Gemeinsamkeiten in Konflikt gerieten.
34
Doch einige Ereignisse schienen das muslimische Selbstbild als Herrscher der Welt und Euro-
pa als unterlegenen Gegner zu bestätigen: die Christen wandten sich im Bereich der Künste
und Wissenschaften hilfesuchend an islamische Gelehrte
35
; dem irakischen Machthaber
Saladin gelang im 12. Jahrhundert die Rückeroberung Jerusalems; die Kreuzzüge der Christen
endeten letztendlich in einer Niederlage
36
; weitere militärische Siege bis zur Eroberung Kon-
stantinopels 1453 und der Einmarsch vor die Tore Wiens 1529 durch die konvertierten Türken
und Tartaren. Vermutlich aus diesem Grund ignorierte die islamische Zivilisation die weiteren
Entwicklungen der Europäer
37
:
Dort [in islamischen Ländern] tendierte man immer noch dazu, die Bewohner jenseits der westli-
chen Grenzen als völlig ungebildete Barbaren zu betrachten, die sogar den kultivierten Ungläubi-
gen in Ostasien unterlegen waren.
38
31 Vgl. Lewis: Die Wut, S. 31; Conzen: Fanatismus, S. 238.
32 Vgl. Lewis: Der Untergang, S. 9-12.
33 Ders.: Die Wut, S. 28.
34 Ebd., S. 63.
35 Vgl. Ders.: Der Untergang, S. 12f.
36 Vgl. Ders.: Die Wut, S. 69-71.
37 Vgl. ebd., S. 56.; Ders.: Der Untergang, S. 13f.
38 Ders.: Der Untergang, S. 14.
12
Doch die zweite geplante Einnahme Wiens 1683 endete in einer katastrophalen Niederlage für
das Morgenland und die neu entstandene Allianz zwischen Österreich, Venedig, Polen, der
Toskana, Malta und Russland sorgte für weitere herbe Verluste und Gebietsabtretungen an die
christlichen Länder. Das veränderte Gleichgewicht zwischen dem Westen und dem islami-
schen Reich lieferte für letztere den Anstoß, sich mit dem Rätsel um die Ursachen des westli-
chen Erfolgs auseinanderzusetzen und das eigene Selbstbild neu zu überdenken.
39
Zwei dua-
listische Denkansätze kamen auf, die einerseits die Abkehr vom traditionellen islamischen
Glauben für den Rückschlag verantwortlich machten, andererseits eine Übernahme zu moder-
nen westlichen Entwicklungen in Militär, Wirtschaft und Politik forderten, um den Anschluss
nicht zu verlieren.
40
Im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts wurden - natürlich religiös und
juristisch abgesichert durch die Ulema, die Gelehrten des islamischen Rechts - Neuerungen in
den drei letztgenannten Bereichen eingeführt.
41
Die Armee wurde mit westlichen Waffen auf-
gerüstet, Fabriken wurden gebaut, christliche Ausbilder wurden ins Land geholt, Patriotismus
und Nationalismus europäischer Prägung sollten das in sich heterogene muslimische Volk
weiter im gemeinsamen Kampf einen.
42
Doch das reformierte, aufgeklärte Europa nach der französischen Revolution überholte das
Morgenland in den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereichen, zusammen mit
den sich zusehends modernisierenden Staaten Südostasiens. Die Serie der Niederlagen, die die
arabische Welt erleiden musste, erreichte 1920 ihren Höhepunkt und der Westen schien einen
endgültigen Sieg über den Islam davongetragen zu haben, der schließlich in der europäischen
Kolonialisierung des einstigen Großreiches gipfelte
43
:
Die Tatsache, dass die beste der Religionen sich nicht durchgesetzt hatte, man ab dem 19. Jahrhun-
dert vielfach fremdbestimmt lebte, hinterließ eine tiefe Wunde, die den Keim zur Radikalisierung
in sich trug.
44
Dennoch setzte sich der Großteil der muslimischen Bevölkerung, der für politische Unmün-
digkeit und gegen die Protektorate rebellierte, nicht aus religiösen Fanatikern zusammen, die
ihr einziges Heil im Islam sahen, sondern im Vordergrund standen intellektuelle Gruppen, die
sich an westlichen Maßstäben orientierten und Nationalismus und - 1945 nach dem Sieg der
39 Vgl. Lewis: Der Untergang, S. 28f.
40 Vgl. ebd., S. 68f. u. 93.
41 Vgl. ebd., S. 65.
42 Vgl. ebd., S. 45; 70f.
43 Vgl. ebd., S. 88f.
44 Conzen: Fanatismus, S. 239.
13
Sowjetunion - Sozialismus propagierten.
45
Doch die Umsetzung säkularer ideologischer, wirt-
schaftlicher und politischer Modelle nach dem Ende der Kolonialherrschaft scheiterte vor al-
lem an korrupten Machthabern des Nahen Ostens
46
: Verarmung der Volksmassen und
finanzielle Abhängigkeit von westlichen Regierungen waren die Folge im wirtschaftlichen
Bereich; autokratische und diktatorische Herrscher, die ihre Bevölkerung unterdrückten, in-
doktrinierten und militärisch kontrollierten, folgten in der Politik, nichts konnte die immer
größer werdende Kluft zwischen der arabischen Welt und dem Westen mehr aufhalten.
47
In
der Tat hatte es bis zum beginnenden 21. Jahrhundert ,,kein arabischer Führer gewagt, seinen
Machtanspruch in freien Wahlen bestätigen zu lassen."
48
Doch die Demütigung der Muslime, deren ursprüngliche Standards zu einer Zeit wegweisend
für den Westen waren, steigerte sich noch mehr: dem westlichen Imperialismus durch die eng-
lische und französische Fremdherrschaft folgte ab 1948 der Kampf um Palästina.
49
Die Araber
lehnten die von der UNO vorgeschlagene Zwei-Staaten-Lösung, die den heimatlosen und ver-
folgten Juden nach dem Holocaust Territorium in Palästina anbot, entschieden ab. Als David
Ben Gurion im Mai 1948 die Unabhängigkeit des Staates Israel erklärte, folgte umgehend
eine Kriegserklärung der Arabischen Liga. Die Tatsache, dass die Militärmacht fünf
verschiedener arabischer Staaten eine verheerende Niederlage gegen eine halbe Million Juden
hinnehmen musste, Land über den ursprünglich vorgesehenen Teilungsplan verlor und die
Hälfte der arabischen Bevölkerung floh oder vertrieben wurde, steigerte die Erniedrigung um
ein Vielfaches.
50
Der Kampf um Palästina förderte die Übernahme antisemitischer Geschichtsdeutungen und verlei-
tete einige dazu, alles Schlechte, das im Nahen Osten und sogar in der ganzen Welt passierte, so
genannten jüdischen Verschwörungen zuzuschreiben.
51
Doch auch die völlig überraschende Niederlage im Sechstagekrieg 1967, als Israel die Ver-
bündeten Staaten Ägypten, Jordanien und Syrien besiegte und den Gazastreifen und die West-
bank einnahm, blieb nicht ohne Wirkung
52
:
45 Vgl. Lewis: Der Untergang, S. 90f.
46 Vgl. ebd., S. 92.
47 Vgl. ebd., S. 218f.
48 Ders.: Die Wut, S. 133.
49 Vgl. Ders.: Der Untergang, S. 223.
50 Vgl. ebd., S. 222f.; Reuter: Mein Leben ist eine Waffe, S. 150.
51 Lewis: Der Untergang, S. 223.
52 Vgl. ebd., S. 251.
14
Die Tatsache, dass Israel nun über ganz Jerusalem und die heiligen Stätten herrschte, musste den
Konflikt zusätzlich religiös aufheizen, handelte es sich aus Sicht frommer Muslime um heilige
Territorien, die allein durch die Anwesenheit Andersgläubiger entweiht wurden.
53
Die zunächst untergeordnete Stellung islamischer Fundamentalisten, die im Islam die
vollendete göttliche Offenbarung sahen - im Gegensatz zum Judentum und Christentum, die
in ihren Augen veralteten und unzulänglichen Versionen des göttlichen Wortes folgten -, er-
hielt neuen Auftrieb, der bis heute nicht nur anhält, sondern stetig wächst. Die Übernahme
von Gedankengut und praktischen Methoden aus christlichen Ländern bedeutete für diese Be-
wegungen einen Abfall vom ursprünglichen und vollkommenen Glauben und eine
,,tiefgreifende Krise des Islam, als neue Barbarei und Rückfall in die vorislamische Zeit."
54
Zu
den Feinden der radikalen Islamisten gehören neben Juden, Zionisten, Christen, westlichen
Imperialisten und Kommunisten jedoch auch Muslime im eigenen Land, die für eine Säkulari-
sierung eintreten und mit der Einführung säkularer Bildungseinrichtungen und Gerichten den
islamischen Staat schwächen.
55
Sie gelten als Apostaten und müssen im Dschihad zuerst
bekämpft werden: ,,Allein Gott in seiner Güte kann Apostaten in der nächsten Welt Gnade
gewähren, wenn es Ihm so gefallen sollte, ein Recht, das kein Mensch in dieser Welt bean-
spruchen darf."
56
Doch die fortwährende Einmischung der USA in Belange der eigenen Region, gerade in Be-
zug auf die anfängliche Unterstützung des Schahs im Iran, ließ viele Muslime zu der Einsicht
gelangen,
die Vereinigten Staaten schreckten weder vor Intrigen noch vor Gewalt zurück, um Marionettenre-
gierungen in Ländern des Nahen Ostens zu installieren beziehungsweise wieder an die Macht zu
bringen.
57
Zudem wurde die Einmischung der USA in Folge der iranischen Revolution und der von Sad-
dam Hussein entfachten Kriege ,,im Nahen Osten als eine neue Auflage des alten imperialen
Spiels betrachtet"
58
.
In den Augen der islamischen Fundamentalisten ist die gesamte westliche Zivilisation und
speziell ihre stärkste Macht, die USA, ,,das eine große Hindernis auf dem Weg zur Wiederge-
burt des wahren Glaubens und Gesetzes in ihren Staaten und auf dem Weg zum endgültigen
53 Lewis: Der Untergang, S. 251.
54 Werner Bohleber: Kollektive Phantasmen, Destruktivität und Terrorismus. In: 11. September. Hg. v. Auchter;
Büttner u. a., S. 164-183. S. 167.
55 Vgl. ebd., S. 154.
56 Lewis: Die Wut, S. 62.
57 Ebd., S. 93.
58 Ebd., S. 80.
15
und universalen Triumph des Islam."
59
Auch wenn diese Einstellung in der arabischen Welt
keine Allgemeingültigkeit besitzt und gemäßigte Strömungen zwar an ihrem Glauben und sei-
ner hervorgebrachten Kultur festhalten, in der modernen westlichen Welt aber viele Vorteile
sehen und gewillt sind, sich freiheitliche Formen der Demokratie anzueignen
60
, wuchs mit der
islamischen Revolution 1979 im Iran der Einfluss radikal-islamischer Bewegungen:
Das gegenwärtige Regime im Iran markiert mit der Allmacht des Klerus, der Todesstrafe für Got-
teslästerung und den geweihten Attentätern einen neuen Abschnitt in der Geschichte des Islams.
61
Während sich in Afghanistan ein islamistisches Regime nur über einen kurzen Zeitraum be-
haupten konnte, besteht es im Sudan immer noch fort und viele andere Länder, hauptsächlich
Algerien und Ägypten mit ihrer schwächer werdenden staatlichen Macht sind Ziel radikal-is-
lamischer Angriffe.
62
Der Sozialismus und der Nationalismus als hoffnungsvolle Bewegungen sollten der
islamischen Zivilisation zu einem Neuanfang verhelfen, doch beide haben aufgrund ihrer In-
effektivität und fehlenden Glaubwürdigkeit versagt.
63
Lediglich der Nationalsozialismus be-
steht in einigen Ländern fort:
Dort hat man diktatorische Formen der Regierung und Indoktrination im Stil des Nazi-Faschismus
übernommen, die einen durch einen riesigen und allgegenwärtigen säkularen Regierungsapparat,
die anderen durch eine einzige, allmächtige Partei.
64
Sie überleben, indem sie die Ursachen für Tyrannei und Armut im eigenen Land auf äußere
Ursachen zurückführen.
65
Zudem erfahren diese Regime zumeist eine breite Unterstützung
durch westliche Regierungen, denn, wie Lewis anmerkt, ist es
nun einmal einfacher, billiger und sicherer, einen unbequemen Diktator durch einen willfährigen
Diktator zu ersetzen, als sich den unwägbaren Risiken eines Regimewandels auszusetzen, zumal
wenn dieser Wandel durch den in freien Wahlen ausgedrückten Willen des Volkes vollzogen
wird.
66
Gerade die Unterdrückung durch autokratische Machthaber verhilft islamischen Fundamenta-
listen, im Gegensatz zu anderen konkurrierenden ideologischen Strömungen, zu strategischen
Vorteilen: ,,Diktatoren können Parteien verbieten und sie können Versammlungen verbieten
nicht jedoch die öffentliche Verehrung Gottes."
67
Darüber hinaus steht der Islam nicht nur für
59 Lewis: Die Wut., S. 49.
60 Vgl. ebd., S. 49f.
61 Ders.: Der Untergang, S. 167.
62 Vgl. Ders.: Die Wut, S. 45.
63 Vgl. ebd., S. 229.
64 Ebd.
65 Vgl. ebd, S. 230.
66 Ders.: Die Wut, S. 121.
67 Ebd., S. 146f.
16
eine Religion, sondern auch für eine Zivilisation, die unter dem islamischen Ordnungsprinzip
und Glaubenssystem gewachsen ist und die in der Vergangenheit in den Bereichen der Frei-
heit, Toleranz, Wissenschaft und Wirtschaft eine Vorreiterrolle in der Welt übernahm.
68
Er bie-
tet
eine gefühlsmäßig vertraute Grundlage der Gruppenidentität, der Solidarität und der Abgrenzung;
eine annehmbare Grundlage für Legitimität und Autorität, und eine unmittelbar verständliche Fas-
sung von Prinzipien sowohl für die Kritik an der Gegenwart als auch für den Entwurf eines zu-
kunftsweisenden Programms.
69
Die von islamischen Fundamentalisten geforderte Zusammenfassung von Politik und Religion
zu einer allumfassenden Autorität unter dem Islam findet Eingang in die gebildeten, ebenso
wie in die ungebildeten muslimischen Schichten und sie bestreiten damit neben den Moderni-
sierern und Reformern in der heutigen Zeit eine einflussreiche Position.
70
Dass diese extreme
Strömung Anhänger findet, begründet sich zudem in dem Umstand, dass
es [...] im Islam niemals eine höchste Instanz wie die Konzilien, Synoden und das Papsttum der
Christenheit [gab], die einer die Doktrin oder die Praxis betreffenden Frage eine definitive Inter-
pretation gegeben hätte, welche überall (oder wenigstens in einem ausgedehnten Bereich) Autori-
tät besessen hätte.
71
Eben das Christentum hatte sich aus einer kleinen Sekte unterdrückter Glaubensanhänger ent-
wickelt, die erst durch die Konversion und Reformation von Kaiser Konstantin, I. zu Beginn
des 4. Jahrhunderts ein Recht auf freie Religionsausübung im Staat erwirkten.
72
Die erste mus-
limische Gemeinschaft musste hingegen nicht wie die christlichen Anhänger zwischen Staat
und Kirche unterscheiden, sie kannte nur die Souveränität Gottes, die Religion und Politik
gleichsam verkettete
73
:
Der für die Geschichte der westlichen christlichen Welt so entscheidende Gegensatz von regnum
und sacerdotium - von weltlicher und geistlicher Herrschaft - hat im Islam keine Entsprechung.
74
Die ,,Koexistenz zweier Autoritäten"
75
, auf der die christliche Zivilisation basiert, nämlich die
Trennung von Kirche und Staat, ist einzigartig unter den Religionen, die sich allesamt auf eine
autoritäre Macht, wie Stamm, Stadt oder König bezogen
76
und geht zurück auf die berühmte
68 Vgl. Lewis: Der Untergang, S. 27; 226.
69 Ders.: Die Wut, S. 44.
70 Vgl. ebd., S. 167f..
71 Rodinson: Islam und Kapitalismus, S. 142f.
72 Vgl. Lewis: Die Wut., S. 29; Conzen: Fanatismus, S. 238.
73 Vgl. Lewis: Die Wut, S. 30; Lewis: Assassinen, S. 8.
74 Lewis: Die Wut, S. 29.
75 Ders.: Der Untergang, S. 139.
76 Vgl. ebd., S. 138.
17
Passage im Matthäus-Evangelium: ,,So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was
Gottes ist!"
77
Die islamische Moschee und die jüdische Synagoge bieten einen Platz zum Beten und Lernen
und sind nicht vergleichbar mit der christlichen Institution Kirche, die eigenständig die
religiösen Aspekte des menschlichen Lebens regelt und ,,eigene Gesetze und Gerichte, eine
eigene Hierarchie und Weisungskette"
78
aufweist. Daneben existiert - mal in friedlicher, mal
in feindlicher Koexistenz - ein autonomer Staat mit eigenen weltlichen Gesetzen für eine
zivile Gesellschaft.
79
Doch gerade für den Islam ist diese Spaltung unbekannt und zurückge-
hend auf den Religionsstifter und Staatsgründer Mohammed auch nicht notwendig: Dieser
Rückbezug auf den menschlichen Stellvertreter Gottes auf Erden ,,lieferte ein sichtbares Sym-
bol der Gruppenidentität und Loyalität; durch den Glauben wurden der Herrscher und seine
Gesetze sanktioniert."
80
Der Islam bildet im Nahen Osten die Basis der Identität und die Zu-
ordnung zu territorialen und ethnischen Nationalstaaten bleibt dem untergeordnet.
81
Der Koran, die Scharia und die Hadithe sind für die Fundamentalisten das Maß aller Dinge
und eine menschliche Gesetzgebung ist nicht nur unnütz, sondern verstößt gegen den Willen
Gottes. Mohammed war nicht nur Religionsstifter, sondern auch politischer und militärischer
Herrscher als Stellvertreter Gottes auf Erden über den ersten islamischen Staat.
Wenn aber die Soldaten im Krieg für die islamische Sache und im Heiligen Krieg ,auf dem Weg
Gottes` für Gott kämpfen, so folgt daraus, dass ihre Gegner gegen Gott kämpfen. [...] Die Armee
des Islam ist die Armee Gottes, und der Feind ist der Feind Gottes.
82
Bereits die Assassinen verstanden sich als diese ,Armee Gottes`, indem sie, aufgrund
von Auseinandersetzungen mit der herrschenden Macht in der islamischen Welt, bereits
in einer sehr frühzeitigen Phase den politischen Mord ausübten und ihn theoretisch be-
gründeten.
83
Doch
die mittelalterlichen Assassinen waren eine extremistische Sekte, die sich weit von der Hauptströ-
mung des Islam entfernt hatte. Von ihren heutigen Nachahmern lässt sich das nicht sagen.
84
77 Lewis: Der Untergang, S. 139.
78 Ebd., S. 140.
79 Vgl. ebd., S. 227.
80 Vgl. ebd., S. 138.
81 Vgl. ebd., S. 147.
82 Ders.: Die Wut, S. 48.
83 Vgl. ebd., S. 155.
84 Ebd., S. 158.
18
2.2
Die Assassinen von Boten der Treue zu Boten des Todes
Die Begriffsgeschichte des Wortes ,Terrorismus` geht zurück auf den Terminus Système,
règime de la terreur, der 1789 zum ersten Mal in einer Ergänzung des ,Dictionaire die l'Aca-
démie Française` auftauchte.
84
Doch schon lange bevor dieses Wort dem allgemeinen Wort-
schatz angehörte, existierten Gruppierungen, die in der Durchführung und dem Ziel ihrer
Aktionen nicht nur viele Parallelen zu heutigen Terrororganisationen aufweisen, sondern eben
auch deren Grundlagen schafften.
In den Jahren 66 bis 73 nach Christus kämpfte die jüdische Sekte der Zeloten gegen die
römischen Besatzer Israels.
85
Sie strebten nach der Abschaffung der weltlichen Macht und
kämpften für die Alleinherrschaft Gottes.
86
Der Zelot tauchte aus der Anonymität eines überfüllten Marktplatzes auf, zog die sica
87
aus seinem
Gewand hervor und schlitzte für alle Anwesenden sichtbar einem römischen Legionär die Gurgel
auf.
88
Diese Urform des Terrorismus richtete bereits eine Botschaft an alle Anwesenden, lange be-
vor es zur Symbiose mit den Medien kam. Sie wollten Volkserhebungen initiieren, indem sie
die Verwundbarkeit und Schwäche der Soldaten zeigten. In einem offenen Kampf wäre die
Sekte der Zeloten den römischen Besatzern zahlenmäßig und auch in ihrer Bewaffnung weit
unterlegen gewesen, der punktuelle Einsatz des Terrorismus stellte eine adäquate Alternative
dar. Eben diese Einsicht teilte auch die bekannte Sekte der Assassiner, die zwischen dem 11.
und 13. Jahrhundert politische Stellvertreter ermordete, um das Aufkommen eines neuen Zeit-
alters zu ermöglichen.
89
Die Assassinen waren keine Hauptströmung, sondern ,,eine Häresie innerhalb einer Häresie -
ein extremistischer Ausläufer der schiitischen Bewegung, die ihrerseits eine Abweichung vom
überwiegend sunnitischen Islam darstellt."
90
Ihre Taten wurden von der Mehrheit der Gläubi-
gen abgelehnt.
91
Ihr erstes Auftauchen am Ende des 12. Jahrhunderts in der westlichen Welt
stellte jedoch nicht ihre mörderischen Taten, sondern ihre unabdingbare Treue zu ihrem An-
führer, dem so genannten ,Alten vom Berge` in den Vordergrund. In der Dichtkunst des
85 Vgl. Bruce Hoffman: Terrorismus - der unerklärte Krieg. Neue Gefahren politischer Gewalt. 5. Auflage.
Frankfurt am Main: Fischer 2003. S. 114.
86 Vgl. Walter Laqueur: Terrorismus. Kronberg/Ts.: Athenäum Verlag 1977. S. 8.
87 ein primitiver Dolch, vgl. Hoffman: Terrorismus, S. 114.
88 Ebd.
89 Vgl. Laqueur: Terrorismus, S. 9; Lewis: Assassinen, S. 12.
90 Lewis: Assassinen, S. 10.
91 Vgl. ebd., S. 10.
19
gesamten 13. Jahrhunderts - u.a. auch von Dante - wurde der Assassine als Bote der Liebe und
Synonym für absolute Ergebenheit beschrieben. Als jedoch im 14. Jahrhundert von
Kreuzfahrern und Reiseberichten mehr Informationen über die Assassinen in Europa auf-
tauchten, wandelte sich das Bild und der islamische Kämpfer verschwand aus Liebesdichtun-
gen und Liebesbriefen. Er erfuhr seine Stigmatisierung als ,,Bote des Todes"
92
, die bis zum
heutigen Tag anhält.
93
Hartnäckig halten sich Geschichten um die Herkunft des syrischen Namens der Assassinen,
die als haschschijjn bezeichnet wurden. Eine erste Fassung erschien um 1273 und stammt
von Marco Polo, der Persien bereist hatte. Er erzählte in seinem Reisebericht von einem An-
führer der Assassinen, der junge Männer um sich herum sammelte und diese als Attentäter für
seine berüchtigten Meuchelmorde einsetzen wollte. Er verabreichte den Jünglingen ein starkes
Narkotikum und ließ sie in seinen herrlichen Garten bringen, den er nach den Erzählungen des
Propheten Mohammed dem Paradies nachgebildet hatte. Stand das Attentat kurz bevor, ließ er
einen jungen Mann erneut betäuben und aus dem Garten führen. Der Auserwählte sollte glau-
ben, sich tatsächlich im Paradies befunden zu haben und das Oberhaupt der Assassinen ver-
sprach ihm, dass er nach Ausführung seines Befehls dorthin zurückkehren würde. Die jungen
Männer erfüllten daraufhin bereitwillig alle ihnen aufgetragenen Aufgaben.
94
Der größte europäische Arabist des 19. Jahrhunderts, Silvestre de Sacy, leitete anhand des
Namens haschschijjn und in Verbindung mit Marco Polos Geschichte eine ähnliche Version
ab und erläuterte:
den Namen im Zusammenhang mit dem geheimen Einsatz von Haschisch durch die Sektenführer,
wodurch dessen Emissären ein Vorgeschmack von den Wonnen des Paradieses gegeben worden
sei, das sie nach erfolgreichem Abschluss ihrer Mission erwarte.
95
Doch auch wenn das arabische Wort haschsch und sein Plural haschschijjn tatsächlich ur-
sprünglich für ein trockenes Kraut und später auch für den Indischen Hanf verwendet wurden,
dessen Gebrauch als Narkotikum den Muslimen zur Zeit des Mittelalters bekannt war, handelt
es sich hierbei wohl eher um eine erfundene Sage. Der Begriff haschschijjn tauchte nur in
Syrien auf und war allem Anschein nach eine zeitgenössische Form der Beleidigung, die Ver-
achtung für das außergewöhnliche Auftreten der Assassinen und ihre paradiesischen Visionen
92 Lewis: Assassinen, S. 19.
93 Vgl. ebd.
94 Vgl. ebd., S. 22f.
95 Ebd., S. 29.
20
ausdrücken sollte.
96
,,Speziell für westliche Beobachter mochten derartige Geschichten auch
eine rationale Erklärung für ein Verhalten geliefert haben, das sonst ganz unerklärlich geblie-
ben wäre."
97
Denn abgesehen von der Durchführung eines grausamen Mordes, versuchten sie nach dem
durchgeführten Anschlag nicht zu fliehen oder sich zu verteidigen, sondern ließen sich meist
von herbeieilenden Angestellten des Opfers oder vom Mob töten.
Die Assassinen richteten ihre Angriffe nicht gegen Ungläubige aus anderen Ländern, wie z.B.
die Kreuzfahrer - seit dem Mittelalter ein in der westlichen Welt weit verbreiteter Trug-
schluss - , sondern gegen Muslime in herrschenden Ämtern, die ihrer Meinung nach als
Apostaten galten und vom wahren Glauben abgefallen waren.
98
Die herrschende Ordnung
sollte gestürzt und durch eine eigene und bessere ersetzt werden:
Die mittelalterlichen Assassinen führten Krieg gegen autokratische Systeme, in denen die Beseiti-
gung eines einzigen Individuums die Situation radikal verändern oder zumindest Einstellung und
Politik der Überlebenden auf signifikante Weise modifizieren konnte.
99
Der ausgewählte Assassine benutzte für sein zumeist gut geschütztes Ziel als Waffe immer
den Dolch, anstatt auf den mehr Sicherheit versprechenden Bogen, die Armbrust oder Gift zu-
rückzugreifen.
100
Nach Ausführung der Tat versuchte der Täter nicht zu fliehen oder auf Hilfe
anderer Assassinen zu hoffen, denn ,,eine Mission überlebt zu haben galt als Schande."
101
Doch trotz dieser Unterschiede weisen die neuzeitlichen Gotteskrieger und die mittelalterli-
chen Assassinen Ähnlichkeiten in Bezug auf ihre Herkunft, Motivation, Doktrin, Methode so-
wie geographischen Aspekten auf. Darüber hinaus liefern die Assassinen ein erstes Exempel,
wie die für den Islam typische enge Verbindung von Religion und Politik radikal ausgelegt
werden kann, um sie zur Umsetzung und Legitimation der eigenen Ziele zu nutzen,
102
denn:
die Religion hat in der islamischen Welt noch immer eine nationale und gesellschaftliche Bedeu-
tung - als Quelle von Autorität, Brennpunkt von Loyalität, Definition von Identität -, wie man sie
in Europa seit den durch Renaissance, Entdeckungen, Reformation, Aufklärung und industrielle
Revolution ausgelösten Veränderungen nicht mehr kennt.
103
96 Vgl. Lewis: Assassinen, S. 27-29.
97 Ebd., S. 29.
98 Vgl. ebd., S. 10.
99 Ebd., S. 11.
100 Vgl. ebd.
101 Ebd.
102 Vgl. ebd. S. 12.
103 Ebd., S. 8.
21
Die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Assassinen soll zur Verdeutlichung dieses
Zusammenhanges im Folgenden näher beleuchtet werden.
Der Tod des Propheten Mohammed 632 n. Chr. und die mit ihm aufkommende Frage nach der
rechtmäßigen Nachfolge führte zur ersten Krise der noch jungen islamischen Gemeinschaft.
Die Mehrheit der Gemeinde wählte Mohammeds Schwiegervater und engen Vertrauten Abu
Bakr als neuen Stellvertreter Gottes auf Erden und ernannte ihn zum Kalifen. Eine Minderheit
sah jedoch in dem Vetter und Schwiegersohn des Propheten, Ali, als Abkömmling Moham-
meds einen legitimeren Nachfolger und spaltete sich von den Anhängern Abu Bakrs - den
Sunniten - ab.
104
Die kleine Gruppe nannte sich Partei Alis (Sch ' atu' Al ) und aus ihr resul-
tierte die Glaubensgemeinschaft der Schiiten, die bis heute in zum Teil blutigen Konflikten
mit der Mehrheit der Sunniten um die Herrschaft kämpft.
In dem schnell expandierenden Reich konnten die Abu Bakr folgenden, rechtgeleiteten Kali-
fen jedoch nicht mehr für Gleichheit und Gerechtigkeit sorgen und die Unzufriedenheit in der
Bevölkerung wuchs: ,,Vielen, die die Entwicklung in diesem Licht sahen, schien der Rück-
gang auf die Familie des Propheten ein Weg, die authentische, originäre Botschaft des Islams
zurückzugewinnen."
105
Die bereits erläuterte Verkettung von Politik und Religion im Islam
führte im Laufe der Zeit dazu, dass der eingangs politische Anspruch der Schia eine religiöse
und messianische Färbung erhielt: ,,Politische Unzufriedenheit, möglicherweise gesellschaft-
lich begründet, findet religiösen Ausdruck; religiöser Dissens hat politische Implikationen."
106
Ali wurde schließlich 656 zum Kalifen gewählt, starb jedoch schon fünf Jahre später bei ei-
nem Attentat. Nach Alis Tod 661 ergriff schließlich das rivalisierende Geschlecht der
Umajjaden die Macht über das Kalifat und konnte es über fast 100 Jahre halten.
107
Zwei gescheiterte Versuche durch die Söhne Alis, das Umajjadenreich zu stürzen - u.a. die
Schlacht bei Kerbala, bei der es zu einem Blutbad an einem Teil der prophetischen Familie
kam -, heizten die religiöse und messianische Haltung der Schiiten weiter an und sie forderten
Vergeltung. Einzelne radikale Gruppen bilden sich heraus und attackierten vom endenden 7.
Jahrhundert bis in die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts die bestehende Ordnung, um den
rechtmäßigen Imam aus der Familie des Propheten einzusetzen.
108
Der Imam ist der legitime
104 Vgl. auch Kapitel 2.1
105 Lewis: Assassinen, S. 40.
106 Ebd., S. 41.
107 Vgl. ebd., S. 41f.
108 Vgl. ebd., S. 43; 47.
22
Herrscher und bildet das schiitische Gegenstück zum sunnitischen Kalifen. Unter dem Imam
steht schließlich der Dai, ein Propagandist, der die Botschaft des Imam verkündet, Anhänger
gewinnt und ihre Widerstandsbewegung organisiert.
109
Nachdem die radikalen Bewegungen unter den Schiiten größtenteils zerschlagen worden wa-
ren oder ihre Bedeutung verloren hatten, wurden sie 765 bei neuen Streitigkeiten um die
rechtmäßige Nachfolge eines Imams in ihrer Anhängerschaft geeint. Die mehrheitlichen und
gemäßigten Schiiten schlossen sich Musa al-Kasim an und wurden als Anhänger der Zwölfer-
Schia bekannt, die bis heute Staatsreligion im Iran ist. Die abweichende Bewegung folgte
Musas älterem Bruder Isma`il und errang als Sekte der Ismailiten eine herausragende Stellung
unter ihren vielen Kontrahenten.
110
Anstelle der chaotischen Spekulationen und des primitiven Aberglaubens früherer Sekten bot sie,
ausgearbeitet von einer Reihe hervorragender Theologen, ein dogmatisches System auf hohem
philosophischem Niveau und produzierte eine Literatur, die, nach jahrhundertelanger Verkennung,
erst heute wieder in ihrer wahren Bedeutung begriffen wird.
111
Die Ismailiten, mit ihrer streng hierarchischen Organisation, agierten lange Zeit im Verborge-
nen; sie verbesserten ihre Netzwerke, arbeiteten ihre Doktrin aus und ihre öffentlichen Vertre-
ter, die d`s, sammelten Anhänger. Das Ismailitentum, dessen Gefüge als da`wa bezeichnet
wird, was gleichbedeutend ist mit ,Mission` oder ,Verkündigung`, fordert unbedingten Gehor-
sam gegenüber dem Imam, der als Ursprung und Zentrum der Autorität angesehen wird.
Dieser kann nicht gewählt werden, sondern wird von Gott eingesetzt
112
:
Nur er kann über Vernunft und Offenbarung befinden. Genaugenommen kann dies nur der ismaili-
sche Imam, aufgrund der Natur seines Amtes und seiner Lehre - daher ist er allein der wahre
Imam.
113
Der ismailitische Geheimbund gründete im Jahr 909 schließlich die Dynastie und den Staat
der Fatimiden, benannt nach Fatima, der Tochter des Propheten, von der sie abstammten. Un-
ter ihrer Herrschaft entstand Kairo als Hauptstadt ihres Reiches und die dort ansässige al-Az-
har-Moschee.
114
Im Laufe der folgenden zwei Jahrhunderte festigte das Fatimidenreich seine
Macht und forderte die alte sunnitische Ordnung, repräsentiert durch das abbasidische Kalifat,
heraus. Doch gerade der Erfolg schwächte die Ismailiten von innen und spaltete ihre Anhän-
ger in gemäßigte Vertreter einer massenfreundlichen Auslegung ihrer Doktrin und in radikale
109 Vgl. Lewis: Assassinen, S. 43.
110 Vgl. ebd., S. 47f.
111 Ebd., S. 48.
112 Vgl. ebd., S. 75f.
113 Ebd., S. 94.
114 Vgl. ebd., S. 53f.
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