I. Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Die Selbstpflegedefizit-Theorie nach Dorothea E. Orem 2
2.1 Biographie Dorothea E. Orem 2
2.2 Die Theorie der Selbstpflege/Dependenzpflege 3
2.2.1 Allgemeine, universelle Selbstpflegeerfordernisse 4
2.2.2 Entwicklungsbedingte Selbstpflegeerfordernisse 5
2.2.3 Gesundheitsbezogene Selbstpflegeerfordernisse 5
2.2.4 Situativer Selbstpflegebedarf 6
2.2.5 Selbstpflegekompetenz 7
2.2.6 Dependenzpflegekompetenz 8
2.3 Die Theorie des Selbstpflegedefizits 8
2.3.1 Pflegekompetenz 9
2.4 Die Theorie des Pflegesystems 10
2.4.1 Vollständig kompensatorisches System 10
2.4.2 Teilweise kompensatorisches System 11
2.4.3 Unterstützend-erzieherisches System 11
3 Dorothea E. Orems Konzept des Pflegeprozesses 12
3.1 Diagnose und Verordnung 13
3.2 Entwurf und Planung 13
3.3 Regulation und Kontrolle 14
4 Anwendung der Selbstpflegedefizit-Theorie in der Praxis 15
4.1 Fallbeispiel 16
4.2 Evaluation 18
5 Stärken und Schwächen der Theorie 19
5.1 Stärken der Theorie 19
5.2 Schwächen der Theorie 19
6 Fazit 21
II Literaturverzeichnis 22
1
1 Einleitung
Das biomedizinische Modell, welches von einer Trennung zwischen Körper und Geist ausgeht, ist bis heute nicht vollständig aus den Köpfen der Pflegenden verschwunden. Dennoch hat sich die gegenwärtige Pflege ausdrücklich von diesem Modell abgewandt und sich in Richtung ganzheitliche und individuelle Betreuung der Patienten bewegt. Durch diesen holistischen Ansatz hat die Pflege die Möglichkeit eine autonome Stellung zu erreichen und sich ihrerseits von der Medizin abzugrenzen. Gute Anläufe in Deutschland gibt es seit der Ausweitung der Pflegewissenschaften und der Übernahme einiger Pflegetheorien aus den USA. Dieser Aufbruch wird ebenfalls durch die Organisation des ersten internationalen Pflegetheorien- Kongresses 1997 in Nürnberg deutlich, welcher etwa 50 Jahre nach Entwicklung der ersten Theorien und Modelle stattfand. Darüber hinaus hat die Akademisierung der Pflege deutlich dazu beigetragen, dass sie mehr und mehr ein eigenes Gebiet für sich beansprucht. Die Professionalisierung der Pflege steht noch am Anfang ihrer Entwicklung, allerdings tragen die pflegewissenschaftlichen Theorien einen bedeutsamen Teil dazu bei.
Die Selbstpflegedefizit-Theorie von Dorothea E. Orem, welche in vielen Ländern und auch in Deutschland bereits zur Anwendung kommt, soll Thema dieser Hausarbeit sein. Welche Gewichtung Orems Theorie für die Pflegewissenschaft und welche Tragweite sie in der Praxis einnimmt, soll im Folgenden beleuchtet werden.
Nach einer kurzen Darstellung von Dorothea E. Orems Lebenslauf folgt die Veranschaulichung der Selbstpflegedefizit-Theorie mit ihren zugehörigen Komponenten. Orems Verständnis des Pflegeprozesses wird im Einzelnen erörtert. Anschließend stellt der Autor die Intensivstation des Evangelischen Krankenhauses in Münster vor, und ein möglicher Bezug von Dorothea E. Orems Theorie zur Organisationseinheit soll hergestellt werden. Als Fazit wird die Zweckmäßigkeit der Selbstpflegedefizit-Theorie und deren Wirksamkeit für den pflegerischen Alltag betrachtet.
2
2 Die Selbstpflegedefizit-Theorie nach Dorothea E. Orem
Mit der Entwicklung ihrer Selbstpflegedefizit-Theorie strebt Dorothea E. Orem eine Professionalisierung der beruflichen Pflege an. Zudem beabsichtigt sie zur Systematisierung des pflegerischen Handelns beizutragen 1 und an der Konzeptualisierung der Pflegeausbildung mitzuwirken. 2 Der Ursprung ihrer Theorie bezieht sich dabei auf folgende drei Fragen: „Was tun Pflegekräfte, und was sollten sie tun?“, „Warum tun sie es?“ und „Was ist das Ergebnis ihres Tuns?“. 3 Orem ist der Ansicht, dass der Mensch das Verlangen und die Möglichkeit hat für sich zu sorgen. Damit ist die Autonomie des Individuums Kern ihrer Theorie. Kinder, Behinderte, Hochbetagte und kranke Menschen werden bei der Durchführung ihrer Erfordernisse durch Angehörige unterstützt. Ist der Bedarf zur Erfüllung der nötigen Bedürfnisse zu groß und kann seitens der Bezugspersonen nicht mehr kompensiert werden, so entsteht ein Defizit. Dieses Defizit bedarf der professionellen Pflege. Die Pflege ist nun ihrerseits bestrebt diesen Verlust der Selbstpflege aufzuwiegen oder ihn gar zu beseitigen. 4
2.1 Biographie Dorothea E. Orem
Über das eindeutige Geburtsdatum von Dorothea Elizabeth Orem gibt es differente Angaben, die von 1914 bis 1923 reichen. Geboren ist sie in Baltimore in den USA. Zu Beginn der 1930er Jahre nahm Dorothea E. Orem ihr Pflegediplom in Washington D.C. entgegen. Daraufhin folgten die beiden akademischen Grade Bachelor und Master of Science. Als Leiterin einer Krankenpflegeschule und Direktorin des Pflegedienstes des Providence Hospital in Detroit übernahm sie nachfolgend beratende Anstellungen. Dorothea E. Orem arbeitete zunächst für die Gesundheits-
1 Vgl.Schaeffer, D. et al. (2008): S.85.
2 Vgl. Cavanagh, S. J. (1997): S.9.
3 Fawcett, J. (1998): S.282.
4 Vgl. Schaeffer, D. et al. (2008): S.85 f.
3
behörde in Indiana. Anschließend begleitete sie am Gesundheitsministerium in Washington D.C. ein Projekt zur Umorganisation der praktischen Ausbildung von Krankenschwestern. Im Rahmen dieser Optimierung entstand auch der Denkinhalt zu ihrer Selbstpflegedefizit-Theorie, welche indes erst 1971 in ihrem Buch „Nursing - Concepts of Practice“ erschien.
Die Selbstpflegedefizit-Theorie nach Orem wird in drei komplexe Teilbereiche aufgegliedert, die in Relation zueinander stehen: Die Theorie der Selbstpflege/ Dependenzpflege, die Theorie des Selbstpflegedefizits und die Theorie des Pflegesystems. Diese werden in der Folge noch detaillierter beschrieben.
Weiterhin lehrte Dorothea E. Orem viele Jahre als Professorin an der Katholischen Universität von Amerika. 1970 gründete sie ihre eigene Firma, in der sie als Beraterin für Pflege und deren Ausbildung tätig war. In mitwirkender Funktion bei einigen Forschungsprojekten erhielt Dorothea E. Orem 1976 einen Ehrendoktortitel der Georgetown University in Washington D.C. und einen weiteren in Illinois im Jahr 1988. Im Juni 2007 verstarb Dorothea Elizabeth Orem in ihrer Residenz am Skidaway Island State Park in Savannah. 56
2.2 Die Theorie der Selbstpflege/Dependenzpflege
Dorothea E. Orems Impuls der Selbstpflege legt den Grundstein für die Entwicklung der Selbstpflegedefizit-Theorie. Sie ist gleichzeitig Schwerpunkt ihrer Theorie und wird gegliedert in die Selbstpflege und die Dependenzpflege. Selbstpflege bedeutet, dass Menschen sie gewollt und bewusst für sich selbst oder ihre Umwelt ausführen. Dies setzt allerdings einen gewissen Grad an physiologischem, kognitivem und psychologischem Funktionieren voraus. 7 Somit ist die Selbstpflege ein erlerntes Verhalten, welches durch den Umgang mit anderen Menschen angeeignet wird. Ist der Mensch nicht in der Lage diese Selbstpflege auszuüben, so
5 Vgl. Dennis, C.M. (2001): S.11ff.
6 Vgl. Orem, D.E. (1997): S.Vff.
7 Vgl. Evers, G.C.M. (1998): S.106. In: Osterbrink, J. [Hrsg.].
4
entsteht eine Abhängigkeit von anderen Individuen. Dies wird dann als Dependenzpflege beschrieben. Sie wird zunächst ausschließlich von Angehörigen oder Bezugspersonen durchgeführt, die im nahen Umfeld des zu Pflegenden leben. So kommen beispielsweise Eltern für ihren Säugling auf, um dessen Hunger zu stillen. Im anderen Fall kümmert sich ein Sohn um dessen betagte Mutter, die an einer chronischen Erkrankung leidet. 8 Selbstpflege und Dependenzpflege verfolgen also das Ziel bestimmte Bedürfnisse von Menschen zu erfüllen, um ein gesundes Leben zu verwirklichen. Dorothea E. Orem unterscheidet an dieser Stelle drei verschiedene Selbstpflegeerfordernisse.
2.2.1 Allgemeine, universelle Selbstpflegeerfordernisse
Allgemeine Selbstpflegeerfordernisse sind für alle Menschen
gleichermaßen bedeutend. Sie sind somit essenziell für das Fortbestehen des Lebens. Sofern sie entsprechend wirksam eingesetzt werden, tragen sie zum Wohlbefinden jedes einzelnen Individuums bei. Orem definiert acht Selbstpflegeerfordernisse:
• „Aufrechterhaltung einer ausreichenden Sauerstoffzufuhr.
• Aufrechterhaltung einer ausreichenden Flüssigkeitszufuhr.
• Aufrechterhaltung einer ausreichenden Zufuhr an Nahrungsmitteln.
• Gewährleistung einer Versorgung in Verbindung mit
Ausscheidungsprozessen und Exkrementen.
• Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts zwischen Aktivität und Ruhe.
• Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts zwischen Alleinsein und sozialer Interaktion.
• Vorbeugung vor Risiken für das Leben, das menschliche Funktionieren und das menschliche Wohlbefinden.
• Förderung der menschlichen Funktionen und Entwicklungen innerhalb sozialer Gruppen in Übereinstimmung mit den menschlichen Potentialen, bekannten menschlichen Grenzen und
8 Vgl. Dennis, C.M. (2001): S.30.
5
dem Wunsch der Menschen, normal zu sein. Normalität bezieht sich darauf, was menschlich ist, sowie darauf, was in Übereinstimmung mit den genetischen und konstitutionellen Eigenschaften und Talenten von Individuen steht.“ 9
2.2.2 Entwicklungsbedingte Selbstpflegeerfordernisse
Diese Erfordernisse nehmen Bezug auf die Entwicklungsphase des Menschen und Gegebenheiten, welche diese Entwicklung beeinträchtigen. Jedes Individuum soll sein Tun so gestalten, das ein höheres Entwicklungsstadium erreicht werden kann. Orem unterteilt folgende Stadien:
• „Fötus, einschließlich Geburt
• Neonatales Stadium
• Frühes Kindesalter
• Kindheit und Jugend
• Erwachsenenalter
• Schwangerschaft als Jugendliche oder als Erwachsene“ 10 Zudem werden die entwicklungsbedingten Selbstpflegeerfordernisse in drei Formen gegliedert: Gewährleistung von Bedingungen, die die Entwicklung fördern, Engagement in der Selbstentwicklung und Entwicklungsstörungen. 11
2.2.3 Gesundheitsbezogene Selbstpflegeerfordernisse
Die gesundheitsbezogenen Selbstpflegeerfordernisse werden
hervorgerufen, sobald die Gesundheit des Menschen beeinträchtigt ist. Sie stehen in Beziehung zu „Hilfeleistung, Behandlung und Therapie, aber auch mit anderen Dingen, die mit Gesundheitsstörung
9 Orem, D.E. (1997): S.209.
10 Dennis, C.M. (2001): S.75.
11 Vgl. Orem, D.E. (1997): S.215ff.
Arbeit zitieren:
Guido Pabst, 2009, Die Selbstpflegedefizit-Theorie nach Dorothea Orem, München, GRIN Verlag GmbH
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