der Universität Münster mit Hilfe von Schelsky und Dieter Claessens promoviert und habilitiert. Erst im Jahr 1968 wurde Luhmann Universitätsprofessor an der von Schelsky maßgeblich neu konzipierten Universität Bielefeld. In der Zeit kurz nach seiner Berufung war zunächst unklar, welchen Lehrstuhl Luhmann besetzen sollte. Er selbst entschied sich für den Lehrstuhl der Soziologie, da er sich so erhoffte, nicht auf einen Themenbereich festgelegt, sondern in allen Bereichen der Gesellschaft (Wirtschaft, Politik, Religion, Pädagogik etc.) tätig zu sein. 2 Vor allem die Zeit der späten 60er Jahre und der frühen 70er Jahre ist geprägt durch die Kontroverse mit dem Frankfurter Sozialphilosophen Jürgen Habermas. So entstand zum Beispiel der gemeinsame Band „Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie - Was leistet die Sozialforschung“ (1971). Die Kontroverse mit Habermas begründet auch den Ruf Luhmanns, ein „konservativer Denker“ 3 zu sein. In der Fachöffentlichkeit trat Luhmann somit vor allem als „Anti-Habermas“ 4 auf. Im Jahr 1984 erscheint das Hauptwerk Niklas Luhmanns, „Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie“, welches auch Luhmann selbst als sein Hauptwerk bezeichnet 5 .
1988 erhält Niklas Luhmann den Hegel-Preis der Stadt Stuttgart. Zum Ende des Wintersemesters 1992/93 wird Luhmann emeritiert. Seine Abschiedsvorlesung am 9. Februar trägt den Titel: „Was ist der Fall? oder Was steht dahinter?“. In seinem Buch „Das Recht der Gesellschaft“ zieht er die Summe seiner bisherigen rechtssoziologischen Überlegungen.
Am 6. November 1998 starb Luhmann in Oerlinghausen bei Bielefeld. In seinem Nachruf auf Niklas Luhmann schreibt OLIVER JAHRAUS:
„Niklas Luhmann war und ist ein exzeptioneller Denker des 20. Jahrhunderts, dessen Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Seine Lebensspanne hat nicht ausgereicht, ihn ins nächste Jahrtausend hinübertreten zu lassen. Seine denkgeschichtliche Bedeutung ist unbestritten, mehr noch: noch gar nicht zu bestimmen.“ 6
2 vergl. W. Reese-Schäfer: Luhmann zur Einführung, 1. Auflage, Hamburg 1992, S. 7. (im folgenden zitiert als: W. Reese-Schäfer: Luhmann zur Einführung.)
3 G. Kneer, A. Nassehi: Niklas Luhmanns Theorie, a.a.O., S. 11.
4 G. Kneer, A. Nassehi: Niklas Luhmanns Theorie, a.a.O., S.11.
5 vergl. H. Staubmann: Sozialsysteme als selbstreferentielle Systeme: Niklas Luhmann, in: J. Morel (u.a.):
6 O. Jahraus: Nachruf auf Niklas Luhmann, aus: www.medienobservationen.uni-muenchen.de/Luhmann.html,
2 Einleitung zur Systemtheorie
Neben der handlungstheoretischen und gesellschaftstheoretischen Konzeption hat sich seit den 70er Jahren vor allem die Systemtheorie in der Soziologie „als bedeutsam für die Analyse des Prozesses der Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt erwiesen“ 7 . Für Niklas Luhmann ist Systemtheorie „heute ein Sammelbegriff für sehr verschiedene Bedeutungen und sehr verschiedene Analyseebenen“ 8 . Der Vorläufer der Systemtheorie findet sich in der funktionalistischen Theorie, die sich am ‚organismischen’ Modell der Beziehung zwischen Person und Umwelt orientiert. Gesellschaft steht hiernach in Analogie zu biologischen Organismen, soziale Prozesse werden als gleichgewichtsregulierende Wirkungszusammenhänge verstanden. Diesen Gedanken hat TALCOTT PARSONS in eine allgemeine systemtheoretische Konzeption übertragen, in deren Mittelpunkt die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft steht. „Parsons hat sich vor allem darum bemüht, die Mikroperspektive der individuell-psychischen Dynamik und die Makroperspektive gesellschaftlicher Sozialstrukturen in eine Synthese zu bringen.“ 9
Nach PARSONS tritt soziales Handeln niemals vereinzelt auf, sondern immer nur in speziellen Verbindungen und Konstellationen, welche dann als Systeme bezeichnet werden. Er unterscheidet dabei zwischen drei Systemen: Einem organischen, einem psychischen und einem sozialen System.
Das organische System ist die Ausgangsbasis aller Handlungsprozesse und die Grundlage dafür, dass alle physiologischen und psychischen Grundfunktionen erfüllt werden können. Das psychische System kontrolliert diese Antriebsenergien und lenkt sie in gesellschaftlich erlaubte oder vorgeschriebene Bahnen. Das soziale System dagegen entsteht aus den Beziehungsmustern zwischen verschiedenen Handelnden, die als Träger bestimmter sozialer Rollen fungieren. Diese sozialen Rollen sind durch normative Erwartungen definiert, die von anderen Gruppenmitgliedern, aber auch Institutionen ausgehen. Der Prozess der Sozialisation ergibt sich dadurch, dass der Handelnde diese
7 K. Hurrelmann: Einführung in die Sozialisationstheorie. Über den Zusammenhang von Sozialstruktur und
8 N. Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, 1. Auflage, Frankfurt 1987, S. 15. (im
Erwartungen schrittweise aufnimmt und sie für sich verinnerlicht. Dies geschieht solange, bis sich jener aus diesen eigene Motivierungskräfte und Ziele für das eigene Handeln ableitet. 10
Die Abstimmung zwischen diesen drei Systemen ist die Voraussetzung für das Zustandekommen sozialen Handelns von Menschen. Dabei durchdringen sich die Systeme gegenseitig und pendeln sich auf ein Gleichgewichtszustände ein, welche sich z.B. dadurch äußern, „dass die kognitive und motivationale Struktur eines Menschen sich in Übereinstimmung mit den Strukturen des sozialen Systems (...) befindet“ 12 . Das bedeutet also, dass der Mensch die gesellschaftlichen Erwartungen in allen, oder zumindest fast allen, Bereichen für sich annimmt. Für Parsons ist diese Gleichgewichtsvorstellung als Zielzustand jedes einzelnen Systems zu sehen. Die Sozialisation i st für ihn ein „gleichgewichtsstabilisierender Mechanismus“ 13 .
Die Sozialisationsgeschichte eines Individuums durchläuft eine Hierarchie der verschiedensten Rollenbeziehungen, angefangen bei der Zweierbeziehung von Mutter und Kind, über die Familie bis ins Berufsleben usw. Diese Rollenbeziehungen sind von wechselseitigen Erwartungen geprägt und werden im Laufe der Zeit immer komplexer. Kritisiert wird bei Parsons vor allem die „Akzentuierung von Sozialisation als Vergesellschaftung“ 14 , die darauf hinausläuft, dass die fertige Persönlichkeit als Spiegelbild der Sozialstruktur aufgefasst wird. Dabei wird vor allem der Aspekt der Individuation und der Autonomie des Individuums vernachlässigt.
9 K. Hurrelmann: Einführung in die Sozialisationstheorie, a.a.O., S. 41.
10 K. Hurrelmann: Einführung in die Sozialisationstheorie, a.a.O., S. 41f.
11 K. Hurrelmann: Einführung in die Sozialisationstheorie, a.a.O., S. 42.
12 K. Hurrelmann: Einführung in die Sozialisationstheorie, a.a.O., S. 42.
13 K. Hurrelmann: Einführung in die Sozialisationstheorie, a.a.O., S. 43.
14 K. Hurrelmann: Einführung in die Sozialisationstheorie, a.a.O., S. 44.
4
3 Systemtheorie Niklas Luhmanns
Luhmann greift zahlreiche Einsichten Parsons auf, jedoch behält seine Theorie „einen ganz eigenständigen Charakter“ 15 . Er sieht in seiner Theorie eine bessere Alternative zu Parsons, was bedeutet, dass er für seine Systemtheorie einen universellen Anspruch erheben muss, welchen jedoch auch Parsons erhoben hat.
Luhmanns soziale Systeme sind Systeme, die alles, was sie als Einheit verwenden, seien es ihre Elemente, Prozesse, Strukturen, Teilsysteme und zuletzt sie selbst, als Einheit erst konstituieren. Dazu ist die Reduktion von Umweltkomplexität notwendig.
Die Ausarbeitung der Theorie Luhmanns kann in zwei Phasen untergliedert werden. Ende der 70er Jahre läutet Luhmann einen Paradigmawechsel in der Systemtheorie, also eine Umkehrung des bestehenden Denkmusters, ein. Bis zu diesem Zeitpunkt vertrat Luhmann eine mit Parsons übereinstimmende System-Umwelt-Perspektive, in deren Mittelpunkt die Frage stand, wie sich Gesellschaftssysteme in der Umwelt behaupten können. Seitdem hat Luhmann eine Perspektive aufgegriffen, die nicht mehr die Weltoffenheit, sondern die selbstreferentielle Geschlossenheit systemischer Operationen in den Vordergrund stellt. 18 DETLEF KRAUSE geht noch einen Schritt weiter und entwickelt an sechs Beispielen, dass Luhmann nicht einen Paradigmawechsel, sondern einen Paradigmenwechsel in gleich mehreren Bereichen mit seiner Theorie eingeläutet hat. 19
15 U. Schimank: Theorien gesellschaftlicher Differenzierung, Opladen 1996, S. 135. (im folgenden zitiert als: U. Schimank: Theorien gesellschaftlicher Differenzierung.)
16 N. Luhmann: Soziale Systeme, a.a.O., S. 33.
17 A. Schütz: Luhmanns unheimliches Argument, in: Widerstände der Systemtheorie. Kulturtheoretische
18 vergl. U. Schimank: Theorien gesellschaftlicher Differenzierung, a.a.O., S. 135f.
19 D. Krause: Luhmann-Lexikon. Eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann mit 27 Abbildungen
Arbeit zitieren:
Thomas Reith, 2000, Systemtheorie Niklas Luhmann, München, GRIN Verlag GmbH
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