Inhalt
E i n l e i t u n g S 3
1 Der Forschungsansatz 4
2 Die fünf „pragmatischen Axiome“ 8
2.1 Kommunikation Mitteilung Nachricht Interaktion - Eine Begriffsklärung 8
2.2 Das 2. Axiom 9
2.3 Das 1. Axiom 11
2.4 Das 3. Axiom 15
2.5 Das 4. Axiom 16
2.6 Das 5. Axiom 19
3 Rekalibrierung 21
4 Kritische Betrachtung 22
4.1 Zur Ordnung der Systeme 24
4.2 Faktorenbestimmung 26
5 Abschließende Betrachtung 29
L i t e r a t u r v e r z e i c h n i s S 3 0
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Einleitung
Nicht nur in der Sprachwissenschaft ist man seit langem bemüht, Kommunikation durch die Bestimmung struktureller Merkmale und die Entwicklung von Modellen als Untersuchungs-gegenstand greifbar zu machen. Einen solchen Beitrag lieferte in den 1960er und 70er Jahren der Psychologe Paul Watzlawick durch seinen Versuch, Gesetzmäßigkeiten menschlicher Kommunikation zu benennen.
In dem 1969 erstmals erschienenem Buch „Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien.“ (”Pragmatics of Human Communication: A Study of Interactional Patterns, Pathologies and Paradoxes” ), das er gemeinsam mit seinen Kollegen Janet H. Beavin und Don D. Jackson verfasste, stellt Watzlawick die interessante Idee einer Systematisierbarkeit der Pragmatik in den Raum. Wie es im Bereich der Syntatik und Semantik bereits möglich ist, Regeln zu formulieren und Aussagen über die Wahrscheinlichkeit im Auftreten bestimmter Satzkonstruktionen oder Wortverwendungen zu treffen, soll es auch auf pragmatischer Ebene gelingen können, Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und systematisch aufzuschlüsseln, welche kommunikativen Handlungen einander bedingen.
Ziel dieser Arbeit ist es, den theoretischen Ansatz Watzlawicks übersichtlich vorzustellen und kritisch in den Blick zu nehmen.
Es soll in Kapitel 1 zunächst der aus Watzlawicks psychologischem Erkenntnisinteresse resultierende, systemtheoretisch ausgerichtete Forschungsansatz knapp beleuchtet werden. In einem weiteren Schritt (Kapitel 2) werden grundlegende Inhalte seiner Kommunikationstheorie, geordnet nach den von Watzlawick formulierten „pragmatischen Axiomen“, vorgestellt. Das 3. Kapitel ergänzt diese Erläuterungen um die des Prinzips der Rekalibrierung, ein im Zusammenhang des systemorientierten Ansatzes relevantes Phänomen. Die Arbeit wird mit einer kritischen Betrachtung des vorgestellten Forschungsansatzes abschließen (Kapitel 4 u. 5), in welcher die Frage untersucht wird, welche Aussichten auf der Grundlage von Watzlawicks Arbeit zu einer tatsächlichen Systematisierung der Pragmatik bestehen.
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1 Der Forschungsansatz
Paul Watzlawicks Forschungsinteresse auf dem Gebiet der menschlichen Kommunikation resultiert aus seiner berufspraktischen Erfahrung als Psychotherapeut, ein Beruf, der ihn vor die Herausforderung stellte, sogenanntes gestörtes (psychopathologisches) Verhalten 1 seiner Klienten oder Patienten zu erklären, um Handlungsanregungen geben zu können. Watzlawicks Herangehensweise ist dabei durch zwei Ansätze im Besonderen gekennzeichnet.
Der erste besteht in seiner systemtheoretischen Orientierung. Egal ob es sich um vereinzelte Begegnungen einander fremder Personen handelt oder um dauerhafte Familienverbände, Freundschaften oder auch gemeinsame Arbeitsverhältnisse etc., Watzlawick betrachtet jegliche dieser „Beziehungen“ als komplexe, sich selbst regulierende und offene Systeme, in denen allgemein systemimmanente Regeln Geltung haben. 2 Da diesen folgend jede Veränderung eines Einzelelementes sich auf das Gesamtsystem auswirken kann, verneint Watzlawick die Erfolgsaussicht therapeutischer Bemühungen, deren Diagnosen sich nur auf Einzelindividuen beziehen, denn Schizophrenie und andere Pathologien stellen für ihn Störungen des zwischenmenschlichen Beziehungssystems dar, in dem sie auftreten, und können dementsprechend erst über eine Betrachtung des Gesamtsystems und seiner Umwelt erklärt werden. 3
Der zweite wesentliche Ansatz Watzlawicks resultiert aus der Feststellung eines Problems, das in der fehlenden Möglichkeit besteht, intrapsychische Vorgänge objektiv zu untersuchen. 4 Psychologie und Psychiatrie sind darauf angewiesen, Verhalten zu beobachten und rückschließend unbeweisbare Vermutungen über die innerseelischen Prozesse anzustellen, die dem Verhalten vermeintlich zugrunde liegen. Aus dieser „Unmöglichkeit, die Seele an der Arbeit zu sehen“ zieht Watzlawick die Konsequenz, seine Forschung allein auf beobachtbare Phänomene, auf die „Ein- und Ausgaberelationen menschlicher Beziehungen“, auszurichten. 5 Damit gerät die Frage nach dem ‚Warum’ zugunsten der Bemühungen, das ‚Wie’ zu verstehen in den Hintergrund.
Beide Untersuchungsansätze, sowohl die Konzentration auf menschliche Beziehungen als auf beobachtbare Phänomene, führen Watzlawick zum Forschungsfeld der menschlichen Kommunikation, die er als Medium der beobachtbaren Manifestationen menschlicher Beziehungen
1 Watzlawick, Paul/ Beavin, Janet H./ Jackson, Don D.: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. (11. unveränderte
Aufl.) Bern: Verlag Hans Huber, 2007. S. 22
2 Ebenda. S. 116.
3 Ebenda. S. 21 f.
4 Zu einem geringen Grad kann die Neuropsychologie dies heutzutage aber tatsächlich leisten.
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sieht. Es ist die Frage, wie die menschliche Kommunikation das Verhalten der Teilnehmer beeinflusst und damit ihr pragmatischer Aspekt, dem Watzlawicks Aufmerksamkeit gilt. 6
Kommunikation als System
Die Orientierung am Beobachtbaren hat zur Folge, dass Intentionalität oder Nichtintentionalität menschlichen Verhaltens keine relevanten Untersuchungskriterien darstellen können. Ob Person A Person B unabsichtlich oder absichtlich mit einem falschen Namen anspricht, ist für die Forschung ebenso wenig überprüfbar, wie für Person B, die jedoch in irgendeiner Weise darauf reagieren wird. Die Reaktion der Person B findet statt und gründet sich wahrscheinlich auf ebenfalls nicht beobachtbare Vermutungen hinsichtlich der Intentionalität A’s, erweist sich aber als unabhängig von der tatsächlichen Motivation der Person A. Das System präsentiert sich als eine Gleichung mit vielen Unbekannten im intrapsychischen Bereich, selbst unter Einbezug von Erkenntnissen der Neuropsychologie lassen sich die Prozesse nicht vollständig erklären. Das System ist nicht in dem Maße durchschaubar, dass eine theoretische Rekonstruktion, die Abbildung eines vollständigen Bauplans möglich wäre, was aber untersuchbar wird, ist seine praktische Funktionalität. Der systemtheoretische Ansatz beinhaltet eine Analyse der menschlichen Kommunikation, die sich nicht auf die Sender-Zeichen- oder Empfänger-Zeichen-, sondern auf die Sender-Empfänger-Relation richtet, der Zeichenbegriff wird „eliminiert.“ 7 Jeder kommunikative Akt bewirkt eine Reaktion beim Empfänger, die wiederum Auswirkungen auf das Verhalten des Senders hat; es besteht eine sich fortsetzende „Rückkopplung“. 8 Hinsichtlich kurzer und in ihrer Teilnehmerkonstellation einmaliger Kommunikationsabläufe, wie etwa gegenseitigem Grüßen einander fremder Personen, kann diese Feststellung kaum von Belang sein, denn die Kommunikation bricht rasch ab. 9 In dauerhafteren zwischenmenschlichen Beziehungen bauen sich jedoch aufgrund der Rückkopplungsdynamik komplexe Kommunikationsstrukturen auf. Innerhalb dieses Systems sei letztendlich kein kommunikatives Ereignis, abgesehen von der allerersten Mitteilung, unabhängig von den übrigen. Watzlawick spricht hierbei von der „Kreisförmigkeit der Kommunikationsabläufe“. 10
Eine Konsequenz dieser Betrachtungsweise ist, dass Watzlawick sämtliche Versuche einer Trennung von Ursache und Wirkung zumeist als zum Scheitern verurteilt und für die Über-
5 Watzlawick/Beavin/Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 45.
6 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 22.
7 B.-Vos erklärt Watzlawicks Herangehensweise deshalb als „apragmatisch“. Siehe: Bremerich-Vos: Warnung vor Watzlawick. In: Studium
Linguistik 16 (1985), S. 62-77. S. 65.
8 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 29 f.
9 Ebenda. S. 125.
10 Ebenda. S. 47 f.
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windung pathologischer Verhaltensweisen als wenig hilfreich ansieht. Der historische Anfang des Kommunikationsverlaufs fällt nach Watzlawicks Verständnis mit dem Beginn der Beziehung zusammen und ist dementsprechend meist weder erinnerbar noch der Schlüssel zur Durchbrechung etablierter Kommunikationsstrukturen. 11 Watzlawick vermutet aber eine Regelmäßigkeit der Kommunikationsabläufe, die sich in Wiederholungsprozessen abbildet. Bedingt seien diese durch die Ausrichtung der Systemfunktionen auf das Ziel innerer Stabilität.
Wenn ein System mit der Fähigkeit ausgestattet ist, einmal geleistete Anpassungen für künftige Anwendungen zu speichern, so bringt dies eine drastische Veränderung in der Wahrscheinlichkeit seiner Verhaltensabläufe mit sich [...] in dem Sinn, daß gewisse Verhaltensformen häufiger auftreten und damit
wahrscheinlicher werden als andere. 12
Eine Mutter, die lernt, dass es ihr Kind beruhigt, diesem etwas vorzusingen, wird dieses Verhalten bei kommunizierter Unruhe häufiger an den Tag legen. Im Laufe der Entwicklung jener Beziehung, werden sowohl die Mutter als auch das Kind bewusste und unbewusste Verhaltenstrategien entwickeln, um typischen Verhaltensmustern des Kommunikationspartners zu begegnen. Wechselseitige Verhaltensformen schleifen sich ein. 13 Theoretisch könnte diese Regelmäßigkeit hinsichtlich der Kommunikationsabläufe Wahrscheinlichkeitsprognosen erlauben. Es ließe sich feststellen, dass Verhaltensweise a als Reaktion die Verhaltensweisen b, c, h, oder r zulassen würde nicht aber d, g oder i. Es ließen sich theoretisch Angaben darüber machen, mit welcher Wahrscheinlichkeit Verhaltensweise b im Gegensatz zu c zu erwarten wäre. 14 Dies kann mehr oder weniger davon abhängig sein, ob Verhaltensweise a ihrerseits eventuell in Kombination mit j oder y auftrat und sich als eine Reaktion auf Verhaltensweise q oder gar z ausnahm. Beachtet man Watzlawicks Hinweis darauf, dass in offenen Systemen auch der Kontext die kommunikativen Abläufe mitbestimmt 15 , ergibt sich, dass auch Umweltfaktoren in der Rechnung berücksichtigt werden müssten. Diese kombinatorischen Gesetze sind jedoch nicht nur wandelbar 16 , sondern müssten auch, da durch die Struktur des Systems bedingt, demnach in jeder zwischenmenschlichen Beziehung andere sein. Die Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungssysteme macht derartige Prognosen in der Praxis so überaus schwierig.
11 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 57 ff.
12 Ebenda. S. 35.
13 Der Begriff der Stabilisierung darf dabei nicht mit der Formung einer „gesunden“ Beziehung verwechselt werden. Ein Paar, das vermei-
det, über Gefühle zu sprechen, vermag so emotionale Überforderung durch den jeweils anderen und daraus folgende Konflikte umgehen und
die innere Stabilität der soweit funktionalen Beziehung aufrecht erhalten, diese aber gleichzeitig, aufgrund fehlender Modifizierbarkeit im
Falle wechselnder Umweltbedingungen, angreifbar machen.
14 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 43.
15 Ebenda. S. 23 / 117f.
16 Siehe Kapitel 3. Rekalibrierung u. Kapitel 4.1. Zur Ordnung der Systeme !
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Für diese durch die Abhängigkeiten ihrer Einzelelemente bestimmte Struktur gebraucht Watzlawick den Begriff der „Redundanz“. 17 Wenngleich die kombinatorischen Gesetze schwer erkennbar und formulierbar seien, seien sie doch wirksam und die Redundanz vorhanden. Mit Bezug auf die von Charles W. Morris in der Semiotik vorgenommene Dreiteilung nach Syntaktik, Semantik und Pragmatik, hebt Watzlawick hervor, dass bereits aufschlussreiche Untersuchungen zur Redundanz in den Bereichen der Syntaktik und Semantik angestellt worden seien und der Sprachwissenschaft erlaubten, etwa die „Wahrscheinlichkeit des Auftretens oder die Rangordnung von Buchstaben oder Wörtern in einer bestimmten Sprache an[zu]geben.“ 18
Bei jedem Menschen sei eine, wenn auch meist unbewusste, doch umfangreiche Kenntnis der syntaktischen, semantischen und pragmatischen Regeln, die durch die Struktur der Systeme bedingt sind, vorhanden. 19 Im Deutschen beispielsweise sind wir in der Lage, die syntaktische Fehlerhaftigkeit des Satzes „großer ein Napoleon war Mann“ oder die semantische Unzulänglichkeit der Aussage „Mann war ein großer Napoleon“ zu erkennen, und auch auf pragmatischer Ebene wissen wir, dass auf die Frage „wie geht es dir?“ eine Antwort wie „danke, gut“ angemessen ist, während die mögliche Antwort „Napoleon war ein großer Mann“ zwar syntaktisch und semantisch korrekt erscheint, aber unser Empfinden darüber, was richtige Kommunikation ist, verletzt.
Auch auf pragmatischer Ebene verringert jeder Austausch von Mitteilungen die Zahl der nächstmöglichen Mitteilungen. 20 Es sind Erscheinungen jener pragmatischen Redundanz, nach denen Watzlawick forscht.
Die von Watzlawick und anderen Sprachwissenschaftlern angestellte Analysearbeit, die Aus-einandersetzung und der theoretisierende Austausch über Abläufe und Regeln der Kommunikation bezeichnet er als „Metakommunikation“: die Kommunikation wird zum Gegenstand weiterer Kommunikation. Was Watzlawick hier jedoch beklagt ist, dass es, anders als in der Metamathematik, an einem metasprachlichen Begriffssystem fehle, über welches sprachwissenschaftlich-pragmatische Analyseergebnisse formuliert werden könnten, denn unsere „na- türliche“ Sprachewerde der Komplexität des Phänomens nicht gerecht. Ein solches Begriffssystem müsste sich jedoch komplexer ausnehmen als das System, das sie beschreibt. 21
17 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 34 ff.
18 Ebenda. S. 36. Watzlawick verweist hierbei auf Untersuchungen durch Claude E. Shannon, Rudolph Carnap und Y. Bar-Hillel.
19 Ebenda.. S. 36.
20 Ebenda. S. 126.
21 Ebenda. S. 41 ff.
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So sagt Watzlawick selbst, dass „jeder Versuch einer Systematisierung der Pragmatik als Ausdruck von Ignoranz und Überheblichkeit erscheinen [muß]“. Was er trotz allem beabsichtigt ist, einige erste Schritte in jenes noch weitgehend unerschlossene Forschungsgebiet zu wagen, „Denkmodelle zu formulieren und Sachverhalte zu veranschaulichen, die die Gültigkeit dieser Modelle zu unterbauen scheinen“, in der Hoffnung, dass diese Ergebnisse in der Zukunft auch im Rahmen anderer Wissenschaftszweige aufgegriffen werden könnten. 22
2 Die fünf „pragmatischen Axiome“
Watzlawick beginnt damit, die „einfachsten Eigenschaften der Kommunikation“ festzustellen und formuliert aus seinen Untersuchungen heraus fünf „pragmatische Axiome“, 23 deren Verletzung er als Merkmal gestörter (pathologischer) Kommunikation beschreibt. 24 Diese Axiome werden im Folgenden vorgestellt, dies jedoch in etwas veränderter Reihenfolge. Für eine detaillierte Betrachtung des 1. Axioms, erscheint der Rückgriff auf Begriffe sinnvoll, welche Watzlawick in seinem 2. Axiom einführt, weshalb das 2. hier vor dem 1. Axiom behandelt wird. Zuvor bedürfen außerdem erst einige der von Watzlawick gebrauchten Begriffe einer Klärung.
2.1 Kommunikation; Mitteilung; Nachricht; Interaktion - Eine Begriffsklärung Watzlawick setzt den zentralen Begriff der ‚Kommunikation’ mit den Begriffen des „Informa- tionsaustausches“ und,wie noch erläutert werden wird, mit dem des „Verhalten[s]“ gleich. Das Material der Kommunikation seien nicht nur Worte, sondern ebenso alle „paralinguisti- schenPhänomene“ sowie die „Körpersprache“.
Für den kleinsten beobachtbaren Kommunikationsprozess verwendet er den Begriff der „Mit- teilung“ („einzelne Kommunikation“), dievon einem Sender an einen Empfänger übermittelt wird. Der Begriff findet auf jeden kommunikativen Akt Anwendung, unabhängig davon, ob es dem Sender gelingt, sich dem Empfänger verständlich zu machen und unabhängig davon, ob der Sender sich bewusst mitteilt oder nicht. Der Begriff der ‚Mitteilung’ scheint somit für Watzlawick in Abgrenzung zur „Nachricht“ zu stehen, für die noch „ein semantisches Übereinkommen“ zwischen Sender und Empfänger vorausgesetzt ist. Sobald ein „wechselseitiger
22 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 13.
23 Ebenda. S. 50 ff.
24 Ebenda. S. 44
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Ablauf von Mitteilungen zwischen zwei oder mehreren Personen“ stattfindet, gebraucht Watzlawick den Begriff der „Interaktion“. 25
2.2 Das 2. Axiom
Watzlawicks Formulierung seines zweiten Axioms lautet: „Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, derart, daß letzterer den ersteren bestimmt und daher eine Metakommunikation ist.“ 26
Er erklärt den Inhaltsaspekt als Information, die der Empfänger der Mitteilung entnehmen kann, wobei es für die Anwendung des Begriffs ‚Inhalt’ unwichtig ist, ob die Information „wahr oder falsch, gültig oder ungültig oder unentscheidbar“ ist. Den Beziehungsaspekt beschreibt Watzlawick als einen in jeder Mitteilung gegebenen Hinweis darauf, wie ihr Sender sie vom Empfänger verstanden haben wünscht. Der Sender definiert darüber, wie er seine Beziehung zum Empfänger sieht. 27
Das einfachste Beispiel zur Veranschaulichung liegt im Kontrast der verbalen Mitteilungen: „Hilfst du mir bitte!“ und „Helfen Sie mir bitte!“ Die Mitteilungen sind sich inhaltlich gleich, der Sender übermittelt die Information, dass er vom Empfänger Hilfe wünscht. 28 Der Unterschied hinsichtlich der Beziehungsdefinition wird hier an den Worten ‚du’ oder ‚Sie’ deutlich. In diesem Beispielen geschah die Definition über ein einzelnes Wort in einer verbalen Mitteilung, doch so wie schon eine Mitteilung in körpersprachlicher Form und vielfältigen weiteren gesendet werden kann, kann auch der Beziehungsaspekt auf vielfältige und von der Übermittlung des Inhaltsaspektes abweichende Weise übermittelt werden. Wo die gesprochenen Worte den Inhalt einer Mitteilung leicht klar machen können, könnte es erforderlich sein, so Watzlawick, auf Intonation, Körpersprache etc. des Senders zu achten, um Aufschluss über den Beziehungsaspekt zu erhalten.
Dabei ist zu beachten, dass die vom Sender selten bewusst übermittelte Beziehungsdefinition 29 vom Empfänger weder in gleicher Weise verstanden noch akzeptiert werden muss. Jeder Beziehungspartner versucht, die Beziehung in seiner Weise zu gestalten, der andere akzeptiert
25 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 22, S. 23, S. 30, S. 50 ff.
Da die Intention des Senders, aufgrund ihrer fehlenden objektiven Überprüfbarkeit, in Watzlawicks Untersuchungen unberücksichtigt bleibt,
erscheint auch eine Begriffsdifferenzierung zwischen ‚Mitteilung’ und ‚Nachricht’ in seinen Ausführungen als nicht relevant.
26 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 56.
27 Ebenda. S. 53.
28 Die auch bei Bremerich-Vos vorgenommene Darstellung des Inhaltsaspektes in Form eines Satzes wie „ich möchte, dass du mir hilfst“,
kann nur eine Veranschaulichung sein. Die Information muss im Gehirn des Empfängers keineswegs in Form eines Satzes aufgenommen und
verarbeitet werden, denn auch jenseits der natürlichen Sprache ist Informationsverarbeitung möglich. Hinsichtlich der verbalen Mitteilung
„hilfst du mir bitte“ ist es nicht möglich eine strukturell korrekte Darstellung dessen zu geben, wie der Inhaltsaspekt aussieht. Ähnlich verhält
es sich mit dem Beziehungsaspekt; zum Problem der Struktur tritt hier noch das der Komplexität.
29 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 55.
Die Beziehungsdefinition kann sogar von einem Empfänger aufgenommen werden, ohne dass der Sender zuvor selbst die Möglichkeit hatte,
eine eigene Einschätzung der Beziehung zum Empfänger zu treffen, wie im nächsten Kapitel gezeigt werden wird.
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oder verwirft dieses Angebot. 30 Person A kann auf ein ‚Du’ mit einem ‚Sie’ antworten, weil sie das ‚Du’ entweder nicht als Ausdruck der von Person B empfundenen Vertrautheit aufgefasst hat oder, weil sie die Einschätzung A’s nicht teilt. In der kommunikativen Interaktion findet demnach ein fortwährender und nicht zu überschauender Austausch von Beziehungsdefinitionen statt. Das auf der einfachsten Stufe übermittelte: „so sehe ich mich/ so sehe ich dich“ erhält seine Antwort: „so sehe ich dich/ so sehe ich mich“ und hat sich in der nächsten Mitteilung schon weiterentwickelt zu: „so sehe ich mich von dir gesehen/ so sehe ich dich, dass du dich von mir gesehen siehst“. 31
Die Bestätigung der übermittelten Beziehungsdefinition durch Kommunikationspartner sei, so Watzlawick, wichtig für die geistige Stabilität und Entwicklung des Individuums. Menschliche Kommunikation erklärt sich deshalb nicht nur aus dem Drang zum Informationsaustausch sondern ebenso aus dem Bedürfnis jedes Individuums nach „Erhalt des Ichbewusstseins“. 32 Umso belastender wirkt sich eine „Entwertung“ der Kommunikation auf der Beziehungsebene aus, die dann eintreten kann, wenn übermittelte Beziehungsdefinitionen nicht als wahr angenommen oder falsch zurückgewiesen, sondern als unentscheidbar behandelt werden, wie in Watzlawicks Beispiel einer Ehefrau, deren Problem darin lag, nicht erkennen zu können, wie sie mit ihrem Mann stand, denn er pflegte sie grundsätzlich, fern jeder Differenzierung, zu loben und zu bestätigen. 33
Praktische Relevanz kann die Unterscheidbarkeit von Inhalts- und Beziehungsaspekt insofern haben, als beide Ebenen unabhängig voneinander die Kommunikation bestimmen können. Einigkeit oder Uneinigkeit können auf einer Ebene bestehen und auf der anderen nicht. Zu Verstrickungen kann es führen, wenn auf einer Ebene vorhandene Probleme, auf der anderen zu lösen versucht werden. Ein Kind, das sein Zimmer selbst für unordentlich hält, kann dennoch inhaltlich dagegen argumentieren, es aufräumen zu müssen, nachdem es Anstoß an der vorwurfsvollen Forderung der Mutter auf der Beziehungsebene genommen hat. Andersherum könnte die Empfindung bedrohter Autorität seitens der Mutter, also ein Problem auf der Beziehungsebene, dazu führen, vom Kind Handlungen einzufordern, zu denen auf inhaltlicher Ebene kein Bedarf besteht, wie etwa ein aufgeräumtes Zimmer aufzuräumen. Die Natur der Verstrickung ist den Kommunikationspartnern meist nicht bewusst. 34
30 Vgl. Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 127.
31 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 89. Es wird in dieser Darstellung die Komplexität einer Beziehungskons-
tellation verdeutlicht. Wenn bei Watzlawick und in dieser Arbeit Beziehungen thematisiert werden, so lassen sich diese nicht adäquat in
einem Wort wie ‚Liebesbeziehung’ oder mit Hilfe von Begriffen wie ‚dominant’ oder ‚untergeben’ abbilden. Beziehungen sind definiert
durch die Gesamtheit unzähliger implizierter und voneinander abhängiger Verhaltensmuster.
32 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 84.
33 Ebenda. S. 86 f.
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Für Watzlawick ist neben der Existenz der beiden Aspekte auch deren Relation zueinander von Belang. Da es sich bei den auf der Beziehungsebene übermittelten Informationen um Hinweise darauf handelt, wie die gesamte Mitteilung verstanden werden soll, übermittelt der Beziehungsaspekt eine Information über eine Information, welche damit, laut Watzlawick, einem „höheren logischen Typus“ als die Informationen der Inhaltsebene angehört. Leicht erkennbar wird dies in der Äußerung: „das hast du ja toll gemacht“. Um dem eine inhaltliche Information zu entnehmen, bedarf es nur der Kenntnisse bezüglich Semantik und Syntax und des Hörsinnes, der es erlaubt, das Gesagte wahrzunehmen. Um auch den Beziehungsaspekt wahrnehmen zu können, muss der Empfänger auch mit pragmatischen Regeln des menschlichen Umgangs allgemein oder den pragmatischen Regeln seiner Beziehung im Speziellen vertraut sein und beispielsweise erst über die Intonation oder Körpersprache des Senders erkennen, dass dieser die Äußerung in diesem Fall als ironisch und das inhaltliche Lob nicht als solches zu verstehen wünscht. Die Information der Inhaltsebene wird hier auf der Beziehungsebene revidiert und das Gegenteil zum gültigen Interpretationsansatz erklärt. Der Beziehungsaspekt bestimmt so den Inhaltsaspekt; dieses Verhältnis nimmt Watzlawick zum Anlass, den Beziehungsaspekt einer Mitteilung als „metakommunikativ“ zu bezeichnen. 35
Der Gebrauch des Begriffes der ‚Metakommunikation’ in diesem Zusammenhang ist jedoch zu unterscheiden von der Metakommunikation, die in wissenschaftlichen Untersuchung sprachlicher Phänomene stattfindet. Beiden metakommunikativen Ebenen ist gemein, dass auf ihnen Kommunikationsprozesse stattfinden, die wiederum Kommunikation zum Gegenstand haben. Beim Sprechen über Kommunikation geschieht die Metakommunikation weit bewusster als dies in der Übermittlung eines Beziehungsaspektes geschieht. Watzlawick selbst versäumt es, diese unterschiedlichen Formen der Metakommunikation klar voneinander abzugrenzen.
2.3 Das 1. Axiom
Watzalawicks Formulierung seines ersten Axioms lautet: „Man kann nicht nicht kommunizieren“. 36 In dieser Kürze vorgebracht, lädt es jedoch schnell zu Anfechtungen ein, denn Watzlawick verzichtet darauf, die in seiner Herleitung getroffenen Einschränkungen in die Formulierung aufzunehmen.
34 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 79 ff.
35 Ebenda. S. 55f.
36 Ebenda. S. 53.
11
Wesentlich zum Verständnis ist zunächst seine Neuhierarchisierung und Gleichsetzung einiger in der linguistischen Pragmatik zumeist getrennter Begriffe. Da Watzlawick die Frage der Intentionalität oder Nichtintentionalität menschlichen Verhaltens, als wissenschaftlich nicht überprüfbar, aus seinen Betrachtungen ausklammert, bedarf es für ihn keiner Unterscheidung von ‚Verhalten’ und ‚Handlung’. Dass ‚Interaktion’ hier als Phänomen der bei Watzlawick übergeordneten ‚Kommunikation’ verstanden wird, trifft bereits den Kern der Argumentation, die schließlich auch zwischen ‚Verhalten’ und ‚Kommunikation’ nicht mehr scharf trennt. 37 Watzlawick erinnert in seiner Herleitung daran, dass auch paralinguistische Phänomene, wie Sprechpausen oder Lachen und ebenso körpersprachliche als kommunikative Akte gesehen werden können. Erkennt man an, dass auf gleiche Weise jegliches Verhalten, also auch Schweigen oder anders ausgedrückte Teilnahmslosigkeit, von Anderen interpretiert wird, lässt sich auch dieses als Kommunikation verstehen.
Die Unmöglichkeit, nicht zu kommunizieren, folgt daraus, dass „alles Verhalten in einer zwischenpersönlichen Situation Mitteilungscharakter hat“ 38 , also zwangsläufig von den Anwesenden gedeutet wird, die wiederum selbst keine Möglichkeit haben, nicht darauf zu reagieren, sich nicht zu verhalten und nicht zu kommunizieren. Watzlawick wählt das Beispiel eines Mannes, der in einem „überfüllten Wartesaal“ mit geschlossenen Augen dasitzt und den Mitwartenden so mitteilt, weder sprechen noch angesprochen werden zu wollen. 39 Es ist zum genaueren Verständnis zu ergänzen, dass Andere sein Verhalten nicht in dieser Weise deuten müssen, ihn auch schlafend glauben könnten, dass aber das Verhalten ihrerseits, selbst, wenn es nur eine Fortsetzung bisherigen Verhaltens, wie etwa stilles Lesen wäre, zwangsläufig infolge einer Überprüfung der Angemessenheit im Kontext des Verhaltens vom Mann mit den geschlossenen Augen geschähe.
Bereits diese ereignisarme Situation enthält eine Fülle kommunikativer Elemente. Was als einzelne Mitteilung verstanden wird, richtet sich sowohl für den Sender als auch den Empfänger oder einen äußeren Beobachter nach der jeweils eigenen Wahrnehmung. So ließen sich das Sitzen mit geschlossenen Augen und das Schweigen des Mannes als einzelne Mitteilungen oder als Elemente einer Mitteilung auffassen. Der Inhaltsaspekt könnte in der Information bestehen: „dieser Mann sitzt mit geschlossenen Augen da und schweigt“ oder „dieser Mann
37 In der linguistischen Pragmatik wird intentionales Verhalten als ‚Handeln’ bezeichnet, partnerorientiertes Handeln als ‚Interaktion’ und
symbolische Interaktion als ‚Kommunikation’. Vergleiche: Linke/ Nussbaumer/ Portmann: Studienbuch Linguistik. S.197
38 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 51.
39 Ebenda. S. 51. Bremerich-Vos (S.66) wirft Watzlawick anhand dieses Beispiels vor, seinen eigenen Vorsatz, der Orientierung am
Beobachtbaren zu übergehen, indem er Vermutungen über die intrapsychische Motivation des Mannes im Wartesaal anstellt. In diesem
Beispiel interpretiert Watzlawick jedoch nicht, sondern erschafft den Wartenden samt seiner Motivation erst und macht die erläuterten Vor-
gänge für seine Leser so transparenter.
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schläft.“ 40 Ein Teil der Beziehungsdefinition des Mannes zu den Anwesenden wird unter anderem darin ausgedrückt, dass er sich nicht dazu angehalten sieht, wach zu bleiben oder die Anwesenden zumindest im Blick zu behalten, ihre Gegenwart also offenbar nicht als körperlich bedrohlich empfindet.
Versteht man, wie Watzlawick es tut, also jede Form des Verhaltens in zwischenpersönlichen Situationen als Kommunikation, so offenbart sich die Beziehungsebene bereits in jeglicher Form des Umgang mit der Gegenwart des Anderen. Was getan werden sollte, was unterlassen werden kann, richtet sich nach einer zwangsläufig zu treffenden Einschätzung des zwischenpersönlichen Kontextes.
Die zwischenpersönliche Situation
In dem von Watzlawick nicht näher erläuterten Begriff der „zwischenpersönlichen Situation“ liegt eine wesentliche Bedingung seines ersten Axioms und zugleich das einzige Differenzierungskriterium zwischen einem allgemeineren Verhaltensbegriff und dem der ‚Kommunikation’. Was Watzlawick unter einer zwischenpersönlichen Situation versteht, lässt sich aus seinen kommunikationstheoretischen Ausführungen nur ableiten.
Wenn Person A allein und von niemandem gesehen eine Straße überquert, so kann dies, solange es an einem Empfänger, also einer weiteren Person B fehlt, nicht als kommunikativer Akt, wohl aber als Verhalten bezeichnet werden, denn erst in zwischenpersönlichen Situationen hat Verhalten Mitteilungscharakter. Von einer Mitteilung kann nur die Rede sein, wenn gleichzeitig Inhalts- und Beziehungsaspekt übermittelt werden. Sollte A nun heimlich von Person B beobachtet werden, kann immer noch nicht von einer Mitteilung durch A gesprochen werden, denn solange Person B sich darüber bewusst ist, dass Person A sie nicht wahrnimmt, kann sie Person A’s Verhalten zwar interpretieren, jedoch keine Information darüber entnehmen, wie Person A ihr Verhalten zu verstehen wünscht oder wie sie sich selbst bezogen auf B sieht. Kurz, ein Beziehungsaspekt schließt sich aus, es handelt sich nicht um eine zwischenpersönliche Situation.
Anders liegt der Fall, wenn B annimmt, von Person A wahrgenommen worden zu werden, selbst wenn dies nicht geschieht. Das Verhalten A’s kann von B nun als Mitteilung aufgenommen werden, obwohl Person A nicht signalisieren konnte, wie sie ihr Verhalten verstanden haben möchte, denn der veränderte Interpretationsansatz B’s erschafft sich einen ver- 40 Aufdie Problematik der strukturellen Darstellbarkeit des Inhaltsaspektes ist bereits verwiesen worden. Siehe Kapitel 2.2 !
13
meintlich übermittelten Beziehungsaspekt. 41 B könnte nun glauben, absichtlich nicht von A gegrüßt worden zu sein. Das Verhalten A’s hat also unabhängig von dessen Intention, pragmatische Handlungskonsequenzen bei Person B, die ihr Verhalten darauf ausrichtet. Ein weiteres Beispiel: A telefoniert mit B. Person B stellt A eine Frage, vernimmt aber durch den Telefonhörer keine Antwort. Sofern B nun annimmt, dass die gegenseitige (in diesem Fall) akustische Wahrnehmung gewährleistet ist, muss sie vermuten, dass A schweigt und ihre Schlüsse daraus ziehen. B kann aber auch von einer Störung in der Leitung ausgehen und damit eine gegenseitige Wahrnehmung als nicht mehr gegeben ansehen. Die zwischenpersönliche Situation wird dadurch für Person B unter- oder abgebrochen und Person A kann, ohne es zu ahnen, tatsächlich nicht kommunizieren.
Diese beiden Beispiele verdeutlichen, dass der Fall der Kommunikation, der untrennbar mit dem Begriff der ‚zwischenpersönlichen Situation’ verbunden scheint, schon durch die subjektiven Einschätzungen einer Person bestimmt sein kann, welche die Mitteilungen des/der Anderen erschaffen oder auch nicht als solche (an)erkennen kann.
Watzlawicks Begriff der ‚zwischenpersönlichen Situation’ scheint sich auf alle Situationen zu beziehen, in denen sich mindestens zwei Personen in gegenseitiger Wahrnehmungsreichweite befinden und eine tatsächlich stattfindende gegenseitige Wahrnehmung von mindestens einer der Personen angenommen wird.
Komplizierter wird es bei zeitverzögerter Kommunikation wie im folgenden Beispiel: A schreibt einen Brief, den B am nächsten Tag liest. Die gegenseitige Wahrnehmung ist abstrakter Natur. A nimmt B beim Schreiben des Briefes insofern wahr, als Person B als Empfänger in der Zukunft (wenn auch noch als Gedankengebilde A’s) angesprochen wird, so wie auch B Person A als Sender im Brief selbst wahrnimmt. Sobald B den Brief liest, ist die zwischenpersönliche Situation hergestellt, denn Person B hat, sofern sie sich als Adressat versteht und somit als von A wahrgenommen, keine Möglichkeit, den Brief nicht als Mitteilung zu deuten und A dadurch kommunizieren zu lassen.
Das Verhältnis der Begriffe ließe sich also folgenderweise darstellen:
41 Eine Kritik an Watzlawicks Begriffsbestimmung ist dringend angebracht: dadurch, dass sich der Verlauf der Kommunikation darauf
begründet, welchen Beziehungsaspekt der Empfänger aus der Mitteilung herausließt, erscheint es problematisch, den Beziehungsaspekt
schlicht als die Verstehensanweisung zu definieren, die der Sender dem übermittelten Inhaltsaspekt beigibt.
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+ Zwischenpersönliche Situation - zwischenpersönliche Situation
2.4 Das 3. Axiom
Watzlawicks Formulierung seines dritten Axioms lautet: „Die Natur einer Beziehung ist durch Interpunktion der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt.“ 42 Der Begriff ‚Interpunktion’ bezeichnet eine Form der subjektiven Gliederung des Kommunikationsprozesses durch die Teilnehmer. Es ist bereits dargelegt worden, dass Watzlawick Kommunikation als Rückkoppelungskreislauf versteht, in dem weder Anfang noch Ende bestimmbar sind und sich gewisse Verhaltensweisen immer wieder zeigen. Für die Teilnehmer erscheint die Kommunikation jedoch nicht als ununterbrochene Folge wechselseitiger Mitteilungen. Die für den Menschen wichtige selektive Wahrnehmung, vereinfacht die Wirklichkeit. Kognitiver Überforderung angesichts allzu komplexer Kontexte wird so entgegengewirkt. 43 Um das eigene Verhalten organisieren zu können, muss den Abläufen eine Struktur zugrundegelegt werden, und indem die Interaktionsteilnehmer etwa an bestimmten Stellen der ungebrochenen Mitteilungsfolge aus ihrer subjektiven Wahrnehmung heraus Zäsuren setzen und vermeintliche Ursachen und Wirkungen bestimmen, so erklärt Watzlawick, interpunktieren sie. 44 Über diese Art der wiederholten Akzentsetzung werden Beziehungsstrukturen hergestellt, die als praktische Regeln für wechselseitige Verhaltensverstärkungen fungieren. 45
In einer Beziehung, in welcher Person A zu bestimmen pflegt, wie Person B sich zu verhalten hat, mögen beide die Folgsamkeit B’s als Reaktion auf die Vorgaben A’s betrachten und nach Watzlawicks Ansicht nicht berücksichtigen, dass Person B’s immer wieder neu signalisierte fehlende Entschlussbereitschaft oder zumindest ihre Akzeptanz der Entscheidungen von Person A, diese wiederum in ihrem gewohnten Verhalten bestärken wird und damit auch eine
42 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 61.
43 Siehe auch: Ebenda. S. 92 f.
44 Watzlawick bedient sich zur Veranschaulichung des Beispiels der mathematischen Reihe R= a-a+a-a+a-a+a-a+a-... , die sich wie auch ein
Kommunikationsablauf unterschiedlich gliedern lässt. z. Bsp. R= (a-a)+(a-a)+(a-a)+...
45 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 58.
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Ursache darstellt. Auch die vermeintliche Führerposition ist nur eine Rolle, die insofern keine Eigenständigkeit beinhalte, als sie stets eines Geführten bedarf. 46 Die zwangsläufig zur kognitiven Verarbeitung der Umweltwahrnehmung stattfindende Interpunktion ist also eine subjektive Deutung der Wirklichkeit und kann sich von der Wahrnehmung und Deutung durch den/die InteraktionspartnerIn unterscheiden. Aus diesen unterschiedlichen Annahmen von objektiver Wirklichkeit kann sich Konfliktpotential entwickeln. Die stets auf Fremdaggression und eigene Reaktion verweisende Argumentation der beiden Parteien des Kalten Krieges, stellt ein typisches und gefährliches Beispiel unterschiedlicher Interpunktion dar. 47
Vermeintliche sich selbst erfüllende Prophezeiungen werden für Watzlawick so aus der Interpunktion erklärbar: ein Mensch, der annimmt, nicht respektiert zu werden, kann durch das aus dieser Annahme heraus entwickelte Misstrauen gegenüber Anderen, wiederum gerade deren Antipathien hervorrufen, sein Misstrauen aufgrund der Interpunktion jedoch nicht als Ursache begreifen und den ihm fortan verwerten Respekt als Bestätigung seiner Vermutung werten. 48
2.5 Das 4. Axiom
Watzlawicks Formulierung seines vierten Axioms lautet:
„Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten. Digitale Kommunikationen haben eine komplexe und vielseitige logische Syntax aber eine auf dem Gebiet der Beziehungen unzulängliche Semantik. Analoge Kommunikationen hingegen besitzen dieses semantische Potential, ermangeln aber die für eindeutige Kommunikation erforderliche logische Syntax.“ 49
Es soll zunächst verdeutlicht werden, was von Watzlawick als analoge und was als digitale Kommunikation verstanden wird.
Von analoger Informationsübermittlung kann dann die Rede sein, wenn zwischen dem Sachverhalt (Designatum), auf den verwiesen wird, und den Daten, welche diesen Verweis leisten, eine Ähnlichkeitsbeziehung besteht. Zwei erhobene Finger können auf zwei Getränke verweisen, die Ähnlichkeit liegt in der Anzahl. Ein gezeichneter Kreis kann auf die Sonne verweisen, deren Form er ähnelt. Bei einer Schallplatte entspricht die Auslenkung der Rille in ihrer Oberfläche der Amplitude der wiedergegebenen der Schallsignale. Sowohl der sprachwissen- 46 Watzlawick/Beavin/Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 58.
47 Ebenda. S. 61.
48 Ebenda. S. 61.
49 Ebenda. S. 68
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schaftliche Zeichentypus des ‚Ikons’ als auch des ‚Symptoms’, würden von Watzlawick als Mittel analoger Kommunikation verstanden werden.
Digitale Informationsübermittlung bedient sich Symbolen, also Zeichen, deren Beziehung zum Gegenstand, auf den sie verweisen, willkürlich ist. Der Begriff ‚digital’ fand erstmals Anwendung im Bezug auf die Arbeitsprozesse von sogenannten Digitalrechnern, in denen Daten als Instruktionen in Form von willkürlich zugeordneten Zahlen (digits) verarbeitet werden. In der menschlichen Kommunikation lassen sich die meisten Worte als digitale Zeichen verstehen. Das Wort ‚Sonne’ weist im Gegensatz zum gezeichneten Kreis keine Ähnlichkeit zur tatsächlichen Sonne auf, es ist nichts „Sonnenhaftes“ an ihm. Die Kodifizierung des Deutschen ordnet dem Sachverhalt der Sonne jenes Wort zu, „es besteht lediglich ein semantisches Übereinkommen für diese Beziehung zwischen Wort und Objekt.“ 50 Jede Abweichung von fest zugeordneten Zeichen in der menschlichen Kommunikation, also der Ton der Sprache und die begleitende Gestik, fast jedes Verhalten abseits verbaler Äußerungen, ist demnach analoge Kommunikation.
Watzlawick hebt hervor, dass nur im menschlichen Bereich beide Kommunikationsformen Anwendung finden und sich insofern beide ergänzen, als der Inhaltsaspekt jeder Mitteilung digital übermittelt werde, der Beziehungsaspekt dagegen „vorwiegend analoger Natur“ ist. 51
Aus der Natur dieser Formen der Informationsübermittlung ergeben sich Vor- und Nachteile ihrer Nutzung: aufgrund der Ähnlichkeitsbeziehungen zwischen Datenstruktur und Objekt in der analogen Übermittlung und der damit allgemeineren Gültigkeit, kann es zur erfolgreichen Kommunikation genügen, sich der Wahrnehmungsfähigkeit, also der entsprechenden Sensoren des Empfängers zu versichern. Auch wer nicht deutsch spricht, hätte die Möglichkeit, einen gezeichneten Kreis als Verweis auf die Sonne zu verstehen, solange die Person in der Lage wäre, die Kreisform optisch wahrzunehmen. Dem Empfänger digitaler Botschaften muss zudem jedoch der vom Sender verwendete Code, wie zum Beispiel die Semantik der deutschen Sprache bekannt sein. Ist dies der Fall können Informationen auf digitalem Wege präziser übermittelt werden, als dies über Analogien (ein Kreis könnte auch auf den Mond verweisen) möglich ist.
Wenn jedoch Beziehungen zum zentralen Thema der Kommunikation werden, erweist sich digitale Kommunikation als fast bedeutungslos, da es nicht nur allzu einfach ist, mit Worten unaufrichtig zu sein, sondern angesichts der Komplexität menschlicher Beziehungen auch kein ausreichendes Vokabular zur klaren Definition zur Verfügung steht. Analoger Kommu- 50 Watzlawick/Beavin/Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 62 f .
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nikation fehlt es jedoch an der Möglichkeit, abstrakte Begriffe oder grundlegende Sinnelemente wie ‚wenn-dann’, ‚entweder-oder’ darzustellen, und auch einfache Negation, welche verbal, durch das Wort ‚nicht’ geleistet werden kann, ist analog infolge des Fehlens negativer Größen nicht möglich. Ein Problem kann auch die Vieldeutigkeit analoger Informationsübermittlung darstellen, die vom Empfänger intuitive und kontextabhängige Entscheidungen darüber fordert, ob die Tränen des Senders Trauer oder Freude signalisieren, ein Lächeln etwa Sympathie oder Verachtung. Die Übersetzung analoger Informationen in digitale geschieht meist in der Weise, dass sie im Einklang mit dem Bild steht, welches der Empfänger von der Beziehung zum Sender hat. 52
Wenn Person A wahrnimmt, wie Person B weint und für sich gedanklich feststellt: „sie ist traurig“ oder „sie ist vor Rührung überwältigt“, dann hat eine Übersetzung vom Analogen ins Digitale stattgefunden. Als problematisch auswirken könnte sich dabei die naheliegende Annahme, dass es sich bei einer analogen Mitteilung um eine denotative Aussage handelt. Basierend auf den Arbeiten seines Mentors Gregory Batesons erklärt auch Watzlawick jegliche Analogiekommunikation ihrem Wesen nach als „Beziehungsappell“ oder „Vorschlag“. 53 Ein leicht verständliches Beispiel Batesons ist das einer Katze, die ihrem Besitzer vor dem Kühlschrank miauend um die Beine streicht, damit aber nicht ausdrückt: „ich will Milch“, denn dies würde bedeuten, dass das Tier sein Bettelverhalten variieren könnte, sollte es Fisch statt Milch wollen. Stattdessen appelliert die Katze schlicht: „sei meine Mutter!“ und beschwört eine Beziehungskonstellation, eine komplexe Regelsammlung, die unzählige mögliche Verhaltensweisen implizieren kann, aus denen der Empfänger kontextabhängig auswählen muss. 54
Ebenso würde Person B durch ihr Verhalten bewusst oder unbewusst an A appellieren und ein Verhalten einfordern, das bestimmt wird durch den Kontext der Situation und dem Verhaltensparadigma des jeweils beschworenen Beziehungskomplexes. Nach Bateson und Watzalwick drückt Person B durch ihr Weinen beispielsweise aus: „sei mein/e verständnisvolle/r Freund/in mit allem, was dazu gehört.“ Dieser Appell wäre insofern ein Beziehungsvorschlag als dessen positive oder negative Gültigkeit erst von Person A bestätigt werden müsste. 55
In der Ritualisierung entsprechender Kommunikationsabläufe sieht Watzlawick zugleich einen Prozess der Digitalisierung dieser. Wenn ein Hund seinem/seiner VersorgerIn den Fress-
51 Watzlawick/Beavin/Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 63; S. 97.
52 Ebenda. S. 64; S. 67.
53 Ebenda. S. 97 f.
54 Ebenda. S. 63.
55 Ebenda. S. 97 f.
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napf mit der Schnauze zuschiebt, so ist dies nach Bateson und Watzlawick nicht als unmitttelbarer Verweis des Tieres auf seinen Wunsch zu fressen zu verstehen. Der Hund demonstriert vielmehr seine untergeordnete Haltung zum/zur VersorgerIn und schafft einen hinweisenden Kontext. Durch Wiederholung und Stilisierung solchen Verhaltens wird der Ablauf jedoch zugleich formalisiert und dadurch praktisch zu einem konventionellen Zeichen, in dem ein ganz bestimmtes Denotat angelegt ist. 56 Viele Beispiele der Tierdressur scheinen demzufolge die Möglichkeit zur digitalen Kommunikation zwischen Mensch und Tier zu verdeutlichen.
2.6 Das 5. Axiom
Watzlawicks Formulierung seines fünften Axioms lautet: „Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem ob die Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichheit oder Unterschiedlichkeit beruht.“ 57 Watzlawick unterscheidet also zwei Beziehungsformen, die der symmetrischen und die der komplementären Interaktion und erklärt erstere als eine auf Gleichheit beruhende Beziehung, in der auch stets eine Verminderung von Unterschieden durch die Interaktionspartner angestrebt wird. Ein Rivalitätsverhältnis stellt wohl die klassischste Form einer symmetrischen Beziehung dar. Watzlawick beschreibt jene Prozesse mit dem Begriff der „positiven Rückkopplung.“ 58
Die komplementäre Interaktion ist, so Watzlawick, dadurch gekennzeichnet, dass sie durch die Unterschiede der Interaktionspartner bestimmt wird. Ein Interaktionspartner nimmt dabei die „superiore“ oder auch „primäre“ der zweite die „inferiore“, sekundäre Stellung ein. 59 Beide ergänzen sich in ihrem Verhalten. Diese Beziehungsform ist bereits oft durch den gesellschaftlichen und kulturellen Kontext vorgegeben, der beispielsweise komplementäre Rollen, wie Lehrer und Schüler einander gegenüber stellt. In diesem Zusammenhang, spricht Watzlawick von „negativer Rückkopplung“. 60
Die Art der Beziehung, die entweder stärker durch symmetrische oder durch komplementäre Interaktion gekennzeichnet ist, kann zugleich ausschlaggebend für ihre Stabilität (Homöosta- sis) sein.In einer komplementären Beziehung, in welcher sich der inferiore Interaktionspartner dem superioren stets unterordnet, mag dieses Verhalten bedingt sein, durch das dominante Verhalten des superioren, dessen Dominanzverhalten aber gleichzeitig auch wieder verstär-
56 Watzlawick/Beavin/Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 101.
57 Ebenda. S. 70.
58 Ebenda. S. 134.
59 Watzlawick betont mehrfach, dass die Begriffe ‚superior’ und ‚inferior’ nicht mit ‚stark’ oder ‚schwach’, ‚gut’ oder ‚schlecht’ gleichge-
setzt werden dürften.
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ken. Die Konturen mögen sich in einem Prozess, für den Watzlawick den Begriff der „kom- plementärenSchismogenese“ gebraucht, 61 schärfer ausbilden, die Dominanz des superioren Partners gleichsam wie die Unterwürfigkeit des inferioren zunehmen, doch vermag die sich ergänzende Rollenverteilung, die Funktionalität des Beziehungssystems über lange Zeit aufrecht zu erhalten.
Zur Verdeutlichung soll ein vereinfachtes und abstraktes Beispiel dienen. Das zwischenmenschliche System zwischen zwei Ehepartnern A und B ist in diesem Beispiel etwa insofern stabil, als eine gegenseitige Achtung aufrecht erhalten wird. Auf einer abstrakteren Ebene ließe sich das System als ein Zahlenbereich zwischen 1 und 10 verstehen, in welchem, ein stabiler Zustand der Achtung im Bereich der Zahl 6 gegeben ist. Eine Handlung +3 (z.Bsp. einmaliger Ehebruch) durch Partner/in A kann in negativer Rückkopplung ausgeglichen werden durch ein Verhalten -3 (z.Bsp. Leugnen, über den Ehebruch Bescheid zu wissen) des/der Partners/Partnerin B. Auch Umwelteinflüsse spielen in die Rechnung mit hinein: Partner/in B kann etwa durch eine äußere Bedingung -7 ihre Arbeitsstelle verlieren und dadurch etwa die Funktion einbüßen, für die materielle Sicherheit beider Partner zu sorgen. Partner/in A kann nun durch ein Verhalten +7 (den/die Partner/in eine neue Funktion zuweisen, wie zum Beispiel stärkere Betreuung der Kinder). So werden Umwelteinflüsse aufgefangen und es wird immer wieder ein Ausgleich beim Wert 6 erreicht.
In einer symmetrischen Beziehung, in welcher beispielsweise beide Partner rivalisierend nach Einfluss, Aufmerksamkeit, Führung oder auch danach, geleitet zu werden etc., streben, wird durch positive Rückkopplung ebenfalls das Verhalten jedes Interaktionspartners verstärkt. Das von Watzlawick gewählte Beispiel des Wettrüstens 62 verdeutlicht gut, wie sich hier jedoch die Dinge „hochschaukeln“. Als Konsequenz der symmetrischen Schismogenese kann ein Verlust der Stabilität eintreten und das System entweder dadurch reifen (die Interaktionspartner erkennen die Notwendigkeit einer Umstellung ihres Verhaltens) oder kollabieren (die Kommunikation erscheint nicht mehr möglich und bricht ab). 63
60 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 134.
61 Ebenda. S. 69.
62 Ebenda. S. 61.
63 Auer: Sprachliche Interaktion. S. 43.
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3 Rekalibrierung
Es ist in Kapitel 1 (S. 6) darauf hingewiesen worden, dass es auch deshalb schwierig sei, die Abfolgeregeln eingeschliffener Kommunikationsabläufe zu erkennen, weil die Redundanz zwischenmenschlicher Systeme wandelbar sei.
Eine solche Wandlung oder Neuausrichtung des Systems bezeichnet Watzlawick als „Reka- librierung.“ 64 Diesekann erforderlich werden, wenn entweder dominant positive Rückkoppelung in symmetrischen Beziehungen oder nicht auffangbare äußere Umwelteinflüsse die Stabilität der stets offenen Beziehungssysteme gefährden. Letzteres lässt sich beobachten, wenn der Reifungsprozess vom Kind zum Erwachsenen die Regeln der Eltern-Kind-Kommunikation außer Kraft setzt. Verbote oder auch manch fürsorgliche Gesten, welche die Interaktion über lange Zeit erfolgreich bestimmten, werden unangemessen, angesichts des fortschreitenden Alters eines Kindes. Ein Festhalten an der bisherigen Kalibrierung kann die Beziehung stören und am Ende eines Eltern-Kind-Konflikts die Kommunikation auf das Minimum des Nicht-mehr-miteinander-Sprechens schwinden lassen. Mit der Rekalibrierung, der Umstellung des Systems, werden sich, so Watzlawick, neue Kommunikationsformen ausbilden und neue Abläufe einschleifen.
Wie jedoch kann jene Rekalibrierung stattfinden? Sofern die Interaktionsteilnehmer erkannt haben, dass bisherige Verhaltensabläufe bei Fortsetzung die Stabilität der Beziehung gefährden, müssen diese Strukturen bewusst in den Blick genommen werden. Im Falle des heranwachsenden Kindes können Eltern ihren Blick beispielsweise auf das kulturelle System erweitern, in das sie eingebunden sind, und alternative Handhabungen adaptieren. Dieses kulturelle System bietet Normen an, die als Leitsätze eines Beziehungssystems die neuen Abläufe bestimmen können. So kann es normativ sein, dem Kind ab Vollendung des sechzehnten Lebensjahres das Trinken von Bier zu gestatten; die Eltern sind sich gewisser Normen bestimmt bewusst, werden in ihrem Umfeld aber gewiss auch Beispiele normbestimmter Beziehungsgestaltung entdecken und diese übernehmen können.
Sofern Normen und dadurch vorskizzierte alternative Strukturen internalisiert sind, kann die Umstellung des Beziehungssystems recht fließend vollzogen werden, den Eltern ist mehr oder weniger bewusst klar, dass etwa Rituale des Zubettbringens ab einem gewissen Alter überholt scheinen. Jene Verhaltensformen werden zumeist selbstverständlich modifiziert, ohne zuvor eine Absprache darüber treffen zu müssen. Verlangsamt wird der Prozess, wenn die Interaktionsteilnehmer über die Strukturen ihrer Beziehung sprechen, um Probleme zu erkennen und
64 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 135.
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sich auf Strategien zu Bewältigung, also auf neue Interaktionsregeln einigen. Die Rekalibrierung geschieht durch die Interaktionsteilnehmer weit bewusster, sie praktizieren Metakommunikation. In diesem Zusammenhang ähnelt die Verwendung des Begriffs jener ‚Metakommunikation’, die auch der Sprachforscher betreibt, der sich wie die Interaktionspartner digital mit den Kommunikationsabläufen auseinandersetzt. Der Unterschied besteht einzig in der verwendeten Terminologie und der Tatsache, dass die Interaktionsteilnehmer ihr eigenes Kommunikationsverhalten in den Blick nehmen.
Diese Metakommunikation kann ein wichtiger Schritt zur Umstellung der Kommunikation und damit der Rekalibrierung des Beziehungssystems sein.
4 Kritische Betrachtung
Paul Watzlawicks sprachwissenschaftliche Theorien haben breiten Anklang sowohl auf dem Gebiet der Psychologie als auch der Pädagogik gefunden. Sein Verständnis der durch Rückkoppelungsprozesse bestimmten Kommunikation diente als neuer Ansatz zur Analyse menschlicher Beziehungen und der Verhaltensweisen von Individuen.
In weit geringerem Maße wurde jedoch auch starke Kritik an diesen Theorien geübt. Hier sind vor allem Jürgen Ziegler (Wahnsinn aus Methode. Bemerkungen zu Watzlawicks populärer Kommunikationstheorie. 1977; Kommunikation als paradoxer Mythos. Analyse und Kritik der Kommunikationstheorie Watzlawicks und ihrer didaktischen Verwertung. 1977), Albert Bremerich-Vos (Warnung vor Watzlawick. 1985) und Bettina Girgensohn-Marchand (Der Mythos Watzlawick und die Folgen. Eine Streitschrift gegen systemisches und konstruktivistisches Denken in pädagogischen Zusammenhängen. 1992) zu nennen. Die Kritik richtet sich sowohl gegen die wissenschaftlich unsaubere Vorgehensweise Watzlawicks, die sich in unpräzisem oder falschem Gebrauch zentraler Begriffe zeige, als auch gegen eklatante Widersprüche in den Darlegungen Watzlawicks. So bleibt es etwa unklar, als was der von Watzlawick aus der Mathematik entlehnte Begriff des ‚Axioms’ in seinen Ausführungen tatsächlich zu verstehen ist.
„Ist es eine Metaregel, die man verletzen kann oder nicht? Dann ist es kein Axiom im strengen Sinn. Handelt es sich um ein Axiom, d.h. eine prinzipiell nicht beweisbare aber einsichtige Aussage, aus der
65 widerspruchsfrei andere Aussagen gefolgert werden können? Dann kann es nicht verletzt werden.“
65 Girgensohn-Marchand, Bettina: Der Mythos Watzlawick und die Folgen. Eine Streitschrift gegen systemisches und konstruktivistisches
Denken in pädagogischen Zusammenhängen. (3. Aufl.) Weinheim: Deutscher Studien Verlag, 1996. S. 23. Vgl auch: Bremerich-Vos: War-
nung vor Watzlawick. S. 69 ff.
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Ebenso gerät Girgensohn-Marchand in Verwirrung darüber, wann Watzlawick hinsichtlich pragmatischer Redundanzen und deren Bewusstheit durch die Interaktionspartner von „Regeln“ und wann von „Regelmäßigkeiten“ spricht. 66 Peter Auer unterscheidet vier verschiedene Phänomene, die Watzlawick, fern einer Differenzierung, mit dem Begriff der ‚Metakommunikation’ beschreibt. 67
Auch die von Watzlawick getroffene Zuordnung: Inhaltsaspekt - digital übermittelt; Beziehungsaspekt - analog übermittelt, erschließt sich nicht völlig. Es heißt bei Watzlawick, „daß der Inhaltsaspekt digital übermittelt wird, der Beziehungsaspekt dagegen vorwiegend analoger Natur ist.“ 68 Sowohl Inhalts- als auch Beziehungsaspekt seien in jeder Mitteilung enthalten. Als Mitteilung kann nach Watzlawicks Gleichsetzung von Kommunikation und Verhalten auch das Nach-unten-blicken einer Person A in einem Wartesaal verstanden werden. Die inhaltliche Information, die Person B erhält, ließe sich darstellen als: „diese Person sitzt da und blickt nach unten“. Sofern sich Person B dieses Sachverhalts in der Weise versichert, dass sie ihn in Gedanken wie dargestellt formuliert, existiert der Inhaltsaspekt der Mitteilung zwar strukturell digital, wurde aber von Person A weder digital übermittelt, noch von Person B zwangsläufig und unmittelbar als Konstrukt digitaler Zeichen verarbeitet, wenn man davon ausgeht, dass die intrapsychische Formulierung eines Gedankens in natürlicher Sprache erst Resultat eines Kodierungsprozesses im Gehirn ist. Bremerich-Vos weist in diesem Sinne auch darauf hin, dass Watzlawick eine Auseinandersetzung mit der Frage, „wie die eigentliche vorsprachliche Vorstellung denn nun genau beschaffen sei“, unterschlägt. 69
Die Liste möglicher Kritikpunkte ist lang 70 und richtet sich zu einem großen Anteil gegen die Verlässlichkeit und den Nutzen von Watzlawicks Annahmen in psychologischen und pädagogischen Anwendungsfeldern. Aufgrund der theoretischen sprachwissenschaftlichen Ausrichtung dieser Hausarbeit sollen im Folgenden jedoch nur die Problematiken näher betrachtet werden, die sich bezüglich der theoretischen Systematisierbarkeit der Pragmatik, also zunächst jenseits einer handlungsorientierten Perspektive, ergeben. Watzlawick selbst kennzeichnet seine Axiome und sonstigen Feststellungen als „wenige Schritte in ein unbekanntes Gebiet.“ 71 Es soll hier darüber hinweggesehen werden, dass Watzlawick sich selbst angreifbar
66 Girgensohn-Marchand: Der Mythos Watzlawick. S. 20 f.
67 Auer, Peter: Sprachliche Interaktion. Eine Einführung anhand von 22 Klassikern. Tübingen: Niemeyer, 1999. S. 47 f.
68 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 64.
69 Bremerich-Vos: Warnung vor Watzlawick u. seine Folgen. S. 64 f.
70 Sehr viele weitere Widersprüche in den Darlegungen Watzlawicks mögen vom Autor dieser Hausarbeit nicht erkannt oder nachvollzogen
worden sein.
71 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 13.
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macht, indem er die noch fehlerhaften Ansätze eines unfertigen Analysesystems der Pragmatik bereits als Grundlage seiner therapeutischen Tätigkeit nutzt. Es soll nur betrachtet werden welche Aussichten auf eine tatsächliche Systematisierung der Pragmatik für die Zukunft bestehen.
4.1 Zur Ordnung der Systeme
Für eine Systematisierung der Pragmatik ist es erforderlich, menschliche Kommunikation als System zu untersuchen. Wie nutzbar ist aber die Anwendung der Systemtheorie auf menschliche Beziehungen?
Bremerich-Vos wirft Watzlawick eine naive Anwendung der Systemtheorie vor. 72 Dies zeige sich etwa in dessen Konzept der Rekalibrierung, auf das bezogen Watzlawick erklärt, dass „jedes System nicht nur regelgesteuert, sondern auch mit Regeln für die Änderung seiner Regeln (also Metaregeln oder Stufenfunktionen) ausgestattet sein muss.“ 73 Ein Anwendungsfehler besteht für Bremerich-Vos in der Annahme Watzlawicks, ein Beziehungssystem (0) könne sich bei der Rekalibrierung aus eigener Kraft in einen neuen Zustand versetzen, was jedoch die logische Struktur der Theorie nicht zulasse. Wenn das System (0) bestimmt ist durch die Menge der Zustände, die es annehmen kann, beziehungsweise durch die Menge seiner Elemente (a;b; c etc.) und deren Konstellation, dann ist auch die Fähigkeit der Interaktionsteilnehmer zur Metakommunikation (1) Teil dieser Menge von 0. Alle infolgedessen auftretenden Zustände müssten unweigerlich als Inhalte des gleichen Systems verstanden werden, in dem sich nun zuvor vernachlässigte doch grundsätzlich angelegte Funktionen zeigen. Das bedeutet, dass wenn das System 0 seine Regeln ändert, damit auch eine andere Menge und/oder andere Kombinationsregeln für die Zustände a, b, c etc. vorliegen. Die Organisation des neuen Systems unterscheidet sich von der des vorherigen und muss deshalb als anderes System, das System 2 verstanden werden. Die Metakommunikation (1), die diesen Wechsel bewirkt hat kann, wie Bremerich-Vos beschreibt, nicht Teil der Menge von 0 gewesen sein, sondern wirkte auf einer Ebene mit 0 und 2, sowie auch die Elemente a,b,c auf einer Ebene wirken. Bremerich-Vos führt diesbezüglich aus, dass „wenn aber die Veränderung [0 2] nicht auf dem Boden eines Systems erklärt werden kann, dann bleibt nur der Ausweg, ein zweites anzunehmen [α], in welches das erste eingebettet ist.“ 74 Der von Watzlawick beschriebene Prozess der Rekalibrierung ließe sich so als ein Wechsel von einem Subsystem auf ein anderes verstehen. Watzlawick vergleicht die unterschiedlichen Kalibrierungen mit den
72 Bremerich-Vos: Warnung vor Watzlawick. S. 75
73 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 137.
74 Bremerich-Vos: Warnung vor Watzlawick. S. 68.
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verschiedenen Gängen eines Fahrzeuges. 75 Das Fahrzeug steht in Analogie zum System α, seine Gänge und die Schaltfunktionen entsprechen den Subsytemen 0, 2 und auch 1, die wie Zustände zusammenwirken.
Doch auch für dieses größere System (α) gelte, dass es seine Organisation nur kraft seiner Einbettung in ein noch größeres System (Ω ) ändern könne, was Bremerich-Vos zum Anlass nimmt, bei Watzlawicks Theorie einen infiniten Regress zu diagnostizieren. 76 Diese Kritik geht jedoch an der Sache vorbei und scheint begründet durch eine Verwirrung der Begriffe, denn die von Watzlawick beschriebene Kalibrierung menschlicher Beziehungssysteme scheint nicht eine Neuorganisation des kompletten Systems (α) zu bedeuten, sondern schlicht einen Wechsel der Subsysteme (0 1 2). Wenn α das System der betrachteten menschlichen Beziehung ist, dann bedeutet eine erneute Kalibrierung nach Watzlawicks Beschreibungen keinen Wechsel von α zu β innerhalb des Systems Ω. Es bedeutet nicht, von einem Auto in ein Flugzeug umzusteigen oder gar, dass ein Auto zum Flugzeug wird, sondern nur das Durchschalten unzähliger Gänge (0,1,2 etc.) innerhalb des immer gleichen Fahrzeuges α. Der Fehler, den man Watzlawick vorwerfen kann ist der, die Aussage getroffen zu haben, das System beinhalte Regeln zur Änderung seiner Regeln, denn es beinhaltet nur Abfolgeregeln bezüglich seiner Elemente. So wie sich theoretisch feststellen ließe, dass auf dominantes Verhalten (a) eines superioren Interaktionspartners mit gewisser Wahrscheinlichkeit untertäniges Verhalten (b) des inferioren Interaktionspartners zu erwarten wäre, eine Abfolge, die das System (0) präge, so ließe sich auch theoretisch feststellen, dass auf einen Verhaltenskomplex 0 mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die Verhaltensweise 1 (Metakommunikation zwischen den Interaktionsteilnehmern) folge, die wiederum mit gewisser Wahrscheinlichkeit die Verhaltenskomplexe 2 oder 3 zur Folge hätte.
Die von Watzlawick untersuchten Redundanzen entpuppen sich so als Ausprägungen innerhalb jener Subsysteme, was durchaus seinen Erkenntniswert haben kann, denn die Abfolge jener Verhaltenskomplexe als Elemente des Beziehungsystems kann so langsam erfolgen, dass die Regeln des Subsystems weitreichende pragmatische Relevanz für die beobachtete Beziehung haben mag, so wie sich auch mit einem Auto eine weite Strecke allein im ersten Gang zurücklegen ließe. Insoweit Watzlawick menschliche Beziehungen als Systeme versteht, müsste er einsehen, dass er seinen Blick nicht auf die Regelhaftigkeit des gesamten Beziehungssystems gerichtet hat, dessen Menge der Zustände noch unergründlicher ist, als schon die komplexen Teilsysteme der eingeschliffenen Verhaltenskomplexe. Um noch einmal die
75 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 135.
76 Watzlawick/Beavin/ Jackson: Menschliche Kommunikation. S. 135.
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Fahrzeuganalogie zu bemühen: Watzlawick konzentriert seine Untersuchungen auf die Gänge nicht auf das gesamte Fahrzeug, dessen Abläufe in zu großen Zeitspannen geschehen. So wie ein Ehepaar sich sein Leben lang streiten und wieder vertragen und wieder streiten kann, ohne beispielsweise über ihre Fähigkeit der Metakommunikation, die dem Beziehungssystem immanent ist, zu anderen Verhaltenskomplexen zu wechseln, kann auch ein Auto hergestellt und bestiegen werden und nur im ersten Gang über eine Klippe fahren, das System also zu einem Ende finden, ohne dass je der zweite Gang oder gar die Scheibenwischer in Aktion beobachtbar gewesen wären. Es ist falsch anzunehmen, die von Watzlawick beschriebenen Systeme seien identisch mit der zwischenmenschlichen Beziehung. Für jeden Versuch einer Systematisierung der Pragmatik auf Grundlage der Annahmen Watzlawicks muss diese Trennung von Systemen und Subsystemen berücksichtigt werden.
4.2 Faktorenbestimmung
Ein wissenschaftlich systematisierter Untersuchungsrahmen, wie Watzlawick ihn anlegt, bedarf einer klaren Bestimmung des Analysegegenstandes und der betrachteten Wirkungsfaktoren. Bezüglich menschlicher Kommunikation, wie Watzlawick sie beschreibt, erscheint dieser Anspruch jedoch nicht erfüllbar. Watzlawick erklärt, dass,
„wenn festgestellt werden könnte, dass einem Verhalten a - was immer seine Ursachen sein mögen - stets ein Verhalten b, c oder d des Partners folgt, während es anscheinend ein Verhalten x, y oder z außschließt, so kann davon auf eine metakommunikative Regel
geschlossen werden.“ 77
Ein Problem, zu dem er sich diesbezüglich jedoch nicht äußert, ist das der Identifizierbarkeit der beobachteten Verhaltensweisen. 78 Zur Verdeutlichung soll folgendes Beispiel dienen: Person A begegnet Person B auf der Straße; A nickt Person B zu und zeigt damit ein Verhalten a, auf das ein Verhalten b (zum Beispiel kurzes Winken) von Person B erfolgt. Erneute Begegnungen zwischen A und B lassen sich zu anderen Zeitpunkten beobachten, stets nickt A, und in den meisten Fällen winkt B, in manchen Fällen zieht B jedoch statt dessen die Augenbrauen nach oben, zeigt also ein Verhalten c. Es ließe sich nun theoretisch festhalten, dass auf Verhalten a mit großer Wahrscheinlichkeit Verhalten b mit etwas geringerer Wahrscheinlichkeit aber auch c zu erwarten wäre. Entsprechende Prognosen bedürfen jedoch klar definierter Faktoren. Das Nicken der Person A kann schnell oder langsam geschehen, von einem Lächeln begleitet sein oder auch nicht. Es kann kleine Unterschiede aufweisen, die vom außenstehen-
77 Ebenda.S. 43.
78 Siehe dazu auch: Bremerich-Vos: Warnung vor Watzlawick. S. 65 ff.
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den Beobachter eventuell nicht einmal als Besonderheiten wahrgenommen werden, für Person B jedoch ein relevantes Kommunikationselement darstellen und ausschlaggebend für B’s weiteres Verhalten sein.
Es ließe sich erst bei genauerem Hinsehen zwischen Verhalten a (Nicken) und dem ähnlich anmutenden Verhalten ä (schnelles Nicken) unterscheiden und erst dann prognostizieren, dass auf a mit Sicherheit b folgen würde auf ä wiederum mit Sicherheit c. Es stellt sich die Frage, anhand welcher Kriterien zwischen einem Verhalten und einem anderen unterschieden werden kann. Bremerich-Vos fragt sich bei Watzlawick etwa nach der Unterscheidbarkeit von ‚sehen’ und ‚starren’. 79
Der Beobachter könnte auf Grundlage seiner eigenen zwischenpersönlichen Lebenserfahrung interpretieren, könnte beurteilen, ob ihm eine bestimmte Art zu nicken oder zu schauen besonders oder aussagekräftig erscheint und von sich auf den beobachteten Empfänger schließen. Diese Vermutung hinsichtlich der Wahrnehmung des Empfängers geschähe aber wieder in dem Bereich des Unbeobachtbaren.
Es ist in Kapitel 2.2.2. bereits dargelegt worden, dass nicht einmal das tatsächliche Verhalten des Senders, ausschlaggebend, für den Verlauf der Kommunikation ist, sondern die von der Wahrnehmungsfähigkeit abhängende Interpretation dieses Verhaltens durch den Empfänger, in diesem Fall der Person B. Selbst wenn sich B (eventuell aufgrund von Alkoholeinfluss) nur einbildet, von der nickenden Person A beschimpft worden zu sein, baut die Reaktion B’s auf der nie geschehenen Beschimpfung A’s auf. Für Watzlawick würde dieser intrapsychische Interpretationsvorgang B’s keine Rolle spielen, die Verhaltensfolge müsste dem Beobachter auch nicht schlüssig erscheinen, solange er wenigstens feststellen könnte, dass auf Verhaltensweise a (Nicken) Verhaltensweise b (empört sein, als wäre eine Beschimpfung gefallen) folgt. Das Beispiel soll zeigen, dass aufgrund der immer zu kalkulierenden Wahrnehmungsunterschiede zwischen Beobachter und Empfänger, die Interpretation nur wenig verlässlich sein kann.
Jedoch ist Interpretation nicht immer zu umgehen. Watzlawick betont, dass es im Falle einer Begegnung zweier Personen, die sich jedoch nicht grüßen, obwohl sie sich kennen, unerheblich sei, ob A Person B tatsächlich mit Absicht nicht grüße oder nicht, da dies ohnehin nicht objektiv nachweisbar sei, die beobachtbare pragmatische Konsequenz auf Seiten B’s allerdings dieselbe bliebe. Letzteres ist aber nur der Fall, wenn B annimmt, von A wahrgenommen worden zu sein, was allerdings ebenfalls einen nicht objektiv nachweisbaren intrapsychischen Aspekt des Prozesses darstellt. So würde auch Watzlawick, sollte er A und B auf der Straße
79 Ebenda. S. 66.
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aneinander vorbeigehen sehen, anhand reiner Beobachtung nicht beurteilen können, ob zwischen diesen überhaupt eine Kommunikation stattgefunden hätte oder nicht, ob B’s weiteres Verhalten im Zusammenhang zum Verhalten A’s stünde. Als Konsequenz jenes Problems ergibt sich hier: der Beobachter muss interpretieren also Vermutungen über unbeobachtbare Prozesse anstellen.
Die Erforschung der Kommunikationsabläufe erweist sich aber, sofern sie eine wissenschaftliche Systematik anstrebt, als konsequent an die Erhebung objektiv messbarer Daten gebunden. Ein Verhalten a oder ä oder b müsste präzise definiert werden über die Menge seiner Merkmale, die vom Interaktionspartner bewusst oder auch unbewusst wahrgenommen werden könnten. Wenn man sich nun daran erinnert, dass es unmöglich sei, sich nicht zu verhalten, ergibt sich eine riesige Menge auszuwertender Daten und die Schwierigkeit zu unterscheiden, wo ein Verhalten endet und ein anderes beginnt.
Der Analyseanspruch wächst weiter unter Einbezug des Kontextes. 80 So wie jedes Verhalten einer Person A das Verhalten der Person B beeinflussen kann, so kann auch jeder beliebige Umweltfaktor auf das offene Beziehungssystem wirken. Es kann von Bedeutung sein, wo sich A und B begegnen oder welche Farbe die Kleidung A’s hat. Auch hier kann entweder über reine Vermutungen eine Auswahl getroffen werden, welche Faktoren, das Verhalten beeinflussen könnten, oder man benennt sämtliche Umweltfaktoren und bezieht sie in die Gleichung ein. Die Bestimmung dessen, was als einzelner Umweltfaktor ist, gestaltet sich als noch schwieriger als die Abgrenzung beobachtbarer Verhaltensweisen.
Es ergeben sich also zwei Probleme: die Möglichkeit, die Beschaffenheit beobachteter Verhaltensweisen und Umweltfaktoren zu messen und diese auch anhand geringer Varianzen unterscheidbar zu machen, ist durch die Wahrnehmungsfähigkeit des Beobachters begrenzt; ein Messgerät wäre erforderlich, dass sowohl die Wahrnehmungsfähigkeit als auch geringe Verhaltensnuancen erkennen könnte. Das zweite Problem, welches auch Watzlawick erkennt, ist, dass das zur Verfügung stehende Begriffssystem hinter den Ansprüchen des allzu komplexen Sachverhalts (der vielfältigen Verhaltensmöglichkeiten und Umweltfaktoren) zurück bliebe. Nicken wäre nicht mehr gleich Nicken, eine Begegnung auf der Straße nicht mehr gleich eine Begegnung auf der Straße.
80 Siehe hierzu auch: Girgensohn-Marchand: Der Mythos Watzlawick u. die Folgen. S. 32.
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5 Abschließende Betrachtung
Watzlawicks Verständnis der menschlichen Kommunikation und seine Theorien zu deren Regelhaftigkeit, erscheinen größtenteils schnell einleuchtend. Dass dem so ist, liegt wohl an Beispielen und Verweisen auf allgemein lebenspraktische Erfahrung, die etwa die Bedeutung eines Beziehungsaspektes zu bestätigen scheinen. Erst auf den zweiten Blick werden Ungenauigkeiten und Begriffsverwirrungen in Watzlawicks Darlegungen erkennbar. Einer der bekanntesten Aussagen „man kann nicht nicht kommunizieren“ erhält erst seine Geltung im Zusammenhang der ‚zwischenpersönlichen Situation’, die zu definieren, Watzlawick jedoch unterlässt. Diese Lücke zu schließen, bedurfte in dieser Hausarbeit allerdings immerhin zweier Seiten zur Erklärung.
Es drängt sich zudem der Eindruck auf, dass Watzlawick sein Untersuchungsfeld mit der Konzentration auf sämtliches zwischenpersönliches Verhalten zu weit fasst, zumindest weiter, als die Methodik erlaubt. Selbst bei Erkennen von Regelmäßigkeiten in menschlichen Beziehungen ließen sich nur begrenzt Aussagen über zukünftige Kommunikationsabläufe innerhalb der Beziehung treffen, denn was sich allenfalls abzeichnet sind die Regeln wandelbarer Be-ziehungsformen, also von Subsystemen, nicht von Beziehungen selbst. Watzlawick konzentrierte sich auf Verhaltensabläufe, um nicht auf unbeweisbare Vermutungen über intrapsychische Prozesse angewiesen zu sein, doch erfordert die begrenzte Bestimmbarkeit der Faktoren wieder einen hohen Anteil an Interpretation vom Beobachter. Eine präzise Messbarkeit und Klassifizierung der relevanten Wirkungsfaktoren ist nicht weniger Zukunftsmusik als die Betrachtung intrapsychischer Vorgänge.
Für die praktisch angewandte Psychotherapie mag dieses Problem gar nicht so stark ins Gewicht fallen. Es kann für die Therapie, fern einer stochastischen Systematik, genügen, festzustellen, dass sich Verhaltensabläufe eingeschliffen haben, und dass ein ‚Nicken’ der Person A problematisch häufig eine ‚Empörung’ B’s auslöst. Therapeutische Anregungen, wie etwa, das Nicken zu unterlassen oder einen Alkoholentzug zu beginnen, ließen sich auch ohne exakte Faktorenbestimmung geben.
Hinsichtlich einer Systematisierung der Pragmatik, und der Formulierung von Formeln und Regeln, die mit den Gesetzen der Syntaktik oder Semantik einer Sprache vergleichbar wären, erwiese sich jedoch die fehlende Präzision, sowohl bezüglich der Messung als auch der Termini, als eklatanter Mangel.
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Literaturverzeichnis
1. Auer, Peter: Sprachliche Interaktion. Eine Einführung anhand von 22 Klassikern. (Konzepte der Sprach- und Literaturwissenschaft Bd. 60). Tübingen: Niemeyer, 1999.
2. Bremerich-Vos, Albert: Warnung vor Watzlawick. In: Studium Linguistik 16 (1985), S. 62-77.
3. Girgensohn-Marchand, Bettina: Der Mythos Watzlawick und die Folgen. Eine Streitschrift gegen systemisches und konstruktivistisches Denken in pädagogischen Zusammenhängen. (3.Aufl.) Weinheim: Deutscher Studien Verlag, 1996.
4. Linke, Angelika; Markus Nussbaumer; Paul R. Portmann: Studienbuch Linguistik. (Reihe Germanistische Linguistik Bd. 121). (5. erweiterte Aufl.) Tübingen: Niemeyer, 2001
5. Watzlawick, Paul/ Beavin, Janet H./ Jackson, Don D.: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. (11. unveränderte Aufl.) Bern: Verlag Hans Huber, 2007
6. Ziegler, Jürgen: Wahnsinn aus Methode. Bemerkungen zu Watzlawicks populärer Kommuni-kationstheorie. In: Haug (ed.). Argument-Sonderband 15, Berlin, 1977, S. 7-27.
7. Ziegler, Jürgen: Kommunikation als paradoxer Mythos. Analyse und Kritik der Kommunika-tionstheorie Watzlawicks und ihrer didaktischen Verwertung. Basel: Weinheim, 1977.
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Arbeit zitieren:
Toni Ziemer, 2008, Die Kommunikationstheorie Paul Watzlawicks, München, GRIN Verlag GmbH
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