Seminar : PS Kommunikation und Kultur SoSe 2002
Verfasser : Bisrat Wolday
Titel : Die dingliche Wohnumgebung als Medium der Selbstdarstellung Datum : 01.10.2002
1 Einleitung 3
2 Die Bedeutung des Begriffs „wohnen“ 4
3 Die Bedeutung der dinglichen Wohnumgebung in ihrer Gesamtheit 5
3.1 Das Konzept der Ortsidentität (place-identity) 5
3.2 Die Funktionen der Ortsidentität (place-identity) 7
3.3 Die Wohnung als Medium der Selbstdarstellung 9
3.4 Störung der Wohnbedürfnisse 14
4 Die Bedeutung der einzelnen Objekte der dinglichen Wohnumgebung 16
4.1 Die Objekte der dinglichen Wohnumgebung als Kommunikationsmedium
16
4.2 Auswahl der einzelnen Objekte der dinglichen Wohnumgebung 21
4.3 Bindung an Objekte 26
5 Schluss 29
6 Literatur 30
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Verfasser : Bisrat Wolday
: Die dingliche Wohnumgebung als Medium der Selbstdarstellung Titel Datum : 01.10.2002
1 Einleitung
Vergleicht man die verschiedenen epochen- und kulturspezifischen Ausformungen des Wohnens fällt auf, dass ihnen eine Funktion doch immer gemein bleibt, nämlich jene des physischen Schutzes. Von jeher suchen Menschen in Behausungen, seien es nun Höhlen, Burgen oder Reihenhäuser, Schutz vor den Widrigkeiten der Natur, vor den Witterungsverhältnissen und wilden Tieren. Diese physische Schutzfunktion allein würde die menschliche Behausung jedoch weder von einer Bärenhöhle, noch von einem Fuchsbau unterscheiden. Die Bedeutsamkeit der Behausung für den Menschen muss demnach über diese Funktion hinausgehen. Im Rahmen dieser Hausarbeit werde ich versuchen, Kenntnisse über die Bedeutung des Wohnens für ein Individuum zusammenzutragen, welche Aufschluss darüber geben, welche Funktionen der private Wohnraum, über jene des Schutzes vor physikalischen Einflüssen hinaus, zu erfüllen vermag. Aufgrund der, den Rahmen dieser Hausarbeit sprengenden Fülle an Funktionen, welche dem privaten Wohnraum zugeschrieben werden, treffe ich im Hinblick an die nachstehende Zielsetzung eine Auswahl aus dieser Menge. Ziel der Hausarbeit ist es verschiedene Erklärungsansatze zusammenzubringen, welche beantworten können, weshalb das Zuhause, im Gleichgewicht mit einem außerhäuslichen Aktionsradius, eine grundlegende Vorrausetzung für das seelische Wohlbefinden darstellt.
Zu diesem Zweck habe ich den Hauptteil in zwei Bereiche untergliedert. Im ersten Teil werde ich mich mit der Bedeutung der dinglichen Wohnumgebung in seiner Gesamtheit beschäftigen und in Anbetracht dessen, zwei sich ergänzende Erklärungsansätze vorstellen, welche Aufschluss über die Funktion, wie auch den Stellenwert der Wohnumwelt geben. Um der beschriebenen Zielsetzung gerecht zu werden, schließe ich diesem ersten Abschnitt eine Betrachtung der dinglichen Wohnumgebung auf der Ebene der einzelnen Objekte im zweiten Teil an. Wobei ich zunächst auf die kommunikativen Fähigkeiten von Objekten eingehe und über die Motive zur Auswahl der Einrichtung, den Bogen zur Darstellung der Bindung an Objekte spannen möchte.
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Bevor ich jedoch zu diesen Ausführungen komme erscheint es mir wichtig, eine Klärung des Begriffes „wohnen“ voranzustellen.
2 Die Bedeutung des Begriffs „wohnen“
Was der Begriff „wohnen“ beschreibt und was „wohnen“ ist, suchte Martin Heidegger 1 , mit Hilfe eines Rückgriffs auf das althochdeutsche Wort „buan“ zu beantworten. Der Begriff „buan“ lässt sich sowohl mit „bauen“, wie auch „wohnen“ übersetzen und enthält gleichzeitig einen Hinweis auf den Stellenwert, welcher diesen beiden Tätigkeiten eingeräumt wird. Als mit „buan“ verwandt gibt Heidegger die althochdeutsche Bezeichnung von „sein“ an: „Bauen, buan, bhu, beo ist (...) unser Wort „ bin“ in den Wendungen: ich bin, du bist, die Imperativform bis, sei.“ 2 Demnach entsprechen die Aussagen: ich bin, du bist, den Äußerungen: ich wohne, du wohnst. Aus diesem Sachverhalt schlussfolgert Heidegger, dass implizit das Wohnen mit dem menschlichen Dasein, im Sinne des Aufenthaltes der Menschen auf der Erde, gleichgesetzt wurde.
Die heute übliche Trennung des Daseins auf der Welt vom Wohnen resultiert vorrangig aus der Vergrößerung des individuellen Wahrnehmungshorizontes. Während vor der ersten Jahrtausendwende die Kenntnis“ der Welt“ in der Regel auf die nähere Umgebung und den selbst erfahrenen Lebensraum beschränkt war, welcher gleichzeitig den Wohnort darstellte, erweiterte sich dieser Bereich mittlerweile auf eine globale Dimension. Dies führte zur Reduktion des Wohnens auf die eigentliche häusliche Umgebung. 3
1 Heidegger, 1967, S. 19
2 ebd., S. 21
3 ebd., S. 19 ff
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3 Die Bedeutung der dinglichen Wohnumgebung in ihrer Gesamtheit
Die vorangehend ausgeführte Bedeutungszuweisung des Begriffs „wohnen“ lässt schon darauf schließen, dass der Stellenwert des Wohnens über Funktionen, wie Schutz vor physikalischen Einflüssen, Unterkunft, Schlafmöglichkeit und Stauraum für persönliche Dinge, hinausreicht.
E. Goffman 4 wie auch C. Cooper 5 weisen auf Parallelen zwischen der Bedeutung von „Kleidung“ und der „Wohnungseinrichtung“ hin, die sie zu unterschiedlichen, einander ergänzenden Erklärungsansätzen führt auf die ich im Folgenden eingehen möchte.
3.1 Das Konzept der Ortsidentität (place-identity)
Im allgemeinen herrscht Einigkeit über die Existenz des „Selbst“ im Sinne einer persönlichen Identität, also einer bewussten Vorstellung des eigenen Ichs, in Abgrenzung von anderen Personen. Die Kontroversen entwickeln sich eher in den Versuchen, dieses Selbst zu beschreiben oder erklären. Aus Mangel an einer Greifbarkeit dessen, was alltagssprachlich mit „Herz“ oder „Seele“ bezeichnet wird, entsteht ein Bedürfnis dem Unsichtbaren und Ungreifbaren eine physische Präsenz zuzuordnen. Bezweckt wird damit, unter Zuhilfenahme von Objekten, welche zum einen der Person nahe stehend und zum anderen sichtbar und greifbar sind, jenes zu symbolisieren was vergebens zu beschreiben versucht wurde. 6
Im engeren Sinne findet sich im eigenen Körper als äußere Darstellung und Hülle des Selbst, die am meisten bewusste Entsprechung des immateriellen Selbst. Nach Haut und Kleidung versteht Cooper jedoch die Wohnumgebung als weiter
4 Goffman, 1973
5 Cooper, 1976
6 Cooper, 1976, S. 436
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gefasste und weniger deutlich im Bewusstsein verankerte Materialisierung des Selbst.
Anders als Körper und Kleidung ist der private Wohnraum, nach Cooper, im geringeren Maß den öffentlichen Blicken und damit dem Einfluss sozialer Kontrolle ausgesetzt. So das Entscheidungen im Rahmen der Gestaltung des Wohnraums weitgehend frei und weniger auf soziale Akzeptanz ausgerichtet sind. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Kleidung, Wohnraum und der darin befindlichen Einrichtung besteht in der Langlebigkeit des Letztgenannten. Ein, zu einem bestimmten Zeitpunkt getragenes Outfit besteht aus wenigen Komponenten, welche leicht aufeinander und auf sich verändernde Situationen abgestimmt und gewechselt werden können. Wohingegen die Wohnungseinrichtung eine größere Trägheit in der Anpassung an veränderte Bedürfnisse aufweist und in den seltensten Fällen komplett ausgetauscht wird, da sie sich aus langlebigen und in Relation zur Kleidung meist kostspieligeren Objekten zusammensetzt und somit einen Teil des Lebenszyklusses der Bewohner wiederzuspiegeln vermag.
Ausgehend von der Annahme, dass die Vergegenständlichung der persönlichen Identität auch die dingliche Wohnumgebung mit einbezieht, entwickeln Cooper und H. Proshansky 7 ihr Konzept der Ortsidentität (place-identity).
Proshansky und Cooper gehen davon aus, dass für die Entwicklung der Ich-Identität nicht nur die Unterscheidung zwischen dem Ich und anderen Personen von Wichtigkeit ist, sondern auch die Trennung der eigenen Person von den sie umgebenden Gegenständen. Diese Umweltwahrnehmung, welche die Ich-Identität mit definiert, aufrechterhält und schützt, bezeichnen die Autoren als Ortsidentität (place-identity). Die Ortsidentität wird definiert als eine Substruktur der Ich- Identität, bestehend aus ”cognition about the physical world in which the individual lives. These cognitions represent memories, ideas, feelings, attitudes, values, preferences, meanings and conceptions of behavior and experience which relate to the variety and complexity of physical settings that define the day-to-day ex-
7 Proshansky/Cooper,1983, S. 57 ff
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istence of every human being.” 8 Das tatsächlich Wahrgenommene wird demnach beeinflusst durch Erinnerungen, Assoziationen, Werte, Vorlieben usw. Da diese Faktoren wiederum abhängig sind von der Zusammensetzung eines Bündels persönlicher Merkmale wie Alter, Geschlecht, ethnische Zugerhörigkeit oder sozialer Status, folgt daraus eine individuell differenzierte Rezeption von Umweltbedingungen.
Da jedoch die persönlichen Entwicklung das ganze Leben andauert, hat die placeidentity einen prozessualen Charakter, infolge dessen die Untersuchung der Ortsidentität einer Person nur eine Momentaufnahme ihres Zustandes zum Betrachtungszeitpunkt liefern kann. 9
Die Fähigkeit dieses Erklärungsansatzes die Bedeutung des privaten Wohnraums zugänglich zu machen, möchte ich im Nachstehenden anhand der von Proshansky angeführten Funktionen der Ortsidentität veranschaulichen.
3.2 Die Funktionen der Ortsidentität (place-identity)
Die Erkennungsfunktion (recognition function) stellt den Erfahrungshintergrund bereit, durch den die dingliche Wohnumgebung beurteilt wird (zum Beispiel durch wiedererkennen von Bekanntem), wohingegen die Bedeutungsfunktion (meaning function) eine Möglichkeit bietet, anhand der Eigenschaften der umliegenden Objekte und der Assoziation, welche mit ihnen verbunden sind Folgerungen auf das angemessene Verhalten zu schließen.
Basierend auf die, mit der Beschreibung einer Situation beschäftigten, ersten beiden Funktionen, bezeichnen die nachfolgenden Funktionen, die von einer Person an ihre Umgebung gestellten Ansprüche und die Initiativen, welche sie zu ergreifen bereit ist, um den vorgefundenen Zustand an seine Idealvorstellung anzunähren. 10
8 Proshansky/Cooper, 1983, S. 59
9 ebd., S. 59 ff
10 ebd., S. 66 ff
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So gibt die Anforderung- Beschreibende- Funktion (expressive - requirement function) Auskunft über die Ansprüche, die eine Person an ihre Umgebung stellt. Dieses können grundlegende Bedürfnisse sein, wie genügend Sauerstoff und die richtige Temperierung, aber auch stilistische und ästhetische Vorlieben. Besteht eine Diskrepanz zwischen den vorgefundenen Gegebenheiten und den persönlichen Idealvorstellung, so werden diese Vorlieben bewusst wahrgenommen: “And it is these cognitions that the person is ready to act on in order to satisfy these tastes and preferences if it is at all possible to personalise the space. If such changes did occur, not only would an individual’s place identity and the setting now mutually support one another, but more importantly the changed properties of the latter would be an affirmation of the individual’s self identity.” 11 Allerdings lässt sich von den Veränderungswünschen nicht direkt auf die tatsächlich folgenden Handlungen schließen, da diese durch finanzielle, kulturelle oder anderen Hindernisse gebremst werden können. 12 Auffallend präsent sind die Mechanismen der expressive -requirement function im privaten Wohnraum, über welchen der Bewohner relativ frei verfügen und sich der Befriedigung der Gestaltung einer ästhetisch ungenügenden Umgebungen hingeben kann.
Wie schon angesprochen löst die Differenz von Wunsch und Wirklichkeit die Bestrebungen aus die Übereinstiemung zwischen beidem wiederherzustellen, welches Cooper und Proshansky als Veränderung -Herbeiführende- Funktion (mediating- change function) bezeichnen. Dieses kann sich auf die gezielte Veränderung der dinglichen Umgebung beziehen oder aber manipulative Aktionen beschreiben, welche darauf abzielen, dass Verhalten von Personen in die gewünschten Bahnen zu lenken, wenn nicht Dinge sondern Personen der Grund für die Störung sind. Letztendlich bleibt es jedoch dem Individuum selbst überlassen mit seinem Verhalten den angestrebten Harmoniezustand zu erreichen. Das Erkennen einer bedrohlichen Situation und die Schlussfolgerung diese Gefahr durch Vermeidung entsprechender Situationen oder aktive Verteidigung abzuwehren, ist Gegenstand der Angst- und- Verteidigungs-Funktion (anxiety and defence
11 Proshansky/Cooper, 1983, S. 69
12 vgl. dazu Kapitel 4.2 „Auswahl der einzelnen Objekte der dinglichen Wohnumgebung“
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Bisrat Wolday, 2002, Zur Bedeutung des Wohnraumes - Die dingliche Wohnumgebung als Medium der Selbstdarstellung, München, GRIN Verlag GmbH
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