2
II
4.2 Kultur im Ruhrgebiet S.48
4.2.1 Kultur als kommunale Aufgabe S.48
4.2.2 Ruhrfestspiele Recklinghausen S.49
4.2.3 Soziokultur im Ruhrgebiet S.50
4.2.4 Zur aktuellen Situation im Ruhrgebiet S.52
5.Modernisierungsstrategien für das Ruhrgebiet S.53
5.1 Künstliche Erlebniswelten S.53
5.2 Erlebniswelten im Ruhrgebiet S.55
5.3 Internationale Bauausstellung Emscher Park S.58
5.3.1 Raum der IBA S.58
5.3.2 Struktur und Strategie der IBA S.59
5.3.3 Zur Ambivalenz der Leuchtturmprojekte S.62
5.4 Kunst- und Kulturpolitik der IBA S.63
5.4.1 Route der Landmarkenkunst S.65
5.4.2 Gasometer Oberhausen S.65
5.4.3 Landschaftspark Duisburg-Nord S.66
5.4.4 Route der Industriekultur S.67
5.5 Planung durch Projekte S.68
6. Regionale Kulturpolitik NRW S.68
6.1 Regionale Kulturpolitik als neues Politikfeld in NRW S.69
6.2 Regionale Kulturpolitik im Ruhrgebiet S.70
6.2.1 Strategie der Kultur Ruhr GmbH S.71
6.2.2 Regionale Kulturpolitik aus Sicht der Beteiligten S.72
6.3 Off Szene Ruhr S.73
6.4 Projekte der Kultur Ruhr GmbH 1997-2000 S.75
6.5 Kultur Ruhr GmbH ab 2001 S.76
6.6 Kulturregion Ruhrgebiet? S.77
7. Fazit und Diskussio n S.78
Literaturverzeichnis S.82
Anhang S 92
Verzeichnis der Abbildungen
Abbildung 1: Beschilderung der Route der Industriekultur S. 1
Abbildung 2: Gründungen soziokultureller Zentren in NRW S.21
Abbildung 3: Entwicklung der Kulturwirtschaft in NRW S.28
Abbildung 4: Motiv der Imagekampagne 'Der Pott kocht' (KVR) S.32 Abbildung 5: Karte Ruhrgebiet S.38
Abbildung 6: Sprengung auf dem Gelände der Gute-Hoffnungs-Hütte Oberhausen S.39
Abbildung 7: Bevölkerungszahlen im Ruhrgebiet S.41
Abbildung 8: Universitäten im Ruhrgebiet S.44
Abbildung 9: 'Betreten verboten' S.50
Abbildung 10: Planungsraum der IBA Emscher Park S.59
Abbildung 11: Landschaftspark Duisburg Nord S.66
Verzeichnis der Abkürzungen
BAG: Bundesarbeitsgemeinschaft Difu: Deutsches Institut für Urbanistik G.I.B.: Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung IBA Emscher Park: Internationale Bauausstellung Emscher Park ILS: Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung IRPUD: Institut für Raumplanung der Universität Dortmund KVR: Kommunalverband Ruhr LAG: Landesarbeitsgemeinschaft MASSKS: Ministerium für Arbeit, Soziales, Stadtentwicklung, Kultur und Sport MSKS: Ministerium für Stadtentwicklung, Kultur und Sport MWMT: Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand, Technologie und Ver- kehr
1. Kulturregion Ruhrgebiet - eine Annäherung
„Als größte künstliche Landschaft hat das Ruhrrevier die Chance zum größten Kunstwerk der Welt zu werden.“
(Manifest zur Umstrukturierung des Ruhrreviers zum Kunstwerk 1968)
'Nix geht mehr ohne Kultur' lautet der Titel des (vorerst)letzten Teiles der Dokumentation 'Abenteuer Ruhrpott', die die Werner Kubny Filmproduktion für den WDR produziert hat. Und in der Tat scheint dies zuzutreffen, wenn man die Schlagzeilen der letzten Jahre überblickt. Das Ruhrgebiet als 'Kulturhauptstadt Europas’ im Jahre 2010. ’Kunst statt Kohle’, 'Ästhetik statt Arbeit' oder 'vom Koks zur Kultur’. Die Leuchttürme und Landmarken, die die Internationale Bauausstellung Emscher Park (IBA) nach ihrer zehnjährigen Arbeit hinterlassen hat, verweisen eben
so auf ein neues Selbstverständnis des Ruhrgebietes wie die mit der Eröffnung der Route der Industriekultur aufgestellten Schildern an den Autobahnen des Ruhrgebietes. Industrie - Kultur - Landschaft als neuer Dreiklang für das Ruhrgebiet. Auf der anderen Seite ist das Ruhrgebiet für große Teile der (inter)nationalen Öffentlichkeit noch eine unentdeckte R egion und seine Wahrnehmung von den (montan)industriellen Bildern seiner Vergangenheit geprägt. Die Geschichte des Ruhrgebietes ist durch dessen Industrialisierung bestimmt und hat das Bild des ′Potts′ geprägt und damit seinen Mythos.
Die wirtschaftlichen Krisen zwangen die Region in den letzten 40 Jahren zu einem radikalen Wandel: Die Kohle- und Stahlindustrie hat die herausragende Rolle im Revier verloren, ist nicht mehr Mittelpunkt des Alltagslebens hier im Ruhrgebiet. Die ehemaligen Gebäude dieser Schwerindustrie, oftmals als Ballast empfunden, zum Abriss bestimmt, entwickeln sich zu Ausstellungs- und Veranstaltungsplätzen, aber auch zu Standorten von neuen Erlebniswelten.
Die gegenwärtige Vermarktung von Städten und Regionen mit spektakulären Inszenierungen von Geschichte und Kultur, der Umbau der Städte zum Erlebnisraum für Shopping, Unterhaltung und Events sind das Ergebnis unterschiedlicher Te ndenzen. Der Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft (Sub- und Desurbanisierung, Entstehung altindustrieller Räume) führte in Verbindung mit neuen politischen Rahmenbedingungen (europäischer Binnenmarkt, Tendenzen der Globalisierung) zu geänderten Standortansprüchen und Raumstrukturen sowie zu neue n Formen räumlicher Disparitäten. So befinden sich im Zeitalter der Globalisierung Regionen im internationalen Konkurrenzkampf und da die klassischen Standortfaktoren weitgehend verfügbar sind, gewinnen weiche Standortfaktoren immer mehr an Bedeutung und hier insbesondere der Kultur- und Freizeitbereich. Der wachsende Konkurrenzkampf setzt Städte und Regionen unter zunehmenden Handlungsdruck. Auch das Ruhrgebiet muss sich den der veränderten Wettbewerbssituation nach der deutschen Einheit im ’neuen’ Europa stellen. Das Ruhrgebiet wurde über 150 Jahre durch die Bedürfnisse der Montanindustrie strukturiert, deren Ergebnis ein polyzentraler Raum, eine verstädterte Landschaft ohne Stadt ist. Nach den wirtschaftlichen Krisen im Bergbau und vor allem in der Stahlindustrie ist das Ruhrgebiet auf der Suche nach einem neuen Profil.
Durch den voranschreitenden Strukturwandel rückt Kultur als endogenes Potential immer stärker in das Blickfeld von Modernisierungsstrategien.
Kultur hat Konjunktur und ist ein Standortfaktor von wachsender Bedeutung. Qualität und Vielfalt kultureller Angebote bestimmen wesentlich Lebens- und Wohnqualitäten. Mit zunehmender Freizeit, mit wachsenden Einkommen und mit höherer Bildung steigen die Ansprüche an Lebenskultur und Wohnqualität. In Entsprechung dieser wachsenden neuen Kulturbedürfnisse entstand eine Industrie, die wachsende Umsätze erzielt und Kaufkraft, Steuereinnahmen und Arbeitsplätze bringt. Und nicht zuletzt ist Kultur ein wichtiger Impulsgeber für die Tourismusbranche geworden.
So lassen sich, speziell für das Ruhrgebiet, unterschiedliche Strategien anführen, die einen Schwerpunkt ihrer Arbeit in den Bereich der Kultur setzen oder diese direkt zum Programm machen.
Ziel und Aufbau der Arbeit
Ziel dieser Arbeit ist es, den Kontext von Regionalisierung und Kultur am Beispiel des Ruhrgebietes darzustellen, sowie die Möglichkeiten und Grenzen einer Regionalisierung durch Kultur aufzuzeigen. Daraus ergeben sich unterschiedliche Ansatzpunkte.
So wird in KAPITEL 2 die ′Renaissance der Regionen′ und ihre Hintergründe analysiert. Hier ist zum einen die Tendenz wachsender Globalisierung gesellschaftlicher Zusammenhänge zu nennen, in deren Kontext Regionalisierung gesehen werden muss. So wirken sich Globalisierungsprozesse nicht nur auf die Wirtschaft aus, sondern ziehen sich durch alle Lebensbereiche. Dies gilt für die Wir tschaft ebenso wie für die Bevölkerung. Zum anderen haben Suburbanisierungsprozesse dazu geführt, dass sich Städte in die Region auflösen und in vielen Bereichen auf Kooperation angewiesen sind. Regionalisierung dient in diesem Zusammenhang auch der Überwindung der 'Kirchturmspolitik', da viele Kommunen mit den neuen Aufgaben überfordert sind.
In KAPITEL 3 wird der Kulturbegriff, der hier zugrunde gelegt wird erörtert. Kultur nimmt in unterschiedlichen Handlungskomplexen einen neuen Stellenwert ein und steht dabei in einem Spannungsfeld zwischen öffentlicher Förderung und privaten Investoren. So wird hier mit dem Begriff Kultur sowohl die 'traditionelle' Kultur erfasst als auch neue Formen der Eventkultur mit einbezogen bzw. wird die Entwicklung dahin skizziert. Kultur wird heute verstärkt auch in ihrer wirtschaftlichen Dimension diskutiert. So hat Kultur als Wirtschaftsfaktor, Standortfaktor und Image-faktor eine große Bedeutung gewonnen.
In beiden Kapiteln werden schon die Anknüpfungspunkte zum Ruhrgebiet dargestellt, mit dem Ruhrgebiet selbst setzen sich KAPITEL 4, KAPITEL 5 und KAPITEL 6 auseinander. Die hier skizzierten Formen und Probleme des Wandels der räumlichen Rahmenbedingungen treten im Ruhrgebiet besonders hervor. Die administrativen Strukturen sind uneinheitlich und sorgen auch im Bereich der Kultur für eine unüber- sichtliche Gemengelage.
Die besondere Situation des Ruhrgebietes ist durch seine Geschichte gekennzeichnet. „Die Region an Ruhr und Emscher war eines der ertragreichsten Experimentierfelder der deutschen Industriegesellschaft. Dieses einzigartige Erbe gilt es, für ein neues Profil der Region zu nutzen“ (MASSKS,1998). Besonderes Interesse gilt hier den neuesten Modernisierungsstrategien. So entstehen bzw. sind im Ruhrgebiet eine Vielzahl von künstlichen Erlebniswelten entstanden, die von den Kommunen oder privaten Investoren inszeniert werden.
So ist unter anderem der ’Broadway an der Ruhr’, die Verkettung unterschiedlicher Musicals, ein Ausdruck dieser Tendenz. Neben den Musicals sind im Ruhrgebiet eine Reihe so genannter Urban- Entertainment-Center entstanden. Als das größte Projekt dieser Art ist sicherlich das CentrO in Oberhausen zu nenne n. Planungen ähnlicher Art gibt es auch in Duisburg (Multi Casa) und Dortmund (UFO).
Auf der anderen Seite stehen regionale Entwicklungsstrategien wie die Internationale Bauausstellung Emscher Park (IBA) oder die Kultur Ruhr GmbH, die vom Land NRW gefördert werden. Während die Kultur Ruhr GmbH im Rahmen der regionalen Kulturpolitik des Landes NRW zur Planung und Durchführung regionaler Kulturereignisse gegründet wurde, ist die IBA Emscher Park als komplexe Erneuerungsstrategie für einen Teil des Ruhrgebietes gegründet worden. Die Kultur nimmt im Ra hmen der IBA jedoch auch einen großen Stellenwert ein, was sich unter anderem an dem Leitprojekt ’Industriedenkmäler als Kulturträger’ oder den Ausstellungen zum Finale 1999 ablesen lässt.
Das diese Entwicklungen nicht in einem Gegensatz stehen, wie sich auf den ersten Blick vermuten lässt, zeigen Zusammenschlüsse wie z.B. der ′Gasometer im CentrO′ oder die Zusammenfassung der entstandenen Projekte zu einem neuen Bild des Ruhrgebietes. Die Etablierung 'Künstlicher Erlebniswelten' im Ruhrgebiet sowie die Strategien der IBA Emscher Park und der Kultur Ruhr GmbH sind allerdings nicht ohne Kritik im Ruhrgebiet aufgenommen worden. So ist z.B. im Rahmen der IBA Emscher Park ebenfalls der Initiativkreis ′IBA von unten′ entstanden.
Die Diskussionen um die regionale Kulturpolitik und die programmatischen Aussagen hatten den Zusammenschluss der freien Szene im Ruhrgebiet zur Off Szene Ruhr gefördert, die sich mit eigenen Projekten in die Kultur Ruhr eingebracht hat. Nicht zuletzt sind viele Kritikpunkte auf die ′Verwendung′ von Kunst und Kultur in den unterschiedlichen Strategien zurückzuführen.
So werden in KAPITEL 7 die bisherigen Projekte, ihre unterschiedliche Zielsetzung und ihre Einbettung in das Ruhrgebiet diskutiert. Somit wird abschließend noch einmal auf die Frage eingegangen, ob die neuen Bilder des Ruhrgebietes dazu geeignet sind, sich als Metropolregion darzustellen und in welcher Form die Kultur dabei eine Rolle spielt.
2. Region als Objekt und Raum
Der Begriff der Region war noch vor 30 bis 40 Jahren in Deutschland hauptsächlich ein Fachterminus von Raumplanung und Geographie. In den letzten beiden Jahrzehnten wurde Region dann zu einem viel verwendeten Terminus in Öffentlichkeit und Politik und, als Reaktion darauf, in vielen Wissenschaften. „Region wird nun auch nicht mehr als ein formaler ′Container′ für Wirtschaft und Gesellschaft angesehen, sondern als ein auf institutioneller und räumlicher Nähe basierender Verflechtungszusammenhang und Handlungskomplex“ (Blotevogel,1996,S.49).
Regionalität, also auf die Region bezogene räumliche Strukturierung des sozialen, ökonomischen und kulturellen Lebens - sei kein „Relikt der Vormoderne“, sondern ein generelles strukturelles Prinzip spätmoderner Gesellschaften. Es ist auch kein Zufall, dass die Region zu gleicher Zeit in ganz verschiedenen Bereichen der Gesellschaftwieder - zu einer relevanten Größe geworden ist (Danielzyk,1999).
2.1 Zum Begriff der Region
Regionalisierung und Regionen sind Begriffe, die im politischen Raum gegenwärtig Konjunktur haben. Jedoch finden sich auf die Frage was eine Region ausmacht vie l- fältige Antworten.
So ist im Lexikon zur Soziologie folgende Definition zu finden: „Region: für die Zwecke der Planung und Verwaltung gebildetes geographisches Gebiet, das hinsichtlich jeweils spezifischer Merkmale als Einheit betrachtet werden kann“ (Fuchs-Heinritz,1994,S.549). Um welche Merkmale, die eine Region zur Einheit machen, es sich dabei handelt wird offengelassen. So lassen sich unterschiedliche allgemeine Definitionen der Region finden und je nach Standpunkt werden Geschichte, Brauchtum und Tradition, wirtschaftliche Zusammengehörigkeit, gemeinsame Infrastruktur oder besondere geographische Merkmale zur weiteren Definition herangezogen. Daran wird bereits deutlich, dass Regionen nicht nur geographisch zu erfassen sind, sondern unter vielen Aspekten zu sehen sind. In der Region sind immer zugleich gesellschaftliche Strukturen und menschliches Handeln aufgehoben. „Demnach sind Regionen nicht etwas a Priori Gegebenes, gewissermaßen den unveränderlichen geographischen Grundlagen Zurechenbares, sondern ein Aspekt der menschlichen Wirklichkeitskonstruktion, des menschlichen Handelns und der Tätigkeit von Organisa-tionen“(Blotevogel,2000,S.24). Auch wenn sich der Begriff der Region einer genauen Definition entzieht bzw. jede Region sich durch unterschiedliche Merkmale und Gegebenheiten auszeichnet, so ist nicht zu übersehen, dass die Region als Handlungsebene zwischen Staat und Kommune an Bedeutung gewinnt. Das zeigen Neugründungen wie der ’Verband Region Stuttgart’ oder der Rhein-Main Region um Frankfurt. Angesichts der Entwicklungen in der Weltwirtschaft stehen die Regionen in einem zunehmend globaler werdenden Standortwettbewerb und „die Rede ist von einem Europa der Regionen als lebenswertes Gegenbild zu bürokratischen Superstrukturen, vom Regionalbewusstsein als einer neuen raumbezogenen Ident i-tät“(Röbke/Wagner,1998). Die Gründe für den Bedeutungsgewinn der regionalen Ebene sind vielfältig und lassen sich durch fo lgende Aspekte charakterisieren.
2.2 Globalisierung und Regionalisierung
Der Prozess der Globalisierung 1 wird nicht nur in der Soziologie auf einer breiten Ebene thematisiert und diagnostiziert.
1 Wenn es auch keine einheitliche Definition des Begriffes Globalisierung gibt, kann man mit Globali-
sierung die seit den 60er Jahren rasanten, sich beschleunigenden Veränderungstrends weltweiter ge-
sellschaftlicher Arbeitsteilung und internationaler Vernetzung von Kommunikations-, Produktions-
und Marktprozessen aufgrund des push von strukturellen Wachstums - und Verwertungsproblemen in
den alten Industrieländern und des pull der durch die modernen Kommunikations- und Transporttech-
nologien eröffneten neuen Möglichkeiten bezeichnen (vgl. Henderson 1989, Hesp u.a. 1987, Neder-
veen Pieterse 1994).
Regionalität und Globalisierung lassen auf den ersten Blick einen Gegensatz vermuten, in Wirklichkeit aber durchdringen sie sich gegenseitig auf vielfält ige Weise. Man kann von einer Dialektik des Globalen und Regionalen sprechen: Globales hängt von lokalen Handlungen der Subjekte ab und regionale Bedingungen des Handelns sind von globalen Phänomenen durchdrungen, was sich zunehmend auf Städte, Regionen und deren Akteure auswirkt, ebenso wie auf die Lebensweisen der Bewo hner einer Region. Unter dem Schlagwort ’Globalisierung’ verbergen sich verschiedene Konzepte, mit denen wichtige Aspekte der gegenwärtig ablaufenden gesellschaftlichen Umbruc hprozesse erfasst werden sollen. Globalisierung ist nicht allein ein wirtschaftlicher Prozess, sondern umfasst auch politische, soziale und kulturelle Fak-toren.
Im Mittelpunkt des Interesses stehen jedoch zunächst die vielfältigen Globalisierungs- und Internationalisierungstendenzen der Wirtschaft, durch die (nationalstaatliche) Grenzen immer mehr an Bedeutung einbüßen. Die Faktoren, die diese Entwicklung maßgeblich lenken, sind die Deregulierung von Kapitalmärkten und die Neu-Organisation von Produktionszusammenhängen. So wird durch weltweit sinkende Transportkosten und denn Einsatz neuer Technologien eine wesentlich flexiblere Produktion möglich, die immer weniger an einen Ort gebunden ist. Weltweites Handeln und Planen ist für viele Unternehmen mittlerweile selbstverständlich. Inzw ischen operieren nicht nur Großbetriebe, sondern auch Mittel- und Kleinbetriebe in zunehmendem Maße auf internationalen Märkten (Lammers,1999).
Begünstigt werden diese Prozesse durch neue und immer schnellere Kommunikationswege und Verfahren. So ist insgesamt festzuhalten, dass neue Informations- und Kommunikationstechnologien in Verbindung mit der gestiegenen Mobilität des Kapitals zur Flexibilisierung der Standortwahl von Unternehmen führen bei gleichze itiger Abnahme von Standortvorteilen (Danielzyk,1999).
„Ein wichtiger Aspekt der Dynamik von Standortmärkten ist ihre potentielle Entgrenzung und Enträumlichung, genau dies verbirgt sich hinter dem Schlagwort der Globalisierung. Unter der Randbedingung eines dramatisch verschärften weltweiten Standortwettbewerbes zeigt sich immer deutlicher, dass nicht einzelne Städte, sondern nur größere Regionen, die entscheidenden Bezugsräume für Entwicklungsstrategien sind“ (Blo- tevogel/Güntner,1999,S.14)
Die Globalisierung der Beschaffungs-, Standort-, Vermarktungs-, Innovations- und Kooperationsstrategien verändert durch Raumerweiterung und Raumverdic htung die internationale Arbeitsteilung.
So schien mit dem Aufkommen der Globalisierungsdiskussion das geographische Interesse an Räumen, Territorien, Regionen (und deren Grenzen) obsolet geworden zu sein. Dem stehen Vermutungen und Aussagen gegenüber, nach denen unabhängig von oder gerade wegen Globalisierung 'räumliche Kategorien' und Regionen unterschiedlicher Maßstabsebenen eine neue Bedeutung bekommen. Die große Mobilität des Kapitals und die neuen flexiblen Produktionsformen verursachen eine Umstrukturierung des Raumes.
Mit anderen Worten führen Globalisierungsprozesse nicht zu einer Entwertung regionaler Zusammenhänge sondern zu einer Bedeutungszunahme der Region mit ihren endogenen Potentialen und Interaktionsformen.
In den letzten Jahren ist es daher zu einer breiten Aufwertung der Region als Handlungsträger sowohl von ’oben’ als auch von ’unten’ gekommen, da die Sicherung der Voraussetzungen für ökonomische Leistungskraft im globalen Wettbewerb sowie die Vermeidung bzw. Kompensation ökologischer und sozialer Nebenfolgen weder auf nationaler, geschweige denn europäischer Ebene noch mit den Mitteln einzelner Gemeinden möglich ist. Unter den neuen Rahmenbedingungen stehen nicht mehr einzelne Städte im Blickfeld, sondern regionale Standorträume. Das Phänomen der ′neuen Region′ erklärt sich zunächst aus dem gesellschaftlichen Wandel. In seinem Verlauf entwickelt sich eine von Vollbeschäftigung, Massenkonsum sowie Wohlfahrts- und Nationalstaat geprägte (fordistische) Gesellschaft zu einer Risikogesellschaft (Rommelspacher,1999).
Ihre auf flexible Spezialisierung gegründete globalisierte Ökonomie agiert in einer durch Individualisierung, Differenzierung und stark wachsende soziale Ungleichheit geprägten Gesellschaft. Damit ändern sich auch die Rahmenbedingungen des politischen Handelns und die Ansprüche an die gesellschaftliche Produktion von Raum. Im nationalen, europäischen und globalen Standortwettbewerb müssen die Stadtregionen spezifische Standortqualitäten ausbilden. „Regionalisierung heißt hier Rückbeziehung auf eigene Qualitäten bei der Bewältigung eines tendenziell globalen Strukturwandels“ (Lindner,1994,S.71).
Regionalisierung kann man also als gleichgerichtetes Pendant von Globalisierung begreifen, da viele politische, wirtschaftliche und infrastrukturelle Entscheidungen die Kommunen zunehmend überfordern. Regionale Kooperation hat somit auch eine pragmatische Ebene. Günstige Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Handeln lassen sich in vielen Fällen nicht mehr durch die einzelne Kommune, sondern nur noch durch regional abgestimmtes Handeln herstellen. So lassen sich in vielen Bereichen (Verkehr, Ver- und Entsorgung) die neuen Anforderungen, die über die kommunalen Grenzen hinausgewachsen sind, nur noch in Kooperation erfüllen (Groß/ Röbke,1998).
So wird unter den Rahmenbedingungen der Globalisierung die Region als mittlere Ebene zwischen Staat und Stadt zum Adressaten für solche Probleme, für deren Lösung der Staat zu groß ist, und für solche, für die die Stadt zu klein ist. Staatshandeln in den 90er Jahren ist demnach durch zunehmende gesellschaftliche Komplexität, wachsende Problem- und Anspruchslagen bei gleichze itig deutlich abnehmenden Ressourcen gekennzeichnet.
Dies zeigt sich unter anderem durch „eine Fragmentierung des stadt-regionalen Raumes, die Individualisierung der Sozialstruktur, die Mediatisierung städtischer Kulturen und komplexe Formen der Suburbanisierung, die in der Summe die Form des Urbanen verändern und zum erneuten Nachdenken über Urbanität zwingen“(ILS,2001,S.21).
Heterogenität und Fragmentierung sind somit ein notwendiger Teil von Globalisierungsprozessen. Die rasante Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien, das Verschwinden landwirtschaftlicher Gebiete und die Konzentration der Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor ließen jene städtischen Großräume ohne klare Grenzen entstehen, die das heutige Europa prägen.
Erfolgreich zu sein heißt für Städte, Unternehmen ein attraktives Umfeld und ein posit ives Image anbieten zu können. Um die Wettbewerbsfähigkeit von Städten und Regionen im europäischen und internationalen Städtenetzwerk zu sichern, musste sich auch die Stadt- und Regionalplanung neuen Anforderungen stellen.
Der soziale, kulturelle und wirtschaftliche Wandel der Städte und ihre Regionalisierung durch die Ausdehnung ins Umland in den letzten dreißig Jahren haben die Raumordnung verändert.
2.2 Wandel der Urbanität
Städte befinden sich schon immer im Wandel, in einer Transformation ihrer Gestalt, bedingt durch wirtschaftliche, politische, geographische und infrastrukturelle 'Zwänge'. Die momentane Stadtentwicklung ist gekennzeichnet vom N ebeneinander postfordistischer und fordistischer Tendenzen (Leborgne/Lipietz,1994). Die starre Ordnung zonaler Flächenfunktionszuweisungen des Fordismus wird von neuen flexiblen Strukturen einer postfordistischen Stadtentwicklung durchbrochen und teilweise abgelöst. Geprägt wird diese von veränderten gesellschaftlichen und wir tschaftlichen Entwicklungen, die sich u.a. im Individualisierungsprozess der Gesellschaft und der Flexibilisierung der Arbeitswelt ausdrücken.
Historisch sind die konstituierenden Elemente von Urbanität Zentralität, Dichte und Mischung - ein funktionales und soziales Nebeneinander von Wohnen, Geschäften, Betrieben, Cafes, Vergnügungsstätten, von Armen und Reiche n, Jungen und Alten, Einheimischen und Fremden (Häußermann/Siebel,1997). Städtische Strukturen allerdings verändern sich merklich: • Der Auszug wichtiger Funktionen (Wohnen, Einzelhandel, Gewerbe) an die Peripherie,
• wirtschaftliche und räumliche Konzentrationsprozesse, die alte Stadtstrukturen sprengen,
• zunehmende soziale Spaltungen, die dem integrativen Urbanitäts-Ideal widersprechen
• ein regional oder sogar überregional orientierter Alltag der Stadtbewo hner/nutzer sowie
• das Schwinden zivilisatorischer, kultureller oder politischer Besonderheiten des Stadtlebens
Damit wird das Leitbild der verdichteten, urbanen europäischen Stadt in Frage gestellt. Das Bild der modernen Großstadt löst sich immer mehr auf. Die Grenzen zw ischen den Städten, die zwischen Stadt und Vorstadt, Vorstadt und Land, werden durchlässig oder verschwinden ganz.
Diese neuen Städtelandschaften sind das Resultat einer Entwicklung die sich aus städtischer Perspektive als Verdichtungs-, Auflösungs- und abermaliger Verdichtungsprozess umschreiben lässt (Reulecke,1985).
Wanderte in der Zeit der 1. großen Industrialisierungsphase in Deutschland (etwa ab 1830) ein Menschenheer in die Städte, so zeichnete sich nach dem Zweiten Weltkrieg ein weiterer Verstädterungsprozess mit einer gleichzeitig sich vollziehenden Wanderung (Migration) in das Umfeld der Städte ab. Ein Prozess, den man insgesamt als Agglomerisierungs- und Regionalisierungsprozess der Städte bezeichnen kann. Ein Prozess, der Stadt und Region unter widersprüchlichen Gesichtspunkten (hier Verstädterung des Landes und dort Verländlichungstendenzen auch städtischer Lebensräume) zu einer Entwicklungseinheit zusammenfasst.
Durch Sub- und Desurbanisierungsprozesse entstehen neue räumliche Konfigurationen, „die durch die räumliche Ausdehnung der stadtregionalen Verflechtungen sowie deren quantitative und funktionale Differenzierung gekennzeichnet ist“ (Priebs,1997,S.152). Suburbanisierung wird in der Diskussion von Stadttheoretikern und -planern oft als Synonym für die Auflösung der Stadt und ihre fast grenzenlose Ausweitung verwendet. Bei der Suburbanisierung handelt es sich um einen hinsichtlich seiner Ausprägungen und Auswirkungen ungesteuerten, ungeplanten und einer starken Eigend ynamik unterworfenen Vorgang.
In Zusammenhang damit steht, dass moderne, im Vergleich zu traditionellen Lebens-formen nicht mehr so eng mit den räumlichen Gegebenheiten gekoppelt sind.
Traditionelle Formen zeitlicher Stabilität und räumlicher Kammerung des Gesellschaftlichen sind in Auflösung begriffen. Das ist nicht nur eine Konsequenz der Globalisierung. Diese Prozesse sind vielmehr auch an dieselben Bedingungen gebunden, welche auch die Globalisierung ermöglichen. So ist auch die Bevölkerung ist nicht mehr an einen Standort gebunden.
Aufgrund der erhöhten Mobilität und der Differenzierung der Lebensstile entscheidet sich die Bevölkerung nicht langfristig für eine Kommune. In Verdichtungsräumen liegen Wohn- und Arbeitswelt immer seltener in ein und derselben Kommune, son- dern die Region wird zum Lebensraum (Scholz,1999).
„Aus der kompakten Stadt unseres historischen Vorstellungsbildes ist die 'Collage-City' geworden, eine Collage aus Stadt- Fragmenten im Raum“ (Romeiß-Stracke,1999,S.142).
So erfordern die Veränderungen, die Städte momentan erfahren ein anderes Planungsverständnis und neue Begrifflichkeiten. Dabei wurde der Begriff der Zwischenstadt' 2 entwickelt'. „Es ist die Stadt zwischen den historischen Stadtkernen und der offenen Landschaft, zwischen dem Ort als Lebensraum und den Nicht-Orten der Raumüberwindung, zwischen den kleinen örtlichen Wirtschaftskreisläufen und der Abhängigkeit vom Weltmarkt“ (Sie-verts,1999,S.7).
Zwischenstadt beschreibt einen Siedlungstypus, der die kettenförmige Suburbanisierung zwischen Großstadtkernen entlang von Korridoren analysiert, mit gemessen an der Einwohnerzahl reduzierter oder aber 'schiefer' zentralörtlicher Ausstattung (Dörr,1996). Damit ist einerseits ein Mangel an soziokultureller Infrastruktur bei gleichzeitiger Überausstattung an Handels- und Freizeitgroßbetrieben gemeint. Hier zeigen sich unmittelbar sowohl die horizontale (Einzugsbereich) wie auch die vertikale (Hierarchie) 'Verletzung' traditioneller zentralörtlicher Prinzipien (Prigge, 1994). Unter dem Druck wirtschaftlicher Globalisierung und raum- und zeitüberwindender Technisierung, von wachsender Mobilität und permanenter Beschleunigung verwandeln sich die Orte auf der ganzen Welt. [...] sie transformieren jeden Ort in einen 'global place', jede Stadt in eine 'global City' und jede Landschaft in eine 'global Landscape'. So werden sich die Orte immer ähnlicher und in der Konsequenz lösen sich die Ortsbindungen der Menschen auf.
Demgegenüber steht jedoch eine Entwicklung, in der Orte als Identifikationsräume wiederentdeckt werden. So gewinnen Regionen gerade durch regionale Eigenschaften, also regional- individuelle Differenz, durch die sich Regionen deutlich und bewusst von anderen abheben.
Die Identifikation regionaler Akteure mit ′ihrer′ Region gewinnt eine strategische Bedeutung. „In dem Maße wie die räumlichen Barrieren schwinden, wächst die Sensibilität für das, was der Raum enthält“ (Harvey,1994,S.61). So ist die Rede von der ’Wiederentdeckung des Raumes’ und der Herausbildung einer neuen regionalen Identität.
2 der Begriff der Zwischenstadt wurde von Thomas Sieverts während seiner fünfjährigen Arbeit als
einer der Direktoren der IBA Emscher Park entwickelt (Sieverts,1997)
2.3 Regionale Identität
In den letzten Jahren ist die Region und damit die regionale Identität zum politischen und planungstheoretischem Programm erhoben worden.
In immer mehr Regionen wächst das Interesse an der Bewahrung, Bewusstmachung und Präsentation eigener Stärken, Traditionen und Besonderheiten, die sich u.a. aus sozialen, wirtschaftlichen, städtebaulichen oder geographischen Entwicklungen his-torisch oder aktuell ergeben haben.
„Die mit der globalen Vergesellschaftung einhergehende Entdifferenzierung ist es, die zur Entdeckung, Wiederbelebung oder Erfindung regionaler Besonderheiten wirtschaftlicher Teilräume geführt hat“ (Lindner,1995,S.31). So rufen Globalisierungstendenzen gleichzeitig Fragmentierungen und Bindungen hervor. Je stärker lokale und regionale Handlungsspielräume durch die Globalisierung ökonomischer, politischer und soziokultureller Entwicklung in Bedrängnis geraten, desto stärker wird die Bedeutung dieser Ebene als Gegengewicht, vielleicht sogar als Gege nwelt (Wood/Komlosy,1997).
Regionale Identität ist ein Produkt ihres Gegenteils, der Herausbildung nationaler und internationaler Räume und der damit einhergehenden Modernisierungsprozesse (Ipsen,1986). Der Ausdruck 'regionale Identität' weist meist darauf hin, dass man sich mit der Herkunftsregion oder dem aktuellen regionalen Lebenskontext 'identifiziert'.
Dabei fällt auf, dass der Referenzgegenstand der Identität oder Identifikation recht vage bis völlig unbestimmt bleibt. Dennoch lassen sich Einflussgrößen bene nnen, die die regionale Identität beeinflussen (Hennings/Müller,1999): • die Wirtschaftsstrukturen in denen die Menschen einer Region leben und arbeiten
• die sprachlichen Strukturen, die sich regionalspezifisch herausgebildet haben • die Geschichte des Raumes
• die kulturellen Eigenheiten der Menschen eines Raumes, • die natürliche oder gebaute Umwelt, in der sich das tägliche Leben abspielt • in wachsendem Maße auch die Images, die den Regionen zugeschrieben wer- den
Regionale Identität lässt sich jedoch nicht planen, sondern ist ein langer Prozess. „Ein regionales Selbstverständnis, das sich langfristig zu einer neuen Identität verdichten kann, entsteht aber nicht in intellektuellen Kraftakten. Es fußt auf Verständigung zwischen den Gruppen einer Region, die ökonomische, soziale und kulturelle Entwicklungen reflektieren. Derartige Prozesse sind nicht steuerbar, wohl aber beeinflussbar“ (Rommelspacher,1996,S.22).
So wird zum einen die Region als Ident ifikationsraum immer wichtiger, wobei Kunst und Kultur eine Bedeutung für die Identifikation der Bevölkerung mit i hrer eigenen Stadt oder Region, für die Entwicklung des Selbstbewusstseins ihrer Bürgerinnen und Bürger zukommt. Kulturelle Einrichtungen werden sehr hoch eingeschätzt - auch von jenen, die sie selbst kaum oder gar nicht nutzen.
Zum anderen gehört eine regionale Identität auch zu den ′neuen Bildern′ einer Region, mit denen sich diese präsentiert. So werden die jeweiligen wirtschaftlichen und kulturellen Eigenarten im Rahmen eines Regionalmarketings herausgestellt. In den letzten Jahren ist deutlich geworden, dass regionalspezifische Traditionen und Eigenarten (regionale Küche usw.) als wichtiger Werbefaktor erkannt, wiederbelebt und vermarktet werden. Es kommt zu einer ′Wiederaufwertung besonderer regionaler Qualitäten (Ipsen/Kühn,1994),
So entfaltet Kultur eine Wirkung nach innen, die Bürger können sich dadurch beispielsweise mit ihrer Region identifizieren, das allgemeine Wohlbefinden und die Lebensqualität steigen infolge der Kultur- und Freizeitangebote
Unter dem Aspekt der Globalisierung, dem veränderten Stadtbild sowie dem Bedeutungsgewinn der Region als Ident ifikationsraum ist ein Maßstabswechsel hin zu mehr räumlichen Denken unverzichtbar.
So scheint es im aktuellen Prozess der Auflösung der Städte erforderlich die Vorstellung von der klassischen Stadt aufzugeben und die Qualitäten in den längst entstandenen Wirklichkeiten zu erkennen. „Nicht nur der Raum ist unübersichtlich, sondern vor allem durch ’unsere Vorstellung verstellt’“ (Sieverts,1999,S66.). Ziel einer ästhetisierenden Gestaltung ist dann z.B. das „Austarieren des Verhältnisses zwischen der Ästhetik der Unordnung und dem Maß an 'klassischer' Ordnung und gewohnter Harmonie, das wir brauchen um uns in einer anar- chistischen Ordnung der Dinge zurechtzufinden und Wohlzufühlen“ (Sieverts,1999,S.112).
2.4 Kultur und Raum - zur Rolle der Kultur
Aufgrund der geschilderten Faktoren ist anzunehmen, dass das weite Feld der Kultur in Zukunft im globalen Wettbewerb der Städte und Regionen eine sehr wichtige Ro lle einnehmen wird. Es geht darum im Globalen Standortwettbewerb ’Sichtbar zu bleiben’ und hierzu eignen sich im Besonderen die Kunst und die Kultur. 'Regionalisieren' heißt in diesem Zusammenhang, Begriffe und Bilder von der Region herzustellen und diese mit Erfolg in die soziale Kommunikation einzufädeln, und dies scheint wiederum an Voraussetzungen gebunden zu sein, die hauptsächlich in der Übereinstimmung mit den Lebensstilen in einer Region bestehen.(Ipsen,1987).
Kunst und Kultur können dabei als 'Instrument' beim Umbau von altindustrie llen Regionen eine wichtige Rolle einnehmen. So drehen sich viele Entwürfe für alte Industrieregionen, wie z.B. dem Ruhrgebiet, immer wieder um die Sichtbarkeit der Region: Sie als Kulturlandschaft entwickeln bzw. sie als Kulturlandschaft weiterzuentwickeln, heißt primär, die Sichtbarkeit ihrer Eigenart zu produzieren.
Diese Entwürfe bedienen sich der Postmoderne in der Architektur und der Kultur im engeren Sinne und weiter der Symbolisierung, Ästhetisierung, des Spektakels und des Tourismus (Dangschat,1992). „Ihre Fähigkeit zur Bildproduktion und zur sozialen Distinktion sind es, die Kunst - und im weiteren Sinne die gesamte Kultur - seit den 1990er Jahren zu einem immer wichtigeren Instrument der gesellschaftlichen Produktion von Räumen machen“ (Rommelspacher,2000).
Bereits hier wird deutlich, dass der Begriff der Kultur hier in verschiedenen Zusammenhängen und auch in unterschiedlichen Funktionen gesehen wird. Kultur in ihrer Komplexität ist Ausdruck der regionalen bzw. lokalen Identität sowie das endogene Potential einer Region. Kulturelle Aktivitäten sind insbesondere ein wichtiges Kennzeichen europäischer Städte. Zugleich ist Kultur ständigen Einflüssen und Veränderungen durch interregionale und internationale Faktoren unterworfen. So differenziert sich Kultur immer weiter aus. Die ′traditionelle′ Kultur und ihre Institutionen wird abgelöst durch ein vielschichtigeres Modell der losen Kopplung von glo- baler, europäischer, nationaler, regionaler und lokaler Kultur.
Diese 'Kulturen' sind dabei als Teile eines komplexen Bündels zu verstehen, die ne-beneinander bestehen, sich wechselseitig befruchten, gegenseitig durchdringen, aber auch in einem wachsenden Konflikt zueinander stehen.
Kulturproduktion und Kulturvermittlung wird dabei auf allen Ebenen mehr und mehr durch marktförmige Prozesse geprägt und immer mehr auch in den Zusammenhang mit wirtschaftlichen Aspekten gebracht. Der gesamte Bereich Kunst und Kultur hat in den vergangenen Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen.
3. Kultur in der Differenz
In den letzten Jahren hat das Interesse an Kunst und Kultur breitere Teile der Bevö lkerung erfasst als jemals zuvor. So ist festzustellen, dass traditionelle Kultureinrichtungen wie die Theater und der Büchermarkt boomen, Alltagsästhetik und Konsumstile immer prägender werden, kulturelle Events von den Nächten offener Museen bis hin zur Love Parade überfüllt sind.
Es entstanden - besonders in den jüngeren Generationen - neue sozialästhetisch orientierte Milieus, für die das Kulturleben entscheidende Bedeutung hat (Schulze, 1997) Kulturwirtschaft und Kulturindustrie sind prosperierende Wirtschaftszweige mit bereits mehr Arbeitsplätzen als manche Altindustrie. Die kulturelle Attraktivität einer Stadt ist heute eine ihrer wichtigsten ökonomischen Standortfaktoren. „Den Strömungen und Entwicklungen des Zeitgeistes folgend ist nach der ’Industrie- und ’Arbeitsgesellschaft’, der ’Konsum-, ’Risiko-, ’Informations- und ’Dienstleistungsgesellschaft’ nun der Begriff der ’Kulturgesellschaft geprägt worden“ (Ebert/Gnad/Kunzmannn,1992,S9). In der Kulturgesellschaft wird Kultur von traditionellen Kultureinrichtungen über Stadtteilkultur, küns tlerische Avantgarde bis hin zur Massenkultur moderner Medien, zur Event- und Spaßkultur immer wichtiger und wird auch als Kultur in dieser Bandbreite wahrgenommen und erlebt.
Daran wird bereits deutlich, dass der Kulturbegriff heute nicht so einfach festzulegen ist. So ist der Kultursektor durch zunehmend enge und verschiedenartige Wechselwirkungen zwischen dem kulturellen Leben (öffentliche kulturelle und soziokulturelle Einrichtungen wie Theater, Museen, Kunstzentren, historische Sehenswürdigkeiten, Kunst- und Musikschulen etc.) einerseits und der Kulturindustrie (Musik-, Kunst-, Literatur- und Buchmarkt, Film-, Fernseh- und Videoproduktion, Photogra- fie, Design, Unterhaltung, Tourismus etc.) andererseits gekennzeichnet.
Arbeit zitieren:
Tanja Lewandowski, 2002, Kulturregion Ruhrgebiet, München, GRIN Verlag GmbH
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