5. Hans Brügelmann 47 : Methoden des Schriftspracherwerbs 15
5.1 Ganzheitliche (analytische) oder einzelheitliche ( synthetische) Methode? - Ein
Vergleich..................................................................................................................... 15
5.1.1 Grundlagen der ganzheitlichen (analytischen) Methode 48 15
5.1.1.1 Methodische Schwächen 49 15
5.1.2 Grundlagen der einzelheitlichen (synthetischen) Methode 50 16
5.1.2.1 Methodische Schwächen 51 16
5.1.3 Zusammenfassende Beurteilung 16
5.1.4 Der Spracherfahrungsansatz - eine Alternative? 17
6. Schlußbetrachtungen. 18
Literaturverzeichnis 20
2
1. Einleitung
Verfolgt man neuere Untersuchungsergebnisse über die Lese- und Schreibfähigkeit von Schülern und jungen Erwachsenen in unseren Medien, klagen entsprechende Stellen (weiterführende Schulen, Arbeitgeber, Universitäten u.a.) immer wieder über auffallend große Defizite in diesen genannten Bereichen.
Das Lesen- und Schreibenkönnen entwickelt sich jedoch nicht von selbst beim Menschen. Es muß vielmehr in einem längeren Prozeß unter ganz bestimmten Bedingungen erworben und auch gepflegt werden. Gerade weil die Fähigkeit des Lesens und Schreibens für viele Menschen bereits eine Schlüsselfunktion zu persönlicher und beruflicher Weiterentwicklung innerhalb der Gesellschaft darstellt, beschäftigen sich u.a. Schriftspracherwerbsforscher mit der Beschreibung jener Bedingungen, die dem Erwerb von Lesen und Schreiben zugrunde liegen.
In einem ersten Schritt wird versucht, dem kindlichen Entwicklungsstand vor dem Lesen-und Schreibenlernen Rechnung zu tragen, auf Probleme und Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb aufmerksam zu machen und über die Bedingungen und Voraussetzungen zu informieren, die für einen erfolgreichen Schriftspracherwerb nötig oder förderlich sind. Danach soll ein kleiner Einblick in theoretische Modellvorstellungen über den Umgang des Kindes mit Schriftsprache vermittelt werden, um dann schließlich mögliche pädagogische Konsequenzen zu diskutieren.
2. Begriffsklärungen
2.1 ,,Lesen" als Teil des Schriftspracherwerbs
Für Menschen, die ohne Schwierigkeiten lesen können, scheint eine Begriffsklärung überflüssig zu sein. Es geht hier jedoch um eine Handlung, die in ihrer Komplexität erst einmal erfaßt werden muß, um das nötige Verständnis für Kinder zu entwickeln, die sich mehr oder weniger erfolgreich im Prozeß des Lesenlernens befinden. Im Wesentlichen können zwei Dimensionen unterschieden werden, die sich letztendlich wieder aufeinander beziehen 1 : Die semantische Dimension richtet sich auf die Bedeutung
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von zu lesenden Wörtern oder Sätzen; der Sinn des Geschriebenen muß erfaßt werden. In einer zweiten, als technisch bezeichneten, Dimension geht es darum, optische Muster (Wortgruppen, Wörter, Buchstabengruppen, Satzzeichen) als solche wahrzunehmen und sie gleichzeitig in einen akustischen Zusammenhang zu stellen; d.h. die optisch erfaßten Zeichen werden innerlich verlautbart oder aber laut gelesen für alle Anwesenden hörbar nach außen gebracht.
Dementsprechend ist Lesen eine perzeptive Tätigkeit und in Verbindung mit produktivem Denken eine Möglichkeit der Welterschließung, der Kommunikation zwischen der Welt und dem Ich , die an die bestimmte Struktur der Schrift gebunden ist.
2.2 ,,Schreiben" als Teil des Schriftspracherwerbs
Doch wie steht es nun im Gegensatz dazu mit dem Schreiben?
Während beim Lesen die Zeichen entschlüsselt (enkodiert) werden müssen, ist es beim Schreiben anders. Hier werden Gedanken oder Gehörtes, verschlüsselt in schriftsprachliche Zeichen, zu Papier gebracht. Bekannte Wörter werden unter Berücksichtigung bestimmter graphischer Merkmale geschrieben, während das Schreiben unbekannter oder ungeübter Wörter mit Bezug auf erlernte Rechtschreibregeln erfolgt 2 . Schorch 3 verweist in diesem Zusammenhang u. a. auf die Bedeutung des Handschreibens als Unterstützung von Denkprozessen. Dabei trennt er das Denken in sprechendes und schreibendes Denken, wobei das Schreiben eine Art Stützfunktion des Denkens einnimmt. In diesem Sinne ist Schreiben eine produktive Tätigkeit 4 . Es werden also gerade hier auditive, visuelle, kognitive und feinmotorische Fähigkeiten gefordert. 5
2.3 Zusammenhang von Schrift und Sprache
Wygotzki 6 sieht die schriftliche Sprache gleich der Welt der Gedanken als eine Art innere Sprache, die gerade dadurch geprägt ist, daß sie - zumindest für das Organ Ohr - lautlos ist. Die schriftliche Sprache entfernt sich demnach von unserer sinnlich erfahrbaren Welt und führt in einen Bereich der Abstraktion, der u.a. von Vorstellungen über die materielle Welt lebt. Gerade diese für das Kind große Umstellung von einer lautsprachlichen in eine
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gedachte Welt stellt für Wygotzki eine der größten Schwierigkeiten beim Erlernen der Schriftsprache dar.
Auch Giese 7 unterscheidet eine je eigene Kultur für die gesprochene und für die geschriebene Sprache 8 . Dabei stellt er für die Schrift- und Lautsprache nicht nur jeweils unterschiedliche Bedingungen zu ihrer Produktion heraus, sondern auch die sich in qualitativer Hinsicht voneinander unterscheidenden Funktionen beider Bereiche 9 . Am Beispiel
der Transkription verdeutlicht er, daß es praktisch unmöglich sei, sprachliches Handeln vollkommen in graphische Symbole zu übertragen. Ferner verweist er darauf, daß Schriftsprache nicht nur kommunikativen Charakter habe, sondern daß sie auch die Möglichkeit biete, sich mit den eigenen Gedanken auseinanderzusetzen 10 . Gerade in Bezug auf eine sich ständig modernisierende Umwelt macht Giese auf die zunehmende Bedeutung von Schriftsprache im Zusammenhang mit modernen Kommunikationsmedien aufmerksam.
3. Die Situation des Kindes vor dem Schriftspracherwerb 11
3.1 Gegebenheiten des Kindes
Bethlehem beschreibt Spielen und Sprechen des Kindes als unmittelbare Lebensäußerungen vor dem Beginn des Schriftspracherwerbs. Von diesen beiden Handlungen werde aber nur das Spielen vom Kind reflektiert, nicht das Sprechen. Die Konzentration beim Hören und Sprechen richte sich allein auf den Sinn und nicht auf bestimmte Strukturen des Gehörten oder Gesprochenen. In der ersten Auseinandersetzung hat Sprache nach Bethlehem für das Kind Symbolcharakter ersten Grades, weil sie dazu dient, die Wirklichkeit und Gedanken spontan auszudrücken. Erst im weiteren Entwicklungsverlauf erhält die Sprache Symbolcharakter zweiten Grades, nämlich dann, wenn das Kind in der Lage ist, die Symbolsprache z.B. von Verkehrszeichen und ähnlichen Vorgaben zu verstehen. In dieser Entwicklungsstufe ist es also fähig, solche Symbolaussagen nachzuvollziehen, die bereits stellvertretend (in zweiter Ordnung) für das Symbol Sprache eingesetzt worden sind.
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Generell werden LeseanfängerInnen vor die schwierige Aufgabe gestellt, ein für sie sinnleeres System von Elementen mit gesprochener Sprache in Verbindung zu bringen; die gesprochene Sprache soll in einem Wirrwarr von Zeichen wiedererkannt werden. Dabei sollen sie auch lernen Schriftbilder voneinander abzugrenzen.
3.1.1 Pädagogische Konsequenzen
In Anlehnung an den letzten Punkt unter 3.1 stellt Bethlehem eine mögliche pädagogische Vorgehensweise zur Diskussion - das zweiphasige Lesenlernen: Er schlägt vor, das Kind in einer ersten Lernphase auf dem analytischen Wege ausschließlich mit ganzen Wörtern operieren zu lassen und es erst in einer zweiten Phase auf dem synthetischen Wege mit den einzelnen Sprachelementen innerhalb der Wörter vertraut zu machen 12 .
3.2 Geistige Voraussetzungen für den Schriftspracherwerb 13
Es gibt eine Reihe an Faktoren, die das Kind im Prozeß des Schriftspracherwerbs entscheidend beeinflussen und über Erfolg und Mißerfolg beim Erlernen von Lesen und Schreiben mitentscheiden 14 . Gleichzeitig bieten sie aber auch eine Reihe an Ansatzpunkten für Fördermaßnahmen bei auffälligen Kindern und sollten im Sinne Bethlehems nicht unbedingt für ein individuelles Hinausschieben des Leselernbeginns zugrundegelegt werden:
Das Kind muß im Erwerb der Schriftsprache Schriftbilder nicht nur wahrnehmen, sondern vielmehr auch unterscheiden und behalten können. D.h. bereits vor dem Schriftspracherwerb soll es in der Lage sein, Gegenstände, die ihm gezeigt werden, unter vielen ähnlichen herauszufinden. Auch die Vorstellungskraft über die äußere Erscheinung eines Gegenstandes ist eine wichtige Grundlage zum Schriftspracherwerb. Unvollständigkeiten bei gezeigten Gegenständen sollen vom Kind erkannt und ergänzt werden können. Ferner spielt die Merkfähigkeit des Kindes eine bedeutende Rolle. Es sollte sich nach einer begrenzten Zeit an Dinge erinnern, die ihm zuvor gezeigt worden sind. Ebenfalls wichtig für das Kind ist eine ausreichende Konzentrationsspanne, die es
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Arbeit zitieren:
Andrea Hoesch, 1999, Grundlagen des Schriftspracherwerbs, München, GRIN Verlag GmbH
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