Universität zu Köln Erziehungswissenschaftliche Fakultät Seminar für Deutsche Sprache und ihre Didaktik Sommersemester 2002
Seminar 7326: Einführung in die Literaturwissenschaft I und II:
Inhaltsverzeichnis
Seite
I. EINLEITUNG 2
II. ZUR MEDEA-FIGUR IN DER ANTIKE -
MYTHISCHE GRUNDLAGEN BEI EURIPIDES 2
III. VERÄNDERUNGEN UND PARALLELEN IN DER
DARSTELLUNG DER MEDEA-FIGUR
BEI CHRISTA WOLF 3
1. Medeas Motiv zur Flucht 4
2. Medeas Beziehung zu Glauke 5
3. Die Rolle Kreons 6
4. Die Frage nach Medeas Schuld 8
IV. AUSGEWÄHLTE ASPEKTE DER AKTUELLEN
THEMATIK DES VORLIEGENDEN WERKES 10
1. Das Sündenbock Phänomen 11
2. Streben nach Macht 13
V. SCHLUSSBEMERKUNG 14
VI. LITERATURVERZEICHNIS 16
1
I. EINLEITUNG
Der Mythos ‚Medea‘ wurde in der Vergangenheit vielfach von Autoren aufgegriffen und in der Literatur verarbeitet und ist somit der wohl von allen antiken Stoffen am häufigsten behandeltste, wie die Dichtungen eines Ennius, Ovid, Seneca, Corneille, F. M. Klinger, Grillparzer, Jahn und Anouilh beweisen. 1 Auch Christa Wolf nimmt in ihrem Roman ,,Medea. Stimmen” Elemente des antiken Mythos ,Medea’ auf und variiert und verändert ihn. In der vorliegenden Arbeit soll diese Bearbeitung des Medea-Mythos bei Christa Wolf sowohl in ihren Veränderungen als auch in ihren Parallelen analysiert werden.
Dazu wird es zunächst im ersten Kapitel notwendig sein, einen kurzen Überblick über die wichtigsten Handlungselemente des Medea Mythos zu geben. Grundlage des ersten Kapitels und damit der gesamten Analyse wird der Medea-Mythos nach Euripides 2 sein, da dieser den ursprünglichen Mythos als erster zusammenfassend erzählt hat. Auf dieser Vorlage soll anschließend analysiert werden, welche Veränderungen Christa Wolf für ihre Version der ,Medea‘ vornimmt und inwiefern Parallelen zum ursprünglichen Medea-Mythos zu ziehen sind. Dies wird anhand von ausgewählten Handlungen und Beziehungen dargestellt, um schließlich auch Medeas Schuldfrage klären zu können.
Anschließend soll in einem weiteren Kapitel die aktuellen Thematik in Christa Wolfs Werk thematisiert und diskutiert werden. Interessant wird dabei sein, zu sehen, welche möglichen zeitgenössischen Probleme Christa Wolf mit dieser weit zurückliegenden Figur aufzeigen will. 3
Abschließend erfolgt eine kurze Zusammenfassung der Analyse und Ergebnisse dieser Arbeit sowie ein Ausblick auf mögliche andere Analysepunkte in Christ Wolfs „Medea. Stimmen“.
1 vgl.: Beck, Jan-Wilhelm: Euripides ‚Medea’: Dramatisches Vorbild oder misslungene Konzeption? In: Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen I. Historische Klasse 1998. S. 11ff. (künftig zitiert: Beck, Jan-Wilhelm)
2 Euripides: Medea. Tragödie. Übersetzung von J. J. C. Donner. Stuttgart: Reclam 1972. (=Reclams Universalbibliothek, Nr. 849) (künftig zitiert: Euripides: Medea).
3 vgl.: Warum Medea? Christa Wolf im Gespräch mit Petra Kammann am 25.1.1996. In: Christa Wolfs Medea. Voraussetzungen zu einem Text. Mythos und Bild. Hg. v. Marianne Hochgeschurz. Berlin: Janus press 1998. S. 49. (künftig zitiert: Warum Medea?).
2
I. ZUR MEDEA-FIGUR IN DER ANTIKE - MYTHISCHE GRUNDLAGEN BEI
EURIPIDES
Der Medea-Mythos ist in den letzten zwei Jahrtausenden immer wieder neu erzählt und literarisch bearbeitet worden. Charakteristisch ist dabei, dass es zu Beginn oft nur bruchstückhafte, teilweise widersprüchliche Überlieferungen gab. Erst Euripides hat mit seiner Tragödie diesen Mythos zu einer übersichtlichen Handlung zusammen gefasst. Er übernahm die Grundzüge des Mythos Medea in seine Tragödie und integrierte einige neue Elemente. So hat er die „Gestalt und [den] Mythos zu dem gemacht [...], wofür die Medea heute bekannt ist.“ 4
Ausgangspunkt der Tragödie bei Euripides ist, dass die zauberkundige Medea, aus leidenschaftlicher Liebe zu Jason, aus ihrer Heimat Kolchis nach Korinth flieht, nachdem sie Jason geholfen hat, das goldene Vlies von ihrem Vater zu stehlen. Doch dadurch begeht sie Verrat an ihrem Vater und Bruder. Zudem wird ihr vorgeworfen, letzteren sogar getötet und durch ihre Zauberkräfte den Rachemord an Pelias, Jasons Onkel, herbeigeführt zu haben.
In Korinth wird Medea jedoch von Jason verlassen, der Glauke, die Tochter des Königs heiraten will, um so seine Existenz zu sichern. Aus diesem Grund wird Medea eine von Hass erfüllte, grausame Frau, die sich durch Betrug und List an ihrem Mann rächen will. Mit scheinbar aufrichtiger Freude lässt sie der zukünftigen Braut ein festliches Kleid überbringen. Dieses ist jedoch von Medea verzaubert und tötet Glauke und ihren zur Hilfe eilenden Vater Kreon durch Gift und Feuer auf qualvolle Weise. Diese Grausamkeiten aus rasender Eifersucht finden ihren Höhepunkt, als Medea zur Mörderin ihrer eigenen Kinder wird, um sich an Jason zu rächen. Um diesen grausamen Mord in Erinnerung zu halten, stiftet sie ein Opferfest und trägt somit selbst zur Festigung des Mythos bei. 5
Diese beiden wichtigen Handlungselemente, Medea als Kindesmörderin und der Mord Medeas an Glauke wurden von Euripides neu eingefügt und sind weitgehend unhinterfragte feste Bestandteile des ;Mythos Medea‘ geworden. 6
4 Beck, Jan-Wilhelm: S.3.
5 vgl.: Euripides: Medea S. 5-56.
6 vgl.: Roser, Birgit: Mythenbehandlung und Kompositionstechnik in Christa Wolfs "Medea. Stimmen“. Münchener Studien zur literarischen Kultur in Deutschland, 32. Frankfurt am Main [u.a.]: Lang 2000. S. 53. (künftig zitiert: Roser, Birgit: Mythenbehandlung)
3
II. VERÄNDERUNGEN UND PARALLELEN IN DER DARSTELLUNG DER
MEDEA-FIGUR BEI CHRISTA WOLF
Christa Wolf hat ihrem Roman „Medea. Stimmen“, diesen griechischen Mythos zu Grunde gelegt und bearbeitet.
Die Autorin übernimmt für ihre Version wesentliche Handlungselemente des überlieferten Medea-Mythos, wie z. B. Orte der Geschehnisse, Namen, Verwandtschaftsbeziehungen und Funktionen von Figuren. Sie fügt aber auch neue Elemente ein. Trotz aller Veränderungen, besonders in Hinblick auf Medeas Charakter, bleibt Medea aber dennoch als Figur der griechischen Mythologie erkennbar. Auffällig dabei ist, dass Christa Wolf besonders die Elemente des Medea-Mythos, die heute am bekanntesten sind, größtenteils als ‚unwahr’ darstellt. 7 Diese Aspekte sollen im Folgenden ausführlich untersucht und erläutert werden
1. Medeas Motiv zur Flucht
Christa Wolf übernimmt in ihrem Roman die Ausgangssituation des euripideischen Dramas, sowie in weiten Teilen die vorkorinthische Lebensgeschichte Medeas. Allerdings ändert sie Medeas Motiv zur Flucht aus Kolchis nach Korinth. Mit dieser Motivänderung geht auch eine Veränderung des Charakters Medeas einher, da ein Tatmotiv immer aus der inneren Verfassung resultiert und diese dadurch auch den Charakter widerspiegelt.
In Christa Wolfs Version nämlich, wird Jason zwar von Medea geliebt, aber sie ist „keine hilflose Sklavin sexueller Leidenschaften“ 8 . Zwar gibt sie zu, dass sie Jason während der gemeinsamen Flucht lieben lernt, aber ein solch naiver Grund ist für sie nicht ausschlaggebend, um ihre Heimat zu verlassen. In Korinth wird schließlich deutlich, dass Jason ihr nicht mehr wichtig ist, gezeigt durch die neue Liebesbeziehung, die sie mit Oistos eingeht. 9
Doch die Kolcher suchen einen Grund für Medeas Flucht aus ihrer Heimat. Sie sehen in Medea und Jason „von Anfang an ein Paar [und für sie] erklärt und entschuldigt die
7 Roser, Birgit: Mythenbehandlung. S. 54f.
8 Atwood, Margaret: Zu Christa Wolfs Medea. In: Christa Wolfs Medea. Voraussetzungen zu einem Text. Mythos und Bild. Hg. v. Marianne Hochgehschurz. Berlin: Janus press 1998. S.72. (künftig zitiert: Atwood, Margaret: Zu Christa Wolfs Medea.).
9 vgl.: Roser, Birgit: Mythenbehandlung, S. 55.
4
Arbeit zitieren:
Astrid Behrens, 2002, Form und Funktion der Modernisierung des Mythos Medea in Christa Wolfs "Medea. Stimmen", München, GRIN Verlag GmbH
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