tel sozialwissenschaftlichen Forschens. Ihre Bestimmung besteht somit nicht mehr darin, Wirklichkeit originalgetreu wiederzugeben, um objektiv wahre, absolute Regelmäßigkeiten aus ihr abzuleiten. Vielmehr sollen Begriffsysteme dem Forscher helfen, empirische oder historische Wirklichkeit in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit verstehend zu erkennen. Der „Idealtyp“ hat eine zentrale Funktion in diesem sprachlichen Werkzeugkasten des Wissenschaftlers. Was genau versteht Weber also unter einem „idealtypischen“ Begriff? Einen ersten Zugang bietet die Wortanalyse. Während „typisch“ in seiner alltäglichen Bedeutung - wesenhaft, eigentlich -verstanden werden kann, ist „ideal“ in diesem konkreten Zusammenhang nicht Synonym für „vollkommen, fehlerlos, erstrebenswert“ - es ist vielmehr das von „Idee“ abgeleitete Adjektiv -Idee im Sinne eines abstrakten, synthetischen Gedankenkomplexes. Unter einem wissenschaftlichen Idealtypus versteht Max Weber also ein wissenschaftliches Begriffsystem, das in abstrahierter Form das Wesen von etwas darstellt. Die Art des idealzutypisierenden Objektes hängt nun von der wissenschaftlichen Ausrichtung und ihrem Forschungsfeld ab - allgemein jedoch ist es die empirische Wirklichkeit, sei es in Form historischer Entwicklungen oder gegenwärtiger Konstellationen.
Kehren wir zurück zu der anfangs beschriebenen Abkehr Webers von der traditionellen deduktiv arbeitenden Schule. Auch die Begriffe, mit der sie arbeitete, waren ja abstrakter Natur, auch sie hatten in gewisser Weise den Anspruch, Wirklichkeit in ihrer Wesenhaftigkeit darzustellen. Und dennoch lässt sich gerade an der Bildung, der Art ihrer Verwendung und dem Zweck von Begriffen die Unterschiedlichkeit beider Ansätze zeigen.
Der Webersche „Idealtyp“ entsteht, indem der Wissenschaftler durch Hervorhebung bestimmter als typisch eingestufter Merkmale und durch „Zusammenschluss einer Fülle von diffus und diskret, hier mehr, dort weniger, stellenweise gar nicht, vorhandenen Einzelerscheinungen“ 3 ein in sich logisches, widerspruchsloses Aggregat abstrakter bzw. abstrahierter Begriffe schafft, die für ihn das Wesenhafte des untersuchten Phänomens darstellen, die er also für typisch - oder mit Weber „idealtypisch“ - hält. Wichtig ist, dass derart gebildete Begriffsysteme erstens utopischen Charakter haben, in der konstruierten logischen Konsequenz realiter also nicht zu finden sind. Zweitens haben sie keine ahistorische Gültigkeit, sondern sind vor allem von der subjektiven Individualität des einzelnen Forschers geprägt, variieren also je nach kulturellen und zeitlichen Gegebenheiten. Es müsse folglich als „sicher angesehen werden, dass mehrere, ja sicherlich jeweils sehr zahlreiche Utopien dieser Art sich entwerfen (ließen)“, schreibt Weber 4 - es würde gelegentlich mit denselben Begriffen gearbeitet, deren konkreter Sinngehalt jedoch je nach Person des Forschers, seinem Interesse, dem zeitlichen Hintergrund und geltenden Werten stark divergierten. Diese inhaltliche „Unschärfe“ stellt für Weber jedoch keinen Grund für eine Diskreditie-
3 S.191
4 S. 192
Arbeit zitieren:
2004, Max Weber: „Die ´Objektivität` sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“, München, GRIN Verlag GmbH
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Objektivität in der Sozialwissenschaft nach Max Weber
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