Inhaltsverzeichnis
1 Inhaltliche und Methodische Einleitung 3
2 Wahrnehmungs- und Gefühlsirritationen durch die Live-Video Ästhetik im
Theater 4
2.1 Ein Beispiel: „Diktatorengattinnen I“ - Analyse der Backstageszenen hinsichtlich
des Scham- und Voyeurismusgefühls 4
2.2 Der Zuschauer als Voyeur. 6
2.3 Der schamerfüllte Schauspieler. 8
2.4 Künstlichkeit und Authentizität 11
3 Resümee. 13
4 Bibliographie. 14
2
1 Inhaltliche und Methodische Einleitung
Die stille Interaktion zwischen Publikum und Schauspielern während einer Aufführung ist oft bedeutender für das betreffende Stück, als man glaubt. Die Rezipienten reagieren auf das Dargestellte und die Akteure lassen sich von jenen Reaktionen beeinflussen, Eine so genannte „Feedbackschleife“ entsteht. Doch wie funktioniert die Interaktion, wenn die Bühne zusätzlich auch noch mit Monitoren gespickt wird, auf denen die Schauspieler wiederum in wechselnden Perspektiven gezeigt werden?
Meine Untersuchung richtet sich in Kapitel 2.1 auf das Phänomen der Wahrnehmungsirritation mittels medialer Transformation im Theater am Beispiel von der reinen Videosituation in René Polleschs neuem Stück „Diktatorengattinnen I.“ Der Theatermacher geht noch einen Schritt weiter, indem er die vier Darsteller minutenlang, von einer Kamera begleitet, im Backstagebereich „spielen“ und die entstehenden Bilder live auf eine Leinwand auf der Bühne projizieren lässt. Um das Thema zu konkretisieren habe mich mit verschiedenen Autoren, vor allem mit Theaterwissenschaftlern beschäftigt, die dazu themenspezifische Literatur verfasst haben. Deren Kerngedanken führen mich zu den Fragen: Was bedeutet die reine Videosituation für die Verbindung von Schauspielern und Publikum? Welche Art von Wahrnehmung kann zwischen beiden Seiten stattfinden, wenn die vierte Wand tatsächlich geschlossen ist und durch eine Leinwand wieder geöffnet wird? Wird der Zuschauer zu einem unfreiwilligen Voyeur und der Schauspieler zu einem schamerfüllten Subjekt, welches sich versteckt? Kapitel 2.2 soll sich mit diesen Fragen, im besonderen Bezug auf den Zuschauer auseinander setzten und zu ergründen versuchen, wie diese Wahrnehmungs- und Gefühlsirritationen das eigentliche Thema der Aufführung selbst verändern. Kapitel 2.3 beleuchtet die Seite des Schauspielers mit der Kernfrage, ob das verschwinden im Hinterraum der Bühne ein Akt des Flüchtens, oder doch des Exponierens ist und was das für die Aufführung bedeutet. Eine weitere Thematik, die sich aus den vorherigen Fragen ergibt, ist die der Künstlichkeit. Sofern sich die Darsteller zeitweilig nur auf einer Leinwand exponieren, kann Authentizität an Wert verlieren. Das Publikum weiß weder, ob die Bilder tatsächlich Live, oder vorproduziert sind, noch kann es die Körperlichkeit und die Präsenz des Darstellers erkennen. Was ist also künstlich und was authentisch? Das letzte Kapitel widmet sich dem Widerspruch von jener Nähe und Distanz, sowie dem Thema des medialen Raums Theater und dessen Bedeutung für unsere Wahrnehmung.
3
2 Wahrnehmungs- und Gefühlsirritationen durch die Live-Video Ästhetik im Theater
2.1 Ein Beispiel: „Diktatorengattinnen I“ - Analyse der Backstageszenen hinsichtlich
des Scham- und Voyeurismusgefühls
Das Saallicht ist an. Laute Musik dröhnt durch die Boxen der Volksbühne Berlin. Die Schauspieler artikulieren wirre, theoretische Textpassagen über den Kapitalismus, die Familie und den Konsens, mit wechselnden Rollen und Permutationen - wie Sprachmaschinen. Sie wechseln das Geschlecht, die sexuelle Orientierung, den Namen, die Funktion und den Beruf. 1 Wir erleben eine Inszenierung von René Pollesch. In seinem neuen Stück „Diktatorengattinnen I,“ mit Sophie Rois, Mira Partecke, Christine Groß und Volker Spengler, lässt er alle vier Schauspieler zweimal minutenlang hinter der Bühne verschwinden und offenbart sie dem Publikum ausschließlich durch eine Live-VideoÜbertragung, auf einer bühnenzentral platzierten, ausfahrbaren Leinwand. In der ersten Hinterbühnenszene verschwindet zuerst die Souffleuse von der Bühne. Daraufhin erlischt das Saallicht komplett. Der noch ausfahrende Bildschirm lässt bereits die Schauspieler Rois und Spengler, sowie Groß und Partecke, die nun auch die Bühne verlassen, erscheinen. Vorerst erscheint die Situation wie ein authentischer Bühnenabgang. Sophie Rois und Christine Groß unterhalten sich, jedoch können wir nicht hören was sie sagen, da die Mikrofone noch nicht angeschaltet sind und laute Musik jede Konversation unhörbar macht. Die Musik endet abrupt auf eine bestimmende Gestik von Rois und die Darsteller knüpfen ihren Text wieder dort an, wo sie auf der Bühne unterbrochen hatten. Sie gehen recht unkoordiniert in eine weißgekachelte Nische, die ein provisorisches Badezimmer darstellen soll (oder vielleicht genau das ist), in der ein Waschbecken und zwei Spiegel hängen. Eine weibliche Stimme mit „Megafon-Ästhetik“ ertönt: „Erschießungsszene eins, die vierte,“ woraufhin Rois ihr Spiel scheinbar unterbricht und zitternd erwidert: „Oh Gott ich will nicht erschossen werden, heute ist doch erst Mittwoch.“ 2 Sophie Rois, Mira Partecke und Christiane Groß wechseln ihre Kostüme, jedoch geschieht das aufgrund des Platzmangels umständlich und hektisch. Zwei Kostümbildnerinnen in weißen Kitteln kommen ihnen zu Hilfe und zupfen an ihnen herum.
Während sich die Protagonisten nun wieder der Problematik der Doppelgängerin widmen, werden die steifen Rüschenblusen und Stiftröcke beinahe herunter gezerrt und genauso hektisch schlüpfen sie anschließend in feminine, farbenfrohe Kleider.
1 Diedrichsen, Diedrich: „Denn sie wissen, was sie nicht leben wollen.“ S. 58
2 Rois, Sophie in: „Diktatorengattinnen I“ in der Volksbühne
4
Die Reflektion der Spiegel lassen zum einen den Kameramann, das grelle Licht seiner Kamera, die Souffleuse, sowie die Tonangel sichtbar werden.
Zum anderen sind alle Darsteller und die zwei Kostümbildnerinnen gleichsam doppelt zu sehen, sodass der Zuschauer insgesamt auf vierzehn Personen blickt, die, durch ein wackeliges Handkamerabild aufgezeichnet, auf die Leinwand projiziert werden. Die Augenirritation wird zusätzlich verstärkt, da sich das helle Leinwandbild in dem langen großen Tisch spiegelt, der in der Bühnemitte platziert ist. Während sich die drei „Diktatorinnen der Herzen“ im „Badezimmer“ darüber streiten, wem der gestrige Anschlag gegolten hat und wer nun für wen als Doppelgänger arbeiten soll, damit die Waffe die Falsche erschießt, weiß das Auge des Zuschauers kaum noch wohin es gucken soll, weil sich alle Darstellerinnen verdreifachen.
Das Auge des Zuschauers wird damit gewissermaßen als Waffe enthüllt, denn Blicke können zwar nicht töten, aber „[...] Blicke können quälen [...].“ 3 Im Gespräch fortfahrend, gehen die Darsteller aus der Badezimmernische heraus und bewegen sich zu einem gedeckten Kantinentisch.
Volker Spengler sitzt am Ende des Tisches, die drei Darstellerinnen stehen, etwas gekünstelt, beinahe ostentativ zusammengerückt hinter dem Tisch nebeneinander. Sie richten ihr Gesicht zur Kamera, so wie es auch in Filmen, besonders in Seifenopern, üblich ist. Der Tisch ist gedeckt mit Töpfen, Kaffee und Wasserflaschen an denen sich die vier Darsteller, wie in einer Pause, bedienen. Keiner von ihnen verliert dabei den Blickkontakt mit der Kamera. Wieder ertönt die weibliche Megafonstimme und verkündet: „Satan zwei, die Erste - und Action!“ Zunächst scheinen alle Figuren verwirrt. Sophie Rois verbalisiert jedoch ihr Missfallen über die Anwesenheit der Kamera: „Also wurde hier immer schon gefilmt? Man konnte doch mal von der Bühne abgehen und dann war man Backstage, das war doch mal Tradition, oder? NEEEEIN! Oh Gott - ich hab NEIN gesagt!“ 4
Die anderen Darsteller schauen derweil nicht sie an, sondern blicken verdutzt in die Kamera. Fast so, als ob sie ein seltsamer Fremdkörper sei.
In der zweiten Hälfte des Stücks sitzen die drei Diktatorengattinnen an dem langen Tisch und beobachten Volker Spengler, der „Olive,“ die schauspielerisch unbegabte Tochter von Sophie Rois, in der Rolle der Elena Ceauşescu, spielt.
Er wird im Backstagebereich von Überwachungskameras gefilmt, die ihn auf der Toilette und an einem Schießstand zeigen. Es entsteht der Eindruck einer Reality Show wie: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus,“ oder „Big Brother.“
3 Roselt, Jens: „Die Würde des Menschen ist antastbar“ S. 47
4 Rois, Sophie in: „Diktatorengattinnen I“ in der Volksbühne
5
Arbeit zitieren:
Anna-Lena Werner, 2008, Voyeurismus, Scham und Wahrnehmungsirritation , München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Über die Wahrnehmung von Wirklichkeit und die Wirklichkeit der Medien
Medien / Kommunikation - Massenmedien allgemein
Seminararbeit, 20 Seiten
Les Contes de Charles Perrault: Psychoanalytische Interpretation nach ...
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Marshall McLuhan - mit dem Fernsehen in die Netzwerkgesellschaft
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Seminararbeit, 18 Seiten
Die Rolle der Frau im Horror-G...
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Hausarbeit (Hauptseminar), 16 Seiten
Gewalt, Geschlechterrollen & Sadomasochismus bei Pedro Almodóvar
Pepi, Luci, Bom y otras chicas...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Disneys Kolonialismus am Beispiel von Pocahontas
Frauenstudien / Gender-Forschung
Seminararbeit, 24 Seiten
"Blaubart" - Ein Vergleich zwischen den Darstellungen Max Fr...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 17 Seiten
Die Nouvelle Vague - Eine Filmrevolution
Erläuterungen anhand Truffauts...
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit, 18 Seiten
Imitation of life: Zu einigen Innovationen des Bühnenbildes bei Bert N...
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
Der Blaubart - Aspekte vielseitiger Interpretationsmöglichkeiten
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Darstellung einer Kinoepoche u...
Romanistik - Französisch - Landeskunde / Kultur
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Regietheater: Die Bedeutung auf dem Prüfstein! Grüber und Castorf - Ei...
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Das Blaubart-Prinzip in Max Frischs "Blaubart"
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 20 Seiten
"Une femme est une femme" - Interpretation eines Films von J...
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Video, Voyeurismus und (Tele-)Vision
Die Rolle und die Auswirkungen...
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Anna-Lena Werner hat den Text Voyeurismus, Scham und Wahrnehmungsirritation veröffentlicht
Anna-Lena Werner hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare