Inhalt
1. Einleitung
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2. Die Geschichte biologischer Kriegsführung
2.1 Biowaffen im vor-gentechnischen Zeitalter 5
a) Klassisches Stadium 5
b) Ursprung der biologischen Rüstungsspirale 6
c) Der Weg zum endgültigen B-Waffenverbot 8
d) Die Genfer Konvention von 1972 9
2.2 Der Einzug der Gentechnik 10
a) Das sowjetische B-Waffenprogramm 11
b) Perestroika mit Gentechnik-Waffen 11
c) Perestroika der Gentechnik-Waffen ? 12
3. Moderne Biowaffenproduktion
3.1 Basismaterial und Verbreitung 15
a) B-Waffen - Definition und Überblick 15
b) Trägersysteme und Trägersubstanzen 17
c) Drei Steckbriefe waffentauglicher Krankheiten 18
3.2 Gentechnische „Produktveredlung“ 23
a) Krankheitserreger aus dem Modellbaukasten 23
b) Umgehung der Immunabwehr 24
c) Neuartige Krankheitsbilder 25
d) Freund-Feind-Erkennung 26
e) Ethnische Bombe 27
f) „Nicht-tödliche“ B/C-Waffen 28
g) Toxinwaffen 30
h) Biologische Anti-Tierwaffen 30
i) Pflanzenpathogene 31
j) Material zerstörende Agenzien 32
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4. Schutz vor biologischen Waffen
b) Schutz vor akuter Bedrohung
c) Schutz vor abstrakter Bedrohung, Vorbeugung
5. Diskussion und Ausblick
a) Wirklich die „Atombombe des kleinen Mannes“ ?
b) Die Verklärung der US-Regierung
c) Tod durch „nicht-tödliche“ Waffen
d) Internationale Ver- und Vorstöße gegen das Genfer Abkommen
e) Die Erosion des Völkerrechts f)
6. Literatur und Quellenangaben
6.1 Verzeichnis nach Autoren 46 6.2 Pressemeldungen 51 6.3 Internetseiten 52 6.4 Bildquellennachweis 52
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1 Einleitung
Der Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 hat nicht nur weltweites Bestürzen ausgelöst - in Folge lieferte er gerade die Motivation zu weiteren terroristischen Akten. Nicht zuletzt wurde die aufkommende Panik in der „westlichen Welt“ von der Furcht vor Angriffen mit tödlichen Viren und Bakterien getragen. In den USA wurden mehrfach Briefe mit Milzbranderregern an öffentliche Stellen verschickt und in Deutschland sorgten Trittbrettfahrer mit fingierten Milzbrand-Anschlägen für Aufruhr.
Die Diskussion über biologische Waffen erhält in diesem Zusammenhang eine ganz neue Brisanz. Von der „Atombombe des kleinen Mannes“ ist hier die Rede (vgl. J. v. Aken 2001) und es heißt, dass solche Waffen bereits von Amateuren mit einfacher Laborausrüstung herzustellen seien. In den USA wurde gar ein Buch veröffentlicht, das eine „Bauanleitung“ für Milzbrand-Waffen (Anthrax) beinhaltet. (L. W. Harris: "Bacteriological Warfare: A Major Threat to North America") In der Bundesrepublik Deutschland rüsten die Gesundheitsbehörden neuerdings wieder zur Pockenimpfung, um im Falle des ersten Auftretens dieser seit 1977 als ausgerottet geltenden Seuche sofort reagieren zu können. (s. z. B. ARD Tagesschau, 16.01.2003)
Welche Bedrohung geht von biologischen Waffen nun tatsächlich aus ? Wie und in welcher Art werden solche Agenzien hergestellt, wie können sie von Unter-grundorganisationen oder vom Militär eingesetzt werden ? Bestehen wirksame Schutzmaßnahmen gegen biologische Kampfstoffe ?
Diese Fragen werden in der vorliegenden Arbeit erörtert. Der Fokus konzentriert sich hierbei auf die neuesten Verfahren der Gentechnologie, die für das Militär nützlich sind. Sollte die eigentliche Bedrohung etwa erst mit der gentechnischen Aufrüstung der Militärs beginnen ? - Nun, leider bahnt sich diese Aufrüstung gerade an. Über Jahrtausende hinweg war der Missbrauch von Krankheiten zu feindseligen Zwecken überwiegend geächtet. Doch seit einiger Zeit ist erneut ein deutlicher Knick in der allgemeingültigen Ablehnung zu spüren. Dass die Wende mit der explosionsartigen Expansion der Biotechnologien einhergeht, ist, wie im Folgenden ausgeführt wird, offensichtlich!
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2. Die Geschichte biologischer Kriegsführung
2.1 Biowaffen im vor-gentechnischen Zeitalter
a) Klassisches Stadium
Die Geschichte biologischer Kampfstoffe
ist beinahe so alt wie die der Kriege selbst: Bereits in vorchristlicher Zeit kamen vergiftete Pfeile zum Einsatz und es wurden Brunnen mit Tierkadavern verseucht. In biblischer Erzählung wirft Moses eine Hand voll Ofenruß in die Höhe, dessen Staub auf ganz Ägypten niedergeht und „an Mensch und Vieh Geschwüre mit aufplatzenden Blasen“ hervorruft. (EXODUS 9,8 - 9,10)
Der bisher folgenschwerste Einsatz von
Krankheitserregern als Kampfmittel fand sicherlich - soll man den Überlieferungen Abb. 2.1: Historische Darstellung eines Pestarztes glauben - um 1346 statt.
Angeblich katapultierten die Tataren nach vergeblicher Belagerung der Stadt Kaffa am Schwarzen Meer Pestleichen über die Stadtmauer. Die Einwohner sollen dann mit Schiffen nach Italien geflohen sein, von wo aus sich die Seuche über ganz Europa ausbreitete und 25 Millionen Menschenleben forderte. (vgl. Konopka 1990)
Unumstritten ist der militärische Einsatz von Pockenviren 1763 durch die Engländer gegen die indianische Urbevölkerung Nordamerikas. Dabei wurden an die Häuptlinge aufständischer Stämme Wäschestücke verteilt, „die aus dem Hospital entnommen worden waren, um die Pocken auf die Indianer zu übertragen“ (zit. n. Geißler 2001) Dies geschah im Sinne des Oberkommandierenden der britischen Invasionstruppen zur „Ausrottung der abscheulichen Rasse“.
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b) Ursprung der biologischen Rüstungsspirale
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Medizin durch das neue Wissen über Mikro-organismen revolutioniert. Lebende Organismen wurden erstmals 1876 von Robert Koch am Bacillus anthracis als spezifische Ursache einer Infektionskrankheit (Milzbrand) beschrieben. In der Folgezeit entwickelte Koch die ersten Verfahren zur Anreicherung der Organismen in Reinkulturen und untersuchte weitere Infektionskrankheiten und ihre Erreger: Tuberkulose, Cholera, Malaria und die Pest.
Während Koch seine Forschung mit der Intention der Seuchenprävention und -bekämpfung betrieb, lieferte er dem Militär zugleich neues Handwerkszeug zum kriegerischen Einsatz von Erregern.
Mit dem ersten Weltkrieg wurde schließlich eine neue Etappe in der Geschichte der biologischen Kriegsführung eingeleitet. Vom deutschen Geheimdienst wurden gezielte Biosabotageakte mit Milzbrand- und Rotzerregern organisiert, Einsätze fanden mindestens in Rumänien, Spanien und Argentinien statt (vgl. Geißler 2001). Jedoch richteten sich diese Aktionen ausschließlich gegen Tiere. Die oberste Heeresleitung prüfte zugleich Vorschläge, England mit Pestbakterien anzugreifen, sah jedoch davon ab. Gemäß der Weisung des Großen Generalstabs zum „Kriegsgebrauch im Landkrieg“ von 1902 galt es nämlich „gewisse, unnötige Leiden herbeiführende Kampfmittel von jeglicher Anwendung auszuschließen“ (zit. n. Geißler 2001)
Deutschland unterzeichnete nach dem Krieg das so genannte Genfer Protokoll von 1925, das Verbot des Einsatzes chemischer und biologischer Kampfmittel im Krieg, und ratifizierte es 1929. Hinsichtlich der Anwendung von Biowaffen hielt sich Hitler sogar während des zweiten Weltkrieges an dieses Protokoll. 1942 verbot er ausdrücklich alle offensiven Biowaffenprogramme. (Gleichwohl schreckten „eifrige“ NAZI-Wissenschaftler nicht davor zurück, an KZ-Häftlingen grausame Experimente durchzuführen)
Die deutschen Biosabotageakte während des ersten Weltkrieges waren den ausländischen Behörden nicht entgangen. Da diese Nation seinerzeit führend auf dem Gebiet der Bakteriologie und in der pharmazeutisch-chemischen Produktion war, gingen die Kriegsgegner und andere Staaten verständlicherweise davon aus, dass Deutschland den eingeschlagenen Weg fortsetze. Nacheinander begannen Frankreich (1922), die Sowjetunion (1926) und Japan (1932) eigene Biowaffen-Programme aufzunehmen. Nach Hitlers Machtübernahme wuchs die Furcht vor einer angeblichen deutschen Biokriegsvorbereitung. Falsche Informationen der Geheimdienste und einflussreicher
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antifaschistischer Emigranten bestätigten dies, und so nahmen auch Italien (1934), Großbritannien und Ungarn (1936) und Kanada (1938) entsprechende Aktivitäten auf.
Während des zweiten Weltkrieges waren die Angloamerikaner bereits gezielt darauf vorbereitet, im Falle eines deutschen Ersteinsatzes von Biowaffen gleichartige Vergeltungsschläge zu führen: Fünf Millionen Stück Rinder-Trockenfutter („cattle cakes“) standen abwurfbereit verpackt und mit Milzbrandsporen kontaminiert. (vgl. Geißler 2001) Die „Durchschlagskraft“ einer Milzbrandbombe hatten die Engländer bereits auf der schottischen Insel „Gruinard“ getestet. Bis zur Dekontamination des gesamten Erdreichs mit Formaldehyd im Jahre 1986 war diese Inseln denn auch nur mit Schutzkleidung begehbar, immer wieder ausgesetzte Schafe starben innerhalb kurzer Zeit.
Unterdessen erprobte Japan die Wirkungsweise biologischer Waffen an mindestens 3000 Gefangenen und im großen Stil durch den Angriff mindestens 11 chinesischer Städte mit Milzbranderregern (vgl. Konopka 1990) und Pest-infizierten Flöhen. (vgl. A Med-World AG, www.m-ww.de)
In den Jahren 1940 - 1945 fielen dieser Art der Kriegsforschung - nach seriösen Schätzungen - etwa 270 000 Menschen zum Opfer. Unter den verlässlich dokumentierten Biowaffen-Einsätzen ist dies bis heute der folgenschwerste.
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c) Der Weg bis zum endgültigen B-Waffenverbot
Bereits nach Ende des zweiten Weltkrieges stand
ein erweitertes Wissen zur Entwicklung von B-Waffenagenzien zur Verfügung. Neuere Verfahren der Mikrobengenetik ermöglichten, unter künstlicher Auslösung von Mutation, der Ausnutzung parasexueller Vorgänge und anschließender Selektion, Organismen mit spezifischen Eigenschaften zu züchten. Konopka (1990) spricht hier vom eigentlichen Beginn des zweiten Stadiums der Entwicklung biologischer Waffen. Während dieser Zeit (1945 -1972) sind mindestens in England, den USA und Kanada bemerkenswerte Forschungsprogramme inklusive Feldstudien gelaufen.
Nach Harris und Paxman (zit. n. Konopka 1990)
fanden in den USA im Jahre 1950 mehrere Angriffsübungen der US-Armee auf amerikanische Städte mit „unechten B-Waffen“ statt.
Besonders beispielhaft ist das 1966 durchgeführtes Verbreitungsexperiment in der New Yorker Untergrundbahn. Mitarbeiter der B-Waffenforschungsstätte Fort Detrick warfen Glühbirnen aus dem fahrenden Zug, die mit nichtpathogenen Bakterien „gefüllt“ waren. Der Versuch zeigte, dass durch den permanenten Luftzug der U-Bahnschächte innerhalb weniger Minuten die ganze Stadt verseucht werden konnte. (vgl. ebend., zit. n. Konopka)
Trotz dieser durchschlagenden „Erfolge“ gelang es den Wissenschaftlern nicht, das Militär von der Einsatzfähigkeit biologischer Waffen zu überzeugen. Zum einen ist der Umgang mit Krankheitserregern als Kampfstoff ein zweischneidiges Schwert: Eigene Truppen bzw. die eigene Zivilbevölkerung können von den ausgelösten Epidemien ebenso heimgesucht werden, wie der Kriegsgegner (fehlende „Freund-Feind-Erkennung“). Zum anderen wiesen die damals gezüchteten Erreger keine ausreichende Stabilität auf, um sie ähnlich „effektiv“ einsetzen zu können, wie vorhandene chemische und atomare Waffensysteme. Nicht zuletzt galt und gilt der Gebrauch biologisch-chemischer
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Kampfmittel nach wie vor als völkerrechtswidrig und lief bzw. läuft den Tugenden „ordentlicher“ Kriegsführung entgegen.
Mit dem Einsatz chemischer Kampfmit-
tel wie Agent Orange oder (im weiteren Sinne) Napalm hatten die amerikanischen Streitkräfte bereits während des Vietnam-Krieges riesige Landgebiete verwüstet und in der vietnamesischen Zivilbevölkerung ein solches Leid verursacht, dass dies von der eigenen Bevölkerung, den US-Bürgern, nicht mehr hingenommen werden konnte. Der innenpolitische Druck auf die US-Regierung unter Präsident Nixon wuchs derart, dass dieser 1969 den einseitigen
Verzicht auf weitere B- und C-Waffenforschung versprach. Vorhandene Bestände sollten vernichtet und die Forschungsstätte Fort Detrick eingemottet werden. So wurde der Weg zur Genfer Konvention im Jahre 1972 geebnet.
d) Die Genfer Konvention von 1972
Auf der 26. UNO-Vollversammlung gelang 1972 mit dem Beschluss zur „Konvention über das Verbot der Entwicklung, Produktion und Lagerung bakteriologischer (biologischer) Waffen und Toxinwaffen sowie über die Vernichtung solcher Waffen“ ein bahnbrechender Erfolg. Mit diesem Vertrag, den bis 2001 144 Staaten unterzeichnet hattendarunter die USA, die ehemalige UdSSR, der Irak, China, England, Frankreich und die BR Deutschland -, wurde erstmals eine ganze Waffengattung vollständig verboten.
Die von biologischen Kampfstoffen ausgehende Bedrohung ist damit jedoch nicht aus der Welt geschafft. Zum einen haben nicht alle Staaten (z. B. Israel) dieses Abkommen unterschrieben, zum anderen erlaubt der Vertrag ausdrücklich die Erforschung, Entwicklung und Lagerung entsprechender Erreger wenn sich dies - so der Text - im Sinne von „Vorbeugung, Schutz oder sonstige friedliche Zwecke“ begründen lässt.
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Die Handhabung mit kampfstoffgeeigneten Erregern wird also nicht nach dem Produkt, sondern nach dem Motiv beurteilt (general purpose criterion). Und dieses Motiv wiederum lässt sich beliebig deklarieren. Somit ist der biologischen Aufrüstung nach wie vor ein weiter legitimer Spielraum gegeben. Und kommt es dennoch zum Vertragsbruch, so ist keineswegs festgelegt, wie mit den entsprechenden Staaten verfahren werden soll.
Seit 1991 verhandelt nun eine Ad Hoc Gruppe (bekannt unter dem Namen VEREX) über Verifikationsmaßnahmen, mit der die Vertragstreue der Unterzeichnerstaaten überprüft werden soll. Der Maßnahmenkatalog des ersten Abschlußberichts (1994) reicht von der Überwachung relevanter Publikationen bis zu Satellitenüberwachung, Probenentnahmen und unabhängigen Inspektoren vor Ort.
Seit 1995 ist die Gruppe damit beschäftigt, Vorschläge zur Stärkung des Abkommens auszuarbeiten und ein rechtlich bindendes Kontrollsystem zu entwerfen, das auch die Exportkontrolle einschließen soll. Zudem findet alle fünf Jahre eine Überprüfungskonferenz statt, bei der alle Vertragsstaaten zusammenkommen müssen. Die jüngste Konferenz wurde Ende 2001 abgehalten.
2.2 Der Einzug der Gentechnik
„Hätten die verantwortlichen Militärs schon von
den bevorstehenden Möglichkeiten der Genmanipulation gewusst, wäre eine internationale Regelung wohl nicht mehr zustande gekommen.“, beurteilt Konopka (1990) den Beschluss zur Genfer Konvention von 1972. Bereits im folgenden Jahr 1973 führten Cohen, Boyer und Mitarbeiter die erste in vitro Rekombination bei Escherichia coli durch und legten so den Grundstein der modernen Gentechnik. 1974 wurde erstmals von namhaften Wissenschaftlern auf die möglichen Gefahren dieser neuen Technologie hingewiesen und schon in den 1980’er Jahren geschah - wie im Folgenden ausgeführt wird - der erste Missbrauch zu militärischen Zwecken.
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Arbeit zitieren:
Christoph Schmitt, 2003, Die Gentechnik als Mittel der modernen Kriegsführung, München, GRIN Verlag GmbH
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