1. Einleitung
Jean - Jacques Rousseau (1712 - 1778) ist eine Schlüsselfigur der europäischen Aufklärung und auch gewaltiger Kritiker der bestehenden Verhältnisse in Gesellschaft, Staat und Religion seiner Zeit. Er gehört schon lange zu den Klassikern der Philosophie, der Pädagogik, der Literatur und vor allem der politischen Theorie, die den berühmten Contrat Social und die Theorie einer staatlichen Erziehung einschließt. Mit seinen Ideen zu einer staatlichen Erziehung stand er nicht alleine: Seine Denkweise gehörte in die jene große Bewegung der Verstaatlichung des Erziehungswesens, die das 18. Jahrhundert durchzog. In dem Entwurf einer Erziehung zum Staatsbürger stellt Rousseau eine Leitfrage, die sich über seine ganze Erziehungstheorie durchzieht: Wie erzieht man einen Staatsbürger, der im Sinne des Contrat Social zu patriotischen Gesinnung durch Gesetz und Sittlichkeit gelangt und den Allgemeinwillen über seine eigene Interessen platziert?
In der vorliegenden Hausarbeit soll diese Frage im Hauptteil revidiert und beantwortet werden: Zunächst wird die Person Jean - Jacques Rousseau in einem Exkurs über sein Leben und seine Werke vorgestellt. In Weiteren wird der Leser mit der Staatstheorie von Rousseau bekannt gemacht, die prägnant für das Verständnis der Theorie der Erziehung zum Staatsbürger erscheint. Als nächstes wird die Erziehungstheorie näher erläutert, die in drei Unterebenen aufgeteilt ist: Träger, Prinzipien und Zielsetzung der staatlichen Erziehung. Als letzten Punkt der Hausarbeit erhält der Leser einen Exkurs über die Unterschiede in der Charakterisierung von Citroyen und Bourgeois, den zwei sich gegenüberstehenden Protagonisten in der Rousseauschen Erziehungstheorie.
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2. Hauptteil
2. 1 Jean - Jacques Rousseau
2. 1. 1 Leben
Jean - Jacques Rousseau wird am 28. Juni 1712 in der calvinistisch geprägten Stadt Genf als Sohn eines Uhrmachers geboren. Er stammt einer französischen Familie ab, die infolge der Aufhebung des Edikts von Nantes (1685) nach Schweiz geflüchtet war, da sie ihre Religion nicht mehr unbestraft ausüben konnte. 1 Rousseau wächst in einem „freiheitlich gesinnten“ 2 Elternhaus mit einem abenteuerlustigen Vater und einer gefühlvollen Mutter auf. Diese stirbt früh, wonach der Vater sich der Erziehung des Kindes annimmt bis er wegen eines Duells die Stadt verlassen muss. Jean - Jacques kommt in die Obhut seines Onkels, der ihn als Schreiber in einem Büro anstellen lässt, wonach er eine Kupferstecherausbildung anfängt ohne eine ordentliche Schulausbildung genossen zu haben. Mit 16 Jahren begibt sich Rousseau gezwungener Maßen nach Savoyen und lebt dort bei einem katholischen Pfarrer, der ihn mit seiner späteren Geliebten und „maman“ 3 Madame de Warens bekannt macht. Durch ihren Einfluss unternimmt Rousseau eine Reise nach Turin, wo er eine Katechumenschule besucht und italienisch lernt. Im Jahr 1732 erfolgt eine Übersiedelung nach Les Charmettes, wo er eine Einstellung als Landgeistlicher übernehmen sollte. Hier genießt Rousseau das Landleben und findet zu Liebe der Wissenschaft Philosophie durch einen Arzt, der ihn in die Philosophie Descartes’ einführt. 1740 nimmt Jean - Jacques eine Hauslehrerstelle in Lyon für ein Jahr an, wonach sein längerer Aufenthalt in Paris stattfindet (1741 - 1756): Er begibt sich nach Paris, um das von ihm neu entwickelte Notensystem vorzustellen, was aber ohne Erfolg bleibt. Jedoch macht er hier Bekanntschaft mit Condillac und Diderot, die ihn beauftragen einige Artikel für das enzyklopädische Wörterbuch zu verfassen. Im Jahr 1744 lernt er Therese Levasseur kennen, mit der er fünf Kinder zeugt, die alle in ein Findelhaus abgegeben werden mit der Begründung, er könne für sie nicht angemessen sorgen. 4 Im Jahre 1749 erfolgt die eigentliche philosophische Erweckung Rousseaus, als er ein Preisausschreiben zum Thema der Künste und Wissenschaften und deren moralischen Einfluss auf die Menschheit in einer Zeitung ließt und daraufhin eine philosophische Schrift verfasst, die großes Ansehen erregt. Von da an verfasst Rousseau mehrere Schriften zu
1 Kurt Leider: Ein die Welt revolutionierendes europäisches Philosophenquartett. Kopernikus, Bruno, Rousseau,
Kierkegaard. Lübeck 1980, S. 128.
2 Ebd., S. 128.
3 Hans Platte: Die Erziehung des neuen Menschen - Jean Jacques Rousseau. In: Dortmunder Beiträge zur
Pädagogik 24, Bochum 1998, S. 15.
4 Robert Wokle: Rousseau. Freiburg 1995, S. 13.
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verschiedenen Themen, die vielfach rezipiert werden. Nach seinem Parisaufenthalt zieht Rousseau zu seiner neuen Gönnerin Madame D’Epinay nach Montmorency, wo er seine berühmten Romane und Abhandlungen verfasst. Inzwischen Calvinist geworden, muss Rousseau aufgrund drohender Strafverfolgung im katholischen Frankreich mehrere Jahre im Ausland verbringen, unter anderen bei Hume in England. Er kehrt 1770 nach Paris zurück, wo er „lebensscheu“ 5 seine letzten Jahre in Einsamkeit verbringt. Im Jahr 1778 stirbt Rousseau in Ermenonville in einem Landhaus bei Paris.
2. 1. 2 Werke
Obwohl Rousseaus schriftstellerische Schaffenszeit schon in seinen früheren Lebensjahren anfing, erfolgte seine philosophische Erweckung erst mit der Abhandlung des 1. Discours (1750), die von der Forschung als „eine Einführung in die Rousseausche Gedankenwelt“ 6 verstanden wird. Diese Abhandlung war eine Antwort auf ein Preisausschreiben zum Thema der Künste und Wissenschaften und deren moralischen Beeinflussung, die die philosophische „Karriere“ Rousseaus begründete. In seinem 2. Discours (1754) beantwortet Jean - Jacques die Frage nach der Ursache und der Befestigung von gesellschaftlicher Ungleichheit, in dem man unter anderem die berühmte Formel des Naturzustandes und die Definition zu perfectibilite findet. 7 Diese zwei gesellschaftskritische Abhandlungen geben eine „philosophierende Geschichte der Menschheit unter pessimistischen Vorzeichen“ 8 wieder und verurteilen die ganze Kulturentwicklung der Menschheit. Seine zwei weiteren philosophischen Hochleistungen erfolgten im Jahr 1762: Der Gesellschaftsvertrag „Contrat Social“ und der Erziehungsroman „Emile oder über die Erziehung“. Der Contrat Social , der Rousseaus Staatslehre vorstellt, verkündet die Lehre von der Souveränität des Volkes, wo hingegen die pädagogische Abhandlung Emile die Grundsätze der Erziehung vorgibt, nach denen der zukünftige Bürger des neuen Staates erzogen werden soll, und somit Rousseaus Erziehungslehre darstellt. 9 In der Forschung werden die beiden Abhandlungen als eine „Konstruktion, die vor allem der Erkennbarkeit, nicht der Verwirklichung des Gedachten dient“ 10 , verstanden. Bis zu seinem Lebensende verfasste Rousseau weitere Abhandlungen zu verschiedenen Themen, jedoch waren die oben aufgeführten Werke die wichtigsten und berühmtesten Abhandlungen seiner Schaffenszeit.
5 Hans Platte: Die Erziehung des neuen Menschen - Jean Jacques Rousseau. S.15.
6 Hartmut von Hentig: Rousseau oder die wohlgeordnete Freiheit. München 2004, S. 32.
7 Ebd., S. 36.
8 Kurt Leider: Ein die Welt revolutionierendes europäisches Philosophenquartett. S. 132.
9 Kurt Leider: Ein die Welt revolutionierendes europäisches Philosophenquartett. S. 135.
10 Hartmut von Hentig: Rousseau oder die wohlgeordnete Freiheit. S. 43.
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Arbeit zitieren:
Alina Heberlein, 2008, Erziehung zum Staatsbürger bei Jean-Jacques Rousseau, München, GRIN Verlag GmbH
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