Die Klasse 3a wird von mir seit August 2008 eigenverantwortlich mit drei Stunden in der Woche unterrichtet. Damit teile ich den Deutschunterricht mit einer anderen Lehrkraft, die zugleich auch die Klassenlehrerin ist.
Von Anfang an ist es mir gelungen, ein offenes und von Vertrauen geprägtes Verhältnis zu der Lerngruppe aufzubauen. Das Lernklima in dieser Klasse ist durch eine freundliche und angenehme Lernatmosphäre gekennzeichnet. Insgesamt zeigen die Schülerinnen und Schüler ein gutes Arbeits- und Sozialverhalten, welches an eine hohe Lernmotivation gekoppelt ist. Eine weitere positive Eigenschaft dieser Klasse ist, dass weder schwächere noch vorlaute Schüler aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Vielmehr versuchen die Schülerinnen und Schüler sich gegenseitig zu motivieren und zu helfen.
Die Lerngruppe setzt sich aus leistungsbereiten und motivierten Schülerinnen und Schülern zusammen. Zu den leistungsstarken Kindern zählen x, x, x, x, x und x. Sie können sich sehr gut sprachlich ausdrücken und verfügen über eine schnelle Auffassungsgabe. Zu den leistungsschwachen bzw. langsam arbeitenden Schülerinnen und Schülern zählen x, x, x und x. Bei x wurde zusätzlich die LRS diagnostiziert. Beim Lesen und Schreiben ist er häufig unkonzentriert und seine Arbeitsweise ist oft unordentlich und oberflächig. Deshalb benötigt x des Öfteren aufmunternde und motivierende Worte. x ist im Hinblick auf das Arbeits- und Sozialverhalten ein auffälliger Schüler. Er hat große Schwierigkeiten, sich selbst zu organisieren und seine Arbeitszeit sinnvoll einzuteilen. Häufig beschäftigt er sich mit Dingen, die nicht unmittelbar zum Unterrichtsgeschehen gehören. Bei für ihn interessanten Themen zeigt er sich dagegen sehr engagiert. Meistens sind es Beiträge aus dem naturwissenschaftlichen und technischen Bereich. Häufig kommt es zu Situationen, in denen Fabian die Arbeitsaufträge oder Handlungsanweisungen verweigert. In diesem Fall versuche ich ihn zu motivieren, damit auch er am Ende der Stunde ein Ergebnis vorweisen kann.
Insgesamt ist für die leistungsschwächeren Schülerinnen und Schüler besonders wichtig, dass die Arbeitsaufträge klar formuliert und visualisiert sind. Zusätzlich benötigen sie konkrete Hilfestellung meinerseits, damit sie am Ball bleiben und nicht frustriert aufgeben.
Wie sich bei der Beschreibung der Klassensituation bereits gezeigt hat, besteht ein hohes Leistungsgefälle hinsichtlich der Auffassungsgabe und des Arbeitstempos, was vor allem Konsequenzen bei der Wahl der Didaktik und Methodik nach sich zieht 1 .
Die Textsorte „Fabel“ war der Lerngruppe vor Beginn der Unterrichtseinheit noch nicht bekannt. Deshalb stand in den ersten Stunden dieser Einheit die Einführung in die literarische Gattung der
1 vgl. didaktische und methodische Begründungen
2
Fabel im Vordergrund. Die Schülerinnen und Schüler haben mit Hilfe der Fabel „Der Löwe und die Maus“ (Aesop) die typischen Textmerkmale der Fabel 2 erarbeitet. Zudem haben sie die typischen
Eigenschaften der Tiere analysiert und diese als Stellvertreter für Personen mit bestimmten Charakteren herausgearbeitet. Durch die Loslösung vom Bereich der Tiere hat die Lerngruppe die Lehre der Fabel formuliert und auf den menschlichen Bereich übertragen. Die Schülerinnen und Schüler verfügen bereits durch die Thematisierung des szenischen Spiels zu den Themen „Pantomimische Darstellung von Gedichten“ und „Szenische Gestaltung von Dialogen“ über grundlegende Erfahrungen in diesem Bereich. Dabei zeigte sich, dass viele Kinder bereits in der Lage sind, szenische Spiele umzusetzen und über ein grundlegendes Repertoire an spielerischen Sprach- und Bewegungsmustern verfügen. Einigen Schülerinnen und Schülern fällt es noch schwer, in eine Rolle zu schlüpfen und diese durchzuhalten und vor der Klasse zu spielen. Um die Kinder auf das szenische Spiel der Fabel „Die Stadtmaus und die Landmaus“ vorzubereiten, wurde die Fabel im Vorfeld inhaltlich analysiert (Charaktereigenschaften der beiden Mäuse, Lehre der Fabel, Übertragung auf reale Lebenssituationen). Weiterhin haben die Schülerinnen und Schüler die jeweiligen Charaktere sowie die typischen Bewegungsmuster (Mimik und Gestik) der beiden Mäuse pantomimisch dargestellt. Dabei wurde das Kriterium „Tiere durch Bewegungen und Gesichtszüge darstellen“ von der Lerngruppe erarbeitet und reflektiert. Danach haben die Kinder in Gruppenarbeit den Fabeltext in ein Drehbuch umgeschrieben. Anschließend wurden verschiedene Sprechhaltungen erarbeitet. Dabei haben sich die Kinder überlegt, mit welchen Gefühlen ihre Figur in der bestimmten Situation spricht. Im Anschluss wurde der Text mit verteilten Rollen vorgelesen. Dabei wurden zwei weitere Kriterien („Deutliches und flüssiges Sprechen“ und „Gefühle wiedergeben“) für ein gelungenes „Szenisches Spiel“ erarbeitet und reflektiert. Die Lerngruppe hat bis jetzt eine hohe Leistungsbereitschaft und großes Interesse bei dem Thema „Fabeln“ und der szenischen Umsetzung gezeigt. Ich gehe davon aus, dass die szenische Gestaltung der Fabel „Die Stadtmaus und die Landmaus“ in dieser Stunde zu guten Ergebnissen führen wird.
Die Kinder sind sowohl in frontalen als auch in offenen Unterrichtsphasen sehr motiviert und leistungsbereit. Daher erwarte ich ein lernziel- und ergebnisorientiertes Arbeiten und eine reflektierte Sicherung der Ergebnisse. Dabei spielen vor allem die methodische Wahl sowie der 3 . Einsatz unterschiedlicher Differenzierungsformen eine entscheidende Rolle
2 vgl. Sachinformation
3 vgl. didaktische und methodische Überlegungen
3
7.1 Die Fabel
Die Fabel (lat. fabula: das Erdichtete) 4 ist ein knappe Erzählung, die episch und dramatisch zugleich ist und eine der ältesten Erzählformen darstellt. Laut Dithmar (1988, S. 155) liegt der Ursprung in der griechischen und indischen Antike 5 . Einer der bedeutendsten Fabelschreiber ist der griechische Sklave Äsop (6. Jahrhundert v. Chr.) 6 . Viele spätere Fabeldichter, wie Martin Luther, Jean de La Fontaine und Wilhelm Busch wurden durch seine Fabeln inspiriert und zur eigenen Gestaltung angeregt. Das Aufbauschema der Fabel besteht aus einer Situation, einer Aktion (Rede/Handlung) und der darauf folgenden Reaktion (Gegenrede/ Gegenhandlung). Zum Schluss folgt das Ergebnis und es wird meist eine Lehre formuliert. Das Letztere kann auch zu Anfang erfolgen oder es wird ganz auf die Moral verzichtet und der Leser muss sich diese selbst erschließen 7 . Dabei stehen die Lehren der Fabel als Stellvertreter für Lebensregeln und sollen den Leser zum Nachdenken anregen.
Die wesentlichen Figuren der Fabel sind Tiere, die miteinander sprechen und menschliche Eigenschaften besitzen und somit als Stellvertreter für das menschliche Handeln stehen. 7.2 Die Fabel „Die Stadtmaus und die Landmaus“ nach Aesop
In der Fabel handelt es sich um zwei Mäuse, die bestimmte menschliche Charaktermerkmale repräsentieren. Die Landmaus ist bescheiden, unsicher und unerfahren. Dagegen ist die Stadtmaus reich, eingebildet und verwöhnt. In der Ausgangssituation wird dargestellt, wie die Landmaus die Stadtmaus zu sich nach Hause einlädt. Die verwöhnte Stadtmaus rümpft jedoch nur ihr Näschen, als die Landmaus die Speisen auftischt und mag gar nichts zu sich nehmen. Die Gegenhandlung besteht darin, dass die Stadtmaus die Landmaus zu sich in den Palast einlädt. Die Landmaus ist zunächst sehr begeistert von den leckeren Speisen. Die Situation wendet sich jedoch schlagartig, als die beiden Mäuse von den Dienern überrascht werden. Die Stadtmaus flieht und versteckt sich. Die Landmaus rettet sich jedoch nur mit Mühe und Not. Zu Tode verängstigt beschließt sie, lieber ein ärmliches Leben in Frieden als ein reiches in Angst und Lebensgefahr zu führen 8 . Die Lehre dieser Fabel lautet: Ein
genügsames Leben in Frieden macht glücklicher als Reichtum und Überfluss unter großen Sorgen. 7.3 Szenisches Spiel 9 Das szenische Spiel ist ein Teil der Theaterpädagogik und eine Verfahrensweise des handlungs-und produktionsorientierten Literaturunterrichts 10 . Dabei wird die „traditionelle Textanalyse und
4 vgl. Dithmar 1988, S. 163
5 vgl. ebd., S. 155
6 vgl. ebd., S. 158
7 vgl. ebd., S. 193
8 vgl. Wilkening 2007, S. 36
9 vgl. Bartnitzky 2006, S. 40
10 vgl. Haas 1994, S. 24
4
Interpretation im Unterrichtsgespräch 11 “ durch „Grundformen eines aktiv - produktiven Tuns der Schüler 12 “ ergänzt. Das szenische Spiel ermöglicht den Schülerinnen und Schülern, sich den literarischen Text mit allen Sinnen anzueignen und mit der eigenen Persönlichkeit zu verbinden, um einen besseren Zugang zum Text zu finden und diesen zu verstehen. Scheller (2007, S.26) spricht beim szenischen Spiel von einer sinnlich - ästhetischen Lernform: „Dabei aktivieren die Spieler eigene Vorstellungen, Erlebnisse, körperliche und sprachliche Handlungsweisen, handeln in der Rolle nach ihren Möglichkeiten und geben ihr dadurch eine Gestalt 13 “. Die Zielvorstellung beim szenischen Spiel ist nicht das fertige Produkt, sondern „die Interpretation des Textes durch die Handlungen 14 “ der Schülerinnen und Schüler.
Ein wichtiger Aspekt bei der Durchführung des szenischen Spiels ist die Einfühlungsphase in die 15 . Einfühlungstechniken, wie „Sammeln von Figur, um in eine Rolle hineinzuwachsen
Informationen zur Figur“ und „Erprobungen von Körper- und Sprechhaltungen“ sind dabei geeignete Verfahrensweisen 16 .
Im Mittelpunkt dieser Stunde steht das szenische Spiel der Fabel „Die Stadtmaus und die Landmaus“.
Laut dem Niedersächsischen Kerncurriculum ist das Thema dem inhaltlichen Kompetenzbereich „Sprechen und Zuhören“ zuzuordnen. Die Schülerinnen und Schüler sollen am Ende der 4-ten Klasse eigene und fremde Erlebnisse szenisch darstellen können, indem sie sich in Situationen und Personen hineinversetzten, vor anderen spielen sowie Rückmeldungen zum Dargestellten 17 . In der vorliegenden Stunde stellen die Kinder die Fabel szenisch dar, indem sie sich in geben
die Figur hineinversetzen und mit der eigenen Persönlichkeit verbinden. Dabei wird ein ganzheitlicher Zugang (sprechen, bewegen, zuhören, einfühlen) zur Fabel als Textsorte ermöglicht und eine handlungsbezogene Interpretationsweise bewirkt. Anschließend geben sie nach vorher erarbeiteten Kriterien Rückmeldung zum szenischen Spiel. 18 als epische Form eignet sich besonders für das szenische Spiel 19 , da sie einen klaren Die Fabel
Aufbau und einen dramatischen Charakter zugleich besitzt. Ihre kurze Form ist für die Lerngruppe 20 überschaubar und bietet genügend Spielraum für eigene Ideen bei der Umsetzung. 21 Weiterhin lernen die Kinder exemplarisch eine weitere literarische Textform kennen , die einen
hohen Aufforderungscharakter (Tiere, spannender Inhalt) aufweist. Ich habe mich für die Fabel
11 ebd., S. 17
12 ebd., S. 18
13 Scheller 2007, S. 26
14 Scheller 1996, S. 22
15 vgl. Grenz, 1999, S. 26
16 vgl. ebd., S.27
17 vgl. Nds. Kultusministerium 2006, S. 14
18 vgl. Sachinformation
19 vgl. ebd.
20 vgl. Ausführungen zur Klassensituation u. inhaltliche Lernvoraussetzungen
5
„Die Landmaus und die Stadtmaus 22 “ nach Aesop entschieden, weil sie einen klar gegliederten Handlungsverlauf besitzt. Somit können alle Kinder den Inhalt nachvollziehen und gut darstellen. Außerdem verkörpern die beiden Mäuse eindeutige Charaktereigenschaften, die für die Schülerinnen und Schüler deutlich erkennbar sind. Sowohl der Stundeninhalt als auch die gesamte Einheit sind gegenwarts- und zukunftsbedeutend, weil die Kinder die Lehre auf reale Lebenssituationen übertragen und daraus lernen können. Weiterhin fördert die geplante Stunde durch das szenische Spiel zum einen die Selbstkompetenz und die Sozialkompetenz. Zum anderen ermöglicht das szenische Spiel denjenigen Schülerinnen und Schülern 23 , die sich wenig
am Unterrichtsgespräch beteiligen, vor der Klasse zu sprechen und zu agieren und so ihre Unsicherheit abzubauen.
Langfristig betrachtet fördert der handlungs- und produktionsorientierte Umgang mit der 24 “, die „eine tragfähige Grundlage Literaturgattung die „Freude am Buch und ihre Lesemotivation für weiteres Lernen 25 “ ist und als eine Schlüsselqualifikation in unserer Gesellschaft definiert wird. Schließlich erwirbt die Lerngruppe durch die Thematisierung der Literaturgattung „Fabel“ Kenntnisse über die Gattung selbst und kann sie dadurch identifizieren und von anderen Formen (z. B. Märchen) unterscheiden.
Das Artikulationsschema der Stunde ist wie folgt gegliedert: Hinführung, Erarbeitung I, Erarbeitung II, Präsentation und Schluss.
Die Hinführungsphase wird mit einem Plakat eingeleitet, das die Verlaufstransparenz visualisiert. 26 voll und ganz auf die Stunde einlassen. Nach dem Versammeln Somit kann sich die Lerngruppe
im Sitzhalbkreis erfolgt ein stummer Impuls: An der Tafel befinden sich zwei Bilder mit den Kernszenen der Fabel 27 . Die Schülerinnen und Schüler werden dadurch aufgefordert, den Inhalt der Fabel mit eigenen Worten wiederzugeben. Die beiden Bilder stellen dabei die Ausgangsituation und die Gegenhandlung dar. Somit wird der Handlungsablauf der Fabel geklärt, was eine wichtige Grundlage für die Erarbeitungsphase II darstellt. Durch den Einsatz einer Redekette („bunte Reihe“) kann ich mich aus dem Gespräch zurücknehmen, so dass die Kinder den Inhalt der Fabel sowie die wichtigen Merkmale selbstständig wiederholen können. Anschließend erfolgt eine Rekonstruktion der Kriterien für ein gutes szenisches Spiel. Die Kinder werden damit aufgefordert, auf ihr bereits erworbenes Wissen 28 . zu einem gelungenen szenischen Spiel zurückzugreifen
21 vgl. Nds. Kultusministerium 2006, S. 24
22 vgl. Sachinformation
23 vgl. Ausführungen zur Klassensituation
24 Grenz 1999, S. 26
25 Nds. Kultusministerium 2006, S. 21
26 vgl. Ausführungen zur Klassensituation
27 vgl. Sachinformation
28 vgl. inhaltliche Lernvoraussetzungen und Sachinformation
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Elena Peters, 2009, Prüfungsentwurf: Handlungs- und produktionsorientierter Umgang mit Fabeln, München, GRIN Verlag GmbH
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