Gliederung
1. Vorwort
2. Ursprünge und Entwicklung der Systemtheorie
3. Der Systembegriff
4. Konstruktivismus und Autopoiesis: Kritische Bewertung aus gesell-
schafts - und handlungstheoretischer Perspektive
5. Der systemische Ansatz in der Sozialpädagogischen Familienhilfe
5.1 Die SPFH im Zeichen sozialpädagogischen Paradigmenwechsels und
methodische Grundorientierung
5.2 Die Systemtheorie in der Sozialpädagogischen Familienhilfe
5.3 Die Familie als soziales System- Wichtige Grundelemente der
Systemtheorie
5.3.1 Definition "Soziales System"
5.3.2 Grundelemente sozialer Systeme
5.4 Der Aktionsradius der SPFH- Interventionsansätze systemischer
Arbeit im Rahmen Sozialpädagogischer Familienhilfe
5.5 Interventionsstrategien systemischer Familienhilfe
6. Nachwort
7. Literaturverzeichnis
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1. Vorwort
Die Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) ist ein inzwischen einschlägiges theoretisches und praktisches Betätigungsfeld der Sozialpädagogik im bestehenden Jugendhilfesystem. Als Leistungsangebot des Kinder- und Jugendhilfegesetzes kann die SPFH offiziell als "Hilfe zur Erziehung" in Anspruch genommen werden. In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich mit der Systemtheorie und ihrer speziellen Anwendung im Rahmen der Sozialpädagogischen Familienhilfe. Um verstehen zu können, welche theoretischen Grundpositionen der Systemtheorie zugrundeliegen, zeichne ich zunächst ihren Ursprung und ihre Entwicklung vor dem Hintergrund eines übergreifenden wissenschaftlichen Umdenkprozesses nach. Dabei zeigt sich, daß die Systemtheorie ein Sammelsurium von Theorien der unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen beschreibt. Die Vielfältigkeit der systemischen Ansätze kann auch innerhalb der für die Sozialpädagogik bedeutsamen Disziplin der Soziologie beobachtet werden. In diesem Zusammenhang möchte ich insbesondere die erkenntnistheoretischen Grundannahmen herausstellen, die der Systemtheorie Luhmanns (als einem der bedeutendsten Vetreter der Soziologie) zugrundeliegen. Im Anschluß daran soll deutlich werden, welche gesellschaftstheoretischen Schlußfolgerungen mit der "Theorie selbstreferentieller Systeme" bei Luhmann durch die Rezeption des ursprünglich aus der Neurophysiologie stammenden "Autopoisiskonzeptes" Maturanas/Varelas getroffen werden. Die handlungstheoretische Konsequenz dieser Perspektive soll kritisch beleuchtet werden. In Abschnitt 5 gehe ich auf den systemischen Ansatz in der Sozialpädagogischen Familienhilfe ein, der ihre wesentliche methodische Vorgehensweise bestimmt. Ich möchte zum einen verdeutlichen, welche grundsätzlichen Maximen die SPFH im Zuge des sozialpädagogischen Paradigmenwechsels verfolgt und die daraus folgende methodische Grundorientierung beschreiben. Zum anderen soll erörtert werden, in welcher Form die Systemtheorie als die für die Problematik der betreuten Familien geeignete Sichtweise zur Anwendung kommen kann, wenn gleichzeitig den herrschenden sozialpädagogischen Standards und deren sozialwissenschaftlichen Voraussetzungen nicht der Boden entzogen werden soll. Als eine diesem Kriterium entsprechende Konkretisierung stelle ich abschließend einen in der SPFH geläufigen systemischen Ansatz dar. Das systemische Konzept von Oswald soll in seinen wichtigsten Grundelementen und seiner speziellen Anwendung in der Arbeit mit den von Sozialpädagogischer Familienhilfe betreuten Familien skizziert werden.
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2. Ursprünge und Entwicklung der Systemtheorie
Der systemische Ansatz ist das Ergebnis eines globalen Umdenkens innerhalb der Wissenschaften, das darauf abhebt, Individuen und Gesellschaft als eine Einheit zu betrachten, deren Einzelelemente nicht isoliert voneinander betrachtet werden können (vgl. Staub-Bernasconi. In: Stimmer, 1996, S. 517). Seinen Ausgang hat das systemische Paradigma in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in dem Bemühen unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen, das analytisch- zerlegende Vorgehen der Naturwissenschaften des 19. Jahrhunderts um eine ganzheitliche bzw. ökologische (oder auch organismische) Betrachtungsweise zu ergänzen. Ausschlaggebend für diesen Übergang vom atomistisch- reduktionistischen zum systemischen Paradigma waren insbesondere auch außerwissenschaftliche Bedarfsstrukturen, u.a. der industriellen Produktion, des Transports, der Kommunikation und der Rüstungsindustrie, die auf der Suche nach generalisiertem Wissen und entsprechenden operativen Methoden das Systemdenken befördert haben (vgl. Hollstein- Brinkmann, 1993, S. 22). Die bis dahin ungebrochene Leistungsfähigkeit der Naturwissenschaften in der Neuzeit mit dem einhergehenden technischen und wissenschaftlichen Fortschritt kam spürbar dort an ihre Grenzen, wo Lösungen von wissenschaftlichen und technischen Vorgängen nicht mehr nur durch die voneinander isolierte Untersuchung von immer stärker zerlegten Einzelelementen gefunden werden konnten. In allen Wissenschaftszweigen traten zunehmend Probleme auf, bei denen es um Fragen der "Ganzheit", also Probleme der Organisation, der Neubildung von Eigenschaften etc. ging (vgl. Hollstein- Brinkmann, 1993, S. 21). Die systemische Sichtweise fand ihren Anfang in den logischmathematischen Wissenschaften (logische Typenlehre) und in der Physik (Quantentheorie, Relativitätstheorie), wurde einbezogen in der Entwicklung der Kybernetik, der Informationstheorie und der Spieltheorie. Als frühe Beiträge zu einer allgemeinen Systemtheorie gelten die Gestaltpsychologie (Köhler) und die Arbeiten zur Bevölkerungsstatistik (Lotka). Neueste Anstöße haben die Neurophysiologie, Zellentheorie und die Computertheorie gegeben. Laut Hollstein-Brinkmann kann die Systemtheorie als Integrationsleistung verschiedener Wissenschaften verstanden werden, die Strukturähnlichkeiten ihres Gegenstandes in den Vordergrund stellt. Deshalb wird der Systemansatz auch häufig als Gegenströmung zur zunehmenden Unterteilung der Wissenschaften in hochspezialisierte Teildisziplinen dargestellt, denn er sucht integrierende Prinzipien, die hinreichend allgemein sind, um in unterschiedlichen Kontexten anwendbar zu sein: Aus diesem Grund findet die Systemtheorie in physikalischen, biologischen, psychologischen, gesellschaftlichen Bereichen und daher auch in so unterschiedlichen Teildisziplinen wie Philosophie, Ingenieurwissenschaften, Organisationsberatung, Therapie und auch in der Sozialarbeit Verwendung (vgl. a.a.O. S. 20). Insbesondere außerhalb ihrer technischen Anwendungsgebiete besitzt die Systemthe-orie nicht den Charakter einer geschlossenen Theorie, sondern ist eher als eine allgemeine Modellvorstellung zu verstehen, die in verschiedene auch sozialwissenschaftliche Theorien Eingang findet. So lassen sich innerhalb der Soziologie vier wesentliche Entwicklungsschwerpunkte der Systemtheorie ausmachen: 1. Die Theorie des Strukturfunktionalismus von Parsons. 2. Die Systemtheorie von Buckley (1967), die sich an kybernetische Modellvorstellungen und der "General System Theory" orientiert.
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3. Die System/ Umwelt- Theorie von Luhmann, auf die sich bis in die siebziger Jahre seine Arbeiten beziehen lassen.
4. Die Theorie selbstreferentieller Systeme (1984) von Luhmann, die auf dem Autopoiese- Konzept von Maturana und Varela aufbaut. Über den Selbstanspruch der Systemtheorie hinaus, sich nur als eine allgemeine Modellvorstellung zu verstehen, hat Bertalanffy mit der "General System Theory" eine Metatheorie entworfen, die sich auf alle denkbaren Systeme anwenden lassen soll. Diese Theorie beansprucht für sich, ein Konzept universaler Prinzipien zu sein, das Gültigkeit für physikalische, biologische, soziologische, ökonomische und psychologische Fragestellungen gleichermaßen besitzt. Im Zentrum steht dabei das Isomorphie- Konzept, d.h. die Annahme, daß alle Systembildungen beliebigen Inhalts strukturelle Ähnlichkeiten besitzen, in ihren formalen Eigenschaften wie operativen Gesetzen und Regeln also identisch sind. Nicht zuletzt hat sich an diesem optimistisch formulierten systemischen Universalitätsanspruch die theoretische Debatte darüber entzündet, ob Analogiebildungen zwischen biologischen Organismen und sozialen Phänomenen zulässig sind, da Organismen auf der Basis von "Leben" und Sozialsysteme auf der Basis von "Sinn" integriert seien. Das Ergebnis der in dieser Frage geführten Debatte von Habermas und Luhmann ist, daß Analogien zwischen Biologie und Gesellschaft vermieden werden müssen (vgl. Hollstein- Brinkmann, 1993, S. 28). Ebenfalls lehnt auch Bertalanffy die Betrachtung der Gesellschaft als organismische Einheit ab mit dem Hinweis, daß mit dieser Sichtweise autoritäre Strukturen unterstützt würden, da das Individuum nur als unbedeutende Zelle im Gesamtorganismus erscheine (vgl. ebd.).
3. Der Systembegriff
Hollstein- Brinkmann hebt eine System- Definition hervor, die auf Ropohl zurückgeht und folgende drei Eigenschaften umfaßt:"Ein System ist (dann) eine geordnete Ganzheit, die (a) gewisse Funktionen als Beziehungen zwischen bestimmten Attributen (Inputs, Zustände, Outputs) aufweist, die (b) aus Elementen bzw. Subsystemen besteht, die durch Relationen miteinander zu einer Struktur verknüpft sind und die (c) auf einen bestimmten Rang von ihrer Umgebung abgegrenzt bzw. aus einem Supersystem ausgegrenzt wird" (Ropohl, 1980. In: Hollstein-Brinkmann, a.a.O.). Dieser Systembegriff beinhaltet eine Abstufung vom Ganzen und von Teilen, die verschiedene Ebenen der Betrachtung ermöglicht, je nachdem welchen Standpunkt innerhalb der Hierarchien man einnimmt: Je weiter man sich in der Hierarchie abwärts bewegt, desto mehr erhält man eine detailliertere Erklärung des Systems, während man ein tieferes Verständis seiner Bedeutung gewinnt, desto mehr man sich in der Hierarchie aufwärts bewegt. Mit dieser Modellvorstellung von Systemen sind auch die Voraussetzungen für die Beschreibung von sozialen Systemen hinreichend gegeben. H. J. Hohm verweist bei der Abgrenzung von sozialen Systemen (als Gegenstand der Soziologie) von organischen, psychischen und maschinellen Systemen auf den Systembegriff von Luhmann. Luhmann begreift soziale Systeme als autopoietische Systeme, welche sich auf der Basis von Kommunikation aus den Elementen , aus denen sie bestehen, jeweils selbst reproduzieren. Die Identifikation einzelner Systeme ergibt sich durch die Bestimmung der Letztelemente, mit deren Hilfe sich die Systeme reproduzieren und gegenüber ihrer jeweiligen Umwelt
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abgrenzen. Insofern sind Soziale Systeme zwar offen für Informationen aus der Umwelt, aber gleichzeitig auch radikal geschlossen (vgl. Hohm, 2000, S.16 ).
4. Konstruktivismus und Autopoiesis: Kritische Bewertung aus gesellschafts- und handlungstheoretischer Perspektive
Die Systemtheorie ist erkenntnistheoretisch verwandt mit der Theorie des Konstruktivismus, denn "Systeme sind Konzepte, die wir benutzen, um unserer Erfahrung eine bestimmte Ordnung zu verleihen. Systeme sind (...) begriffliche Konstruktionen unseres Verstandes. Sie kommen in der Wirklichkeit selbst nicht vor" (Jensen. In: Hollstein-Brinkmann, 1993, S. 22). Systeme werden also konstruiert, indem der Realität Zusammenhänge, Abhängkeiten, Wechselwirkungen und Funktionsweisen unterstellt werden. Dabei wird erkenntnistheoretisch jedoch unterschieden zwischen
(1) einem "hypothetischen Realismus" (vgl. Hollstein- Brinkmann, a.a.O.), der annimmt, daß es eine reale Welt gibt, daß sie gewisse Strukturen hat und diese teilweise erkennbar sind und (2) dem "radikalen Konstruktivismus", nach dem es eine Welt nur in unserem Bewußtsein gibt und deren Existenz ausschließlich im Wahrgenommenwerden besteht (vgl. Heiner, 1995, S.428). Zu den Vertretern des radikalen Konstruktivismus gehören Maturana und Varela, die mit dem Konzept der Autopoieses ein Hauptkriterium für Systeme von lebenden Organismen entwickelt haben, welches Luhmann später als Grundlage für seine Theorie sozialer Systeme verwendet hat (vgl. Hollstein-Brinkmann, 1993, S. 50). Maturana und Varela entwickelten ihr Autopoisekonzept zunächst auf dem Gebiet der Neurophysiologie mit dem Ergebnis, daß zum einen zwischen Außenweltereignissen und neuronalen Zuständen keine stabile Korrelation hergestellt werden konnte, zum anderen aber stabile Korrelationen zwischen Zuständen , die innerhalb des Nervensystems liegen, bestehen (vgl. Hollstein-Brinkmann, 1993, S. 46). Maturana/ Varela leiteten aus ihren Untersuchungen das Merkmal der "operationalen Geschlossenheit" für autopoietische lebende Systeme ab, das zwei charakteristische Eigenschaften besitzt (vgl. Heiner, 1995, S. 429): 1. Die Operationen, die das System im Prozeß der Autopoiesis erzeugt, wirken auf das System selbst zurück. 2. Das System folgt nur seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten , es ist autonom.
Operational geschlossene Systeme werden von Maturana/ Varela gekennzeichnet als Systeme, welche zwar im Austausch mit ihrer Umwelt stehen, ihre eigene Systemidentität jedoch stets stabil aufrechterhalten, indem Informationen nur im Rahmen der eigenen systemimmanten Gesetze zugelassen und mögliche Veränderungen dadurch stark eingeschränkt werden (vgl. Heiner, 1995, S. 429). Diese auf rein kognitive Prozesse gründenden Postulate der Autopoiesis- Theorie sind die Basis für die allgemeinfassendere erkenntnisthe-oretische Position von Maturana und Varela, die in die Theorie des "radikalen Konstruktivismus" mündet: Demzfolge erzeugt das Subjekt wahrnehmend die Welt, auf dessen Eigenschaften es zurückschließt. Erkennen ist strukturdeterminiert und dient immer der Aufrechterhaltung des Systems. Eine Welt jenseits unserer Wahrnehmung und unserer kognitiven Möglichkeiten gibt es folglich nicht. Repräsentativ für
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Arbeit zitieren:
Martin Moharrer, 2000, Die Systemtheorie und ihr Einsatz in der Sozialpädagogischen Familienhilfe vor dem Hintergrund sozialpädagogischer Theorie, München, GRIN Verlag GmbH
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Der Systemische Ansatz in Theorie und Praxis
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