1) Vorbemerkung
Die unter Punkt 3) a ngeführten wörtlichen Zitate sind alle aus dem uns zur Bearbeitung vorgelegtem Auszug von Platons „Phaidros“ entnommen, und deswegen nicht nochmals aufgeführt.
2) Einleitung
Die Möglichkeit, mündliche Rede und Gedanken in schriftlicher Form festzuhalten, stellt eine tiefgreifende Veränderung in der Lebenswelt des Menschen dar. Diese Entwicklung hat in Europa vor ca. 2500 Jahren stattgefunden. Die Schrift wurde zu einem allgemeinen Kulturgut im antiken Griechenland. Die gesprochene Sprache, welche vorher das allgemeine Kommunikationsmittel gewesen war, wurde durch sie abgelöst.
Mit Einführung der Schrift ist ein Speichermedium geschaffen worden, dass es den Menschen ermöglicht, von einer Gesellschaft niedergeschriebenes Wissen zu abstrahieren, weiterzuentwickeln und über Generationen hinweg zu speichern. Allerdings wurde diese revolutionäre Innovation schon bald nach ihrer breiten Einführung heftig kritisiert. Einer der bekanntesten Kritiker ist der Philosoph und Schüler des Sokrates, Platon.
Nach Ansicht Platons ist die niedergeschriebene Form der Rede der sprachlichen Rede hinten angestellt. Sie sei lediglich eine Kopie, eine „Art Abbild“ der „Rede des Wissenden [...]“. Diese Meinung vertritt Platon im „Phaidros“, ein Dialog zwischen Phaidros und dem Philosophen Sokrates.
3) Platons Vorstellung von Rede, Schrift und Gedächtnis im „Phaidros“
Platon vertritt die Meinung, dass Schrift nicht den Wissensstand des Menschen erweitere. Dies verdeutlicht der Philosoph unter anderem anhand des Mythos über die Entstehung der Schrift, als der ägyptische Gott Theut dem König Thamus die Buchstaben überbringt als ein Instrument für Weisheit und Bildung, „ein Lehrgegenstand der die Ägyptern klüger macht und ihr Gedächtnis verbessern wird.“ Doch König Thamus, der die Ansichten Platons vertritt wendet ein, dass zum Erlangen von Wissen eine spezielle Unterweisung erforderlich ist wie beispielsweise
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in Form eines Vortrages eines Lehrenden an einen Schüler. Ohne diese Unterweisung wird lediglich die fälschliche Annahme von Wissen erzeugt. Das geschriebene Wort ist somit für die Wissensvermittlung ungeeignet. „Was aber das Wissen angeht, so verschaffst du den Schülern nur den Schein davon, nicht wirkliches Wissen.“ Nach Platon dient Schrift ausschließlich dazu, bereits erlangte Einsichten und erworbenes Wissen wieder in Erinnerung zu rufen. „Also hast du ein Mittel nicht für das Gedächtnis, sondern eines für die Erinnerung gefunden.“ Gleichzeitig aber birgt die Schrift auch die Gefahr, und das ist kein Widerspruch, der Vergesslichkeit. Denn durch den Rückgriff auf ein externes Speichermedium „der [Erinnerung] von außen“, wird das Gedächtnis vernachlässigt und somit bereits erworbenes Wissen vergessen. „[...] Diese Erfindung wird in den Seelen derer, die sie erlernen Vergesslichkeit bewirken, weil sie ihr Gedächtnis nicht mehr üben [...].“
Sokrates Schüler bezweifelt nicht nur, dass die Schrift Wissen vermittle, sondern auch, dass sie dem Lesenden Verständnis bringt -„mit Verständnis verbunden ist.“ In diesem Zusammenhang vergleicht Platon die Schrift mit der Malerei. Denn wie die Erzeugnisse der Malerei „sprechen sie, als hätten sie verstanden; fragst du aber nach etwas von dem, was sie sagen, weil du es verstehen willst, so erzählt der Text immer nur ein und dasselbe.“ Weder die Malerei noch die Schrift sind demzufolge imstande, interaktiv zwischen Sender und Empfänger zu kommunizieren. Platon ist der Überzeugung, dass es des Gespräches bedarf, um Verständnis „in die Seele des Lernenden [niederzuschreiben]“. Denn ausschließlich im Dialog, durch den direkten Austausch von Information, gelangt der Empfänger, aber auch der Sender zu neuen, anderen und weiterentwickelten Ansichten, da der Redner direkt auf Kritik, Fragen, Kommentare und Feedback eingehen kann.
Existiert diese Möglichkeit nicht, besteht zudem die Gefahr des Missbrauches und des Missverstehens. Durch das „Schweigen [der Schrift] wie in aller Majestät“ bleibt es ihr vorbehalten, sich etwaiger Kritik selbst zu erwehren und „braucht immer die Hilfe des Vaters.“ Eine einwandfreie Interpretation bedarf folglich der Hilfe des Verfassers, und ist somit der freien Rede vorbehalten.
Zudem wird, nach Auffassung Platons, durch das Verfassen eines Schriftstücks dem Autor die Kontrolle über den Empfänger entzogen. Mit Einführung dieses Speichermediums kann der Leser dem Verfasser unbekannt sein. Der geschriebene
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Text treibe sich „[...] überall herum [...] bei denen, die ihn verstehen, wie bei denen, für die er nicht passt [..].“
Mit dem Vergleich der Handlungsweisen eines Bauern und eines Philosophen untermauert Platon seine Kritik an der Schrift. Wie der Bauer einen Teil seiner Saatkörner anstatt in den Acker in Töpfe säen kann, obwohl er weiß, dass das keinen Ertag bringt, so kann auch der Philosoph sein Wissen in Form von Schrift festhalten. Beides bleibt ertraglos. Diejenigen Saatkörner allerdings die „nach den Regeln der Landwirtschaft in den geeigneten Boden gesät“ werden, wachsen heran und erzeugen weitere Samen. Nach Platons Auffassung verhält es sich ebenso mit dem geschriebenem und dem gesprochenem Wort. Die Schrift ist beschränkt auf die „Spielerei“, wohingegen aus der Rede neue Gedanken und Ideen entstehen, welche ständig weitergegeben und weiterentwickelt werden. „Wenn einer nach den Regeln der dialektischen Kunst, sobald er auf eine geeignete Seele trifft, zusammen mit Verständnis Worte in sie pflanzt und sät, [...] und die nicht fruchtlos bleiben, sondern Samen tragen, aus dem dann in anderen Köpfen wieder andere Worte erwachsen und so imstande sind, diesen immer neuen Prozess ewiger Dauer zu verleihen [...].“
4) Platons Vorstellungen von Rede, Schrift und Gedächtnis im Bezug auf die Gegenwart
Aus heutiger Sicht scheinen die Thesen Platons nur noch teilweise überzeugend. Seine Behauptung, die Schrift sei ungeeignet für die Wissensvermittlung, kann so nicht (mehr) aufrecht erhalten werden. Denn ein wesentlicher Bestandteil des kollektiven Wissens einer Gesellschaft basiert auf schriftlich Niedergeschriebenem, wie beispielsweise Erkenntnissen aus der Geschichte. Auch wird gerade im 2 1. Jahrhundert das geschriebene Wort vermehrt zur Wissensvermittlung in Form von Büchern, Zeitschriften, Skripten und vor allem des Internets eingesetzt. Beobachtet man diese Entwicklung, so kann festgestellt werden, dass sich dieser Trend sogar noch weiter fortsetzt. Universitäten verkürzen zunehmend die Vorlesungszeiten, um den Studenten mehr Raum für das Selbststudium zur Verfügung zu stellen. Es findet somit eine Verlagerung vom Informationsaustausch mit Hilfe primärer Medien zu einem Informationsaustausch durch sekundäre Medien statt.
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Arbeit zitieren:
Andreas Ernst, 2002, Platons Vorstellung von Rede, Schrift und Gedächtnis im -Phaidros-, München, GRIN Verlag GmbH
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