schaft übernommen hatte. Zwar halfen die einstigen Ideale der Aufklärung, wie beispielsweise die Autonomie des Individuums, der Vernunft, die Emanzipation von der erdrückenden Macht der Religion sowie die wissenschaftliche und ökonomische Rationalität, die alte Feudalgesellschaft zu überwinden und führte auch in vielen Bereichen der Wirtschaft sowie der Naturwissenschaft zu einer enormen Produktivitätssteigerung, dennoch schaffte diese Entwicklung gleichzeitig auch wieder neue Missstände und Abhängigkeiten, die nun im 19. Jahrhundert eindeutig und kraftvoll hervortreten. Als charakteristische Beispiele greift das Kommunistische Manifest die Zerstörung der feudalen und patriarchalischen Verhältnisse auf. Diese waren für MARX nicht nur idyllisch, sondern darüber hinaus - im Gegensatz zum System des Kapitalismus - auch geeigneter, damit sich der Mensch besser in die Gesellschaft sowie seiner Umwelt einordnen konnte, indem er sich an der Natur orientierte. Dabei bezieht sich MARX auf die Epoche der Aufklärung, in der dieses alte Feudalsystem überwunden wurde und an deren Stelle nun das Ideal der individuellen Freiheit (LOCKE) propagiert wurde. Allerdings wurde den Menschen schon kurz nach der französischen Revolution mehr und mehr klar, dass das einstige Leitbild Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nicht von allen erreicht werden kann. Nicht zuletzt deswegen, da sich die Werte Freiheit und Gleichheit nicht vereinen lassen, sondern eher ausschließen. Dessen ungeachtet entwickelten sich selbst zu Zeiten der Restauration die Ideen und Utopien der Aufklärung weiter. Natürlich besteht heutzutage ein breiter Konsens darüber, dass die feudalen Verhältnisse unter dem Freiheitsaspekt gesehen keine akzeptablen Bedingungen für eine moralische und gerechte Gesellschaftsform sind. Jedoch wollte Karl MARX damit zum Ausdruck bringen, dass das neue kapitalistische System barbarischer ist als das alte feudale, welches den Mensch an seine natürlichen Vorgesetzten knüpfte. In der Tat hatten sich die Verhältnisse nicht so entwickelt, wie man sich das noch zu Zeiten der Aufklärung erhofft hatte. Insofern greifen die Thesen des Kommunistischen Manifests die Grundtendenz der Philosophie der Moderne auf, die diesbezüglich eine Selbstaufklärung der Aufklärung fordert. Denn die gesellschaftlichen Entwicklungen im 19. Jahrhundert machten deutlich, dass die Emanzipation von der Macht der Kirche nun in eine neue Abhängigkeit durch die Machtfaktoren des ökonomischen Systems umgeschlagen ist. Das heißt, aus der angestrebten Autonomie des Individuums wurde letztendlich nur eine neue Abhängigkeit von einem rationalen und bürokratischen Obrigkeitsstaat. So entwickelte sich beispielshalber aus dem Ideal der Religionsfreiheit der europäische Antisemitismus. Selbst das große Ideal der kantischen Vernunft, welche sich z.B. auch in den Wissenschaften, der technischen Entwicklung sowie der Bürokratie eines Staates widerspiegelte, schaffte es nicht eine Gesellschaft zu verhindern, die zunehmend von Unvernunft geprägt gewesen ist.
Im Zuge der Reformation - ausgelöst durch Martin LUTHER - entwickelten sich die Berufsbilder des Handwerkers und Händlers zu einer gesellschaftlich anerkannten
Form des Broterwerbes und wurden zu einer akzeptierten salonfähigen Einnahmequelle. Gerade dem Calvinismus kommt hierbei eine besondere Rolle zu, da in dieser Form der protestantischen Lehre materieller Reichtum und wirtschaftlicher Erfolg als ein Zeichen für Gottes Wohlwollen interpretiert wurden. Ausgehend von den kapitalistischen Anfängen in Venedig und den gesellschaftlichen Veränderungen bildete sich in Europa allmählich eine Gesellschaftsform heraus, die sich dadurch auszeichnete, dass man nicht mehr nach Bedarf sowie der natürlichen Bedürfnisbefriedigung produzierte, sondern vielmehr nach dem Leitbild des finanziellen Gewinnstrebens agierte. Begleitet und verstärkt durch die Strömungen der Rationalisierung, des Liberalismus (SMITH) sowie der Bürokratisierung, erfuhr die Wirtschaft einen ungeahnten Aufschwung, der sich letztendlich in der Industriellen Revolution sowie der Epoche der Hochindustrialisierung äußerte. Zwar stieg der Wohlstand der Bevölkerung in den Industrienationen quantitativ an, jedoch nicht qualitativ, denn die Schere zwischen Arm und Reich wurde immer größer und die Schicht der Lohnarbeiter, des sogenannten Proletariats, wurde immer größer und verarmte zusehends. Die Soziale Frage wurde somit unausweichlich. Des Weiteren bedeutet der rasante technische Fortschritt auch neue Unsicherheiten in der Bevölkerung, da besonders die Entwicklung von einer massenhaften Landbevölkerung hin zu einer massenhaften Stadtbevölkerung enorme soziale Veränderungen mit sich brachte, welche die Menschen aus ihren traditionellen Sozialbindungen regelrecht herausrissen. Insofern fasst Karl MARX diesen enormen Wandel der sozialen Bindung durchaus treffend zusammen. Jedoch bleibt für ihn nur das nackte Interesse der gefühllosen Barzahlung. Damit meint er nichts anderes als das System des Kapitalismus, welches maßgebend durch Rationalität und Gewinnstreben geprägt ist und den Menschen lediglich als Mittel, als Humankapital und Produktionskraft, behandelt. Die wirtschaftliche Rationalisierung und die egoistische Berechnung ist für MARX das einzige, welches nach der Restauration von den einstigen Idealen der Aufklärung noch übriggeblieben ist, indem es die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei sowie die ritterliche Begeisterung ertränkt hatte. Die persönliche Würde wurde jetzt durch den Tauschwert abgelöst. Ferner bezieht sich Karl MARX auch auf die Entfremdung des Menschen von seinem Produkt. In der christlichen Sozialethik z.B. galt das Prinzip des Nullsummenspiels. Es wurde nur das produziert, was auch benötigt wurde. Der Mensch stellte seine von ihm benötigten Güter zu großen Teilen selbst her und hatte somit auch einen direkten Bezug dazu. Jetzt, im Zeitalter der Industrialisierung, verliert er diesen Bezug zu seinem Produkt nahezu vollständig. Anstatt wie zu früheren Zeiten der Gebrauchs- und Nutzwert, steht jetzt der allgemeine Tauschwert eines Produktes im Vordergrund. Der Markt änderte sich vom Käufer- zum Verkäufermarkt. Die Produktion und der Gewinn beherrschten zunehmend das wirtschaftliche Denken. Das Ideal des ökonomischen Liberalismus, der kaum staatliche Beschränkungen kennt, wurde nun in Form des Kapitalismus zur neuen Wirtschaftsform der modernen Gesellschaft in Europa. Die religiöse und politische Aus- beutung des Feudalsystems, welches in der Epoche des Aufklärung überwunden gewe-
sen schien, wurde durch eine neue, unverschämte Ausbeutung der Produktionskräfteder Arbeiterklasse - ersetzt. Die Ausbeutung des Menschen erreichte nunmehr eine neue Qualität, da sich die einstigen Leitbilder der Aufklärung, wie Autonomie, Vernunft und Rationalität, nur einseitig entwickelt und durchgesetzt haben. Insofern hatten die politischen Ideologien der Aufklärung, die Wohlstand, Freiheit, Recht und Freiheit für alle Menschen bringen sollte, versagt. Selbst die Religion, die für Karl MARX das Opium des Volkes gewesen ist, weil sie den Menschen Trost, Zuversicht und Orientierung geben sollte, verlor im ausgehenden Mittelalter mehr und mehr diese Funktion und mutierte stattdessen zu einem institutionellen Machtmittel in Form des Stuhle Petri, welches die Menschen lediglich mit Illusionen blendete und darüber hinaus noch ausbeutete. Aus dem Opium des Volkes wurde das Opium für das Volk. Auf all diese Missstände - die früheren sowie die aktuellen - machte das Kommunistische Manifest aufmerksam und sensibilisierte die Massen. Anhand seiner scharfen gesellschaftlichen und ökonomischen Analyse deckt MARX die rationale Ausbeutung des Menschen als Mittel zum Zweck auf. Die religiösen und politischen Visionen der Aufklärung und des späten Mittelalters waren gescheitert. Das heißt, alles Ständische ist verdampft und selbst das Heilige wurde entweiht. Mit Hilfe des Kommunistischen Manifests will Karl MARX die politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge und Ursachen des Phänomens der Ausbeutung sowie der Massenarbeitslosigkeit aufzeigen. Als einen Ausweg aus dieser geschilderten Situation sehen er und Friedrich ENGELS eine neue Utopie, den Kommunismus, die Weiterentwicklung der Idee des Sozialismus, der nur eine Vorstufe dazu ist. Sie stellt für beide den einzigen brauchbaren Lösungsansatz dar. Jedoch ist dies nur durch einen radikalen Umbruch des Systems, durch Revolution, zu erreichen, indem sich die ausgebeutete und unterdrückte Arbeiterklasse zusammen mit der Bourgeoisie erhebt, um eine radikale Demokratie der Arbeiterklasse zu errichten. Diese Form der Demokratie gleicht aber aus heutiger eher einer Diktatur, da nur die rigorose Enteignung der Produktionsmittel zum Erfolg führen kann. Da sich der Kapitalismus und der damit verbundene gewissenlose Handel schon zu Zeiten von MARX und ENGELS global ausbreitete, fordert er die weltweite Arbeiterklasse auf: „Proletarier aller Länder vereinigt euch“. Insofern schlägt er einen internationalen Klassenkampf vor, der weit über die nationalen Staatsgrenzen hinweg geht und somit das bis dahin gängige nationalstaatliche Denken überwinden sollte.
Zurückblickend kann man die zeitgenössische Analyse von Karl MARX und Friedrich ENGELS, die sich auch in der Kritik der politischen Ökonomie wiederfindet, als eine realistische und notwendige Diagnose der damaligen Verhältnissen bezeichnen. Im Korsett ihrer Möglichkeiten haben sie die gesellschaftliche Entwicklungsgeschichte richtig analysiert und bewertet, indem sie darlegten, dass die moderne Gesellschaft nicht dem Anspruch der Moderne - im Sinne der Ideale der Aufklärung - gerecht geworden ist. Aufbauend auf ihren Erfahrungen haben sie zudem versucht ein neues zukunftweisendes System des Kommunismus zu entwickeln. Kein anderes Werk dieser Zeit hat so pointiert
Arbeit zitieren:
André Schmidt, 2007, Das Kommunistische Manifest - Politische Philosophie zu Zeiten der Hochindustrialiserung , München, GRIN Verlag GmbH
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