Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung - Seite 1
2. Forschungslage - Seite 1
3. Charakterisierung des „Tunnel“-Protagonisten - Seite 2
4. Charakterisierung Wörles - Seite 6
5. Zusammenfassender Vergleich der beiden - Seite 11
Protagonisten
6. Literatur - Seite 14
1
1. Einleitung
Kann ein Spiel in einen Mord ausarten? Kann ein mehrfacher Mörder unentdeckt bleiben? Kann man die Unabhängigkeit eines Gerichtes manipulieren? Ist ein Mord der beste und schnellste Weg zur Konfliktlösung im zwischenmenschlichen Bereich? So abstrakt diese Gedanken klingen, so wahr wird es in den beiden Romanen „Das Napoleon-Spiel“ von Christoph Hein und „Tunnel oder Der Tag, als Mutter von mir ging“ von Frédéric Klein. Denn beide Protagonisten sind mörderisch.
Hier soll nun einmal ein Vergleich zwischen diesen beiden Figuren versucht werden. Ist der Zwang für diese Tat, von dem beide Erzähler sprechen, tatsächlich ein Rechtfertigungsgrund, wie beide es darzustellen versuchen? Oder anders: K ann man in beiden Figuren psychopathische Züge erkennen? Oder, um noch weiter zu gehen: Sind die beiden Figuren überhaupt vergleichbar?
Einleitend einige Worte, um den versuchten Vergleich zu rechtfertigen. Beide Erzähler zeigen einen gewissen Spieltrieb; Wörle aus dem „Napoleon-Spiel“ gibt es unumwunden zu und der namenlose Protagonist aus „Tunnel“ beschreibt gar seinen Selbstmord spielerisch. Des Weiteren sind beide Mörder, der eine einfach, der andere mehrfach. Die Geschichten beider Männer, von ihnen selbst in der Ich-Form erzählt, haben meiner Meinung nach für den Leser etwas Monströses an sich. Eiskalt wird von Morden berichtet, Verbrechen werden als nötig abgetan. Und doch weisen beide Protagonisten sonst kaum Ähnlichkeiten auf. Der eine scheitert an der Lebensaufgabe an sich, wird gar zum Misanthropen und der andere ist trotz durchschlagenden beruflichen Erfolgs nicht lange mit sich und den gesellschaftlichen Herausforderungen zufrieden und sucht Mittel und Wege, sich das allzu triste Alltagsleben interessanter zu gestalten. Auf all dies soll genauer eingegangen werden. Wenn man die äußeren Gegebenheiten betrachtet, fällt auf, dass beide Werke Ende des 20. Jahrhunderts erschienen sind; „Das Napoleon-Spiel“ im März 1993, „Tunnel oder Der Tag, als Mutter von mir ging“ im Jahre 1996 in Frédéric Kleins Heimatland Frankreich und zwei Jahre später hier in Deutschland. Auch bildet das 20. Jahrhundert für beide Lebensberichte den historischen Hintergrund.
2. Forschungslage
Der französische Autor Frédéric Klein scheint in Deutschland nicht zu den Großen zu zählen. Denn es war mir unmöglich, mehr von ihm beziehungsweise über ihn zu finden außer einer Rezension zum Roman „Tunnel oder Der Tag, als Mutter von mir ging“ beim Buchanbieter
2
„Amazon“ im Internet 1 . Trotz des Wissens, dass „Frédéric Klein“ ein Pseudonym ist 2 , konnte ich seinen bürgerlichen Namen nicht herausfinden nach intensiver Recherche in einschlägigen Pseudonymlexika. Das Problem bestand hierbei darin, dass die in der SLUB am Zelleschen Weg zu erhaltenden Bücher zu französischen Decknamen zu alt sind. „Frédéric Klein“ war in keinem dieser Bücher aufgeführt.
Dahingegen ist Christoph Hein wesentlich bekannter. In der hiesigen Bibliothek sind mehrere Abhandlungen zu seinen Werken vorhanden. Allerdings spielt „Das Napoleon-Spiel“ hier wieder eine untergeordnete Rolle, da es ein für die Literaturwissenschaft noch relativ junges Werk ist und sich noch kein Germanist ausführlich mit diesem Roman beschäftigt zu haben scheint. Zumindest was den Bestand der SLUB Dresden betrifft. Doch es waren in einigen namhaften Tages- und Wochenzeitungen und -zeitschriften mehr oder weniger umfangreiche Rezensionen zu diesem im Jahre 1993 erschienenen Buch zu finden.
Diese Arbeit kann sich also nicht auf sehr ausführliche Fachlexika berufen; sie beruht zum größten Teil auf meinen eigenen Ansichten.
3. Charakterisierung des „Tunnel“-Protagonisten
Die Hauptfigur in „Tunnel oder Der Tag, als Mutter von mir ging“ von Frédéric Klein, im ganzen Roman namenlos, stellt den Leser schon auf der ersten Seite vor vollendete Tatsachen: „Ich bin ein widerlicher Mensch […], einer der gemeinsten Verbrecher, die es jemals gab.“ 3 Ungewöhnlich, der Roman beginnt mit dem Ende. Nach der Ankündigung seines baldigen Todes beginnt der Erzähler, seine Lebensgeschichte mitzuteilen, beginnend mit der Kindheit. Schon hier erreicht er, dass der Leser immerzu schwankt zwischen völliger Abneigung eines solchen Monsters gegenüber und Zuneigung für einen Jungen, aufgewachsen in einem lieblosen Elternhaus, zugeschüttet mit Vorwürfen und Verboten. Doch wie zeigt sich das? Fast ein Viertel der Geschichte steht im Zeichen der Kindheitsbeschreibung. Beide Eltern berufstätig, ist der Sohn oftmals auf sich gestellt. Er darf nicht mit den anderen Kindern im Hause spielen 4 , einen Fernseher gibt es nicht 5 . Der Junge soll sich den ganzen Tag über auf das Lernen konzentrieren 6 . Seine Mutter wird immer wieder äußerst lieblos beschrieben von ihrem Sohn. Zum Beispiel: „Ich begutachte ganz fasziniert ihre hängenden Brüste, ihren
1 Vgl. im Internet: http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3100396030/qid=1039445593/sr=1-26/ref=sr_1_2_26/028-5823637-6596537
2 Ebd.
3 Klein: Tunnel. S. 9.
4 Vgl. Klein: Tunnel. S. 16.
5 Vgl. Klein: Tunnel. S. 13.
6 Ebd.
3
schlaffen Bauch, ihre varikösen Schenkel […].“ 7 Oder: „Meine Mutter, deren Badeanzug ihre ganze Hässlichkeit aufs grausamste offenbart […].“ 8 Im ganzen Buch ist keine liebevolle Anrede für die Mutter zu finden. Es geht noch weiter. So weit, dass der Protagonist seine eigene Mutter ermordet. Im Roman finden sich sogar mehrere Textstellen mit Beschreibungen ihres Todes. Im ersten der drei Teile des Buches, der Kindheitserzählung, stolpert die Mutter über einen von ihrem Sohn gespannten Draht auf der Treppe und bricht sich beim Sturz das Genick. 9 Das alles wird völlig emotionslos berichtet. Die Beschreibung der anderen Morde ist nicht weniger grausam 10 .
Die Abneigung scheint jedoch gegenseitig zu sein. Auch die Mutter lässt den Berichten nach kein gutes Haar an ihrem Sohn. Er muss sich von ihr ständige Beleidigungen anhören wie zum Beispiel „Der Bengel hat nicht mehr alle Tassen im Schrank“ 11 , oder sie beschreibt ihn als „kleine[n] Dummkopf“ 12 . Dies sind meiner Meinung nach die Momente, in denen der Leser mit dem Jungen fühlt. Aber, wie schon oben erwähnt, auf der anderen Seite steht das Entsetzen, dass es für den Protagonisten keine andere Möglichkeit zur Konfliktlösung zu geben scheint als Mord. Auffällig ist, dass die Mutter nach dem Kapitel ihres Todes wieder in dem Roman auftaucht. Hier zeigt sich der Zweifel an dem Realitätsgehalt der Erzählung. Hierauf wird aber später noch einzugehen sein.
Schon in früher Kindheit üben Eisenbahnen auf den Jungen eine große Faszination aus. Vom Fenster der Wohnung aus hat er Sicht auf einen Viadukt, über den täglich viele Züge fahren. Er malt immer nur Bilder von Zügen, Lokomotiven und Tunneln. 13 Sein größter Traum ist es, später „Lokomotivführer“ 14 oder „Bahnhofsvorsteher“ 15 zu werden. Seine Eltern allerdings, vor allem die Mutter, tun dieses Ansinnen mit einem Kopfschütteln ab und verweigern ihm sogar die ersehnte Zugfahrt. Nur sein Großvater unterstützt ihn und geht oftmals mit ihm zu einem Landbahnhof, wo er das Signal für die Abfahrt geben darf. 16 Überhaupt scheint der Großvater die erste Person in der Erzählung zu sein, die der Protagonist wirklich liebt und achtet. Ihm ist gar ein eigenes Kapitel gewidmet. 17 Dies ist daher erwähnenswert, weil der Grundtenor des ganzen Romans sehr auf die Hauptfigur bezogen ist. Es soll hier anscheinend
7 Klein: Tunnel. S. 25.
8 Klein: Tunnel. S. 59.
9 Vgl. Klein: Tunnel. S. 27f.
10 Vgl. S. 80ff., S. 94.
11 Klein: Tunnel. S. 29.
12 Klein: Tunnel. S. 37.
13 Vgl. Klein: Tunnel. S. 40.
14 Klein: Tunnel. S. 37.
15 Ebd.
16 Vgl. Klein: Tunnel. S. 54ff.
17 Vgl. Klein: Tunnel. S. 48ff.
Arbeit zitieren:
Jenny Ebert, 2002, Die Lust am Morden, München, GRIN Verlag GmbH
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