Schlüsselqualifikation - ein Begriff zwei Ansätze 2 Abstract
Die vorliegende Arbeit setzt sich mit zwei Ansätzen aus der Diskussion um den Begriff Schlüsselqualifikation auseinander. Es werden die Ansätze von Lothar Reetz und Ute Laur-Ernst betrachtet und im Anschluss daran wird der Frage nachgegangen, inwiefern diese beiden Ansätze Eingang in den Transfer von Schlüsselqualifikationen gefunden haben. Hierzu werden die von F.E. Weinert postulierten zehn Thesen „Wie erwirbt man Schlüsselqualifikationen?“ herangezogen. Die Fragestellung hierbei war: Wie lassen sich Weinerts Thesen mit den beiden Ansätzen in Einklang bringen oder gibt es keinen Einklang?
Zusammenfassung
Diese Hausarbeit beschäftigt sich in ihrem ersten Teil mit der Entstehung des Begriffes der Schlüsselqualifikation, also dem woher. Der Leser erhält einen kurzen Einblick in die Geschichte des Begriffes der Schlüsselqualifikationen und den Wandel, den er seit seiner Einführung erfahren hat.
Im weiteren Verlauf werden zwei Ansätze zu diesem Begriff näher betrachtet. Es handelt sich hierbei um die Ansätze von Lothar Reetz und Ute Laur-Ernst, beide aus dem Jahre 1990. Diese Ansätze zeichnen sich durch Gemeinsamkeiten aber auch durch Differenzen aus, welche auf den verschiedenen Perspektiven, die die Autoren einnehmen, beruhen.
Im dritten Teil dieser Arbeit untersucht der Autor, wie sich die beiden Ansätze auf die Thesen von F.E. Weinert aus dem Jahr 1994 beziehen lassen bzw. umgekehrt.
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1. Der Begriff Schlüsselqualifikation
1.1 Zur Geschichte des Begriffes
Der langjährige Leiter des Nürnberger Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg, Dieter Mertens, führte zu Beginn der 70er Jahre ein Plädoyer für eine neue berufliche Qualifikation an. Ausgangspunkt seines Plädoyers war die Entwicklungen am Arbeitsmarkt der frühen 70er Jahre. Diese waren gekennzeichnet durch eine steigende Arbeitslosenzahl, einen Strukturwandel der Wirtschaft und dem Vordringen neuer Technologien, insbesondere den Informations-und Kommunikationstechnologien. Diese Veränderungen führten zu einer zunehmend schwierigeren
prognostizibierbarkeit des Qualifikationsbedarfes einer dynamischen Gesellschaft und Wirtschaft. Diesen raschen Veränderungen, und dem somit verbundenen raschen Veraltern von insbesondere technischem Spezialwissen, sollte ein neues Konzept der beruflichen Ausbildung, das Konzept der Schlüsselqualifikationen, Rechnung tragen.
Mertens vertrat demnach eine Entwertungshypothese, und schlug als eine Konsequenz daraus vor, die „Anpassung an nicht Prognostizierbares selbst zum Angelpunkt bildungsplanerischer Entscheidungen“ (Mertens, 1974, S. 39) zu machen. Um die Flexibilität der Auszubildenden angesichts ungesicherter Prognosen über die Qualifikationsentwicklungen zu sichern, sollte die Vermittlung von Fachwissen zugunsten der Schlüsselqualifikationen reduziert werden. Die Schlüsselqualifikationen sollten als Schlüssel zur raschen und reibungslosen Erschließung von Spezialwissen dienen. Hierzu unterteilte Mertens die Schlüsselqualifikationen in vier Kategorien: 1. Basisqualifikationen, 2. Horizontalqualifikationen, 3. Breitenelemente und 4. Vintagefaktoren. Diese vier Kategorien wurden von Mertens als eine Form beruflicher Allgemeinbildung verstanden, die in Fächern wie „formale Logik“, „Semantik“, „Messtechnik“, „Bibliothekskunde“, „Arbeitsschutz“ usw. vermittelt werden sollte. Die bald einsetzende Kritik an Mertens Konzept betraf vor allem die Auswahl der Inhalte, ihre unklare Beziehung zum Fachwissen und die Frage des Transfers. Trotz aller Kritik erfreut sich der von Mertens geprägte Begriff einer ungebrochenen Beliebtheit und fand Eingang in viele pädagogische Konzepte und in weitere Bereiche unserer Gesellschaft.
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1.2 Der Wandel des Begriffes Mertens Konzept der Schlüsselqualifikationen von 1974 war in
arbeitsmarktpolitischen Zusammenhängen entstanden. Mertens hatte das Bild eines Menschen als flexible und vielseitig einsetzbare Arbeitskraft vor Augen. 1989 modifizierte Mertens sein Konzept in eine Richtung, die der Forderung nach mehr Allgemeinbildung nahe kommt (Gonon, 1996, S.10).
Die beiden von mir ausgewählten Ansätze sind durch einen Perspektivenwechsel, hin zum Individuum, gekennzeichnet. Bei ihnen steht das Individuum und seine Entwicklungsmöglichkeiten im Vordergrund und weniger eine ökonomisch geprägte Perspektive.
2. Vorstellung der Konzepte
Die Konzepte von Lothar Reetz und Ute Laur-Ernst können als zwei Ansätze gesehen werden, die sich nicht um eine umfassende Definition des Begriffes oder eines Kataloges der Schlüsselqualifikationen bemühen. Vielmehr stellen beide „die Bestimmung der berufspädagogischen und arbeitspsychologischen Grundlagen einer Neuorientierung der Berufsbildung, in welcher die individuelle Persönlichkeit im Mittelpunkt steht“ (Dörig, 1994, S. 104) in das Zentrum ihrer Arbeiten. Beide Konzepte unterscheiden sich jedoch in der Perspektive, welche die Autoren einnehmen. Die Perspektive von Reetz ist geprägt durch die „Frage des Menschenbildes u nd der Persönlichkeitstheorie“ (Dörig, 1994, S.75). Laur-Ernst nimmt eine eher auf theoretischer Reflexion beruhende und an einem bestimmten Problem, der Neugliederung der Berufsausbildungen, orientierte Perspektive ein.
2.1 Lothar Reetz
Wenn beiden Ansätzen gemeinsam ist, dass sie „die Bestimmung der berufspädagogischen und arbeitspsychologischen Grundlagen einer Neuorientierung der Berufsbildung, in welcher die individuelle Persönlichkeit im Mittelpunkt steht“ (Dörig, 1994, S. 104) in das Zentrum ihrer Arbeiten stellen, ist es nun an der Zeit, nach dem Wie zu fragen.
Wie also geht Reetz vor? In einem ersten Schritt untersucht Reetz den Begriff der Schlüsselqualifikationen und stellt fest, dass es sich hierbei um eine besondere Art von Qualifikation handelt. Welcher Art diese Qualifikation ist, bedarf einer näheren
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Untersuchung. Zunächst einmal findet sich der Begriff der Qualifikation vor allem in drei theoretischen Kontexten wieder. Und zwar in den Kontexten der „Arbeitsmarkt-und der Qualifikationsforschung, der Curriculumtheorie und der Kompetenztheorie“ (Reetz, 1990, S.17). Reetz stellt weiterhin fest, dass der Begriff der Qualifikation ein relationaler Begriff ist, der die Beziehung eines Individuums und seiner situativen Umwelt kennzeichnet. Hierbei sind sich die Person und die Situation entlang einer Achse auf den gegenüberliegenden Polen zugeordnet. Der Begriff der Schlüsselqualifikationen lässt sich nun verdeutlichen wenn Individuum und Umwelt durch „das Handeln im Sinne einer Einheit von Denken und Tun“ (Reetz, 1990, S.17) miteinander in Verbindung treten. Je mehr ein Individuum in der Lage ist, die Situation handelnd zu bestimmen, sich mit ihr auseinander zusetzen, sie zu bewältigen um so mehr Handlungsfähigkeit erlangt das Individuum. Erreicht diese Handlungsfähigkeit einen speziellen Grad oder „Reife“ (Reetz, 1990, S. 17), und einen „abgrenzbaren, situativen Bezug“ (Reetz, 1990, S.17) spricht Reetz von Qualifikation.
Bezieht man nun diesen Begriff der Qualifikation auf die oben genannten drei theoretischen Kontexte ergibt sich folgendes: Im Kontext der Arbeitsmarkt- und Qualifikationsforschung reduziert sich der Begriff der Qualifikation auf das vom Arbeitsmarkt nachgefragte Leistungspotentials des Individuums. Dass dies jedoch kein statischer Zustand ist, zeigt sich durch Veränderungen in der Nachfrage. So können Qualifikationen veraltern, im Wert sinken aber auch im Wert steigen. Somit wird das Vorhandensein von Qualifikationen immer erst dann sichtbar wenn sie in „konkreten Arbeitsanforderungen“ (Reetz, 1990, S.17) abverlangt werden. Dass Qualifikationen im Wert steigen oder fallen, eventuell veraltern und nicht mehr nachgefragt werden, hat für das Individuum weitreichende Konsequenzen. Durch solche Auswirkungen der Nachfrage kann ein sozialer Aufstieg aber auch ein sozialer Abstieg ausgelöst werden.
Hier setzt Reetz mit seinem Konzept der Schlüsselqualifikationen an. Um den sich widersprechenden Spannungen von vorhandenen und nachgefragten Qualifikationen zu entgehen, bedarf es Qualifikationen, die „einerseits flexibel genug sind für wechselnde Anforderungen und ... andererseits eine Mitgestaltung dieser Anforderungen erlauben“ (Reetz, 1990, S.17). Reetz rückt somit den Schwerpunkt, auf der oben erwähnten Achse der Qualifikation weg von spezifischen, konkreten Berufsqualifikationen hin zum „Zentrum der Persönlichkeit“ (Reetz, 1990, S. 17).
Arbeit zitieren:
Mario Huber, 2000, Schlüsselqualifikationen - Ein Begriff, zwei Ansätze, München, GRIN Verlag GmbH
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