In seinem Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ erzählt Johann Wolfgang von Goethe die Geschichte des jungen Werther, der aus Verzweiflung an einer nicht erfüllten Liebe zu einer jungen Frau, die schon einem anderem gehört, Selbstmord begeht. Werthers Motiv für diese Tat ist der Konflikt zwischen Herz und Verstand, Natur und Kunst und Individuum und Gesellschaft.
Werther ist ein in sich gekehrter Mensch der die Natur der Stadt vorzieht. Er fühlt sich in der Natur geborgen und verstanden. Für ihn herrschen dort keine objektiven Regel der Gesellschaft und er kann ganz seinen Leidenschaften, dem Zeichnen und der Literatur, nachgehen.
Neben dem Zeichnen und Lesen schreibt er Briefe an seinen Freund Willhelm, dem er offensichtlich mehr zugeneigt ist als seiner eigenen Mutter. Werther hat offenbar kein so gutes Verhältnis zu ihr, was wohl aus seiner Kindheit resultiert. Dies macht auch deutlich warum Werther später so vernarrt in Lotte ist, da er in ihr eine Art Mutterfigur sieht, als sie sich so um ihr Geschwister kümmert. Seiner Mutter wiederum schreibt Werther nicht so viele Briefe. Sie erhält eher Nachrichten durch Willhelm, „Du bist so gut, meiner Mutter zu sagen, dass ich ihr Geschäft bestens betreiben und ihr ehestens Nachricht davon geben werde...Kurz, ich mag jetzo nicht davon schreiben, sag meiner Mutter, es werde alles gut gehen.“. (W erther, 1.Teil, S.11) Werthers nicht richtig geklärte, und offenbar nicht allzu günstige Familienverhältnisse sollen später auch zu seinem Scheitern beitragen.
Willhelm, ein Freund, versucht Werther in all seinen Tiefs zu helfen, und es scheint als ob Willhelm der einzige Mensch ist, mit Ausnahme von Lotte, was auch Werthers Zuneigung bestärkt, der ihn versteht und ernst nimmt. Willhelms Ernstnehmen zeichnet sich in seinem Antworten auf Werthers Briefe aus, Lottes wiederum in ihrem Verständnis für Werthers Gedanken, was er gleich beim ersten Treffen bemerkt, „Ich fand so viel Charakter in dem was sie sagte.“. (Werther, 1. Teil, S. 21) Werther sieht in ihr und ihren Gedanken einen Verbündeten, „Ich bemühte mich, meine Bewegungen über diese Worte zu verbergen.“. (Werther, 1.Teil, S. 22) Das „Nicht- ernst- genommen- werden“ von der Gesellschaft, spielt auch eine große Rolle in Werthers Leben und trägt zu seinem Scheitern bei. Werther zieht es vor lieber isoliert zu leben und sich sein Leben zu inszenieren. Seine Einbildungskraft ist das einziges Wahrnehmungsorgan für die Außenwelt. Und so kreiert er Bilder, wie er sich etwas vorstellt und projiziert sie in die Welt nach außen. Er wendet sich von
den Menschen und dem Unverständnis was ihm ständig entgegengebracht wird, ab, distanziert sich zunehmend von allem Menschlichen und klammert sich mit Emotionen an das Vergangene und verliert sich dabei in der Natur und Literatur. Er setzt sich zu tiefgründig mit deren Inhalt auseinander, verliert den rationalen Bezug und konstruiert sein Leben nach dem Gelesenen, was später, wenn er Ossian liest, noch stärker durch seine Gefühlschaos zur Geltung kommt. Lotte, die einen gewissen Grad an Verständnis für Werther aufbringt, kritisiert ihn zum ersten mal, er soll nicht so gefühlvoll sein, und das reale Leben in dem er jetzt lebt betrachten und genießen, „Und wie sie mich auf dem Wege schalt, über den zu warmen Anteil an allem! und dass ich darüber zu Grunde gehen würde!“. (Werther, 1. Teil, S. 32) Hier wird deutlich, obwohl Lotte und Werther Gemeinsamkeiten haben, dass Lotte mehr das bürgerliche, rationale Leben lebt, während Werther in seiner Gefühlwelt versinkt und damit den Bezug zur Realität verliert, was ihn später in immer tiefere Depressionen leitet und schließlich zum Tod führt.
Mit seiner Flucht in die Natur, vernachlässigt er seine bürgerlichen Aufgaben, wie zum Beispiel das Arbeiten und erhält Kritik dafür, die er jedoch überhaupt nicht verstehen kann. Werther ist nicht fähig sich objektiv zu Verhalten, und flieht stattdessen in das subjektive Empfinden. Sein Herz ist alleiniger Entscheider für alles. Darin erklärt sich auch seine Vorliebe zum Alleinsein in der Natur.
Bei dem kleinsten Zeichen seines Versagens, da er nicht mit Verstand sondern mit Herz gedacht hat, rennt er vor sich selbst und der Kritik der anderen fort. Werther will und kann keine Verantwortung für sich und andere Dinge übernehmen, denn er kann Realität nicht erkennen. Als ihm sein Nichtstun immer deutlicher wird, verfällt daraufhin in tiefe Depressionen. Trotz dass er unter seiner Unproduktivität leidet, beendet er die Anstellung beim Gesandten, die er eigentlich nur für seine Freunde und seine Mutter angefangen hat und für sinnlos und Zeitverschwendung erachtet, „Ich fürchte, mein Gesandter und ich , haltens nicht mehr lange mehr zusammen aus. ... Seine Art Geschäfte zu treiben ist so lächerlich, dass ich mich nicht enthalten kann ihm zu widersprechen... .“. (Werther, 2. Teil, S. 60) Doch auch in dieser Zeit, als Angestellter eines Gesandten, schafft Werther nichts. Das einzige wovon er und seine Seele lebt ist die Kunst und die Natur. Aber auch hier hat er noch nichts richtiges zustande gebracht außer einem Schattenriss von Lotte und ein unvollendetes Portrait, „Lottens Portrait hab ich dreimal angefangen, und habe mich dreimal prostituiert, das mich umso mehr verdrießt, weil ich vor einiger Zeit sehr glücklich im Treffen war, darauf hab ich denn ihren Schattenriss gemacht, und damit soll mir genügen.“. (Werther, 1. Teil, S. 37) Werthers
Arbeit zitieren:
Silvia Golle, 2003, Goethe, Johann Wolfgang von - Die Leiden des jungen Werther - Woran geht Werther zugrunde?, München, GRIN Verlag GmbH
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