0. Einleitung
Dreimal kurz, dreimal lang – diese dumpfen Paukenschläge dienten seit 1939 als
Erkennungsmelodie des Deutschen Dienstes der British Broadcasting Corporation (BBC) im
Radio. Schon diese Melodie war, wie die meisten Beiträge nach einem kurzen Probelauf des
deutschen Dienstes, behutsam und bedacht zusammengestellt: Sie sollte sowohl an die
Anfangstakte der 5. Symphonie Ludwig van Beethovens erinnern als auch das Morsezeichen
für den Buchstaben „V“ wie „Victory“ wiedergeben und damit ein Zeichen für den nahenden
Sieg über das Hitlerregime setzen. 1 Wenn auch das Medium Radio und seine Wirkung noch
unerforscht waren und es keine Vorgaben für Sendungen und Programm gab, arrangierte sich
die BBC schnell mit den Umständen und schlug eine fest bestimmte Richtung ein. Die BBC
betrieb zwar auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg ihren deutschen Dienst, das
deutschsprachige Programm der BBC erlangte jedoch zwischen 1939 und 1945 seine größte
Bedeutung. Das Hören von ausländischen Sendern wie der BBC war in Deutschland eine der
wenigen Möglichkeiten an Informationen über die Kriegssituation und die Frontlage zu
gelangen. Nicht ohne Grund installierte das deutsche Propagandaministerium Störsender, um
die Briten an der Ausstrahlung ihres Programms zu hindern. „Englisch inhalieren“ 2 nannte
man es im Volksmund, wenn man heimlich, mit der Bettdecke über dem Kopf, um jeden
verdächtigen Ton zu dämpfen, den englischen „Feindsender“ hörte.
In meiner Ausarbeitung möchte ich einen kurzen Überblick über die zeitgeschichtlichen
Hintergründe, die Organisation und die erfolgreichsten Programme des deutschen Dienstes
der BBC geben und außerdem versuchen aufzuzeigen, was die BBC mit ihrem Wirken in
Deutschland erreicht hat.
1 Deutsches Historisches Museum (Hrsg.). Text: Hans-Ulrich Pietsch. Hier ist England - historische Aufnahmen
des Deutschen Dienstes der BBC. [Beiheft]. Frankfurt, Berlin 1998
2 Lucas, Robert. Die Briefe des Gefreiten Hirnschal. BBC-Radio-Satiren 1940-1945. 1. Auflage. Verlag für
Gesellschaftskritik. Wien 1994. Seite 259.
2
I. Zeitgeschichte, Rahmen
Als das Medium Radio noch in seinen Kinderschuhen steckte, sah seine Zukunft nicht sonderlich viel versprechend aus. Rundfunkähnliche Übertragungen wurden zwar bereits im Ersten Weltkrieg ausgestrahlt, da allerdings nur für den militärischen Nachrichtendienst. Seinen Erfolg verdankt das Medium Radio vor allem seiner Nutzung für die Zivilbevölkerung ab den 1930er Jahren und als Propaganda- und Ablenkungsinstrument im Zweiten Weltkrieg. Der deutsche Propagandaminister Joseph Goebbels war fest entschlossen, sich das bis dato im Privatgebrauch relativ neue Medium zu Nutze zu machen. Radio sollte als Mittel fungieren, das die Bevölkerung bei Laune hielt, sie von dem ablenkte was sie dazu bringen könnte, unangenehme Fragen zu stellen und sie propagandistisch zu beeinflussen. Mit dem „Volksempfänger“ gelang es Goebbels ein eigenes Beeinflussungsinstrument zu schaffen, das von der Hitler-Rede bis zum „Wunschkonzert für die Wehrmacht“ genau das übertrug, was bei der Bevölkerung ankommen sollte. Unterhaltung und Propaganda waren die Hauptelemente des Radioprogramms der NS-Zeit. Das Radio fungierte als Stimmungsmacher, half dabei die Führungspersönlichkeiten perfekt zu inszenieren und die Bevölkerung mittels ständig wiederholter Parolen zum Durchhalten zu motivieren – und dadurch den Zweiten Weltkrieg zu verlängern.
Bezeichnend für Goebbels Propaganda ist der Begriff der „Gleichschaltung“, der im Nationalsozialismus für die Zentralisierung und flächendeckende Angleichung aller gesellschaftlichen und kulturellen Bereiche an die NSDAP stand. Diese „Gleichschaltung“ aller Instanzen begann im Frühjahr 1933: Den Einparteienstaat besiegelten die Nationalsozialisten mit dem Verbot aller anderen Parteien. Die deutschen Länder verloren ihre politische Eigenständigkeit. Auf allen Ebenen der Gesellschaft wurden Verbände und Vereine zwangsweise aufgelöst, verboten oder in Organisationen der NSDAP überführt. Zunächst vollzogen sich die Angleichungen nur auf politischer Ebene, später auch in den verschiedensten anderen Bereichen. Ziel war die Verschmelzung von Partei und Staat, und damit die Schaffung einer Gesellschaft, die einer völligen Kontrolle unterzogen war. Besonders wichtig und tief greifend war in diesem Zusammenhang die Vereinheitlichung aller Medien und ihrer Richtlinien und Programme. Nichtsdestotrotz wurden Radiogeräte im Akkord produziert, die Preise sanken und die Beliebtheit von Sendungen stieg mehr und mehr an. Nach Goebbels’ Vorstellung sollte jeder Zugriff auf einen Radioapparat haben.
3
Die deutsche Bevölkerung konnte jedoch für Informationen nicht nur auf den
propagandistischen Volksempfänger zurückgreifen, denn auch die Alliierten nutzten die
Ätherwellen für gezielte Propaganda. Verbotenerweise hörten viele Menschen so genannte
Fremdprogramme wie die „Stimme Amerikas“, „Radio Moskau“ oder das Programm der
britischen BBC. Sie erhofften sich von den ausländischen Sendern, insbesondere gegen
Kriegsende, verlässlichere Informationen als von den eigenen Radiosendern. Mit dem Hören
von „Feindsendern“ begab man sich jedoch in große Gefahr: Wer erwischt wurde, musste mit
Zuchthaus oder sogar mit der Todesstrafe rechnen. So wurde beispielsweise der Jugendliche
Helmuth Hübener 3 vom Volksgerichtshof wegen Abhörens von Feindsendern zum Tode
verurteilt. Er hatte Mitschriften von ausländischen Radiosendungen auf Flugblätter gedruckt
und in Hamburg verteilt. Aus Akten der Gestapo lässt sich ersehen, dass zwischen 1.
September 1939 und 31. August 1940 14110 Menschen festgenommen wurden, weil sie in
Verdacht standen „Feindsender“ zu hören – nur 331 davon sollen einer Verurteilung
entgangen sein. Die übrigen, verurteilten „Fremdhörer“ wurden zu Zuchthaus- und
Gefängnisstrafen von einem Monat bis zu fünf Jahren verurteilt. 4
Während des Kriegs gingen schließlich sowohl die deutsche Seite als auch die „Feindsender“
dazu über als Tarnsender aufzutreten und ihre wirkliche Identität zu verschleiern. Diese so
genannte „schwarze Propaganda“ soll jedoch im Folgenden nicht behandelt werden. In meiner
Untersuchung möchte ich vor allem auf die Frage eingehen, wie das deutsche Programm der
BBC strukturiert war, welchen Erfolg man sich davon versprach und welcher tatsächlich
eintrat.
II. Die BBC
Die British Broadcasting Corporation (BBC) wurde am 18. Oktober 1922 als British
Broadcasting Company von John Reith, Cecil Lewis, Arthur Burrows und Stanton Jefferies in
London als unabhängiger Radiosender gegründet. Am 14. November 1922 ging die BBC zum
ersten Mal, von einem Londoner Studio aus, auf Sendung. Wenige Tage darauf wurde bereits
zusätzlich aus Birmingham und Manchester gesendet. Die Vorstellung des Radiodirektors
John Reiths war es, einen unabhängiger Sender, der neben Bildung und Information auch
3 Schnibbe, Karl-Heinz, Holmes, Blair [Hrsg.]. Jugendliche gegen Hitler: die Helmuth-Hübener-Gruppe in
Hamburg 1941/42. Verl.-Gemeinschaft Berg. Berg am See, 1991.
4 Pütter, Conrad, Rundfunk gegen das „Dritte Reich“. Verlag: K.G. Saur. München [u.a.] 1986. Seite 25. 4
Unterhaltung bieten sollte, zu schaffen. Die BBC, die heute mehrere Hörfunk- und Fernsehprogramme sowie eine umfangreiche Website betreibt, ist diesen Maßstäben weitgehend treu geblieben.
1927 wurde die British Broadcasting Company in British Broadcasting Corporation umbenannt, nachdem ihr die „Royal Charter“ – in etwa dem deutschen Rundfunkstaatsvertrag entsprechend – erteilt wurde. 1932 startete die BBC die ersten regelmäßigen Kurzwellensendungen, die erste regelmäßige Fernsehsendung der BBC wurde am 2. November 1936 ausgestrahlt – erste Testsendungen hatte es bereits seit 1929 gegeben. Das Radioprogramm der BBC wurde von vielen Seiten überaus kritisch beäugt. Zeitungen erkannten in den Radiosendungen eine Konkurrenz, die Politik wusste um das Interesse der Bevölkerung und befürchtete eine zunehmende Beeinflussung der Menschen durch das Medium.. Nicht nur die herrschende Regierung, sondern auch diverse Parteien und Fraktionen erhofften sich über das Radio Einfluss nehmen zu können. Die Corporation war jedoch auf Parteienfreundschaften nicht angewiesen, denn sie finanzierte sich seit der Gründung durch Rundfunkgebühren. Die BBC hatte sich selbst das Ziel gesetzt, möglichst alle britischen Staatsbürger mit ihrem Programm zu erreichen.
Die Rundfunksendungen der BBC waren – obwohl in englischer Sprache – für einen weltweiten Hörerkreis bestimmt, vornehmlich dienten sie dazu kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse in den Staaten des Commonwealth bekannt zu machen. Erste Kurzsendungen in anderen Sprachen als Englisch wurden bereits vereinzelt vor dem 2. Weltkrieg gesendet, 1939, mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, jedoch eingestellt.
Bis dato hatte der Sender den Anspruch an sich selbst, gewissenhaft, wahrheitsgemäß und neutral zu berichten. Dieser selbst gestellten Anforderung wurde das deutsche Programm der
BBC im Zweiten Weltkrieg und auch in anderen Sendungen des BBC World Service
wissentlich nicht gerecht. Im Verlauf des Weltkrieges entschied sich die Sendeleitung für ein neues Konzept und versuchte fortan bei ihrem Auslandsprogramm in deutscher Sprache durch gezielte Sendekonzepte Einfluss auf die Bevölkerung zu nehmen.
Das deutsche Programm der BBC bestand auch noch nach dem Krieg, erst 1999 wurden die Sendungen aus Kostengründen endgültig eingestellt. Eine deutsche Internetpräsenz hat die
BBC jedoch immer noch.
5
III. (1) Die BBC im 2. Weltkrieg Die BBC durchlief in den 40er und 50er Jahren einem starken Wandel, während dessen sich
auch die Programmstrukturen merklich änderten. Das Fernsehprogramm der BBC wurde
während des Zweiten Weltkriegs eingestellt, der Radiodienst hingegen ausgebaut und gezielt
für Propaganda genutzt. Dennoch war in der frühen Kriegszeit das deutsche
Propagandaprogramm von „Lord Haw Haw“ weitaus interessanter als das herkömmliche
Programm der BBC. Als Reaktion auf dieses Desinteresse änderte die BBC ihr Programm,
legte einen Schwerpunkt auf Unterhaltung und setzte außerdem Kriegskorrespondenten ein,
die „hautnah“ berichteten und mit denen man engen Kontakt hielt. Das Konzept ging auf und
die BBC mauserte sich zu einer geachteten und als verlässlich eingestuften Quelle für ihre
Hörer. Etwa die Hälfte aller Briten hörte ab 1943 die Neunuhrnachrichten der BBC. 5
Zum Kriegsende hin sendete die BBC in 40 Sprachen. Propagandaminister Joseph Goebbels
wird nachgesagt, er habe einmal gesagt, dass das Radioprogramm der BBC die „intellektuelle
Invasion“ 6 Europas erfolgreich vollzogen habe.
III. (2) Der Deutsche Dienst der BBC
Am 27. September 1938 sendete die BBC erstmals auf Deutsch 7 . Der Beitrag bestand aus der
Übersetzung einer Rede des damaligen britischen Premierministers Neville Chamberlain.
Hinter der Übertragung steckte die Hoffnung, einen Kriegsausbruch zu verhindern, indem
man die öffentliche Meinung beeinflusste. 8 Das Vorgehen der BBC war hierbei noch eher
unbedarft: Man sendete die Rede einfach über sämtliche Sender des Inlandsdienstes und
hoffte schlichtweg, dass das Ganze seinen Weg zu der deutschen Bevölkerung finden würde.
Wirklich erreicht hat die meisten Deutschen vermutlich erst die spätere Ausstrahlung der
5 Homepage der BBC (http://www.bbc.co.uk/heritage/story/index.shtml, letzter Zugriff am 01.09.2007)
6 Ebd.
7 Radio-Kurier – weltweit hören: Fachzeitschrift für Internationalen Rundfunkempfang. Ausgabe 99-05-10-13
(Mai 1999). Seite 11. In: Online-Archiv der ADDX e.V. (Assoziation Deutschsprachiger Kurzwellenhörer).
8 Radio-Kurier – weltweit hören: Fachzeitschrift für Internationalen Rundfunkempfang. Ausgabe 99-05-10-13
(Mai 1999). Seite 11. In: Online-Archiv der ADDX e.V. (Assoziation Deutschsprachiger Kurzwellenhörer). 6
Rede durch den deutschen Programmkanal von Radio Luxembourg. 9 Dennoch erklärten die
nationalsozialistischen Behörden die BBC zum „Feindsender“.
So war der Deutsche Dienst der BBC der NS-Regierung von Anfang an ein Dorn im Auge.
Dabei beschränkte sich das am 27. Januar 1939 aufgenommene, etwa halbstündige
Programm anfänglich mit einer durchaus neutralen Berichterstattung. Dieses Programm im
Sinne der „appeasement“-Politik Chamberlains änderte sich mit dem 15. März 1939, dem
Datum der Besetzung von Prag, jedoch deutlich. Von 1940 an verfolgte die BBC eine solide,
von Leiter Hugh Carleton Greene, festgelegten Richtlinie, die sich vehement gegen das
Regime im Dritten Reich richtete. 10 Diese bestand vor allem darin, Glaubwürdigkeit zu
vermitteln. Nach ihrer „Strategie der Wahrheit“ 11 berichteten die Briten deshalb auch über
ihre eigenen Rückschläge. Dieses Konzept wurde jedoch in einem Ausnahmefall nicht
befolgt: Nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 verbreitete die BBC die Nachricht vom
Ausbruch eines Bürgerkriegs – in der Hoffnung Regime-Gegner und Widerstandsgruppen in
Deutschland zu mobilisieren und zusammen zu führen. 12 Der gewünschte Erfolg trat nicht ein
und diese Ausnahme im deutschen Programm der BBC sollte auch die letzte bleiben.
Grundsätzlich wurde aber in jeder Nachricht, jedem Kommentar und in jeder
Unterhaltungssendung die These vertreten, dass Deutschland den Krieg nur verlieren
könnte. 13 Die BBC versuchte auch mit gut durchplanten Konzepten wie eigens komponierter
Musik, den „Briefen des Gefreiten Hirnschal“ oder der Sendung „Was wollen Sie wissen?“
das Denken der deutschen Hörer zu beeinflussen. Im März 1934 richtete der „German
Service“ zusätzlich eine mehr oder weniger selbstständige Österreichabteilung ein. 14 Im
Vordergrund stand bei den BBC-Sendungen Informationsvermittlung und die Aufklärung
über NS-Verbrechen, keine Propaganda durch gezielte Falschinformationen wie bei Goebbels
Sendekonzepten. Auch zum Widerstand gegen das Regime wurde selten offen aufgerufen.
9 Ebd., Seite 11.
10 Ebd., Seite 12.
11 Ebd., Seite 12.
12 Brinson, Charmian (Hrsg.). Stimme der Wahrheit: German-language broadcasting by the BBC. Amsterdam
[u.a.]: Rodopi, 2003. Seite 99.
13Weidenhaupt, Heike. Gegenpropaganda aus dem Exil: Thomas Manns Radioansprachen für deutsche Hörer
1940 bis 1945. Verlag: UVK. Konstanz, 2001. Seite 62.
14 Radio-Kurier – weltweit hören: Fachzeitschrift für Internationalen Rundfunkempfang. Ausgabe 99-05-10-13
(Mai 1999). Seite 11. In: Online-Archiv der ADDX e.V. (Assoziation Deutschsprachiger Kurzwellenhörer). 7
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Magistra Artium Katharina Kullmer, 2006, "Hier ist England!" - Der deutsche Dienst der BBC im Dritten Reich, München, GRIN Verlag GmbH
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