Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
1.1 Problemstellung. 3
1.2 Aufbau. 3
1.3 Forschungsstand 4
2. Eine Diktatur über das Proletariat? 4
2.1 Das Verhältnis zwischen Partei und Masse 4
2.2 Die wahre Machtverteilung während der „Diktatur des Proletariats“ 8
2.3 Die Macht der Bürokratie 13
3. Schlussbetrachtung 18
4. Bibliographie 21
2
1. Einleitung
1.1 Problemstellung
„Ihre Diktatur ist nicht die der arbeitenden Klasse, sondern die Diktatur einer Clique.“ 1 Mit diesen Worten beschrieb der Menschewiki Georgi Walentinowitsch Plechanow die Auflösung der konstituierenden Versammlung im Jahre 1918 durch die Bolschewisten. 2 Wenn Plechanow mit dieser Aussage Recht hatte, so ist die Herrschaft der Bourgeoisie durch die Herrschaft der Bolschewisten ersetzt worden, die Zweiklassengesellschaft also bestehen geblieben. War die „Diktatur des Proletariats“ nur der Deckmantel für die Herrschaft eines elitären Zirkels? War Lenin je gewillt, die Macht mit allen Arbeitern zu teilen? Legte die Struktur der Bewegung, die Teilung in eine Avantgarde und eine diffuse Masse, schon den Grundstein für eine sozialistische Aristokratie? Diese Fragen versucht die vorliegende Arbeit zu beantworten. Daneben geht sie auch auf Theorie und praktische Umsetzung der Ansichten Lenins ein. Dadurch kann geklärt werden, ob Lenin von vornherein die „Diktatur einer Clique“ geplant hatte, oder ob sie lediglich eine Anpassung an die vorhandenen Umstände war.
1.2 Aufbau
Die vorliegende Arbeit gliedert sich in drei Abschnitte. In diesen Abschnitten wird der jeweilige Untersuchungsgegenstand erläutert und anschließend auf Hinweise einer Diktatur der Eliten, beziehungsweise einer Clique, durchsucht. Der erste Teil befasst sich mit dem Parteiaufbau und der Rolle der Partei, wie Lenin sie in seinem Werk „Staat und Revolution“ darstellte. 3 Dieser Abschnitt beleuchtet somit zum einen die theoretischen Ansichten Lenins, die er zum Großteil während seiner Emigration erarbeitete. Zu einer Zeit also, in der er keine direkte Verbindung zu den vorherrschenden Verhältnissen in Russland hatte. Zum anderen wird die Umsetzung dieser Ideen betrachtet, wodurch mögliche Konflikte der Praxis mit der Theorie herausgefiltert werden können. Der zweite Abschnitt beschäftigt sich eingehender mit dem Terminus der „Diktatur des Proletariats“. Dabei wird vor allem auf Lenins Zeit als Kremlchef eingegangen und ob eine „Diktatur des Proletariats“ nach der
1 von Rauch, Georg: Lenin. Grundlegung des Sowjetsystems, Göttingen 1957, S. 67.
2 Vgl. ebd.
3 Lenin, Wladimir-Illjitsch: Staat und Revolution. Die Lehre des Marxismus vom Staat und die
Aufgaben des Proletariats in der Revolution, Moskau 1947.
3
Oktoberrevolution wirklich existent war. Mit Hilfe der gewonnenen Erkenntnisse wird im dritten Teil die Frage beantwortet, ob Lenin die Herrschaft der „Ausbeuterklasse“ lediglich durch die Herrschaft einer neuen Klasse ersetzt und somit die Zweiklassengesellschaft fortgeführt hat. In der Schlussbetrachtung werden die Ergebnisse nochmals kurz zusammengefasst und die Ansichten des Autors zur Thematik dargelegt.
1.3 Forschungsstand
Die Ansichten Lenins wurden publizistisch umfangreich rezipiert, so dass ein großer Fundus an Werken vorhanden ist. Davon befasst sich ein Teil mit dem Vergleich der Ansichten von Karl Marx und der Frage, wie Lenin das Marx’sche Gedankengut umgesetzt hat. Diese Ausarbeitungen fließen jedoch nur partiell in die vorliegende Arbeit ein, da sie das Thema sehr weitgefächert betrachten und zur Beantwortung der gestellten Forschungsfrage somit nur bedingt dienlich sind. Dagegen liegen die Schwerpunkte des Werkes „Lenin - Theorie und Praxis in historischer Perspektive“ von Theodor Bergmann und anderen, kongruent zu den zentralen Fragen dieser Arbeit. 4 Daneben bietet „Lenin - Grundlegung des Sowjetsystems“ von Georg von Rauch eine gute Übersicht zu der Regierungsweise Lenins und somit zur praktischen Umsetzung seiner Ideen. 5 Der ehemalige Kommunist Milovan Djilas, beschäftigt sich in seinem Werk „Die neue Klasse“ mit dem Machtzuwachs der Bürokraten, welcher seiner Meinung nach schon zu Zeiten Lenins begann. 6 Dies würde jedoch im absoluten Gegensatz zur propagierten, klassenlosen und homogenen Gesellschaft stehen. Mit Hilfe seines Wissens über die innere Beschaffenheit kommunistischer Systeme, können mögliche Auswirkungen der politischen Entscheidungen Lenins näher beleuchtet werden.
2. Eine Diktatur über das Proletariat?
2.1 Das Verhältnis zwischen Partei und Masse
Der vorliegende Abschnitt befasst sich mit den Vorstellungen Lenins bezüglich der Partei des Proletariats. Der Fokus liegt in der Betrachtung der Aufgaben der Partei und ihrem Verhältnis zum Proletariat. Zu diesen Schwerpunkten hat Lenin in seinen
4 Bergmann, Theodor u.a.: Lenin. Theorie und Praxis in historischer Perspektive, Mainz 1994.
5 Vgl. von Rauch, Georg: Lenin. Grundlegung des Sowjetsystems, Göttingen 1957.
6 Djilas, Milovan: Die neue Klasse. Eine Analyse des kommunistischen Systems, Würzburg 1963.
4
Werken „Was tun“ und „Was sind die ‚Volksfreunde‘ und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten?“ genaue Angaben gemacht, die nun unter dem Aspekt der Klassifizierung der Gesellschaft beleuchtet werden.
In „Was tun?“ setzte sich Lenin mit dem Verhältnis zwischen einer allgemeinen sozialen Bewegung und der straff organisierten Partei auseinander. 7 Er ist der Auffassung, dass es den Arbeitern nicht gelingt, über die Stufe der Gewerkschaftsorganisationen hinauszugelangen. Somit war es Aufgabe „…der Partei und ihren geschulten Kadern […] das notwendige politische Bewusstsein von außen in sie hineinzutragen.“ 8 Er teilte das Proletariat also in die „Avantgarde“ und eine diffuse „Masse“. 9 „Die Partei ist der bewusste Teil des Proletariat, der das sozialistische Bewusstsein in die spontane Arbeiterbewegung hineinträgt.“ 10 Hineintragen bedeutete in dem Falle, die Stimmungen der Arbeiter aufzufangen und sie im Sinne der Partei zu lenken. 11 Es kann also von einer Aufgabenteilung gesprochen werden, da das Proletariat auf der einen Seite über die quantitativen Kräfte verfügte und die Kader auf der anderen Seite über die Fähigkeit diese Kräfte freizusetzen und zu steuern. Weiterhin sollte den Kadern die Organisation und Führung der gesamten Bewegung zufallen, denn die Bewegung zeichnete sich bis dato nur durch einzelne Streiks und Revolten der Arbeiter aus, sodass die Partei sie zusammenschließen und gezielt in die Richtung des Klassenkampfes und der kommunistischen Revolution kanalisieren sollte. 12 Lenin beschrieb dies mit den Worten: „Vor uns liegt in ihrer ganzen Stärke eine feindliche Festung, aus der man uns mit einem Hagel von Kugeln und Kartätschen überschüttet, die uns die besten Kämpfer entreißen. Wir müssen diese Festung nehmen und wir werden sie nehmen, wenn wir alle Kräfte des erwachenden Proletariats mit allen Kräften der russischen Revolutionäre zu einer Partei vereinigen, zu der alles hinstreben wird, was es in Russland an Lebendigem und Ehrlichen gibt.“ 13 Die Revolutionäre bildeten dabei einzelne Kader, die aus Berufsrevolutionären bestanden, welche sich von den
7 Hildermeier, Manfred: Wladimir Iljitsch Lenin, in: Euchner, Walter: Klassiker des Sozialismus. Zweiter
Band von Jaurès bis Marcuse, München 1991, S. 32.
8 Vgl. ebd.
9 Vgl. ebd.
10 Ponomarjow, B. N., u.a.: Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Berlin 1985, S.
49.
11 Fetscher, Iring: Der Marxismus. Seine Geschichte in Dokumenten, 2. Auflage, München 1973, S.
627-632.
12 Vgl. Ponomarjow, B. N., u.a.: Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Berlin 1985,
S. 37.
13 Vgl. ebd., S. 47.
5
Proletariern durch eine politische Schulung unterschieden. 14 Sie sollten sich ausschließlich mit der revolutionären Arbeit beschäftigen, wodurch ein Kollektiv an Führern der proletarischen Bewegung entstehen würde. 15 Die Berufsrevolutionäre stellten keineswegs einen elitären, für die Proletarier unerreichbaren Zirkel dar, sondern es sollten ständig neue, fähige Arbeiter zu den Berufsrevolutionären dazu stoßen, wodurch sich die Kader ständig „vermehren“ würden. 16
Am Ende des Jahres 1895 wurde der „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse“ auf Initiative Lenins in Petersburg gegründet. 17 Diese Gruppierung war streng hierarchisch ausgerichtet und an ihrer Spitze stand Lenin. 18 „Der ‚Kampfbund‘ war […] der erste bedeutsame Keim einer revolutionären Partei, die sich auf die Arbeiterbewegung stützt und die den Klassenkampf des Proletariats leitet.“ 19 Es ist hierbei jedoch wichtig zu erwähnen, dass der „Kampfbund“ auch ohne die Führung Lenins weiter bestand. Seine Verbannung nach Sibirien im Jahre 1897, sowie die Verbannung anderer führender Mitglieder, führten nicht zum Zerfall der Gruppierung. 20 Somit kann festgehalten werden, dass die hierarchische Ausrichtung der Gruppe nicht so stark ausgeprägt war, dass ohne die Anwesenheit der Person Lenin ein Zerfall drohte. Wohl aber waren die literarischen Fähigkeiten Lenins für den Aufbau der Gruppierung wichtig, da somit erst eine Akzeptanz unter den Arbeitern entstand, der „Kampfbund“ also seine Wurzeln im Erdreich der Proletarier ausbreiten konnte, um den nötigen Grad der Stabilität zu erreichen.
Diese Fakten zeichnen ein äußerst abwertendes Bild der Arbeiterklasse. Die Arbeiterschaft wirkt wie eine willenlose, ungebildete und niedere Masse, die schon rein intellektuell nicht in der Lage war ihre Situation selbstständig zu ändern. Die Tatsache, dass jeder fähige Arbeiter dem Proletariat entrissen wurde, um als Berufsrevolutionär ein Mitglied der Kader zu werden, verstärkt die Kluft zwischen der diffusen „Masse“ und der „Avantgarde“ noch. Der ehemalige Kommunist Milovan
14 Vgl. Fetscher, Iring: Der Marxismus. Seine Geschichte in Dokumenten, 2. Auflage, München 1973,
S. 627-632.
15 Vgl. Ponomarjow, B. N., u.a.: Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Berlin 1985,
S. 50.
16 Vgl. Fetscher, Iring: Der Marxismus. Seine Geschichte in Dokumenten, 2. Auflage, München 1973,
S. 627-632.
17 Vgl. Ponomarjow, B. N., u.a.: Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Berlin 1985,
S. 39.
18 Vgl. ebd.
19 Vgl. ebd., S. 41.
20 Vgl. Ponomarjow, B. N., u.a.: Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Berlin 1985,
S. 40.
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Arbeit zitieren:
Konstantin Wußmann, 2008, Lenin und die Eliten, München, GRIN Verlag GmbH
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