SS 2003
HS: Goethe: Die Wahlverwandtschaften
Essay-Themen
1. Ein Roman in zwei Teilen: Handlungsaufbau und Kompositionsprinzipien 2. "Die gnädige Frau versteht es; man arbeitet unter ihr mit Vergnügen": Charlotte, die "Heldin" des Romans? 3. "Sich etwa zu versagen, war Eduard nicht gewohnt": Charakter- und Figurenentwurf eines "reichen Barons im besten Mannesalter". 4. Die chemische Gleichnisrede: Inhalt und Funktion 5. Ottilie: Merkmale eines außergewöhnlichen Wesens 6. Ehegespräche - Gespräche über die Ehe 7. Die Nebenfiguren (Architekt, Gehülfe, Luciane): ihre Rollen und Funktionen 8. Vermittlungsversuche: Mittler 9. Die Novelle im Roman: "Die wunderlichen Nachbarskinder" als Gegenentwurf zu den ,,Wahlverwandtschaften"? 10. Das Ende des Romans: Rechtfertigung des Ehebruchs oder Lob der Entsagung 11. Rezeption und Wirkungsgeschichte des Romans
Bitte beachten Sie folgendes:
w Ihr Essay soll nicht länger als 5-7 Seiten sein.
w Die Nutzung von Forschungsliteratur (vgl. u.a. den Hinweis im KVV) ist
bei einigen Themen geboten (prinzipiell selbstverständlich zu
empfehlen); bei den meisten Themen aber nicht zwingend. w Die essayistische Form soll Ihnen einen Freiraum zur Darstellung individueller Lektüreeindrücke eröffnen, sie impliziert gleichwohl das Bemühen um sprachliche und gedankliche Präzision. w Referats- und Hausarbeitsthemen können auf dem gewählten Essay
aufbauen; es kann aber auch ein neues Thema für die Seminararbeit
gewählt werden.
w Prinzipiell ist die Teilnahme am Seminar nur aufgrund des abgelieferten
Essays möglich.
w Der Abgabetermin (15. April 2003) ist verbindlich.
Die chemische Gleichnisrede: Inhalt und Funktion
Die chemische Gleichnisrede des vierten Kapitels im ersten Teil zieht schon durch zwei ganz äußerliche Merkmale die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich. Zum einen steht im Text selbst ganz explizit, es handele sich um eine Gleichnisrede. Zum anderen ist diese kurze Passage die einzige im Text, in der wortwörtlich auf den Titel des Romans verwiesen wird; das Wort Wahl-verwandtschaften taucht nur hier auf und dies insgesamt viermal. Durch die Bezeichnung Gleichnisrede wird die dargestellte chemische Ver-suchsanordnung auf die die Romanhandlung bezogen. Dies geschieht auch direkt innerhalb des Textes, indem die Protagonisten selbst die Anordnung, nur halb ernst, auf ihre eigenen Verhältnisse beziehen. Es werden die beiden Männer auf der einen, die beiden Frauen auf der anderen Seite zusammen gesellt. 1 Dabei lassen die Figuren lediglich die schließlich eintretende Konstellation außer acht, 2 wodurch diese spätestens von hier ab ins Zentrum rückt.
Das Gespräch nimmt den späteren Verlauf des Romans in seinen wesentlichen Zügen voraus und dient damit auch der Gliederung der Handlung 3 Die vorausgenommene Gliederung des Romans geschieht aber nicht nur auf der Ebene der reinen Handlung, vielmehr sind in dem Gespräch über die Wahl-verwandtschaften bereits die wichtigsten Leitmotive angelegt, die schließlich die Figuren und den Fortgang der Handlung bestimmen und den Roman seinem Ende zuführen werden, worauf noch näher einzugehen sein wird.
Zunächst entwickelt sich das Gespräch aus einem Verhalten Charlottens, das Eduard ablehnt, das er aber später bei Ottilie nicht nur dulden, sondern geradezu wünschen wird, nämlich das Mitlesen während er vorliest. Damit
1 Aulhorn, S. 113.
2 die Möglichkeit, dass Ottilie und der Hauptmann ein Paar bilden könnten wird bereits in Kapitel 2 bedacht, indem Charlotte überlegt, ob "es rätlich sei, den Hauptmann mit Ottilien als Hausgenossen zu sehen".
3 Aulhorn, S. 112.
1
ist hier ein Motiv, an dem die innige Zuneigung Eduards zu Ottilie später deutlich gemacht wird (jedenfalls wird sie so erstmals Charlotte und dem Hauptmann augenscheinlich) eingeführt. Nachdem Charlotte erklärt, warum sie so interessiert gelesen hat beginnt Eduards Erläuterung mit den Worten "Es ist eine Gleichnisrede" (S. 403). 4 Dieser Hinweis auf ein Gleichnis wird dabei jedoch ironisiert, denn die Gleichnisrede "verführt und verwirrt" (S. 431). Dabei ist einerseits zuerst natürlich Charlotte verführt und verwirrt worden, hat sie doch mit Eduards Worten als wahrer Narziß 5 , der jeder Mensch ist, sich selbst, bzw. menschliche Eigenschaften dem Beispiel als Folie unterlegt. Zum anderen wird kurze Zeit später Eduard selbst es sein, der so handelt, indem er in seiner Buchstabensymbolik am Ende des Gesprächs die Beziehungen der vier Hauptpersonen mit dem chemischen Beispiel verquickt. Nicht zuletzt aber wird hier der Leser verführt. Verführt dazu das anschließende Gespräch als Vorwegnahme der Romanhandlung zu lesen. Eine paradoxe Situation, weil er doch nun gleich zu Beginn dieser zentralen Passage gewarnt ist, erst recht für den heutigen Leser, der die Wahlverwandtschaften wohl nur selten unbefangen liest ohne bereits eine gewisse Textkenntnis zu haben. 6 Schließlich gibt das Gleichnis aber eben keine schlüssige Erklärung der Vorgänge des Romans, es enthält vielmehr den "Hinweis darauf, dass der Kern der Vorgänge rätselhaft und undeutbar" bleibt. 7
Im Gespräch werden sodann die chemischen und physikalischen Voraussetzungen für die Verwandtschaften von Erden und Mineralen erläutert. Zunächst die Selbstsuffizienz von Wasser, Öl und Quecksilber, die quasi in sich ruhend ganz rund sind und nicht ohne Weiteres miteinander in Verbindungen gebracht werden können. So können Öl und Wasser auch durch schütteln nicht miteinander verbunden werden. Ganz so konnten auch Eduard und Ottilie nicht durch den Kuppeleiversuch Charlottens mit Hilfe des
4 alle Seitenzahlen ohne weitere Quellenangabe verweisen auf Bd. 3 der Jubiläumsausgabe; S. 407-623 Roman, ab S. 893 Kommentar.
5 auf die Bedeutung des Narziß und Echo Mythos, der im Roman immer wieder aufscheint sei hier nur hingewiesen.
6 vgl. Eco, Umberto: Bücherlesen mit den Fingerkuppen, in: ders.: Derrick oder die Leidenschaft für das Mittelmaß, München, Wien 2000, S. 121f.
7 Ritzenhoff, S. 17.
2
Arbeit zitieren:
M.A. Holger Ihle, 2003, Goethes Wahlverwandtschaften: Die chemische Gleichnisrede - Inhalt und Funktion, München, GRIN Verlag GmbH
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