In dem Text Kunstwerk und Betrachter: Der rezeptionsästhetische Ansatz von Wolfgang Kemp wird, wie der Titel schon verrät die Rezeptionsästhetik in der Kunst thematisiert. Der rezeptionsästhetische Ansatz behandelt das Zusammenspiel von Autor, Kunstwerk und Betrachter. Im Mittelpunkt eines Werks steht also die Betrachterfunktion.
Benachbarte Forschungsansätze
Neben Parallelen zu Fachgebieten wie der Literaturwissenschaft gibt es auch innerhalb der Kunstgeschichte verschiedene Ansätze, die mit der Rezeptionsästhetik konform gehen. Einer davon lässt sich unter dem Stichwort Rezeptionsgeschichte zusammenfassen, welcher wiederum in vier Gruppen unterteilt ist. Die erste Gruppe lässt sich unter dem Begriff des rezeptionsgeschichtlichen Ansatzes zusammenfassen. Dieser verfolgt sozusagen die ,,Wanderung künstlerischer Formulierungen" (S. 248) durch die Zeiten der Kunstlandschaft. Man ist an der Überlieferung und Wiederaufnahme von Kunst durch Kunst interessiert, stellt Daten sicher und weist Einflüsse nach. Weiter erforscht man die Gründe, die bei einer Auswahl bestimmter Motive maßgebend waren, und untersucht die Differenz zwischen Vor-und Nachbild. Die zweite Gruppe ist die der literarischen Rezeptionsgeschichte. Sie beschäftigt sich mit schriftlichen (und selten auch mit mündlichen) Reaktionen der Betrachter und Benutzer von Kunstwerken. Man erwartet sich von dieser Untersuchung Beiträge zu einer Geschichte des Geschmacks und Einsichten in die Wechselwirkungen zwischen Kunstproduktion und Kunstkritik (im weitesten Sinne). Die eigentliche Geschichte des Geschmacks beschreibt die faktische Rezeption von Kunstwerken durch Kunsthandel, Kunstraub und Sammlertätigkeit und stellt die dritte Gruppe dar. Ihr Interesse gilt den institutionellen Formen der Kunstrezeption. Dieses Teilgebiet ist jedoch noch kaum entwickelt. Die vierte Trennlinie ist zu der Rezeptionspsychologie zu ziehen. Zwar gehen beide Ansätze von einer aktiven Ergänzung des Werks durch den Betrachter aus, von einer Art Dialog der beiden Seiten, die Rezeptionspsychologie spezialisiert sich jedoch auf die Wahrnehmung. Sie löst das Werk aus seinem historischen Kontext, bzw. löst den Rezeptionsvorgang von seinen Rezeptionsbedingungen.
Aufgaben der Rezeptionsästhetik
Die genannten vier Richtungen werden in der Kunstgeschichte die eigentliche Betrachterbzw. Publikumsforschung genannt. Ihr Interesse gilt vor allem Personen, realen Betrachtern, seien es also Künstler, Sammler, Kritiker oder einfach Kunstinteressierte. Die Rezeptionsästhetik dagegen arbeitet werkorientiert, sie ist auf der Suche nach dem impliziten
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Betrachter, nach der Betrachterfunktion im Werk. Das Werk ,,spricht" mit den Rezipienten, es ist adressiert und entwirft seine Betrachter. Demzufolge hat die Rezeptionsästhetik mindestens drei Aufgaben. Sie muss die Zeichen und Mittel erkennen, mit denen das Kunstwerk in Kontakt zu uns tritt und sie muss diese im Hinblick auf ihre sozialgeschichtliche und ihre eigentliche ästhetische Aussage lesen. Wichtig dabei zu erwähnen ist die Spezifik der künstlerischen Kommunikation. Autor und Rezipient verkehren nicht direkt miteinander wie es der alltägliche Vorgang mit sich bringt, es findet keine faceto-face Kommunikation statt. ,, Autor und Leser ( und Betrachter […]) kennen sich nicht, sie müssen sich den anderen jeweils nur denken. Beide vollziehen dabei eine Abstraktion von der realen Individualität, wie sie im faktischen Dialog gegenwärtig ist." 1 In der Kunstgeschichte wird dieser Vorgang mit dem Titel der asymmetrischen Kommunikation umschrieben. Fest steht, dass in dieser Kommunikation eine Vielzahl von Projektionen geschichtlicher und gesellschaftlicher Idealbilder von der Funktion und Wirkung von Kunst mitwirken. Die Rezeptionsästhetik will diese Appelle und Signale der Kunst an ihre Betrachter verstehen.
Die Zugangsbedingungen
Bei der Betrachtung von Kunst muss man zwischen äußeren Zugangsbedingungen und inneren Rezeptionsvorgaben unterscheiden. Äußere Zugangsbedingungen bilden beispielsweise die Stadtplanung für das Gebäude oder die Architektur, kurz, der ganze äußere Rahmen, in dem ein Kunstwerk präsentiert wird. Die Aufgabe der Rezeptionsästhetik ist es nun das Werk in seinen ursprünglichen historischen Kontext zurück zu versetzen. Und genau diese Rekonstruktionsleistung sieht die Rezeptionsästhetik als ihr wichtigstes Ergebnis an. Man kann in diesem Zusammenhang auch von der Wissenschaft des Kontextualismus sprechen, dem Bestreben der Rezeptionsästhetiker einen Sinn für Einheit zu schaffen. Gregory Bateson behauptet, dass es ohne Kontext keine Bedeutung gibt. Das heißt die Rezeptionsästhetik muss die Rezeptionssituation oder die Rezeptionsrealität der Objekte in vollem Umfang rekonstruieren. Nach ihm muss gelten, dass ,,[…Kommunikation einen Kontext erfordert, dass es ohne Kontext keine Bedeutung gibt und dass Kontexte Bedeutung gibt." 2 vermitteln, weil es eine Klassifizierung von Kontexten
Vor allem die Kunst der Neuzeit stellt sich in einer Raum- und Zeitleere dar, sie ist nicht mehr adressiert, hat keinen festen Bezugspunkt mehr. Jedoch weisen auch diese Kunstwerke Reste von Kontextmarkierungen auf, die den Betrachter erneut situieren. Das Werk reagiert immer
1 H. Link: Rezeptionsforschung. Stuttgart/Berlin 1976. S. 12, zit. nach: Wolfgang Kemp: Kunstwerk und Betrachter: Der
rezeptionsästhetische Ansatz. In: Hans Belting u.a. (Hrsg.): Kunstgeschichte. Eine Einführung. 7., überarb. u. erw. Aufl. Berlin 2008. S. 250.
2 Gregory Bateson, zit. nach: Ebd. S. 251.
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auf seinen räumlichen und funktionalen Kontext, durch die Art und Weise seiner Erscheinung, wie es wirkt, und wie seine Wirkung vom Betrachter aufgefasst wird. Die jeweils besondere Aufgabe des rezeptionsästhetischen Interpretierens eröffnet sich erst an der Schnittstelle von Kontext und Text, also erst an der Stelle, wo das Werk mit seinen inneren Möglichkeiten den Dialog mit Umgebung und Betrachter zu führen beginnt, um sich mitzuteilen.
Die Rezeptionsvorgaben
Das Pendant zu den äußeren Zugangsbedingungen sind die inneren Rezeptionsvorgaben. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer inneren Kommunikation. Die Rezeptionsästhetik untersucht wie der Betrachter an ihr teilnimmt, also wie er sich gegenüber der Handlung, der Komposition, der Darstellung, den Zeichen und Vorgängen verhält, wie er von den innerbildlichen Kommunikationsträgern angesprochen oder beeinflusst wird. Wesentlich im Gegensatz zu der Alltagskommunikation ist eben, dass sie unter den Augen der Betrachter stattfindet. Je nachdem, ob die gewählten Gestaltungsmittel der Künstler den Betrachter direkt adressieren, oder auf eine offene Reaktion angelegt sind, heißen sie entsprechend Rezeptionsvorgaben oder Rezeptionsangebote. Man spricht vom Blickwinkel des Werks auch von inneren Orientierungen, die das Bild dem Betrachter geben, der Zuschauer wird zur Funktion des Werks. Orientierungsformen, von denen hier die Rede ist, sind zum Beispiel Untersuchungen über die Art und Weise wie Dinge und Personen der innerbildlichen Kommunikation zueinander in Beziehung treten und den Betrachter dabei entsprechend ein- oder ausschließen (Diegese). Man untersucht also unter anderem die Verteilung der Handlungsträger auf der Bildfläche oder im Raum, die Position, die sie untereinander oder zum Betrachter hin einnehmen, ihre Gesten und Blickkontakte, usw. Weiter klärt der Rezeptionsästhetiker, ob Vertreter der Personenperspektive auf dem Bild zu erkennen sind, also Personen, die aus dem innerbildlichen Zusammenhang herausgenommen und auf der Seite des Betrachters sind. Diese können durch Gesten, Mimik oder Blicke als Vermittler eintreten, oder sogar als Figuren der Reflexion oder Diversion fungieren. Das Betrachterverhalten wird auch durch die Wahl des Bildausschnitts beeinflusst. Außerdem spielt die Untersuchung der Perspektive, das „in-Position-bringen“ des Betrachters eine entscheidende Rolle. Als letzter Eintrag steht die Definition von Leerstellen, in der Kunstgeschichte auch Unbestimmtheitsstellen genannt. Man will hier ausdrücken, dass Kunstwerke punktuell unvollendet sind, und erst unter den Augen des Betrachters vollenden. Man spricht hier auch von gedachten Scharnieren der Darstellungsperspektive.
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Eine (rezeptionsästhetische) Analyse: Nicolaes Maes „Die Lauscherin“
Das von Kemp als Beispiel verwendete Bild „Die Lauscherin“ von Nicolaes Maes ist darauf ausgelegt, die fehlenden Bildbestandteile zu ergänzen und somit ein sinnvolles Ganzes zu erhalten. Ergänzt wird der durch den Vorhang verdeckte Teil der Szenerie im Hintergrund und das - für den Betrachter unhörbare - Lauschen. 3 Der Effekt ist auch hier der gleiche: Der Betrachter kann das Bild nur in sich zur vollständigen Vorstellung bringen. In diesem Sinne erlebt sich der Betrachter immer schon als Teilnehmer der Szenerie - vorausgesetzt, er versteht das Bild und ist in der Lage, das Bild zu einem Sinnganzen zu vervollständigen. Das Bild „Die Lauscherin“ ist in sich geschlossen so, dass diese Kunstwerke ohne einen Betrachter auskommen können. Im Gegenteil sind hier innere Rezeptionsvorgaben wie äußere Zugangsbedingungen dafür verantwortlich, dass das Bild mit dem Betrachter in eine Kommunikation treten kann. Die Figur „Der Lauscherin“ ist die Personifikation der Betrachteranweisung (der personalen Perspektive). Sie erweckt nicht nur unser Interesse, sondern zieht das Geschehen auf ihre Seite, indem sie mit uns direkt Kontakt aufnimmt. Ihre Blicke nehmen uns ins Visier. Einerseits lauscht sie, aber andererseits ist sie auf uns konzentriert. Die Lauscherin tritt durch die Anwendung der Komposition nicht nur in den Mittelpunkt, sondern gleichsam aus dem Bild heraus: Das Ziel des Bildes ist es demnach, über eine Identifikation von Betrachter und Lauscherin den Zugang zur Bildbedeutung zu schaffen. Weiterhin ist zu erwähnen, dass wir zwar die Lauscherin sehen, aber nicht wahrnehmen können, was sie hört. Wir sind also auf die visuelle Seite reduziert und werden unweigerlich zu Voyeuren, da wir, wie die Lauscherin, ebenfalls dem Geschehen lauschen; nur mit dem Unterschied, das wir nicht hören, sondern nur sehen. 4 Die Reduktion auf das Visuelle stößt unsere Phantasie jedoch zusätzlich an und wir beginnen, einen hörbaren Sachverhalt zu konstruieren. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Vorhang. Dieser spielt, idealtypisch gesehen, in der Kunstgeschichte eine wichtige Rolle. Der erste nicht reale Vorhang, taucht 1644 in Rembrandts Gemälden auf. Diese neue Gestaltungsweise wurde auch von Maes angewandt. 5 Maes zieht den Vorhang, ein äußeres Rezeptionsmittel, in das innere seines Bildes. Der gemalte Vorhang in Maes Werk erweckt in uns stärker als der gewohnte reale Vorhang eine Realitätsillusion und gibt in diesem Sinne Anlass zu einem Gespräch oder Diskussion mit dem Kunstwerk selbst oder mit anderen Betrachtern über das Werk.
3 Kemp spricht hier auch von Leerstellen (Vgl. S.261)
4 Kemp nennt dies „eine mediengerechte Transformation“ (Vgl. S.256)
5 Dies bewirkt eine Kontextmarkierung (Vgl. 260)
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Arbeit zitieren:
Canan T., 2002, Wolfgang Kemp - Rezeptionsästhetik, München, GRIN Verlag GmbH
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