Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Der Begriff „Unterhaltung“ - Definitionen und Funktionen 1
2.1. Bestimmung des Begriffes „Unterhaltung“ 1
2.2. Unterhaltung und Information - Grenzen und Gemeinsamkeiten 2
2.3. Mehr als nur informieren - Die Unterhaltungsfunktionen von
Tageszeitungen und deren Bedeutung 4
2.4. Wieviel Qualität braucht die Tageszeitung? - Das Beispiel
„Feuilleton“ S. 6
2.5. Unterhaltung ernst nehmen - warum? 7
3. Die Presse im Wandel - Veränderungen im Konzept und
Betonung der Unterhaltsamkeit 8
3.1. Sich mit dem Leser „unterhalten“ 8
3.2. Die „Dresdner Morgenpost“ 9
3.2.1. Namen, Daten, Fakten 9
3.2.2. Vom „Aschenputtel“ zur „Schönheitskönigin“? 10
3.2.3. Exkurs I: Die Gesellschaftskolumne 12
3.2.4. Exkurs II: Unterhaltung total oder wie sich eine Tageszeitung
mit unterhaltenden Inhalten selbst zum Thema machen kann 13
3.3. Die „Sächsische Zeitung“ 14
3.4. Die „Stuttgarter Zeitung“ 16
4. Politik und Unterhaltung - Die Fernsehausstrahlung des
Video-Verhöres des US-amerikanischen Präsidenten Bill Clinton
und die diesbezügliche Berichterstattung in ausgewählten
Tageszeitungen S. 16
5. Schlußbetrachtung S 20
1. Einleitung Das Fernsehen entwickelt sich zunehmend zum reinen
Unterhaltungsmedium. Die Programminhalte werden diesbezüglich immer vielfältiger, vor allem unterhaltender. Viele Tageszeitungen schauen argwöhnisch zu und orientieren sich zum Großteil noch am Anspruch eines Pflichtmediums, statt sich zur Lieblings-Lektüre der Lesers entwickeln zu wollen. Doch welche Unterhaltungsfunktion hat die Tagespresse überhaupt? Wie soll diese praktisch umgesetzt werden? Diese Arbeit unternimmt den Versuch, den Begriff „Unterhaltung“ zu diskutieren und versteht ihn einerseits als Form des kurzweiligeren und amüsanteren Lesens und andererseits als Möglichkeit des „Sprechens“ mit dem Leser und des besseren „Ansprechens“ seiner Wünsche. Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der Begriffsbestimmung, den Grenzen zur Information sowie mit der Bedeutung und den Möglichkeiten der Unterhaltung. Dieser Teil soll aufzeigen, wie und warum sich ausgewählte Tageszeitungen mit ihren Lesern „unterhalten“ und welche Aufgaben einzelnen visuellen Elementen hinsichtlich der Unterhaltungsfunktion zukommen. Das dritte Kapitel enthält eine Analyse der Presse-Berichterstattung zum Verhältnis von Politik und Unterhaltung anhand des Video-Verhöres des USamerikanischen Präsidenten Bill Clinton. Denn dieser Medien-Vorgang beinhaltete alle Elemente eines Dramas. - Was für Clinton eine persönliche und berufliche Tragödie war, stellten die Medien als Komödie dar.
2. Der Begriff „Unterhaltung“ - Definitionen und Funktionen
2.1. Bestimmung des Begriffes „Unterhaltung“
„Unterhaltung ist nicht immer lustig. Nichts ist jedoch weniger lustig als der Versuch, sie zu definieren.“ 1 Eine strikte Trennung der Unterhaltung von anderen Bereichen gibt es nicht. „(...) [D]er immer wieder behauptete einfache Dualismus zwischen Unterhaltung, Entlastung, Entspannung auf der einen und Information, Bildung, Aufklärung auf der anderen Seite [erweist sich immer wieder - d. A.] als Legitimationsideologie des Medienbetriebs. Es gibt keine trennscharfen, alternativen Funktionen der Massenmedien, denenzufolge ,Unterhaltung’ deutlich abgegrenzt neben
1 Holtz-Bacha in „Media Perspektiven“ 4/ 89, S. 200 1
,Information’, ,Entlastung’ neben ,Aufklärung’ stünde.“ 2 Diese Gruppen bilden vielmehr einen Zusammenhang, der den Unterhaltungscharakter annimmt. Erst damit findet ein Medienprodukt Anklang. Ohne unterhaltende Elemente würde es nicht konsumiert. Die „Unterhaltsamkeit ist eine Eigenschaft, ein qualitatives Moment, ein Integrationswert jeder Medienbotschaft.“ 3 Der Unterhaltungsvorgang ist mit einer Subjekt-Objekt-Beziehung gleichzusetzen, einer Relation zwischen Leser, Hörer oder Zuschauer mit determiniertem Bedürfnis mit dem Medium. Beim Rezeptionsprozeß erschließt sich der Aufnehmende die Eigenschaft der Unterhaltsamkeit. Ist das nicht der Fall, weil das Objekt nicht unterhaltend ist, entsteht Langeweile oder Gleichgültigkeit, so daß der Vorgang beeinträchtigt oder gescheitert ist. Unterhaltung besitzt zwei Momente des psychologisch-psychischen Wirkungsmechanismus. Neben Kurzweil und Spannung muß sie Lustempfinden bieten. Gefühle der Unlust sollten in Gefühle der Lust umgewandelt werden. Nicht die Kategorie „Unterhaltung“ ist folgenreich für die Medienkultur. Sie ist schließlich ein zentrales menschliches Bedürfnis. Erst wenn die verschiedensten Arten der Unterhaltung vermischt werden, besteht die Gefahr der Verflachung der Medienkultur. 4
2.2. Unterhaltung und Information - Grenzen und Gemeinsamkeiten Für Uwe Zimmer, Chefredakteur des Boulevard-Blattes „Abendzeitung“, ist „Mischung das Zauberwort gegen Tristesse, gegen Bleiwüsten, gegen Abstumpfung“. 5 Demnach sollen sich auf jeder Seite die Elemente wie Feuer und Wasser verhalten. So müsse Information auf Unterhaltung stoßen. Ein bedeutender Anteil unterhaltender Inhalte würde speziell eine Kaufzeitung akttraktiv machen. Doch nicht nur bei Boulevardzeitungen ist es so, daß Unterhaltung und Information immer mehr verschwimmen. Die herkömmliche Gegenüberstellung beider Bereiche läßt sich nicht länger aufrechterhalten. 6 Der Umfang der Information wird geringer, weicht der
2 Müller-Sachse 1981, S. 11
3 Schmidt in Bosshart/ Hoffmann-Riem 1994, S. 474
4 vgl. ebd., S. 474 f.
5 Schneider/ Raue 1996, S. 127 f.
2 6 vgl. Holtz-Bacha in „Media Perspektiven“ 4/ 89, S. 205
Unterhaltung und „(...) findet schließlich in ihr einen Unterschlupf: Information bleibt interessant, soweit sie unterhaltsam ist.“ 7 Meßlatten für die Information sind in Deutschland Kriterien wie wahr/ unwahr, sachgerecht/ verzerrt oder ausgewogen/ einseitig. Laut Thomas galten diese Maßstäbe aber auch schon „(...) für die Nachrichtenübermittlung vom Schlachtausgang bei den Thermopylen nach Athen.“ 8 Dagegen wird die Ausdifferenzierung des Wissens und der Kultur durch immer mehr mediale Informationsquellen kaum berücksichtigt. Deshalb sind die Grenzen obengenannter Bereiche kaum noch abzustecken. Sie schwinden tendenziell und prinzipiell. Was paradox erscheint, ist aber wahr: Die Bedeutung der Information nimmt in der Informationsgesellschaft ab, denn sie vermischt sich mit unterhaltenden Medienangeboten. 9 Durch die Verbreitung der Drucktechnik kam es ab Anfang des 19. Jahrhunderts 10 zur Abgrenzung von Information und Unterhaltung in Form des Gegensatzes von hoher Literatur und Trivialliteratur. Diese Dichotomie wurde nunmehr auch auf das Verhältnis von Unterhaltung und Information bezogen - getreu dem Motto „Information darf nicht unterhalten, Unterhaltung kann nicht informieren.“ 11
Ist von der „Unterhaltungsindustrie“ die Rede, wird Unterhaltung als Institution betrachtet. So entsteht auch der Gegensatz zwischen Unterhaltung und Information. Bei Tageszeitungen sind für den ersten Bereich andere Seiten vorgesehen als für letzteren. 12 Wie bereits erwähnt, dringen unterhaltende Elemente aber in den Informationsbereich ein, zum Beispiel durch sprachliche Besonderheiten oder visuelle Effekte wie Farbfotos oder Infografiken. Auch inhaltlich ist es schwierig, Grenzen zu ziehen. So kann die Berichterstattung über die Affäre um den US-Präsidenten Bill Clinton sowohl informierend oder unterhaltend als auch informierend und gleichzeitig unterhaltend dargestellt werden.
7 Thomas in Bosshart/ Hoffmann-Riem 1994, S. 61
8 ebd., S. 63
9 vgl. ebd., S. 66
10 Schmidt 1970, S. 40 ff.
11 Rager in Rager/ Müller-Gerbes/ Weber 1993, S. 10
12 Thomas in Bosshart/ Hoffmann-Riem 1994, S. 70 3
Unterhaltungsfunktion von Tageszeitungen - das heißt in dieser Beziehung auch, in direkte Konkurrenz mit anderen Medien zu treten. In einer Studie über den Fernsehkonsum von Jugendlichen zeigte sich, daß zwölf von 19 Probanden eines Intensiv-Interviews mit Nichtlesern die Fernsehnachrichten bevorzugten. Sie seien einprägsamer und anschaulicher als die Politikteile der Tageszeitungen. Die Jugendlichen nutzen laut dieser Untersuchung die Medien ausschließlich zur Unterhaltung. 13 Besonders in dieser Hinsicht müssen sich die Tageszeitungen angemessen auf ihre Leser von morgen einstellen, um im Kampf gegen Fernsehen und Radio nicht zu verlieren und Boden gutzumachen. Denn „(...) mehr als die Hälfte der jungen Leute würde die Zeitung, wenn es sie nicht mehr gäbe, gar nicht vermissen. (...) Nichtlesen von Tageszeitungen geht häufig einher mit politischem Desinteresse. (...) Jugendliche [könnten - d. A.] mit (...) einer größeren Betonung der Unterhaltungsfunktion stärker an die Zeitung gebunden werden.“ 14
2.3. Mehr als nur informieren - Die Unterhaltungsfunktionen von
Tageszeitungen und deren Bedeutung
Der Unterhaltung kommt zunächst eine gesellschaftliche Funktion zu. Dies ist aber eine „(...) Gratwanderung zwischen einer Auffassung, die den in vielfältige gesellschaftliche Zwänge eingebundenen Menschen ein Recht auf Entspannung und Ablenkung zuspricht, und einer Position, die die Unterhaltung wegen ihrer antiaufklärerischen Weise ablehnt.“ 15 Wird sie mit dem individuellen Bedürfnis nach Zerstreuung gleichgesetzt, trägt sie zur Selbstregulierung der Gesellschaft bei. 16 Aufgrund der hohen Anforderungen in der Arbeitswelt suchen viele Menschen nach einem Ausgleich, um sich zu erholen und zu entspannen. Eine unterhaltsame Tageszeitung erfüllt somit die Aufgabe der Regeneration, um physische und psychische Kräfte wiederherzustellen. Aber diese Funktion rief schon in den 40er Jahren starke Kritik hervor. Grund dafür war, daß das Bedürfnis nach
13 vgl. Rager/ Müller-Gerbes/ Haage 1994, S. 101 ff.
14 ebd., S. 139
15 Holtz-Bacha in „Media Perspektiven“ 4/ 89, S. 203
16 vgl. ebd. 4
Bildung und der Vermittlung kultureller, geistiger oder intellektueller Werte einem Rückzug aus der Realität und der Flucht in Schweinwelten zu weichen drohte. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno sprachen von einer Kulturindustrie und warfen ihr vor, der Aufklärung über gesellschaftliche Mißstände entgegenzuwirken. Paul F. Lazarsfeld und Robert K. Merton kritisierten die „narkotisierende Dysfunktion“ 17 der Massenmedien. Dem steht die Auffassung von M. Rainer Lepsius gegenüber: „Belustigung und Ablenkung, Unsinn und Spiel ohne Ziel, Maradonna und Madonna haben ihren Platz und ihren Wert. Darin eine Gefährdung der Aufklärung zu wittern und die Massenkultur zu verurteilen, ist humorloser Bierernst oder - für Intellektuelle angemessenerselbstauferlegter Askesezwang. Es gibt eine intellektuelle Arroganz, die sich in der Kritik der Massenkultur ergeht und daraus auch noch eine Rente bezieht.“ 18
An diesem Punkt schließt auch die Meinung Günther Ragers an. Für ihn gibt es weder absolute Unterhaltung noch pure Information. Es stellt sich das „Form-Inhalt-Problem“. Ohne Inhalt kann keine Form existieren, auch ein Inhalt ohne Form kann nicht bestehen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, den Inhalt in der bestmöglichen Form zu transportieren. 19 Eine Pflichtlektüre weckt Leselust, indem sie Gesprächsstoff enthält und somit öffentliche oder private Debatten und Unterhaltungen anregt. 20 Die Zeitung kann mit informierendem und unterhaltendem Charakter gesellschaftliche Probleme aufgreifen, Denkanstöße geben, aufklären oder an Toleranz appellieren. Dies kann z. B. durch Glossen, kritische Kommentare oder ergreifende, nachdenklich stimmende Reportagen geschehen. Eine weitere Funktion der Unterhaltung ist der Modus der Informationsverarbeitung. Wirkungsstudien haben gezeigt, daß sich Leser an emotional besetzte Informationen besonders gut erinnern. Eine unterhaltende Nachricht bleibt folglich gut im Gedächtnis hängen. Und das ist ein sehr wichtiger Aspekt, denn werden die Leser nicht mehr emotional erreicht, ist der Erfolg des
17 vgl. Holtz-Bacha in „Media Perspektiven“ 4/ 89, S. 203 f.
18 ebd., S. 204
19 vgl. Rager in Rager/ Müller-Gerbes/ Weber 1993, S. 11
20 vgl. ebd. 5
Arbeit zitieren:
Christian Adler, 1998, Die Unterhaltungsfunktion von Tageszeitungen, München, GRIN Verlag GmbH
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