1
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 1
1. Einführung 3
2. Die Aufarbeitung des Frontiermythos 6
3. Facetten des Scheiterns in Glengarry Glen Ross 10
4. Das Scheitern der Salesmen - Eine Analyse 13
5. Exkurs: Der amerikanische Traum als maskuliner Traum 15
6. Das Scheitern der Salesmen - eine Absage an den Frontiermythos des
amerikanischen Traums? 20
Literaturverzeichnis 22
The myth of the American Dream [...] interests me because the natural culture is founded very much on the idea of strive and succeed. [...] That's what forms the basis of our economic life, and this it what forms the rest of our lives. That American myth: the idea of something out of nothing.
David Mamet. Interview mit Matthew R. Roudané. New York. 4. Dezember 1984.
1. Einführung
Ausgezeichnet mit dem Pulitzer Preis und dem New York Drama Critics' Circle Award, zählt David Mamets Glengarry Glen Ross zu den wichtigsten Dramen der amerikanischen Gegenwartsliteratur. 1983 im Cottesloe Theatre in London uraufgeführt, wurde es mit Begeisterung aufgenommen und gewann noch im gleichen Jahr den Society of West End Theatres Award for the Best Play. Seine amerikanische Premiere feierte das Stück knapp sechs Monate später im Goodman Theatre in Chicago, und erhielt einen so großen Zuspruch, dass es bereits nach wenigen Wochen an den Broadway verlagert wurde. 1 Nachdem Mamet bereits mit American Buffalo (1973) der nationale wie internationale Durchbruch gelungen war, konnte er sich dank Glengarry Glen Ross als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Autoren der Vereinigten Staaten etablieren.
Glengarry Glen Ross zeigt einen Ausschnitt von knapp vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Gruppe von Immobilienverkäufern. Anhand der vier Salesmen Shelly Levene, George Aaronow, Dave Moss und Ricky Roma sowie deren Vorgesetztem John Williamson setzt sich das Stück mit verschiedenen Facetten des Scheiterns aus-einander. Als Rahmen der Handlung dient dabei ein Einbruch in das Maklerbüro. Gegliedert in zwei Akte, führt der erste Akt in einer Sequenz dreier dialogischer Einzelszenen in die Welt der Salesmen ein, wobei das Dominanzstreben der Figuren im Mittelpunkt steht. Der zweite Akt führt die einzelnen Zwiegespräche zusammen und bringt die etablierten Machtverhältnisse ins Wanken. Indem schlussendlich alle Hauptfiguren versagen, problematisiert das Stück die Auswirkungen des kapitalistischen Systems auf Individuum und Gemeinschaft.
Aus diesem Grund konzentrieren sich Rezensenten des Dramas vorwiegend auf den Aspekt der Gesellschafts- und Systemkritik. So sieht Schvey in Glengarry Glen Ross Mamets "purest metaphor for a society built on merciless exploitation." Nasser und Duarte werten das Stück als Darstellung einer auf brutalem Konkurrenzdenken basierten Geschäftswelt und als "outcry revealing the failure of a system made by men who fight
1 "One of the finest post-war American plays" (Kane (1996): A. xviii); "a theatrical event, altogether extra-
ordinary, an astonishing, exhilarating experience" (Cunningham zitiert in Sauer (2003): S. 152); und "a compelling and enlightening experience [...] a genuine Mamet masterpiece [...] biting, pungent, harrowing, and funny" (Brustein (1987): S. 67ff.) sind nur wenige der Lobeshymnen, mit denen Glengarry Glen Ross überhäuft wurde. Einige wenige negative Kritiken bemängeln insbesondere die Unauthentizität und Vulgarität der Dialoge sowie die oberflächliche und einseitige Darstellung des kapitalistischen Systems. (Vgl. beispielhaft Wilson: "Glengarry is a [...] extremely foul-mouthed, indictment of corruption [...] the play is severly limited.", Wilson (1984): S. 337). Watt schlussfolgert "(that to) elevate it to the status of a bitter comment on the American dream would amount to cosmic foolishness. It is what it is, a slice of life that sends you out of the theater neither transported or even informed, just cheerless." (Watt (1984): S. 337). Für eine Zusammenstellung und Analyse der Rezensionen zu Glengarry Glen Ross vgl. David K. Sauer und Janice A. Sauer. David Mamet: A Research and Production Sourcebook. Westport, 2003, 143-180.
hopelessly to be winners." Roudané ist der Überzeugung, Habgier und Geiz stünden im Mittelpunkt des Dramas und Vorlicky kommt zu dem Ergebnis, Glengarry Glen Ross beschreibe als "morality play" die Folgen eines korrupten Kapitalismus auf das Leben jener Menschen "in whom human feeling is absent." 2 Auch Mamet schließt sich den Meinungen seiner Kritiker an, wenn er Glengarry Glen Ross als ein Werk beschreibt "(that) concerns how business corrupts, how [...] (i)t becomes legitimate for those in power in the business world to act unethically." 3 Und an anderer Stelle erklärt er: "To me the play is about a society with only one bottom line: How much money do you make" 4 .
Allerdings sollte Glengarry Glen Ross nicht nur als ein Angriff auf die materialistischen Werte und das Leistungs- und Erfolgsdenken der amerikanischen Gesellschaft oder als ein Stück über "The American Dream […] gone bad" 5 verstanden werden. Die Salesmen sind nicht nur Opfer, sondern auch Urheber jenes Systems, welches Menschen ausschließlich nach wirtschaftlichen Kriterien bewertet. Insofern handelt das Drama nicht nur von sozialer, sondern auch von individueller Schuld.
Angesichts der Thematik von gesellschaftlicher und persönlicher Veantwortung kommt der Sprache eine fundamentale Bedeutung zu. 6 So bedient sich Mamet in Glengarry Glen Ross einer expressiven Darstellungsweise, welche Quinn akkurat als "performative realism" bezeichnet. 7 Diese Form zielt nicht darauf ab, Realität mimetisch abzubilden, sondern Realität durch das performative Handeln der Figuren eigenmächtig zu kreieren: "Realism is in this case not representational but expressive, focusing on per-formed actions [...], and making judgements of truth a matter of active construction rather that of comparison with an a priori reality." 8 In Anlehnung an die Sprechakttheorie von Austin fungiert die Sprache in Glengarry Glen Ross als aktiver Agent in der Konstruktion von Illusion und Wirklichkeit.
2 Schvey (1992): S. 102; Nasser;Duarte (1993/4): S. 117; Roudané (1986): S. 39; Vorlicky (1995): S. 56.
3 Mamet. Interview mit Matthew R. Roudané. 4. Dezember 1984. In: Kane (2001): S. 47.
4 Mamet zitiert in Zeifman (1992): S. 123. Selbst für eine Immobilienfirma tätig, greift Mamet in Glengarry
Glen Ross auf seinen eigenen Erfahrungsschatz zurück. 1969 arbeitete er für eine Firma, die er als "fly-bynight operation" (Mamet zitiert in Bigsby (1985): S. 112) beschrieb, welche wertloses, unerschlossenes Land in Arizona und Florida an leichtgläubige Menschen in Chicago verkaufte. Insofern sei Glengarry Glen Ross der Versuch "to write about my experiences in a real-estate office" (Mamet zitiert in Nightingale (2004): S. 89). Gleichwohl geht das Drama über eine Dokumentation persönlicher Erlebnisse hinaus.
5 Mamet zitiert in Schvey (1992): S. 89.
6 Vgl. folgende Meinungen: "true poetry in every sense of the word" (Booth zitiert in Dean (1992): S. 194);
"a kind of street poetry, a deliberately embellished dialogue" (Roudané (1986): S. 40); "Glengarry Glen Ross is about language more than anything." (Boon (1998): S. 57).
7 Vgl. Michael L. Quinn: Anti-Theatricality and America Ideology: Mamet's Performative Realism. In: Rea-
lism and the American Dramatic Tradition. Hrsg. William W. Demastes. Tuscaloosa, 1996, 235-254.
8 Quinn (1996): S. 235.
"This play is about salesmen and selling, and, since selling is almost entirely utterance, this play is about talk and sales-talk." 9 Nicht Land, sondern die Sprache wird zur wichtigsten Ware der Salesmen. 10 Dabei sind Mamets Figuren Künstler der Verstellung und Meister im Geschichtenerzählen. Allein mithilfe geschickt gewählter Worte und gezielt eingesetzter Rhetorik erschaffen sie Träume und Illusionen, welche so wirkungsvoll sind, dass sich sogar wertloses Land in ein attraktives Kaufsobjekt verwandelt. Die Sprache wird zum Werkzeug, mit welchem die Salesmen Kunden nach Belieben manipulieren und täuschen können. Als Waffe und Schutzschild zugleich dient sie aber auch dem Aufbau und der Verteidigung der eigenen Position. Insofern ist die Sprache so sehr verformt, dass sich die Salesmen nicht länger aufrichtig mitteilen können. "The problem is that they have so thoroughly plundered the language of private need and self-fulfillment and deployed it for the purpose of deceit and betrayal that they no longer have access to words that will articulate their feelings." 11 Die primäre Funktion der Sprache liegt daher nicht darin, zu kommunizieren, sondern andere zu beeinflussen und zu dominieren. In dieser Hinsicht handelt Glengarry Glen Ross von individueller Macht und von Machtmissbrauch: "At its heart, Glengarry is a play about power." 12
Im Weiteren wird insbesondere die Frage nach persönlicher und gesellschaftlicher Schuld im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen. Hierzu wird es notwendig sein, sich zunächst mit der Systemideologie zu befassen, bevor in einem weiteren Schritt das Versagen der Salesmen untersucht und anschließend erklärt werden soll. Eine umfassende Sprachanalyse kann hingegen nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein. Um der Ausführlichkeit, mit welcher die Sprache in der Sekundärliteratur diskutiert wird, teilweise gerecht zu werden, soll im Folgenden jedoch immer wieder auf sprachliche Besonderheiten eingegangen werden. 13
9 Worster (1996): S. 63. Insofern ist Mamets Sprache nicht - wie häufig fälschlicherweise behauptet - rea-
listisch, sondern poetisch: "It's not an attempt to capture language as much as it is an attempt to create language." Mamet. Interview mit Matthew R. Roudané. 4. Dezember 1984. In: Kane (2001): S. 48f.
10 Vgl. Cullick (1994): S. 23.
11 Bigsby (1985): S 123.
12 Abbotson (2005): S. 181.
13 Eine ausführliche Untersuchung der Sprache bietet Anne Dean: David Mamet: Language as Dramatic
Action. Rutherford, 1992, 189-221. Cullick arbeitet in seinem Essay den Unterschied zwischen einem 'discourse of community' und einem 'discourse of competition' heraus. Während sich ersterer durch Vermittlung, Kooperation und kommunikative Interaktion auszeichne, sei der kompetitive Diskurs manipulativ und feindlich. In den Augen der Salesmen werde der gemeinschaftliche Diskurs jedoch als schwach, passiv und demzufolge unmännlich wahrgenommen und mit dem Prozess des Kaufens assoziiert, wohingegen der aktive, maskuline Diskurs des Wettstreits mit Verkaufen gleichgesetzt werde. Jonathan S. Cullick: ’Always be Closing’. Journal of Dramatic Theory and Criticism 8.2 (1994): 23-36. Worster überträgt Austins Sprechakttheorie auf Glengarry Glen Ross und beleuchtet die Macht- und Dominanzstrukturen zwischen den Salesmen vor dem Hintergrund der Besonderheiten performativer Sprechakte. Vgl. David Worster: How to Do Things with Salesmen. In: David Mamet's Glengarry Glen Ross: Text and Performance. Hrsg. Leslie Kane. New York: Garland, 1996. 63-79. Cohn geht der These nach "that the way Mamet's charac- ters behave determines their language." (Cohn (1992): S. 111) Allerdings können seine Argumente nur
2. Die Aufarbeitung des Frontiermythos
Die Welt der Salesmen in Glengarry Glen Ross ist wesentlich geprägt durch den Mythos der Frontier. Als zentrales Leitbild bestimmt er das Selbstverständnis der Männer und beeinflusst ihr Streben nach Autorität. Konkretisiert durch einen bis zur Asozialität gesteigerten Individualismus und eine Vorstellung von Maskulinität, welche emotionale Beziehungen, Empathie und Rücksichtnahme als unmännlich verbannt, liefert der Frontiermythos auch Hinweise zur Erklärung ihres Verhaltens und damit ihres Scheiterns. Mamet selbst kommentierte ausführlich die zentrale Bedeutung der Frontier für das Stück:
(I)n America we're still suffering from loving a frontier ethic - that is to say, take the land from the Indians and give it to the railroad. Take the money from the blacks and give it to the rich. The ethic was always something for nothing. It never really existed when the frontier was open. […] The idea of go West and make your fortune […] was an idea promulgated by the storekeepers in the gold rush and the railroads in the westward expansion as a way of enslaving the common man and woman playing on their greed. […] So, because we've been rather dishonest about our basic desire to get something for nothing in this country we've always been enslaved by the myth of the happy capitalist. 14
Die von Mamet beschriebene Frontierethik wird in Glengarry Glen Ross durch das Motiv des Gelobten Lands aufgegriffen. Getreu der Philosophie des 'something out of nothing' verkaufen die Salesmen wertlose Grundstücke und bereichern sich an ihren Kunden, die ihnen in blinder Naivität vertrauen. So verkörpern Glengarry Highlands und Glen Ross Farms eine Scheinwelt, der kein Gegenwert zugeordnet ist. Ganz im Sinne des Poststrukturalismus wird das Land zu einem leeren Zeichen, welches seinen Bezug zur Realität verloren hat. 'Real estate' wird durch 'dream estate' abgelöst, und das Land steht symbolisch für die Aufschiebung von Bedeutungen entlang einer unendlichen Verweisungskette. Realität wird relativ und biegsam, Zeichen bedeuten, was immer man möchte: "'There're these properties I'd like for you to see.' What does it mean? What you want it to mean." 15 GGR 49f.). Klaver kommentiert: "In such a world, seduction, reversibility, and opportunity not only take the place of referents and pro-
bedingtüberzeugen, zumal auch Mamet zu dem Ergebnis kommt, dass die Sprache Lebenswelt und Verhalten der Salesmen bestimme ("the language we use, its rhythm, actually determines the way we behave rather than the other way around." Mamet zitiert in Vorlicky (1995): S. 30). Vgl. Ruby Cohn: How Are Things Made Round? In: David Mamet: A Casebook. Hrsg. Leslie Kane. New York, 1992, 109-121.
14 Miller. Zitiert in Bigsby (1985): S. 111.
15 Alle Seitenangaben beziehen sich auf die bei Grove Press erschienene Ausgabe.
Arbeit zitieren:
Lydia Prexl, 2009, "Glengarry Glen Ross": Der Mythos der Frontier in der Kritik, München, GRIN Verlag GmbH
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