1. Der Fremde als ein potentieller Wanderer bei Georg Simmel (Gastarbeiter)
Bei Georg Simmel ist der Fremde ein (potentieller) Wanderer, der zwar bleibt, aber jederzeit wieder gehen kann (wie zum Beispiel die Generation der Gastarbeiter in Deutschland). Der Fremde bringt neue Qualitäten mit in den Raum, den er betritt. Aber um die Rolle des Fremden erst einnehmen zu können, muß der Fremde ein Element der Gruppe sein. Den Prototyp des Fremden bei Simmel stellt der Händler dar, der für einen mehr oder weniger langen Zeitraum an einem bestimmten Ort verweilt, aber jederzeit wieder gehen kann. Der Fremde ist kein „Bodenbesitzer“, wobei der Begriff „Boden“ im kulturellen Kontext zu betrachten ist. Die formale Position des Fremden ist durch Beweglichkeit gekennzeichnet, sprich der potentielle Wanderer, der zwar für den Moment hier ist, aber dieses Dasein jederzeit durch einen Weggang wieder beenden kann und somit der Rolle des Fremden entfliehen kann. Des weiteren zeichnet sich der Simmel’sche Fremde durch Objektivität aus, die ihn einerseits frei macht, allerdings besteht somit die Gefahr des Abgestempelt - Werdens zum Sündenbock für den Fremden. Das Verhältnis zum Fremden ist gekennzeichnet durch Wahrnehmung allgemein menschlicher Qualitäten, keine Spezifika. Zusammenfassend läßt sich sagen: Der Fremde nimmt bei Georg Simmel eine privilegierte Stellung ein.
2. Der Amerikaner Robert E. Park und sein Konzept des „Marginal Man“
Der Amerikaner Robert E. Park (Soziologe und Journalist (was man in einigen von seinen Aufsätzen sprachlich deutlich spüren kann)) spricht in seinem Werk nicht von dem „Fremden“, sondern vom sogenannten „Marginal Man“. Nach Park kommt dieser „Marginal Man“ aus zwei unterschiedlichen Kulturen und somit auch aus zwei verschiedenen Gesellschaften. Robert E. Park bezeichnet die Gesellschaft als „melting-pot“, demnach als
Schmelztiegel diverser Rassen und Kulturen (was ja vor allem in amerikanischen Großstädten der Fall ist - er bezieht sich wohl sehr darauf, mehr aber noch E. V. Stonequist). Der „Marginal Man“ lebt gleichzeitig in zwei unterschiedlichen Welten, was ihn - positiv ausgedrückt - zum Kosmopoliten macht. Er ist ein Persönlichkeitstyp, hat damit aber enorme Probleme. Diese Probleme hat er in erster Linie mit sich selbst, die e r innerlich austrägt. Am Beispiel des Immigranten erklärt, sagt Robert E. Park, der „Marginal Man“ trägt den Konflikt des „divided self, the old self and the new self“, in sich. Park bezeichnet den „Marginal Man“ als geistig instabil, besetzt mit Selbstzweifeln, unruhig und nennt ihn sogar (psychisch) krank.
Fazit: Der „Marginal Man“ nach Robert Ezra Park ist eine gespaltene Persönlichkeit, welche nicht damit zurecht kommt, in zwei unterschiedlichen Welten zu leben.
3. Der Fremde als potentieller Wanderer bei der Theorie von Alfred Schütz
Von Alfred Schütz stammt der allgemeinste Begriff vom „Fremden“. Er spricht in Zusammenhang mit dem Fremden von Zivilisationsmustern, die aus Regeln, Normen, Gesetzen und Bräuchen bestehen. Diese Zivilisationsmuster werden tradiert, das heißt sie haben sich im Verlauf eines historischen Prozesses entwickelt und bringen folgende Vorteile mit sich: zum einen Entlastung und zum anderen fungieren Zivilisationsmuster wie ein Rezept.
Schütz faßt den Begriff des Fremden sehr weit und bezeichnet beispielsweise einen Immigranten, wer sich in einem geschlossenen Club um Mitgliedschaft bewirbt, den zukünftigen Bräutigam, der in die Familie seines Mädchens aufgenommen werden möchte, den Jungen vom Land, der auf die Universität geht usw. als Fremde. Alfred Schütz sagt in Bezug auf das Eintreten des Fremden in eine bereits bestehende Gruppe: „Vom Standpunkt der Gruppe aus, welcher er (gemeint ist der Fremde) sich nähert, ist er ein Mensch ohne Geschichte.“ Genauso wie Simmel schreibt auch Schütz dem Fremden die
Eigenschaft Objektivität und darüber hinaus Loyalität zu (indem ihm beispielsweise Geheimnisse leichter und eher als einem Gruppenmitglied anvertraut werden können).
Zusammenfassung: Alfred Schütz faßt den Begriff des Fremden tatsächlich so weit, daß eigentlich jeder Mensch (fast) täglich - manchmal auch mehrmals am Tag - auf unterschiedliche Art und Weise in die Situation des Fremden kommt.
4. Quellen:
Park, Robert E. (1974): Human Migration and the Marginal Man. In: Collected Papers of Robert Ezra Park. Band 1, New York, S. 345-356 Schütz, Alfred (1972): Der Fremde. Ein sozialpsychologischer Versuch. In: ders., Gesammelte Aufsätze. Den Haag, S. 53-70
Simmel, Georg (1992): Exkurs über den Fremden. In: ders., Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Frankfurt/Main, S. 764-771
Arbeit zitieren:
Sonja Deml, 2002, Der Fremde bei Georg Simmel, Alfred Schütz und Robert Park, München, GRIN Verlag GmbH
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