Johann Wolfgang Goethe Universität Institut für deutsche Sprache und Literatur I
Thema: Die Fusion von SPD(Ost) und KPD (Ost) zur SED
Seminar: „Sprachgeschichte der deutschen Teilung 1945- 89 im Spiegel der deutsch-deutschen Medienberichterstattung“ WS 2002/03
Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung S. 2
2. Historische Vorbemerkungen S. 4
2.1 Ursachen der Vereinigung von SPD (Ost) und KPD (Ost) S. 4
3. Sprachliche Erörterungen zu Artikeln der Westpresse
3.1 Neue Zeitung vom 22. April 1946: „Die SED in Berlin gegründet“ S. 9
3.2 Hamburger Echo vom 20. April 1946: Grothewohls „Zentralausschuß“
hat kapituliert. Der letzte Akt der „Einheits“-Tragödie in Berlin S. 11
4. Sprachliche Erörterungen zu Artikeln der Ostpresse
4.1 Die Einheit vom 4. April. 1946: „Der Sieg muß unser sein!“ Kommentar
von H. Al. Pohlmeyer S. 14
4.2 Volkszeitung vom 2. April 1946: „Die Niederlage der Einheitsgegner
in Berlin“ S.18
5. Fazit S. 20
6. Literaturverzeichnis S. 22
7. Anhang S. 24
1
1. Einleitung
Das Ende des zweiten Weltkriegs bedeutete für das Pressewesen einen kompletten Neuanfang, welcher unter strenger Aufsicht der Besatzungsmächte erfolgte. 1 Die westlichen Alliierten entschieden sich für eine 3-Phasen Entwicklung. Anfangs fand eine Zäsur statt, in der ausschließlich von den Besatzungsmächten veröffentlichte Zeitungen herauskommen durften. In der zweiten Phase wurden dann Mitteilungsblätter verbreitet und in der dritten Phase erschien die erste deutsche Zeitung unter der Kontrolle der Alliierten.
Die Sowjets hatten eine andere Zielsetzung. Noch bevor die SMAD (Sowjetische Militäradministration) gegründet wurde, gaben Soldaten Nachrichtenblätter an die Bevölkerung heraus. 2 Dabei handelte es sich mehr um Flugblätter, auf denen Nachrichten in deutscher Sprache standen und durch die die Gründung einer Zeitung vorbereitet werden sollte.
Es entstanden im Westen einige neue Zeitungen, von denen viele nach kurzer Zeit wieder eingestellt wurden. Geblieben sind bis heute z.B. die „Neue Presse“ und „Frankfurter Rundschau“. Alle Zeitungen wurden jedoch von den Alliierten lizensiert - z.B. der französisch lizensierte „Kurier“, der britisch lizensierte „Telegraf“ und die mit US-amerikanischer Lizenz gedruckte „Neue Zeitung“ - aus der in dieser Arbeit ein Artikel analysiert wird.
Ein Wille der Allliierten, die Zeitungen zu Propagandazwecken zu nutzen, war seitens der westlichen Alliierten weniger stark erkennbar als auf Seiten der Sowjetischen Besatzer welche die Berichterstattung ausschließlich zur Agitation nutzten. Hier wurde die Zeitung „Neues Deutschland“ zum Sprachrohr der SED, der sie unterstand. Auch die Lizenzvergabe erfolgte auf unterschiedliche Weise. Die drei westlichen Alliierten vergaben Lizenzen fast nur an Einzelpersonen, die Sowjets dagegen hauptsächlich an Interessensorganisationen wie Parteien, Gewerkschaften und andere Massenorganisationen. 3 Die Vergabe einer Lizenz war in der sowjetischen Besatzungszone mit der Übernahme einer politischen Aufgabe gekoppelt, nämlich der „antifaschistisch- demokratischen Umerziehung“ im Sinne des Marxismus- Leninismus. 4
2 Benning, K.: 1997, S. 12 3 ebd., S. 14 4 ebd., S. 15
2
Diese Arbeit befasst sich mit Artikeln die über die Fusion von SPD (OST) und KPD (OST) zur SED im April 1946 berichten.
Zu Beginn der Arbeit erfolgt ein historischer Überblick über die damaligen Geschehnisse und die damit verbundene unterschiedliche Berichterstattung. Diese unterschiedliche Berichterstattung wird anhand von jeweils zwei Ost- und zwei Westartikeln analysiert. Besonderer Augenmerk gilt der Verwendung von Stigmawörtern, Fahnenwörtern, und Hochwertwörtern sowie anderen
Schreibtechniken z.B. dem Einsatz von Attribuierungen. Als „Schlagwörter“ werden laut Klein Wörter bezeichnet, die in komprimierter Form Einstellungen ausdrücken oder provozieren wollen. Sie sollen Denken, Fühlen und Verhalten steuern wie z.B. ideologiesprachliche Wörter wie Freiheit, Sozialismus etc..
5
Als Fahnenwörter bezeichnet man Wörter mit stark deontischem Potential, deren Funktion es ist, als parteisprachliche Wörter aufzufallen, den Parteistandpunkt deutlich zu machen. Das negative Pendant der Fahnenwörter bilden die Stigmawörter, diese sollen die gegnerische Partei negativ darstellen.
6
Auch auf die Verwendung von Hochwertwörtern wird in dieser Arbeit verwiesen. Hochwertwörter sind Wörter, die parteiübergreifend oft stark umkämpft eingesetzt werden. Es sind Wörter mit einer positiven deontischen Bedeutung wie „Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit etc.“.
7
Versucht werden soll, die einzelnen sprachlichen Besonderheiten zueinander in Beziehung zu setzen.
Im Anhang befindet sich eine Auflistung von Schlag-/Schlüsselwörtern, die nach Ost- und Westherkunft geordnet ist.
5
Klein, J.: 1989, S. 11
6
ebd., S. 21 ff.
7 ebd., S. 21
3
2. Historische Vorbemerkungen
2.1 Ursachen der Vereinigung von SPD (Ost) und KPD (Ost)
Der „Befehl Nr. 2“ der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) machte die Gründung bzw. Wiedergründung deutscher Parteien in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) wieder möglich. Erlaubt wurden ausschließlich antifaschistische Parteien, die der Kontrolle und dem Willen der SMAD unterstanden. 8 Es bildeten sich wieder bzw. neu die KPD, SPD, CDU und LDPD (Liberaldemokratische Partei Deutschlands). Zunächst bildete sich also das traditionelle deutsche Parteiensystem, welches ein pluralistisches darstellte. CDU und LDPD wurden jedoch schon bald eingebunden in die Einheitsfront der antifaschistisch – demokratischen Parteien (Antifa – Block) und standen somit in Abhängigkeit der KPD/SED. 9 Die SMAD hoffte, dass die Berliner Parteiführungen von SPD, CDU und LDPD zu Reichs-Zentralen eines rekonstruierten deutschen Parteiensystems würden. Es erfolgte aber nur die Führung der KPD in allen vier Besatzungszonen von Berlin aus, während sich die anderen Parteien im Westen langsam dem Einfluss der Sowjets entzogen. 10 Die Sozialdemokraten bekamen, so Wilke, den „totalitären Machtwillen der sowjetischen und deutschen Kommunisten als erste zu spüren, als die Marxisten/Leninisten die sozialdemokratische Konkurrenz in der Arbeiterbewegung mit List und Gewalt ausschalteten.“ 11 Wilke bezeichnet die SED-Gründung als ersten Schritt in die deutsche Zweistaatlichkeit.
Auch Weber bezeichnet die Gründung der SED im April 1946 als einen großen Einschnitt in das Parteiensystem der sowjetischen Besatzungszone. 12 Für ihn zeichnete sich durch die Fusion und deren Umstände der Weg der SBZ zum Einparteienstaat ab.
8
Weber, H.: 1985, S. 69
9
Schlosser, H.: 1999, S. 40
10
Wilke, M.: 1998, S. 221
11
ebd. , S.213
12
Weber, H.: 1985, S.115
4
Die Fusion wurde in Ost und West unterschiedlich dokumentiert und beurteilt; DDR – Schriften gingen von einer freiwilligen Vereinigung seitens der SPD aus, während der Westen von „Zwangsvereinigung“ sprach. 13
Zu Beginn, im Juni 1945, sprach sich die KPD unter Wilhelm Pieck zunächst nur für eine „Aktionseinheit“ mit der SPD und gegen eine von den Sozialdemokraten geforderte Einheitspartei aus 14 , jedoch merkte sie schon bald, dass sie aufgrund mangelnder Zustimmung in der Bevölkerung ins Abseits geriet. Außerdem wurden die Kommunisten nach Wahlniederlagen in Österreich und Ungarn sowie durch die ansteigenden Ost-West Spannungen von der Sowjetunion unter Druck gesetzt. Des weiteren ging die SPD bei einigen Wahlen in der SBZ als stärkste Partei hervor. Daraufhin trat die Spitze der KPD- Führung Ende 1945 für einen schnellen Zusammenschluss beider Parteien, SPD und KPD, ein. 15
Gemeinsam war den beiden Parteien eine antifaschistische Grundeinstellung, auch das Bekenntnis der KPD zur parlamentarischen Demokratie brachte die beiden Parteien sich ein Stück näher. 16 Die Hoffnungen der SPD-Führung unter Otto Grothewohl in einer organisatorischen Einheit mit der KPD lagen in der Möglichkeit eines demokratischen und sozialistischen Neuaufbaus. Außerdem hoffte die SPD, durch ihre zahlenmäßige Überlegenheit in dem Bündnis dominieren zu können. 17 Da die SPD im Westen unter Kurt Schumacher jedoch eine Verschmelzung mit der KPD massiv ablehnte, standen auch immer mehr SPD-Angehörige in der Sowjetischen Besatzungszone einer Fusion misstrauisch gegenüber. Der Grund Schumachers, eine Einheit mit der KPD abzulehnen, lag nicht darin, dass er die KPD für eine revolutionäre sozialistische Klassenpartei hielt, sondern weil sie eine, in seinen Augen, zu enge politisch-ideologische Bindung an die KpdSU hatte und somit die Staatsinteressen der Sowjetunion deutsche Politik sein würden. 18
13
Weber, H.: 1985, S.119
14
ebd., S. 221
15
ebd., S. 116
16
ebd., S. 116
17
ebd., S. 116
18
Wilke, M.: 1998, S. 214
5
Arbeit zitieren:
Stefanie Scholl, 2003, Die Fusion von SPD (Ost) und KPD (Ost) zur SED, München, GRIN Verlag GmbH
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