4. Die Golden Girls´ als typische Sitcom
4.1. Produktionsmerkmale 16
4.2. Struktur des Plots 17
4.3. Figuren 19
4.4. Stellenwert der Familie 21
5. Fazit 22
6. Literatur- und Quellenverzeichnis 22
1. Einleitung
`Die Simpsons´, `Mallorca´, `Wer ist hier der Boss?´, `Diagnose: Mord´, `Matlock´, `Alle unter einem Dach´, `Eine schrecklich nette Familie´, `Emergency Room´, `Klinikum Berlin Mitte - Leben in Bereitschaft´. `Total Recall 2070´, `Murder One - Die andere Wahrheit´, `Akte X - Die unheimlichen Fälle des FBI´. All diese Serien wurden an einem ganz normalen Wochentag, Dienstag 14. März 2000, auf dem Fernsehsender Pro7 gesendet. 1 Der Rahmen dieser Hausarbeit würde sicherlich gesprengt werden, füge man die auf allen anderen Sendern gezeigten Serien an diese Liste an. 1947 wurde das erste Fernseh-Serial produziert und gesendet 2 , und im Laufe der folgenden Jahrzehnte wurden Serien zu einem wichtigen Programmbestandteil im Fernsehen. Es gibt kaum einen Fernsehsender, der nicht mindestens eine Serie in seinem Programmangebot v orweisen kann, meistens ist die Anzahl jedoch noch viel größer.
Krimi-Serien, Western-Serien, Arzt- und Krankenhaus-Serien, Anwalts-Serien, Science Fiction-Serien, Jugend-Serien, Abenteuer-Serien, Familien-Serien, Soap Operas, Sitcoms. Die Auswahl in diesem Bereich der Programmform ist so vielfältig, dass für jeden Rezipienten etwas dabei ist. Alle dieser genannten Serienformen weisen ähnliche Merkmale auf, genauso wie sie sich in vielen Punkten unterscheiden und ihre spezifischen Eigenheiten besitzen. In meiner folgenden Ausarbeitung werde ich mich näher mit den Merkmalen des Genres der Sitcoms befassen, die im US-Fernsehen, ihrem Heimatland, einen sehr hohen Stellenwert besitzen und häufig auf die besten Sendeplätze gesetzt werden. Als Beispiel für eine typische Sitcom habe ich mir die `Golden Girls´ herausgesucht, die auch in Deutschland seit vielen Jahren auf eine große Fangemeinde blicken können. Diese Sitcom wird im zweiten Teil hinsichtlich der Produktion und des Inhalts näher von mir beleuchtet werden, damit ich dann im letzen Teil dieser Ausarbeitung analytisch darauf eingehen kann, ob `Golden Girls´ wirklich als eine so typische Sitcom bezeichnet werden kann oder ob es auch Merkmale gibt, die für dieses Seriengenre eher ungewöhnlich sind.
1 vgl. TV direkt Nr. 6/2000 11.3. - 24.3.2000, S. 51
2 vgl. Mikos, Lothar. Es wird Dein Leben! Familienserien im Fernsehen und im Alltag der
Zuschauer. Münster 1994, S. 133
1
2. Das Seriengenre Sitcom
2.1. Definition „Serie“
„Nicht alles was als Serie angekündigt ist und als Serie über den Bildschirm flimmert, ist auch tatsächlich eine Serie.“ 3 Lothar Mikos unterscheidet drei Grundarten dieser narrativen Programmform, denen grundsätzlich allen gemeinsam der Charakter der Fortsetzungsgeschichte ist: Der Mehrteiler (miniseries), die Serie (serial) und die Reihe (series). 4 Es muss jedoch beachtet werden, dass es häufig Mischformen gibt, die z.B. sowohl Eigenschaften einer Reihe als auch einer Serie aufweisen.
Ein Mehrteiler ist charakterisiert durch eine abgeschlossene Geschichte, die meist innerhalb von vier bis zwölf Folgen von Anfang bis Ende erzählt wird. Die Protagonisten sind hierbei nicht unbedingt durch eine Gemeinschaft verbunden, es kann sich z.B. auch um einen historischen Zeitabschnitt aus dem Leben einer Einzelperson handeln.
In der Serie wird eine zukunftsorientierte Handlung erzählt, die nicht auf ein vorausberechnetes Ende hin konzipiert ist, sie könnte unendlich weiterlaufen. Die handelnden Personen sind immer durch eine Gemeinschaft miteinander verbunden, die sozialer oder auch räumlicher Natur sein kann. Bei einer Serie sind mehrere Handlungsstränge miteinander verstrickt, die parallel erzählt werden und auch parallel zum Leben der Rezipienten verlaufen. In der Reihe werden abgeschlossenen Episoden aus dem Leben von Personen erzählt, die durch eine Gemeinschaft miteinander verbunden sind. Die Hauptprotagonisten sowie die Grundsituation sind zu Beginn einer jeden Folge gleich. Im Vergleich zu einer Serie allerdings können die einzelnen Episoden unabhängig voneinander existieren, da die Handlung innerhalb einer jeden Folge abgeschlossen wird. Das Leben der Protagonisten ist dem Leben der Zuschauer zeitlich nicht angepasst. Zwischen den einzelnen Folgen können im Leben der Heldinnen und Helden Tage, Wochen oder Monate vergangen sein, ohne dass es eine Auswirkung auf die Erzählung hat. Die angesprochenen Serienformen unterscheiden sich natürlich in noch vielen weiteren Merkmalen voneinander. Im Folgenden werde ich jedoch nur
3 Mikos, Lothar. Fernsehserien: Ihre Geschichte, Erzählweise und Themen. In: medien +
erziehung 1/1987, S. 4
4 vgl. Mikos, Lothar. Es wird Dein Leben! Familienserien im Fernsehen und im Alltag der
Zuschauer. Münster 1994, S. 136 ff.
2
ausführlicher auf die Merkmale des Genres Sitcom eingehen, das zu der Form der Reihe gezählt wird.
Um mich dem allgemeinen Verständnis anzupassen, werde ich im Folgenden von der „Serie“ sprechen, gemeint ist aber natürlich die im vorangegangenen Punkt angesprochene Serienform „Reihe“.
2.2. Merkmale der Sitcom
Der Name der Sitcom wurde abgeleitet aus dem Englischen „Situation Comedy“. Das Heimatland der Sitcom ist die USA.
Das Genre sicherte sich bereits in den 50er Jahren, der Entwicklungszeit des Fernsehens als Massenunterhaltungsmedium, einen unumstrittenen Platz in der dortigen TV-Landschaft. Der erste große Sitcomerfolg war `I love Lucy´. Diese Serie wird von vielen als die Großmutter oder der Prototyp der Sitcom bezeichnet. 5 In den darauffolgenden Jahrzehnten wurde eine große Zahl von Sitcoms produziert, die auch heute noch im Fernsehen zu sehen sind. `Die Munsters´ (The Munsters) aus den 60er Jahren, `Mary Tyler Moore´ (The Mary Tyler Moore Show) aus den 70er Jahren und natürlich die `Golden Girls´ (The Golden Girls) aus den 80er Jahren sind vielen Zuschauern, sowohl den amerikanischen als auch den deutschen, durch ständige Wiederholung noch immer ein Begriff.
In der Guinness Television Encyclopedia wird die Sitcom wie folgt definiert: „Situationskomödie, eine humorvolle, episodische Folge von Programmen, in denen wohldefinierte Charaktere sich auf einen Handlungsort oder einen Katalog von Umständen beschränken und auf neue Vorkommnisse vorhersehbar reagieren.“ 6
Diese Kurzdefinition werde ich in den folgenden Abschnitten weiter ausführen, indem ich näher auf die einzelnen Merkmale der Sitcom eingehe.
2.2.1. Produktionsart und Sendelänge
Das Merkmal, das wohl den meisten Rezipienten im Gedächtnis haften bleibt, ist sicherlich das Publikumsgelächter während der Sendung. Die typische
5 vgl. Holzer, Daniela. Die deutsche Sitcom: Format, Konzeption, Drehbuch, Umsetzung.
Bergisch Gladbach 1999, S. 45
6 Holzer, Daniela. a.a.O., S. 11
3
Sitcom wird vor einem Live-Publikum aufgezeichnet und anschließend im Schneideraum zu einer sendefähigen Episode zusammengeschnitten. Um die Aufzeichnungszeit möglichst kurz und damit die Produktionskosten möglichst gering zu halten, wird mit mehreren Kameras gleichzeitig aufgezeichnet. So müssen die einzelnen Szenen nicht mehrmals gedreht werden, da bereits unterschiedliche Blickwinkel vorliegen. Die Aufzeichnung vor einem Publikum erklärt auch die Bühnenhaftigkeit der Sitcom. Die Schauplätze der Handlung ändern sich nur selten, jede Episode spielt sich in maximal drei Räumen ab, und es wird hauptsächlich nur in Innenräumen gedreht. Bei Außenaufnahmen müsste das Publikumsgelächter in Form von Lachkonserven in der Nachbearbeitung beigemischt werden, weshalb für solche Aufnahmen Schauplatzkulissen häufig extra nachgebaut werden. Die Kameras zeigen einen Raum stets nur aus der gleichen Richtung, zwar aus verschiedenen Winkeln, aber eine Wand des Raumes wird niemals sichtbar. Auch das räumliche Agieren der Protagonisten deutet auf eine Bühne hin. In Gruppen stehende Personen bilden immer einen Halbkreis, damit vom Publikum und damit auch vom Rezipienten am Bildschirm alles gesehen werden kann. Und auch an einem Tisch sitzt niemals einer der Darsteller mit dem Rücken zum Publikum. Diese Art der Produktion stellt sich jedoch spätestens in dem Moment als Problem heraus, wenn eine Sitcom z.B. nach Deutschland importiert wird. Da die Stimmen der Darsteller gleichzeitig mit den Reaktionen des Publikums im Studio aufgenommen werden, liegen sie auf den gleichen Tonspuren. Um die Episoden zu synchronisieren, müssen sämtliche Töne erneuert werden, sowohl die Stimmen der Protagonisten als auch die Lacher des Publikums. Dadurch geht natürlich die Authentizität der Originalaufnahmen verloren. Die Nettosendelänge der einzelnen Episoden einer Sitcom liegt zwischen 22 und 30 Minuten, wobei die Bruttosendelänge von der Länge der Werbeunterbrechungen abhängt. Die dramatische Struktur, auf die ich später noch intensiver eingehen werde, ist bereits von vornherein auf mehrere Werbebreaks hin konzipiert. Um einen gleichmäßigen Senderhythmus beizubehalten, werden die Sitcoms von den Fernsehsendern durch die Werbeeinspielungen meist auf eine Länge von 30 Minuten gebracht.
4
2.2.2. Struktur des Plots
Vor Beginn der Handlung einer Serie wird der Vorspann gesendet, der in der Regel unabhängig von der Handlung einer einzelnen Episode konzipiert ist. Der Serienvorspann wiederholt sich von Folge zu Folge, bleibt also stabil und führt damit bei den Rezipienten zu einem Wiedererkennungseffekt. Auch die akustischen Signale eines Vorspanns besitzen einen hohen
Wiedererkennungswert. Einen typischen Sitcom-Vorspann gibt es nicht. Allen gemeinsam ist sicherlich das Merkmal, dass im Vorspann die Hauptprotagonisten vorgestellt werden, jedoch variiert die Art und Weise der Vorstellung bei jeder Sitcom. Es gibt Vorspanne, bei denen die Protagonisten durch einzelne Szenen aus der Serie vorgestellt werden, oder Vorspanne, die aufzeigen, wie die Charaktere zu der Ausgangssituation gelangt sind. Dem Zuschauer wird damit bereits angekündigt, was er thematisch zu erwarten hat, ohne dass etwas von der eigentlichen Story der Episode verraten wird. Einige Sitcoms beginnen bereits vor dem Vorspann mit einem Teaser, „einer kleinen, augenzwinkernden Szene, die eine Kostprobe des spezifischen Charmes der Serie vorwegnimmt und den Appetit des Zuschauers auf die bevorstehende Episode wecken soll.“ 7 Im amerikanischen Fernsehen wird zwischen Teaser und Vorspann der erste Werbeblock eingefügt, im deutschen Fernsehen dagegen kommt im Anschluss an den Teaser gleich der Vorspann. Die zyklische Struktur ist bei den typischen Sitcoms vorherrschend. Jede Episode beginnt mit derselben Ausgangsposition, wodurch es für die Rezipienten möglich ist, einzelne Folgen ohne genaue Vorkenntnisse zu konsumieren, obwohl es natürlich wesentlich hilfreicher für das Verständnis ist, mit den einzelnen Charakteren und deren Verhalten vertraut zu sein. Bei der Struktur der Handlung müssen die dramatische und die technische Struktur voneinander unterschieden werden. Beide sind wichtig für die Gesamtstruktur. Die dramatische Grundstruktur ist aufgeteilt in drei Akte, die ein Zeitverhältnis von 1:2:1 aufweisen: Anfang, Mitte und Ende. „Der Anfang ist als Exposition der Figuren und der Situation notwendig“ 8 , um die Zuschauer an die
7 Holzer, Daniela. a.a.O., S. 21
8 Hickethier, Knut. Film- und Fernsehanalyse. Stuttgart 1996, S. 119
5
Arbeit zitieren:
Maike Julius, 2000, Das amerikanische Seriengenre Sitcom am Beispiel der Serie Golden Girls, München, GRIN Verlag GmbH
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