2
„Ich mache Schuhe“, sagte einer von ihnen, „aber jetzt sehe ich, daß ich genausoviel wert bin wie ein Doktor der Bücher schreibt.“
„Ich weiß jetzt, daß ich gebildet bin“, sagte ein älterer Bauer mit
Nachdruck, und gefragt, woher er das denn nun wisse, antwortete er mit gleicher Emphase: „Weil ich arbeite, und durch meine Arbeit verändere ich die Welt, in der ich lebe.“
aus: Paulo Freire, Erziehung als Praxis der Freiheit, S.64.
Ich widme diese Hausarbeit Freunden in Argentinien, die ich während zweier Reisen dorthin begleiten
und erleben durfte. Als Bildungsreferenten oder pastorale Mitarbeiter praktizierten sie eine Methode,
die mir damals unbekannt war, von der mir aber Schlagworte und Grundlinien im Gedächtnis gebleiben
sind, und die mich zu faszinieren begann. Auf dem Hintergrund dieser Erfahrung habe ich mir den
brasilianischen Pädagogen Paulo Freire als Thema dieser Arbeit ausgesucht, und ohne es erwartet zu
haben erhielt ich gewissermaßen die umfassendere Theorie zu den gemachten praktischen Erfahrungen.
Viele Zusammenhänge, Denkweisen und Konflikte, die mir bisher noch unverständlich waren, verstehe
ich seither besser. Möge diese erfreuliche Begleiterscheinung unsere Freundschaft und Partnerschaft
3
Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung. 5
2. Fragestellung und Vorgehensweise 7
SEHEN :
3. Analyse der lateinamerikanischen Lebenswirklichkeit: die „Kultur
des Schweigens“ 9
3.1. Die Entdeckung der „Kultur des Schweigens“ 9
3.2. Die Rolle der Kolonialsprache und die „kulturelle Invasion“ 10
Exkurs : Die „Zentrum-Peripherie-Theorie“ 12
3.3. „Themen einer Epoche“ 13
3.4. Die psychologischen Grundlagen des Unterdrückungsmechanismus:
„Mythen und Manipulation“ 13
3.5. Das koloniale Bildungssystem: depositäre „Bankiers-Erziehung“ 15
3.5.1. Depositäre „Bankiers-Erziehung“ 15
3.5.2. Der Lehrer-Schüler-Widerspruch 16
URTEILEN :
4. Das Menschenbild und das Bildungsverständnis von P. Freire 17
4.1. Der Mensch ist Subjekt 18
4.1.1. als Wesen der Grenzüberschreitung. 18
4.1.2. als kulturelles und geschichtliches Wesen 19
4.1.3. als verwandelndes und schöpferisches Wesen 19
4.1.4. als Wesen des Dialogs. 20
Exkurs : „Das Wort“ 21
4.1.5. als Wesen der Praxis 21
4.2. Die problemformulierende Bildungsmethode. 22
4.2.1. „Enthüllung der Wirklichkeit“ 22
4.2.2. Der „Lehrer-Schüler“ und der „Schüler-Lehrer“ - die
Aufhebung des Widerspruchs 24
4
HANDELN :
5. Die Realisierung der „problemformulierenden Bildung“ im
Alphabetisierungsproze ß 26
5.1. Untersuchung des Sprach- und Themenuniversums (generative Wörter /
Themen ) 26
5.2. Kodierung. 27
5.3. Dekodierung. 28
5.3.1. Der „Kulturzirkel“ 29
5.3.2. Dekodierung während der Alphabetisierung 29
5.3.3. Dekodierung in der postalphabethischen Phase 31
5.4. Wiederkodierung 31
Exkurs : Das „anthropologische Konzept der Kultur“ 32
AUSWERTEN :
6. Zur Bedeutung Paulo Freires für die Pädagogik in der Ersten
Welt ’ 34
Darf die Methode Freires auf die Erste Welt’ (Europa) übertragen
werden ? 34
Was können wir methodologisch von Paulo Freire lernen? 35
Welche gesellschaftsanalytischen Kriterien fordern uns heraus? 35
Welche Impulse liefert uns seine Anthropologie? 36
Welche pädagogischen’ Grundhaltungen regen uns an? 36
7. Schluß 38
8. Literaturverzeichnis 39
8.1. Werke von Paulo Freire. 39
8.2. Sekundärliteratur 39
5
1. Einleitung
„Erziehung zur Mündigkeit“, „emanzipatorische Erziehung“, „Erziehung zur Selbstbestimmung“ - das alles sind Begriffe oder Schlagworte, die in der deutschsprachigen „Kritischen Erziehungswissenschaft“ von zentralem Stellenwert sind. Genauer besehen sind sie, da für die „Kritische Erziehungswissenschaft“ offenbar „eine theoretische Identität im Sinne eines besonderen, in sich konsistenten Begründungsmusters“ nicht herausgearbeitet werden kann 1 , die konstitutive Grundlage dieser erziehungswissenschaftlichen Richtung; „Emanzipation“ ist somit deren „Leitbegriff“ 2 oder „leitendes Erkenntnisinteresse“ 3 . Neben einer Reihe von deutschsprachigen Vertretern dieses Ansatzes, wie etwa Klaus Mollenhauer, Wolfgang Klafki, Herwig Blankertz u.a., hat sich auch der Brasilianer Paulo Freire diesen Gedankenansatz zu eigen gemacht und auf seine ganz eigene Weise ausgearbeitet. Zwar ist bei Paulo Freire kaum von „Mündigkeit“ oder „Emanzipation“ die Rede, jedoch will sein Konzept der „educaça problematizadora“ und der „conscientização“ die Unterdrückten durch Bewußtseinsbildung zur Befreiung aus ihrer Unterdrückung befähigen. Mündigkeit ist insofern für Paulo Freire ein Zwischenziel, auf dem erst der emanzipatorische Prozeß der Befreiung aufgebaut werden kann.
Beachtenswert ist bei Paulo Freire die Radikalität, mit der er seine Methodologie vertritt und mit der er sich bis ins Detail seiner Überzeugung hingibt. Dies wird besonders an seiner Einstellung zur „Revolution“ sichtbar, deren Notwendigkeit er nicht aus ideologischen Motiven ableitet, sondern allein aus der pädagogischen Praxis, die als „conscientização“ gegenüber den herrschenden Interessen zwangsläufig revolutionär ist.
Dimas Figueroa sieht die Pädagogik Freires „primär auf aufklärerisch ausgerichtete, aber auch auf marxistisch orientierte Theorien“ bezogen 4 und charakterisiert sie insgesamt als „im Kern nichts anderes als die konsequente Anwendung der Gedanken der liberalen Aufklärung“ 5 . Daß dem so ist belegt auf eindrückliche Weise
1 W. Keckeisen, Erziehungswissenschaft, Kritische, In: D. Lenzen (Hg.), Pädagogische Grundbegriffe
Bd. 1, Reinbek 1989. 482-507. hier: 482
2 Keckeisen, ebd. 490.
3 H. Gudjons, Pädagogisches Grundwissen. Überblick-Kompendium-Studienbuch, 4., überarb. u. erw.
Aufl., Bad Heilbrunn 1995, 40.
4 Figueroa, Einführung, 7.
5 Figueroa, Einführung, 8.
6
ein Zitat von Immanuel Kant, der 1783 - und damit am Ende der Epoche der Aufklärung - eine klassisch gewordene Definition liefert: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. (…) Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (…) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte, dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben, und sorgfältig verhüteten, daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt aus dem Gängelwagen, darin sie sie einsperrten, wagen durften: so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen. (…) Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar lieb gewonnen, und ist vor der Hand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ. (…) Daß aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur seine Freiheit läßt, beinahe
unausbleiblich.“ 6
Im Grunde kann in diesem Zitat - wie noch zu zeigen sein wird - eine Zusammenfassung weiter Teile der Arbeit von Paulo Freire - besonders seiner Gesellschaftsanalyse - gesehen werden, womit wiederum auf die oben genannte Charakterisierung von Figueroa zurückgekommen werden kann. Die theoretische Fundierung des Ansatzes von Paulo Freire läßt sich von einer Vielzahl überwiegend europäischer Denker herleiten (Figueroa z ählt in seiner Einleitung allein 22 Namen auf! 7 ). Dies angemessen bearbeiten zu wollen würde jedoch den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen und soll daher nicht eigens behandelt werden. Trotz der europäischen Grundlagen kann Freires Ansatz wohl dennoch als ein eigenständiger angesehen werden, wenn auch die Systematik seines Beitrags zu wünschen übrig läßt. Letzteres beweist aber im Grunde, was wohl das Grundpostulat der Freireschen Pädagogik ausmacht, nämlich daß seine Erziehungstheorie aus der konkreten Bildungs- und Erziehungsarbeit heraus erwächst und auf diese hin zurückorientiert ist. Wenn dies aber wirklich Freires Maßstab ist, so muß man ihn selbst daran messen und feststellen, daß auch seine Ausführungen zum
6 I. Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Werke VI, 53f.
7 Figueroa, Einführung, 9f.
7
Teil äußerst langwierig, weit ausholend und kompliziert sind und den Bezug zur konkreten Praxis manchmal über weite Strecken vermissen lassen. 8
2. Fragestellung und Vorgehensweise
Wenn nun aber die Konzeption der conscientização einerseits stark auf dem europäischen Denken basiert, andererseits die Beziehung zwischen ihr und der europäischen Pädagogik, insbesondere der bereits erwähnten „Kritischen Erziehungswissenschaft“, eher als gering einzustufen sind 9 , so ergeben sich daraus m.E. zwei Fragestellungen: erstens warum dies so ist, und zweitens ob dies so sein muß.
Versucht man auf die erste Frage eine kurze Antwort zu geben, so müssen wir feststellen, daß im Laufe von 500 Jahren der Kolonialisierung und Eroberung Lateinamerikas prinzipiell ein einseitiger „Waren“verkehr entstand, bei dem einerseits europäisches Wissen, Know-how (heute heißt das Zauberwort Technologie-Transfer 10 ), Religion und Lebensphilosophien nach Lateinamerika transferiert wurden, andererseits aber lediglich „exotische“ Kolonialwaren (z.B. Kaffee, Kakao…) den umgekehrten Weg von Lateinamerika nach Europa zurückfanden. Dies erklärt letztlich auch das „europäische Fundament“ Freires und seine geringe Rezeption unter den führenden hiesigen Erziehungswissenschaftlern. 11 Entsprechend führt dies zur zweiten Fragestellung, nämlich ob dies so sein muß. Nachdem heute zunehmend ein Bewußtsein für die weltweite Verstrickung wirtschaftlicher, politischer und ökologischer Vorgänge entsteht, wird deutlich, daß auch die sogenannte „Erste Welt“ nicht ohne die „Dritte“ leben kann. Entsprechend wird auch der Ruf nach einer „nachhaltigen Entwicklung“ hörbar, welche Friedens-und Zukunftssicherung vornehmlich dadurch zu erreichen glaubt, daß sie eine gerechte Resourcenverteilung zwischen Nord und Süd anstrebt, und deren zentrales Kriterium ihre globale Sichtweise darstellt. Wahre Globalität wiederum kann aber nicht weiterhin die oben genannten einseitigen Wirtschafts- und Wissensströme
8 Dieses Urteil ist als einer meiner Gesamteindrücke nach der Lektüre mehrerer Werke von Paulo
Freire zu verstehen. Persie, 68f, spricht von einer assoziativen Reflexion über die Praxis, die die
wissenschaftlich-systematische Herangehenseise an das Werk Freires erschwert.
9 Es sei angemerkt, daß sich Freire an keiner Stelle auf europäische Erziehungswissenschaftler beruft,
sowie daß seine Konzeption im erziehungswissenschaftlichen Studium kaum berücksichtigt wird.
10 BUND/Misereor (Hg.): Zukunftsfähiges Deutschland. Ein Beitrag zu einer global nachhaltigen
Entwicklung, Bonn 1995, Kurzfassung der Studie, S. 26.
11 Hierzu kann noch angemerkt werden, daß eine Anzahl wissenschaftlicher Arbeiten (insbesondere
Dissertationen) sich mit Freires Konzeption auseinandersetzen. Allerdings stammen die Autoren
wiederum zu einem deutlichen Anteil aus Ländern Süd- und Mittelamerikas!
8
beibehalten, sondern muß letztlich zu einer vollen Gleichberechtigung der Partner kommen. Entsprechend muß die Frage lauten: Was können Nord und Süd, was können Erste und Dritte Welt voneinander lernen? Während die eine Teilfrage davon (was der Süden vom Norden lernen kann) im Laufe der Geschichte und bis heute ausreichend beantwortet zu werden scheint, so ist die zweite Teilfrage „Was können wir im Norden von den Ländern und Kulturen des Südens lernen?“ noch recht neu. In dieser Hausarbeit möchte ich daher auch speziell die Frage stellen, ob und wie ein solcher authentisch-lateinamerikanischer Denk- und Handlungsansatz wie der des brasilianischen Pädagogen Freire auf den europäischen Kontext übertragen werden kann, sowie unter welchen Voraussetzungen dies zulässig ist. Dieser Fragestellung muß selbstverständlich vorausgehen, die Konzeption Paulo Freires darzustellen sowie sein Menschenbild und seine pädagogischen Grundanliegen herauszuarbeiten. Dabei soll methodologisch dem - besonders in lateinamerikanischen Basisgruppen praktizierten - Dreischritt „Sehen - Urteilen -Handeln“ gefolgt werden. Dies soll nicht nur e in Zugeständnis an den lateinamerikanischen Kontext der Arbeit Paulo Freires sein, sondern liefert eine hilfreiche Matrix auf der die Konzeption Paulo Freires systematisch entwickelt und dargestellt werden kann. Unter dem Schritt „Sehen“ bearbeite ich insbesondere Paulo Freires Analyse der lateinamerikanischen Gesellschaft in ihrer
Unterdrückungssituation und des damit zusammenhängenden Bildungssystems. Im Schritt „Urteilen“ entfalte ich die Anthropologie Freires, die als Bestimmung des eigentlichen Wesens des Menschen gleichzeitig die Grundlage für seine Pädagogik abgibt, die im folgenden Schritt „Handeln“ insbesondere anhand seines Alphabetisierungskonzeptes exemplarisch dargestellt wird. An die drei Schritte schließe ich einen vierten Schritt „Auswerten“ an, unter dem ich die Frage nach einer Übertragbarkeit auf Europa behandeln werde. Dieser vierte Schritt widerspricht nicht dem eigentlichen Dreier-Schema, da der Schritt “Auswerten“ im Grunde wiederum ein erster Schritt „Sehen“ darstellt, von dem aus erneut geurteilt und erneut gehandelt werden müßte!
Arbeit zitieren:
Markus Raschke, 1996, Erziehung als Bewußtmachungsprozeß - Menschenbild und Volksbildung bei Paulo Freire, München, GRIN Verlag GmbH
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