4.8. Zusammenfassung und eigene Überlegungen S. 30
5. Die Untersuchungen von René A. Spitz S. 34
5.1. Geschichtlicher und institutioneller Hintergrund der Studie S. 34 5.2. Die Ergebnisse der Studie S. 36
5.3. Spitz’ Analyse seiner Ergebnisse S. 37
5.4. Ein ergänzender Bericht zu der Studie von Spitz S. 38
5.5. Zusammenfassung und eigene Überlegungen zu Spitz’ Ergebnissen unter Einbeziehung einer Studie an Heimkindern von Hildegard Durfee und Käthe Wolf S. 40
6. Übertragung der vorgestellten Theorien und Überlegungen auf die Situation der Kinderklinik Frankfurt/M.-Höchst S. 45
6.1. Die Gegebenheiten der Kinderklinik S. 45
6.2. Die Rolle der bestehenden Mutter-Kind-Beziehung S. 47 6.3. Das „Rooming In“ S. 48
6.4. Räumliche Trennung oder Entwurzelung der Gefühlsbindung? Aspekte quantitativer und qualitativer Bindungsverhältnisse S. 49
6.5. Die Rolle der geistigen Anregung S. 55
7. Zusammenfassung und Schlussfolgerung S. 56 8. Literaturverzeichnis S. 59
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1. Einleitung
In meiner Vordiplomsarbeit werde ich mich vor dem Hintergrund der Bindungstheorie John Bowlbys mit einigen Fragen zur Wichtigkeit emotionaler Bindung zwischen Mutter und Kind im ersten Lebensjahr näher beschäftigen. Um meine persönlichen Fragestellungen, die ich in meiner Arbeit gerne untersuchen und beantworten möchte, genauer vorstellen zu können, möchte ich zunächst erläutern, wo mein Interesse und meine daraus resultierenden Überlegungen zur Bindungsforschung ihren Ursprung fanden.
Die Motivation, mich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen und sie mithilfe eigener Überlegungsansätze näher zu beleuchten und zu diskutieren, entstand während meiner Ausbildung zur Physiotherapeutin in den Jahren 1999 bis 2002. In dieser Zeit wurde ich mehrere Monate lang in der Kinderklinik der Städtischen Kliniken Frankfurt/M.-Höchst eingesetzt und arbeitete dort selbständig und eigenverantwortlich mit vielen der kleinen und größeren Patienten. Gerade die Betreuung von Kindern im ersten Lebensjahr nahm aufgrund der Beschaffenheit der Klinik und der geforderten Ausbildungsinhalte einen sehr großen Teil meiner Arbeit ein. Da die Eltern, bedingt durch die gegebenen Räumlichkeiten der Klinik und aufgrund eigener Lebensumstände oft nicht ständig bei ihren Kindern in der Klinik bleiben konnten und viele Kinder jedoch aufgrund chronischer und schwerer Krankheiten länger in der Klinik bleiben mussten, machte ich mir schon damals Gedanken darüber, ob diese kurzzeitigen Trennungen von den Eltern mögliche negative Auswirkungen auf die physische und psychische Entwicklung der Kinder haben könnte. Gerade deshalb, weil bei größeren Kindern zwar eine deutliche Ablehnung gegen fremde Personen und vor allem die Ärzte zum Ausdruck kam, die Kinder unter einem Jahr aber noch wenig Möglichkeiten hatten, ihren Unwillen und ihr Unbehagen gezielt zum Ausdruck zu bringen und so die meiste Zeit des Tages in ihren Bettchen verbrachten, die keine größeren Möglichkeiten zur Erforschung ihrer Umwelt boten. Die zuständigen Krankenschwestern waren in ihrer Arbeit immer sehr eingespannt, da die Station durchgehend voll belegt war, und hatten somit nicht die Möglichkeit, ständig nach den Kindern zu sehen oder ihnen körperliche Zuwendung und Nähe zu geben. Zwar wurden alle Kinder sehr gut versorgt, was die körperliche Pflege und das Füttern anbelangt, doch selten sah ich die Krankenschwestern über
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längere Zeit eines der Kinder auf dem Arm halten. Die meiste Aufmerksamkeit wurde nach meinem Empfinden den größeren Kindern zuteil, die selbständig ihre zuständige Krankenschwester aufsuchen und so ihre Wünsche, auch nach Nähe, äußern konnten.
Und so stellte sich mir bald die Frage, ob den Kindern, trotz aller nötigen Versorgung durch die Krankenschwestern, ein nötiges Maß an individueller Fürsorge fehlen könnte. Und ob durch die gegebenen Umstände eingeschränkte körperliche Betätigung der Kinder hierbei ebenfalls eine Rolle spielen könnte. Damals wusste ich noch nichts über die Bindungstheorie und deren Forschungsansätze und Untersuchungen zur Stützung dieser Theorie. Auch waren mir keine Untersuchungen und Studien zu diesem Thema bekannt. Mir war lediglich die motorische und sensorische Entwicklung des Kindes und dessen Meilensteine im ersten Lebensjahr geläufig. Ich wusste damals schon, dass die Interaktion mit der Umwelt und dessen Erforschung für das Kind eine wesentliche Voraussetzung für seine körperliche und auch emotionale Entwicklung darstellt. In den ersten vier Semestern meines Pädagogik-Studiums lernte ich dann die Grundzüge der Bindungsforschung kennen, unter anderem die Theorien von John Bowlby, sowie vorausgegangene und nachfolgende Untersuchungen und Thesen von Harry F. Harlow, René A. Spitz und Mary S. Ainsworth. Meine Überlegungen aus der Ausbildungszeit fanden so einen neuen Ansatz und ich beschloss daraufhin, mich in dieser Vordiploms-Arbeit mit der Thematik der Bindungsforschung, aufgrund meiner Erfahrungen bezogen auf die Situation in der Kinderklinik, näher zu beschäftigen.
Da ich während meiner Ausbildungszeit wie bereits erwähnt die Entwicklung des Kindes im ersten Lebensjahr sehr genau kennen lernte und erfuhr, welche Voraussetzungen für eine normale motorische und sensorische Entwicklung in dieser Zeit gegeben sein müssen, möchte ich dieses Wissen in meine Überlegungen zur Wichtigkeit der emotionalen Bindung zwischen Mutter und Kind mit einbeziehen. Die Fragen, die ich für mich mit dieser Arbeit gerne beantworten möchte, sind folgende:
Wie wichtig ist eine liebevolle und fürsorgliche Zuwendung im ersten Lebensjahr für das Kind, die über eine reine Verpflegung des Kindes hinsichtlich Körperpflege und
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das Füttern hinausgeht und in welchem Maße sollte sie stattfinden? Welche negativen Folgen hat das Ausbleiben einer solch liebevollen und emotionalen Zuwendung für das Kind?
Welche Voraussetzungen müssten in einer Kinderklinik gegeben sein, um mögliche negative Folgen einer mehr oder weniger kurzzeitigen Mutterentbehrung, die mit einem Klinikaufenthalt des Kindes einhergeht, gering zu halten oder vielleicht vollständig zu verhindern? Inwieweit müssen dem Kind Möglichkeiten zur Interaktion mit seiner belebten und unbelebten Umwelt gegeben werden, um eine Verzögerung seiner körperlichen Entwicklung zu verhindern und inwieweit trägt diese Interaktion auch zur emotionalen Entwicklung bei? Und wäre die Umsetzung solcher Anforderungen an das Klinikpersonal überhaupt möglich?
Zunächst einmal möchte ich die wichtigsten motorischen Entwicklungsschritte sowie Grundzüge des Erlernens sozialer Interaktion eines Kindes im ersten Lebensjahr erläutern, denn meiner Ansicht nach ist es eine wichtige Voraussetzung, einen groben Überblick über die Entwicklung dieser Zeit zu haben, um nachfolgende Theorien über die emotionale Entwicklung des Säuglings besser verstehen und einordnen zu können. Darauf folgend werde ich die Bindungstheorie John Bowlbys vorstellen, auf die ich mich bei all meinen Überlegungen weitestgehend stützen und sie im Auge behalten möchte, da Bowlby einer der Pioniere der Bindungsforschung darstellt und dessen Überlegungen auch in der heutigen Zeit noch sehr ausschlaggebend sind. Anschließend werde ich als Ergänzung zu Bowlby einen ausführlichen Blick auf die die emotionale Entwicklung und die Frage nach der Entstehung einer Bindung zwischen Mutter und Kind im ersten Lebensjahr aus der Sicht weiterer Autoren wie Ainsworth, Mahler, Müller-Braunschweig, Zimmer werfen. Nachfolgend werde ich einige Untersuchungen von René A. Spitz in meine Arbeit einbinden, der in den Vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine bedeutsame Studie zur Entwicklung von Kindern in Heimen, Findelhäusern und ihren Familien im Vergleich veröffentlichte und dessen Ergebnisse mithilfe einer weiteren Studie von Hildegard Durfee und Käthe Wolf aus den Dreißiger Jahren diskutieren. Ausgehend von diesen Theorien und Forschungsansätzen möchte ich schließlich einige eigene Überlegungen und Thesen aufstellen und mithilfe eines persönlichen Fazits und den gesammelten Erfahrungen mögliche Antworten auf meine eigenen Fragen finden.
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2. Die Entwicklung des Kindes im ersten Lebensjahr
Um die Bedeutung des ersten Lebensjahres für die weitere Entwicklung des Kindes zu verdeutlichen und näher zu untersuchen, ist es wie bereits erwähnt notwendig, einen Blick auf die wichtigsten Veränderungen und Fortschritte des Säuglings in dieser Zeit zu werfen. Hierbei möchte ich einerseits die körperliche Entwicklung an sich, andererseits jedoch auch die soziale Entwicklung berücksichtigen, wobei ich zunächst auf Beiträge der Autoren Jean Piaget und Inge Flehmig eingehen werde. Nach der Vorstellung der Bindungstheorie John Bowlbys werden weitere Beiträge zur emotionalen Entwicklung des Kindes und der Entstehung einer Mutter-Kind-Beziehung von Autoren wie Mahler, Zimmer, Müller-Braunschweig und auch nochmals Bowlby folgen.
Piaget sieht in den Entwicklungsschritten der frühesten Kindheit einen geordneten und wohl organisierten Ablauf, der es erfordere, durch eigene Betätigung des Säuglings weiter vorangetrieben zu werden. Der Entwicklung läge eine ständige und sich immer wieder neu entwickelnde Anpassung an die Umwelt zugrunde, er bezeichnet sie als „Adaption“ (Piaget 1969, S. 15) und erwähnt zur genaueren Definition dieses Vorgangs zunächst den Begriff der „Assimilation“ (Piaget 1969, S. 16). Diese bezeichne die Aufnahme und Einbeziehung neuer Reize aus der äußeren Umwelt in bereits vorhandene, durch Lernen und eigenes Handeln des Säuglings entstandene Strukturen und Schemata. Dem Begriff der „Assimilation“ folgt hier der der „Akkommodation“ (Piaget 1969, S. 17). Dies bedeute, dass die Einverleibung neuer Elemente von außen nicht ausschließlich und alleine geschehe, sondern aufgrund dieses Vorgangs eine Modifizierung und somit eine Anpassung der vorhandenen Schemata an die neuen Elemente erfolge. Das Fortschreiten der Entwicklung sei somit an ein ständiges Wechselspiel zwischen der Aufnahme neuer Reize aus der Umwelt und der Anpassung des eigenen Verhaltens an diese geknüpft. Diese Aussage lässt aus meiner Sicht somit die Schlussfolgerung zu, dass Kinder, denen die Möglichkeiten der Akkommodation und Assimilation verwehrt werden, ihre sensomotorischen und intellektuellen Fähigkeiten nicht voll entfalten und somit Störungen, Verzögerungen oder sogar ein Stillstand der Entwicklung in dieser Zeit auftreten können. Die sensomotorische Wahrnehmung stelle somit den Schlüssel zu allen weiteren Entwicklungsvorgängen dar, und in diesem Begriff sind
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sowohl die auditive und visuelle, als auch die taktile und propriozeptive 1 Wahrnehmung zusammengefasst (vgl. Flehmig 2001, S. 40). Gleichzeitig läge dieser Entwicklung die so genannte „praktische oder sensomotorische Intelligenz“ (Piaget 1969, S. 12) zugrunde. Die bereits strukturellen Gegebenheiten des Körpers wie der Aufbau des Nervensystems und der Sinnesorgane legten einen weiteren Grundstein für die menschliche Entwicklung, d.h. die „artspezifische Vererbung der Gattung Mensch“ (Piaget 1969, S. 13) impliziere bereits ein bestimmtes, rassenunabhängiges Intelligenzniveau. Ohne die vererbten spezifischen strukturellen und organisatorischen Grundlagen könne sich der Organismus nicht, wie beschrieben, durch ständige Anpassung an die Umwelt weiterentwickeln, die Vererbung dieser nötigen Strukturen bilde somit die eigentliche Voraussetzung (vgl. Piaget 1969, S. 13) des Adaptions-Verhaltens. Zusammengefasst sind nach Piaget somit das Vorhandensein wichtiger struktureller körperlicher Grundlagen, sowie weiterhin die ständige Darbietung neuer Reize von außen der Motor für die menschliche Entwicklung.
Gerade im Zeitraum des ersten Lebensjahres finden allein in der körperlichen Entwicklung viele Veränderungen in sehr kurzer Zeit statt, so dass man sich vorstellen kann, wie bedeutsam diese Phase für die Entwicklung späterer motorischer und sensorischer Fähigkeiten ist.
Im Folgenden sollen zunächst im Groben die wichtigsten körperlichen und emotionalen Entwicklungsvorgänge des ersten Lebensjahres unter optimalen Voraussetzungen erläutert werden, so wie sie in der pädiatrischen Medizin zum heutigen Zeitpunkt als ideal festgelegt sind.
2.1. Die ersten drei Monate
Die ersten drei Lebensmonate des Kindes sind vor allem durch das Gelangen aus der typischen Beugehaltung des Neugeborenen in einen leichten Stütz mit Heben
1 Unter propriozeptiver Wahrnehmung versteht man das erlernte und bewusste Zusammenspiel des
Sehnen-, Muskel- und Gelenksystems, die sogenannte Tiefensensibilität. Es handelt sich somit nicht
um die äußere, taktile Wahrnehmung von Reizen, sondern das Empfinden des eigenen Körpers im
Hinblick auf die äußere Umwelt, wie etwa angemessene Bewegungsabläufe, Gelenkstellungen und
der Stellung des Körpers im Raum.
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und Bewegung des Kopfes aus Bauchlage geprägt. Wird ein Kind geboren, wird es sich in Rückenlage am wohlsten fühlen, denn das Bewegungssystem und die Muskulatur sind noch nicht bereit, den für den restlichen Körper unverhältnismäßig großen Kopf aus Bauchlage heraus zu tragen. Doch bereits im zweiten Lebensmonat bemüht sich der Säugling, ein wenig Stütz auf seinen Unterarmen zu finden und den Kopf somit anheben und drehen zu können, was im dritten Monat noch verstärkt wird. Im Idealfall kann sich das Kind zwar ab dem dritten Monat selbständig auf die Seite drehen, jedoch noch keinen vollkommenen Lagewechsel vollziehen (z.B. in die Bauchlage) und somit ist es hier auf Hilfe von außen angewiesen. Eine Beruhigung des Kindes lässt sich von Anfang an durch Körperwärme undkontakt, Zureden und Streicheln sowie Füttern herbeiführen. Das Bewegt-Werden durch die Umwelt erfährt der Säugling als anregend oder auch beruhigend. Bereits im zweiten Monat beginnt der Säugling, Dinge in seiner näheren Umgebung mit den Augen zu fixieren und sie für kurze Zeit zu verfolgen. Das Kind nimmt Kontakt mit seiner Umwelt auf, wenn es angesprochen oder auch angelächelt wird, und kann bereits grob zwischen vertrauten und fremden Personen aufgrund der auditiven und visuellen Wahrnehmung unterscheiden. Das anfänglich sehr instabile Verhalten entwickelt sich langsam zu einem stabilerem, das Kind zeigt deutliches Interesse an seiner Umwelt und den Willen, neue Dinge zu erfahren, soweit es ihm motorisch möglich ist (vgl. Flehmig 2001, S. 109-144).
2.2. Vierter bis sechster Lebensmonat
Im vierten Monat beginnt das Kind, aus Rückenlage mit ihm gereichten Gegenständen zu spielen und sie auch in den Mund zu nehmen, die Hand-Fuß-Mund-Koordination setzt nun ein. Die Entwicklung des Kindes aus Bauchlage vollzieht sich in dieser Zeit so weit, dass ein sicherer Stütz auf die Unterarme mit gleichzeitigem Heben eines Arms zur Ergreifung eines Gegenstandes möglich ist, das Gleichgewicht und die Kopfkontrolle verbessern sich erheblich. Positionsänderungen erweitern hier den persönlichen Horizont des Kindes und seine Möglichkeiten, die Umwelt aus unterschiedlichen Perspektiven wahrnehmen zu können, und das Kind entwickelt so Freude an der Exploration seiner Umwelt.
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Die Beziehung der Mutter zum Kind spielt am Ende dieser Entwicklungsphase in Bezug auf Kontaktaufnahme des Säuglings zu fremden Personen eine große Rolle. Toleriert diese den Kontakt zu anderen Personen und steht diesem aufgeschlossen gegenüber, zeigt das Kind weniger Tendenzen, ein frühes Fremdeln zu entwickeln. Ängste und Abneigung von Seiten der Mutter auf eine solche Kontaktaufnahme übertragen sich jedoch schnell auf das Kind, was sich gegen Ende dieser Entwicklungsphase immer stärker ausprägen kann und das Kind kommt nun auch in die Lage, eigenes Unbehagen auszudrücken, was sich in Weinen und Schreien äußert. Das zeigt, dass der Säugling nun auch zur Beobachtung seiner eigenen Umwelt in Bezug auf die Reaktionen seiner Bezugspersonen(en) fähig wird. Oft wird trotz allem gegen Ende des sechsten Monats eine gewisse Skepsis gegenüber fremden Personen sichtbar, die jedoch durch geschickte Handhabung des Säuglings und der aufgeschlossenen Einstellung der Mutter positiv beeinflusst werden kann. Visuelle, akustische und taktil-kinästhetische Wahrnehmungen bauen nun auf den bereits gewonnen motorischen Fähigkeiten auf. Der Wille zur Interaktion mit der eigenen Umwelt prägt sich immer weiter aus, das Kind wendet verstärkt seine Aufmerksamkeit den Gegenständen seiner Umwelt zu, greift nach ihnen und beobachtet das Geschehen um ihn herum. Auch hier reagiert es mit Behagen oder Unbehagen auf die verschiedenen eintreffenden Reize (vgl. Flehmig 2001, S. 153-188).
2.3. Siebter bis neunter Lebensmonat
Diese Phase der Entwicklung ist vom Bemühen des Kindes, aus der liegenden Position in die selbständige Fortbewegung zu kommen, charakterisiert. Dies zeigt sich durch den Übergang von der Bauchlage in die Vierfüßlerstellung und dem noch unsicheren, nicht zielgerichteten Drehen um die eigene Achse im achten und schließlich dem eigentlichen Krabbeln im neunten Monat. Die Fortbewegung kann dann schon sehr schnell stattfinden und das Kind findet sichtlich Spaß daran. Gleichzeitig gibt dies dem Säugling die Möglichkeit, der Mutter aus eigenem Willen zu folgen oder sich von ihr zu entfernen, was eine völlig neue Interaktionsmöglichkeit zu ihr darstellt. Auch mit dem noch von außen unterstützten Hochziehen im achten
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Monat und schließlich dem selbständigen Hochziehen an Gegenständen im 9. Monat in den Stand gewinnt das Kind ein weiteres Maß an Selbständigkeit. Die Phase vom siebten bis zum neunten Monat ist auch dadurch gekennzeichnet, dass der Säugling beginnt, zwischen von ihm erwünschten und unerwünschten Personen zu unterscheiden und zu wählen. Das so genannte Fremdeln beginnt im siebten Monat und ist im achten Monat noch sehr viel ausgeprägter. Dieses Verhalten ist vor allem dadurch charakterisiert, dass das Kind sich nicht gerne von ihm fremden Personen anfassen lässt und ihnen gegenüber deutliche Skepsis zeigt. Auch Personen, die dem Kind zwar bekannt sind, aber in keinem sehr engen Kontakt mit ihm stehen, können eventuell eine vorübergehende Ablehnung durch das Kind erfahren. Gleichzeitig äußert der Säugling deutlichen Unmut, wenn seinen Wünschen und Vorstellungen nicht entsprochen wird und zeigt somit einen eigenen Willen im Umgang mit seiner Umwelt und Mitmenschen. Er lernt, die Menschen in seiner Umgebung gezielt an sich zu ziehen, um so sein persönliches Wirkungsfeld erweitern zu können.
Auch in dieser Phase des Fremdelns ist die bereits angesprochene Einstellung der Mutter zu dem Kind fremden Personen sehr wichtig. Verhält sich die Mutter im Allgemeinen aufgeschlossen und freundlich, kann sich dieses Verhalten positiv auf das Kind übertragen. Im Gegenzug jedoch können Ängste und Kontaktverweigerung das Fremdeln begünstigen (vgl. Flehmig 2001, S. 189-225). Katharina Zimmer beschreibt die Ursache des Fremdelns in der Unfähigkeit des Kindes, fremde, unvertraute Ereignisse und Personen in die eigenen, bereits vorhandenen Schemata einzuordnen. Es wird dadurch unsicher und sucht den Kontakt zur Mutter. Es werde dadurch deutlich, dass das Kind in diesem Alter bereits durchaus zwischen fremden und vertrauten Umständen zu unterscheiden könne (vgl. Zimmer 1987, S. 89).
2.4. Zehnter bis zwölfter Lebensmonat
In dieser bedeutenden Entwicklungsphase lernt das Kind sehr viel und schnell und fordert ständig mithilfe seiner Mitmenschen nach neuen Möglichkeiten zum Lernen. Die Fähigkeit zum selbständigen Fortbewegen wird weiter verbessert, das Kind liegt lediglich zum Schlafen noch längere Zeit in Rücken- oder Bauchlage, im
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Wachzustand können ihm diese Positionen sogar unangenehm sein. Sofort versucht es, aus diesen Positionen in den Vierfüßlerstand und zum Krabbeln oder Stehen zu kommen. Im zwölften Monat erlangt das Kind die Möglichkeit, ohne fremde Hilfe und ohne Festhalten in den Stand zu gelangen und eventuell wenige Schritte frei zu gehen. Das Fortbewegen an Gegenständen entlang erfolgt jedoch schnell und sicher, ebenso wie das Krabbeln. Die Vorbereitung für den aufrechten Gang und die Sprachentwicklung werden nun abgeschlossen.
Gleichzeitig werden seine Kontakte zur Umwelt differenzierter und es reagiert mit verschiedenen Emotionen auf diese, die seinen Mitmenschen signalisiert werden. Das Kind lernt, nicht mehr nur neben, sondern auch mit anderen zu spielen, d.h. es bezieht seine Mitmenschen in sein Spiel mit ein.
Fremden begegnet es weiterhin mit Skepsis, jedoch bildet sich das fremdelnde Verhalten, dass in der Zeit des siebten bis neunten Monats sehr ausgeprägt sein konnte, nun ein wenig zurück. Das Kind ist nun auch in der Lage, ihm unerwünschte Kontakte zu verweigern und so zwischen seinen Mitmenschen selektieren zu können. Behagen und Unbehagen sowie Ängstlichkeit werden zum Ausdruck gebracht, ebenso erkennt das Kind Stärken und Schwächen seiner Mitmenschen und weiß diese für seine eigenen Bedürfnisse zu nutzen. Das Kind ist neugierig, hat sehr viel Spaß am Entdecken und findet großen Gefallen an seiner immer weiter fortschreitenden Selbständigkeit (vgl. Flehmig 2001, S. 226-242).
2.5. Zusammenfassung
Betrachtet man die verschiedenen Entwicklungsschritte des ersten Lebensjahres als ein Ganzes, lässt sich schnell erkennen, dass hier die Grundsteine für viele weitere Entwicklungsphasen gelegt werden und wie bedeutsam dieses Jahr für die weitere Entwicklung sein muss. Das Kind lernt, bezogen auf seine Lebensdauer, sehr viele Dinge innerhalb kürzester Zeit und zieht zum Erlernen neuer Fähigkeiten ständig seine Umwelt in sein Handeln mit ein.
Durch die Entwicklung aus der liegenden Position zum aufrechten Stand und Gang sowie der Umgang und das Spiel mit verschiedenen Gegenständen werden hier die Voraussetzungen für spätere grob- und feinmotorische Fähigkeiten geschaffen. Die normale Entwicklung dieser grundsätzlichen motorischen Fähigkeiten hat ständige
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Rückwirkungen der Umwelt zufolge und aus diesem Wechselspiel von Aktion und Reaktion wird dem Kind die Möglichkeit gegeben, seinen psychischen und physischen Horizont zu erweitern. Zu dieser physischen Horizonterweiterung ist vor allem das Aufrichten des Körpers in die Vertikale von Bedeutung (vgl. Flehmig 2001, S. 40).
Auch die Voraussetzungen zur Entwicklung sozialer Kontakte werden im ersten Lebensjahr entwickelt, das Kind lernt Grundzüge der Interaktion mit seiner Umwelt und vor allem seiner Mitmenschen kennen, und auch, seine Umwelt bewusst in seine Handlungen und zur Befriedigung seiner Bedürfnisse einzubeziehen und einzusetzen. Auf die Wichtigkeit sozialer Kontakte und emotionaler Bindung im ersten Lebensjahr soll nun nachfolgend mithilfe der Bindungstheorie von John Bowlby näher eingegangen werden.
3. Die Bindungstheorie John Bowlbys
John Bowlby wurde im Jahre 1907 geboren und war ein britischer Arzt und Psychoanalytiker, der sich nach Abschluss seines Medizinstudiums in Cambridge/England für eine Laufbahn in der Kinderpsychiatrie entschied. Nachdem Bowlby bereits 1940 erstmals die negativen Folgen längerer Trennungen von Mutter und Kind beschrieb, beschäftigte er sich in den darauf folgenden Jahren weiter intensiv mit der Forschung auf diesem Gebiet, unter anderem eröffnete er in der Tavistock Clinic in England eine Abteilung für Kinderpsychotherapie. Im Jahre 1951 veröffentlichte er im Rahmen eines Beitrags für die Weltgesundheitsorganisation WHO weitere Untersuchungen zum Thema Mutterentbehrung, die in das Programm der UNO zum Wohle heimatloser Kinder aufgenommen wurde. 1969 schließlich erschien sein Werk „Bindung - Eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung“, mit welchem er die Bindungstheorie schließlich begründetet und auf das ich mich im in den folgenden Abschnitten unter anderem, neben seinem Werk „Frühe Bindung und menschliche Entwicklung“ und weiteren kürzeren Beiträgen in verschiedenen Zeitschriften, beziehen werden.
Bowlby gehört gemeinsam mit Mary S. Ainsworth (eine seiner Mitarbeiterinnen) zu den Pionieren der so genannten Bindungstheorie und hat mit seinen Forschungen
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Arbeit zitieren:
Corinna Schlotter, 2006, Kurzzeitige Trennung des Kindes von der Mutter im ersten Lebensjahr vor dem Hintergrund der Bindungstheorie, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
Bindung - Pionier der Bindungstheorie: Bowlby
Psychologie - Entwicklungspsychologie
Referat (Ausarbeitung), 10 Seiten
Bindungsverhalten und Bindungsstörungen
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
„Das Kind in der Krippe“ – Untersuchung der frühen institutionellen un...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 190 Seiten
Einfluss institutioneller Tagesbetreuung auf die Mutter-Kind-Bindung b...
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Diplomarbeit, 72 Seiten
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