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Die Osterfestrechnung des Victorius von Aquitanien

Hausarbeit, 2007, 35 Seiten
Autor: Nerea Vöing
Fach: Geschichte - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Details

Veranstaltung: Zwischen Schöpfung und Apokalypse - Kalender und Komputistik im Mittelalter
Institution/Hochschule: Universität Paderborn (Historisches Institut)
Tags: Komputistik, Ostern, Mittelalter, Beda Venerabilis, Vöing, Osterregel, Neumond, Festberrechnung
Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 2007
Seiten: 35
Note: 1,0
Sprache: Deutsch

Archivnummer: V125096
ISBN (E-Book): 978-3-640-30800-2
ISBN (Buch): 978-3-640-30616-9
Anmerkungen :
Der Anhang enthält die komputistische Tafel von Victorius von Aquitanien.


Zusammenfassung / Abstract

Da Ostern zu den beweglichen Festen gehört, ändert sich das Datum von Jahr zu Jahr. Aber schon immer war der Wunsch vorhanden, das Fest möglichst an dem Tag zu feiern, an dem auch das historische Ereignis stattgefunden hatte. Um dieses zu erreichen, verband man das Osterfest seit frühchristlicher Zeit mit dem jüdischen Passahfest und den Terminvorschriften bei dessen Berechnung. Allerdings tauchte in den Auseinandersetzungen der Antike und des Mittelalters immer wieder der Vorwurf des „Judaisierens“ auf. Durch das Hinzukommen der Heidenchristen zu der ursprünglich jüdischen urchristlichen Gemeinschaft verschärfte sich dieser Konflikt. Die Heidenchristen forderten mehr Distanz zum Judentum und folglich auch eine neue Osterregel. [...]


Textauszug (computergeneriert)

Universität Paderborn ­ WS 2006/07

HS: Zwischen Schöpfung und Apokalypse ­ Kalender und Komputistik im Mittelalter

Die Osterfestrechnung des

Victorius von Aquitanien

von

Nerea Vöing

Bachelor Kulturwissenschaften

(Geschichte, Deutschsprachige Literatur)

5. Fachsemester


Inhaltsverzeichnis

1. Die Osterfestrechnung: 3

2. Victorius von Aquitanien: 4

3. Die Ostertafel des Victorius: 7

4. Die Rezeption: 8

5. Quellenverzeichnis: 9

6. Literaturverzeichnis: 9

2


1. Die Osterfestrechnung:

Da Ostern zu den beweglichen Festen gehört, ändert sich das Datum von Jahr zu Jahr. Aber

schon immer war der Wunsch vorhanden, das Fest möglichst an dem Tag zu feiern, an dem

auch das historische Ereignis stattgefunden hatte. Um dieses zu erreichen, verband man das

Osterfest seit frühchristlicher Zeit mit dem jüdischen Passahfest und den Terminvorschriften

bei dessen Berechnung.1

Allerdings tauchte in den Auseinandersetzungen der Antike und des Mittelalters immer

wieder der Vorwurf des ,,Judaisierens" auf. Durch das Hinzukommen der Heidenchristen zu

der ursprünglich jüdischen urchristlichen Gemeinschaft verschärfte sich dieser Konflikt. Die

Heidenchristen forderten mehr Distanz zum Judentum und folglich auch eine neue Osterregel.

So wurde das Osterdatum, vermutlich dem Erzbischof Athanasius folgend, auf dem Konzil

von Nicäa 324 n. Chr. auf den ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond festgelegt.

Überliefert wurde dies von Dionysius Exiguus. Die Regelung bezeichnet man als

Vollmondregel oder Ostergrenze.

Die Neuerung war, dass Ostern nun an einem festen Wochentag gefeiert wurde. Vorher hatte

man in Abhängigkeit vom Passahfest der Wochentag nicht berücksichtigt.

Im Jahre 525 n. Chr. wurde der kalendarische Frühlingsanfang von Dionysius Exiguus

einheitlich auf den 21. März festgelegt

.

Die Berechnung des Osterdatums wurde durch diese

Festlegungen direkt an die Bestimmung der Vollmonde geknüpft und hierzu wurde der

Mondkalender herangezogen. Die Grundlage des Mondkalenders ist der

synodische Monat

,

die Zeit von einem Vollmond bis zum nächsten. Der synodische Monat umfasst 29,53 Tage.

Da 19 tropische Jahre fast exakt 235 synodischen Monaten entsprechen, wiederholen sich die

Mondphasen alle 19 Jahre. Diese Abfolge bezeichnet man als

Metonischen Zyklus.

Dieser

Zyklus wurde vom alten Computus als korrekt angesehen und erst durch die Gregorianische

Kalenderreform korrigiert.2

Als im 6. Jahrhundert der Computus eingerichtet wurde, wurde von einem Jahr ausgegangen,

in welchem das erste Frühlingsneulicht auf den 23. März fällt.3 Das Jahr, in dem der

historische Frühlingsanfang mit dem Anfang einer Mondperiode zusammenfällt, bekam die

Goldene Zahl

(GZ) 1. Ein solches Jahr war 532 n. Chr. und somit auch 1 v. Chr.4

Die allgemeine Formel hierfür lautet:

1 Vgl. Brincken, Anna-Dorothee von den: Historische Chronologie des Abendlandes. Kalenderreformen und

Jahrtausendrechnungen; eine Einführung, Stuttgart 2000, S. 71.

2 Vgl. Zemanek, Heinz: Kalender und Chronologie, München 31984, S. 45.

3 Vgl. Zemanek,

Kalender

, S. 45.

4 Vgl. Zemanek,

Kalender

, S. 45.

3


anChr+1

GZ = REST

19

5

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Osterfestberechnung sind die

Epakte.

Sie bezeichnen

das Alter des Mondes am Neujahrstag (22. März im Julianischen Kalender und 1. Januar im

Gregorianischen Kalender), vom Neulicht an gerechnet.6 Die Epakte geben folglich an, wie

viele Tage seit dem letzen Neumond vergangen sind.

Die mittelalterlichen Komputisten suchten also zur Berechnung des Ostertermins den Sonntag

nach dem Vollmond, der auf den Frühlingsanfang folgt.

Insgesamt kommen dieser Osterregel zufolge die Tage vom 22. März bis zum 25. April in

Betracht.

Die Auseinandersetzungen um die Berechnung des richtigen Osterfesttermins blieben aber

enorm. Zu einer maßgeblichen Lösung kam es um 457 n. Chr. durch die Ostertafel des

Victorius von Aquitanien7 und 525-532 n. Chr. durch ihre Variation von Dionysius Exiguus.8

2. Victorius von Aquitanien:

Über das Leben von Victorius von Aquitanien ist kaum etwas bekannt. Er war vermutlich

Kleriker und Hilarius nannte ihn in seinem Brief

frater

, was ihn als ein Hilarius untergebener

Geistlicher kennzeichnet9.

Zur Zeit von Victorius von Aquitanien waren der 84-jährigen Osterzyklus der römischen

Kurie und der 19-jährigen Zyklus, beruhend auf der 100-jährigen Ostertafel des Bischofs

Theophilus von Alexandrien, in Gebrauch. Durch diese unterschiedlichen Osterzyklen kam es

zu Differenzen zwischen der Kirche des Ostens und der des Westens.

Papst Leo I. (440-461) strebte einen Ausgleich an, da er sich bis dato nicht mit oströmischen

Kaiser Marcian hatte einigen können. Knackpunkt in diesem Konflikt war vor allem der 24.

5 Zemanek.

Kalender

, S. 46.

6 Vgl. Zemanek.

Kalender

, S. 46.

7 Victorius Aquitanus: Cursus paschalis Annorum DXXXII, ed. MG AA 9, S. 666-751.

8 Dionysius Exiguus: Liber de paschale, ed. Migne PL67. S. 453ff. Dionysius Exiguus: Incipit Dionisii Exigui

libellus de cyclo magno paschale DCCCII annorum, ed. Krusch,

Studien

, 63-87.

9 Der Korrespondenz von Hilarius und Victorius ist editiert von: Krusch,

Studien

, S. 16-26 und Mommsen, MG

AA 9.

4


April, den die 100-jährige Ostertafel zwar verzeichnete, welcher der Osterregel des

Abendlandes aber widersprach.10

Um diese Differenzen zu lösen, beauftragte der römische Archidiakon Hilarius (der spätere

Papst Hilarius I.) im Interesse des Papstes Leo I. den ,,ausgezeichneten" Mathematiker

Victorius von Aquitanien mit der Aufstellung einer neuen Ostertafel.11

Dieses war keine leichte Aufgabe. Hilarius hatte es selber schon probiert, war aber nicht über

die Erkenntnis herausgekommen, dass der 19-jährige und der 84-jährige sich gegenseitig

widersprächen, was allerdings keine neue Erkenntnis darstellte.12

Der Auftrag Victorius′ war,

das kontroverse Schrifttum zur Osterfestberechnung zu sichten, Irrtümer zu beseitigen und

damit die Grundlage für eine Verständigung der Kirchen des Westens und des Ostens zu

schaffen.

Um die unterschiedlichen Osterregeln zusammen zu bringen bediente Victorius sich bei der

Methode des ägyptischen Mönches Annianos (vermutlich um 412 n. Chr.), der den 19-

jährigen Mondzyklus und den 28-jährigen Sonnenzyklus zu einem großen Osterzyklus

zusammenfasste.13

Kombiniert man diese beiden Zyklen, ergibt sich folgende Rechnung:

19 x 28 = 532 Jahre

Nach Ablauf dieser Periode von 532 Jahren würden die Ostervollmonde auf denselben

Monats- und Wochentag zurückkehren, wenn es keine Epaktenveränderung gäbe.14

Die Zusammenfassung des Sonnen- und des Mondzyklus war nötig, da der verwendete

Kalender im Mittelalter sich auf das Sonnenjahr bezog, aber das Osterfest in Abhängigkeit

vom Mond berechnet wurde.

Die Rechenweise von Annianos erfuhr Anfangs keine große Verbreitung, aber durch

Victorius′ Ostertafel, dem 457 n. Chr. von ihm verfassten ,,Cursus paschalis" gelangte sie in

den Westen.

Bei diesem

Cursus paschalis

handelt es sich um eine Liste von 532 Osterdaten, sie umfassen

die Jahre 28-559 n. Chr. Victorius kombinierte hierbei die alexandrinische Bestimmungsweise

mit den Eigentümlichkeiten der römischen Berechnung.

10 Vgl. Krusch, Bruno: Studien zur christlich-mittelalterlichen Chronologie, die Entstehung unserer heutigen

Zeitrechnung (Abhandlungen der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse;

1937,8 ), Berlin 1938, S.4.

11 Vgl. Krusch,

Studien

, S.4.

12 Vgl. Krusch,

Studien

, S.5.

13 Vgl. Brincken,

Historische Chronologie,

S. 74.

14 Vgl. Zemanek.

Kalender

, S. 54.

5


Nach Victorius Ostertafel darf Ostern nie vor

luna XVI

gefeiert werden, sondern soll, wenn

Vollmond auf Samstag fällt, auf den zweitfolgenden Sonntag verschoben werden (

luna XXII).

Des weiteren darf Ostern nicht an

luna XV

(dem jüdischen Passahfest) gefeiert werden.

Victorius folgte hierbei dem römischen Usus, nach dem Ostern frühestens auf den 20. März

fallen konnte. Die alexandrinische Osterregel sah Ostern aber frühestens am 22. März.15

Victorius vermied bei der Erstellung seiner Ostertafel demnach Abweichungen vom

alexandrinischen Vorbild nicht.

Mit dieser Vorgehensweise scheint Victorius sich allerdings nicht immer sicher gewesen zu

sein und merkte an einigen Stellen sowohl das alexandrinische, als auch das römische Datum

an. Dies gilt unter anderem für die Jahre 38, 58, 85, 109, 132, 204, 326, 427 und 531.

Für das Jahr 501 vermerkte Victorius mehrere Ostertermine, ein Datum ist mit dem Zusatz

Romani

versehen, welcher sich nur ein einziges Mal in der Liste findet. Victorius gibt die

unterschiedlichen Termine ohne Urteil über ihre Richtigkeit an. Er notierte sowohl

luna XV

,

welches den Römern zuwider war, als auch

luna XXII

, was gegen die alexandrinische

Methode verstieß. Die Termine benannte Victorius mit

Latini

und

Graeci

, wobei

Graeci

keineswegs immer die Alexandriner bezeichnet.16 Die Entscheidung über die Richtigkeit

überließ er hierbei dem Papst.

Ursprünglich war Victorius′ Anliegen wohl, die alexandrinische Berechnungsweise zu

verbessern. Allerdings gelang ihm dieses nicht, da er wohl kaum über Griechischkenntnisse

verfügte und die östliche komputistische Literatur nicht kannte oder verstand oder einfach

nicht genügend berücksichtigte.17

So gelang Victorius mit seiner Ostertafel keine allseits befriedigende Lösung. Seine

Ostertafel verbreitete sich zwar im Westen, vor allem in Gallien, wo sie 541 von der Synode

von Orléans für verbindlich erklärt wurde18, aber die Forderung, dass Ostern nach Victorius′

Liste von allen Priestern zu einer Zeit gefeiert werden sollte, konnte sich nicht durchsetzen.

Der verbindliche Ostertermin sollte zu Epiphania bekannt gegeben werden und sollten

Zweifelsfälle auftreten, würde weiter geforscht werden.19 Allerdings kam es bei den

Doppeldaten auf der Ostertafel häufig zu solchen Zwischenfällen. Für diese Fälle war ein

Vorgehen vorgesehen, welches die Frage nach dem richtigen Datum allerdings erst im

Nachhinein beantworten konnte. Man erforschte dann, an welchem Tag sich die Taufbecken

15 Vgl. Brincken,

Historische Chronologie

, S. 72.

16 Vgl. Krusch,

Studien

, S.13.

17 Vgl.

Victorius von Aquitanien

, bearb. v. Jan Prelog, in: LexMA, Bd. 8, Sp. 1630.

18 Vgl. LexMA, Bd. 8, Sp. 1630.

19 Vgl. Krusch,

Studien

, S.11.

6


in Spanien gefüllt hatten und stimmte dieses Datum mit dem Osterdatum überein, so hatte

man die Genugtuung, dass man richtig gefeiert hatte, wenn nicht, wurde es ,,schmerzvoll."20

Die Verbreitung der Ostertafel reichte zwar bis Neapel, aber sie setzte sich nicht im ganzen

lateinischen Raum durch.21

Erst die Bearbeitung durch Dionysius Exiguus nach dem Vorbild Kyrills von Alexandrien

konnte die Differenzen zwischen Rom und Alexandrien beseitigen. Beda Venerabilis verhalf

dem Zyklus Anfang des 8. Jahrhunderts dann zu durchschlagendem Erfolg.22

Die Entwicklung zu diesem ,,Großen Zyklus" war allerdings sehr schwer. Versuche, in

kleineren Zeiträumen die Osterfestreihen wiederkehren zu lassen, führten immer wieder zu

Zwistigkeiten, verstärkt durch Diskussionen um den frühestmöglichen Termin der Feier.23

3. Die Ostertafel des Victorius:

Die Ostertafel enthält neben der Zählung der Konsuln eine Zeitrechnung nach der Passion

Christi. Dies war die entscheidende Neuerung. Victorius zählte das erste Mal die Jahre ,,nach

Christus". Allerdings geht er von der Passion Christi aus, die er in das Jahr 28 n. Chr. datiert.

Erst Dionysius Exiguus zählt von der Geburt Christi an (,,Inkarnationsära"). Victorius lässt

bei seiner Entscheidung, anders als später Dionysius Exiguus, keine theologische Motivation

erkennen. Dionysios äußert, dass man nicht weiter nach einem gottlosen Christenverfolger

und Tyrannen (Diokletian) zählen solle. Victorius scheinen dagegen eher praktische

Erwähnungen zu der neuen Zählweise gebracht haben, da die Konsullisten sehr unzuverlässig

waren.24

Bruno Krusch bezeichnet die Ostertafel des Victorius sogar als

,,

ungefähren Tiefstand der

Konsullisten-Literatur

"25, es wimmelt in der gesamten Liste ab

anno I

von Fehlern. Für die

ihm nachfolgenden Jahre hatte Victorius aber Raum gelassen, der von diversen Abschreibern

genutzt wurde, um die Konsulliste weiterzuführen. Diese Aufzählungen sind von höherem

historischem Wert als die des Victorius.26

Neben der Jahreszählung

post passionem

und der fehlerhaften Konsulliste enthält die

Ostertafel den Wochentag, das Mondalter am 1. Januar, den Ostertag und sein Mondalter.

Die Spalte mit unserer Jahreszählung ist vom Editor ergänzt.

20 Krusch,

Studien

, S.11.

21 Vgl. Krusch,

Studien

, S.5.

22 Vgl. Brincken,

Historische Chronologie

, S. 74.

23 Vgl. Grotefend, Hermann: Taschenbuch der Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit,

Hannover 121982, S. 5.

24 Vgl. Maier, Hans: Die christliche Zeitrechnung, Freiburg 52000, S. 67.

25 Vgl. Krusch,

Studien

, S.10.

26 Vgl. Krusch,

Studien

, S.10.

7



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