Notiz: Zusammen mit „Der Fall Franza“ und „Requiem für Fanny Goldmann“ sollte „Malina“ nach dem Willen Ingeborg Bachmanns den Zyklus „Todesarten“ bilden. Im Jahre 1971 wurde der Roman „Malina“ als der einzige vollendete Teil dieses künstlerischen Werkes veröffentlicht. Auch 30 Jahre nach dem Tod der Autorin gibt es unzählige Lesarten und unterschiedlichste Interpretationen, das Buch lässt keine rein eindimensionale Betrachtung zu. Immer wieder stand und steht noch die Frage nach den möglichen biographischen Zusammenhängen im Vordergrund, welche zum einen ganz verworfen und zum anderen als elementar angesehen wird. Handelt es sich bei „Malina“ um einen Krimi, einen Liebesroman oder vielleicht um ein Drama, da zu Beginn des Textes die Personen aufgelistet und Zeit und Ort genannt werden ? Eine Festlegung auf eine alleinige Kategorie würde dem Buch sicherlich nicht gerecht, vielleicht trifft eine Mischung aus Psychodrama, Gesellschaftssatire und Lebensphilosophie eher zu.
Die Arbeit ist in 3 Teile gegliedert:
1.Zunächst ist die Figur des Vaters und sein Verhältnis zum „Ich“ der Ausgangspunkt der Interpretation. Da der Vater nur im zweiten Abschnitt, dem sogenannten „Traumkapitel“ eine Rolle spielt, werden vorher die Struktur und die möglichen Hintergründe eben dieses Kapitels erläutert.
2.Anschließend folgt der zweite größere Part der Arbeit, in welchem nun die Figur Malina - wiederum hinsichtlich der Beziehung zur Ich- Erzählerinden Kern der Interpretation bildet.
3.Der dritte und letzte Part greift das Ende des Romans heraus, eine Schlüsselszene, die auch immer wieder in der Forschung zu unterschiedlichsten Interpretationen führt.
Demnach sollen auch zunächst einige dieser Sichtweisen aus der Wissenschaft - ergänzt mit eigenen Überlegungen - erläutert werden, bevor im folgenden Kapitel eine gänzlich eigene Analyse zum letzten Teil des Buches erfolgt.
Anmerkungen des Professors: Eine sehr ausgewogene und gründliche Arbeit, die einerseits präzise am Text arbeitet, andererseits den Dialog mit einzelnen Forschungsstationen aufnimmt, und dies auf einem höchst schwierigen Terrain. Die sprachliche Gestaltung ist rundum gelungen. Eine durchweg gelungene Arbeit auf hohem Niveau!
INHALTSVERZEICHNIS
1.0 EINLEITUNG
1.1 Allgemeines S.2
1.2 Begrenzungen und Thema der Arbeit S.2
1.3 Erläuterung der Begriffe „Gewalt“ und „Aggression“ S.4
2.0 HAUPTTEIL
2.1 Struktur des zweiten Kapitels S.5
2.2 Gewaltdarstellungen im zweiten Kapitel S.6
2.2.1 Der Vater als Inbegriff der Zerstörung S.6
2.2.2 „Blutschande“ S.8
2.2.3 Faschismus S.9
2.2.3.1 Die Vaterfigur und der Faschismus S.10
2.3 „Diktator“ Malina ? S.13
2.3.1 „Weinen“ - Malina als dominante Figur S.15
2.4 Töte ihn töte ihn - Das Ende des Romans S.18
2.4.1 Interpretationen aus der Forschung S.18
2.4.2 Eigene Analyse S.19
3.0 SCHLUSS
3.1 Gewalttäter und ihre Formen der Gewalt S.22
3.1.1 Der Vater S.22
3.1.2 Malina S.23
3.2 Schlussbetrachtung S.24
S.26
LITERATURVERZEICHNIS
S.28
ANHANG
2
1.0 EINLEITUNG
1.1 Allgemeines
Zusammen mit „Der Fall Franza“ und „Requiem für Fanny Goldmann“ sollte „Malina“ nach dem Willen Ingeborg Bachmanns i den Zyklus „Todesarten“ bilden. Im Jahre 1971 wurde der Roman „Malina“ als der einzige vollendete Teil dieses künstlerischen Werkes veröffentlicht. Auch 30 Jahre nach dem Tod der Autorin gibt es unzählige Lesarten und unterschiedlichste Interpretationen, das Buch lässt keine rein eindimensionale Betrachtung zu. Immer wieder stand und steht noch die Frage nach den möglichen biographischen Zusammenhängen im Vordergrund, welche zum einen ganz verworfen und zum anderen als elementar angesehen wird.
Handelt es sich bei „Malina“ um einen Krimi, einen Liebesroman oder vielleicht um ein Drama, da zu Beginn des Textes die Personen aufgelistet und Zeit und Ort genannt werden ? Eine Festlegung auf eine alleinige Kategorie würde dem Buch sicherlich nicht gerecht, vielleicht trifft eine Mischung aus Psychodrama, Gesellschaftssatire und Lebensphilosophie eher zu.
Im gesamten „Todesarten“ - Zyklus lässt sich eine Gemeinsamkeit ausmachen: die Zerstörung des Weiblichen als mögliches Thema der Romane, bzw. der Romanfragmente. Frauen, die von einer Männerwelt seelisch und körperlich zugrunde gerichtet werden, stellen unter anderem einen Aspekt zur näheren Betrachtung dar. Wobei eine solche Sichtweise dem Buch wohl einen sehr feministischen und emanzipatorischen „Beigeschmack“ unterstellen würde. Weiterhin lassen sich natürlich weitere thematische Bezüge hinsichtlich des Faschismus in Bachmanns Werken finden, den sie als Kind persönlich miterlebte. Die Beziehungen von Mann und Frau stehen in ihren Werken deshalb oft im Zusammenhang mit dem Faschismus:
„Wenn Bachmann später über Faschismus schreibt, dann meint sie nicht nur seine organisierte, seine öffentliche Spielart. Vielmehr spürt sie seinen Ursprüngen nach im Alltag der zwischenmenschlichen Beziehungen, zumal in den Beziehungen zwischen Mann und Frau.“ 1
Andere Arbeiten über „Malina“ greifen den Aspekt der Figurenkonstellation auf, d.h. es steht dabei die Frage im Vordergrund, ob es sich bei der Ich - Erzählerin im Roman und Malina (und Ivan) um ein und dieselbe Person handelt. All diesen möglichen Sichtweisen soll in der vorliegenden Arbeit nur partiell nachgegangen werden, also insofern, wie es für den Hauptaspekt vonnöten zu sein scheint, welcher im nun folgenden Einführungskapitel näher erläutert werden soll.
1.2 Begrenzungen und Thema der Arbeit
Ich habe mir geschworen, dich zu töten! Aber ich habe geschrien: Ich hasse dich mehr als mein Leben! 2
1 Heidelberger-Leonard, Irene: „Ingeborg Bachmann und Jean Améry - Zur Differenz zwischen der Ästhetisierung des Leidens und der Authentizität traumatischer Erfahrung“. In: Stoll, Andrea: „Ingeborg Bachmanns >Malina< “. Suhrkamp, Frankfurt, 1.Auflage 1992. S.289
2 Bachmann, Ingeborg: “Werke - Dritter Band: Todesarten: Malina und unvollendete Romane”. Hrsg: Koschel, von Weidenbaum und Münster. Piper, München/Zürich, 5.Auflage 1993. S.191. è Mit >Bachmann, Ingeborg: “Malina“< gekennzeichnete Literaturangaben und Seitenangaben in der Hausarbeit beziehen sich im folgenden auf diese Ausgabe.
3
Die Arbeit trägt den Titel „Aspekte der Gewalt in Ingeborg Bachmanns Roman Malina“. Doch bevor diesem Gesichtspunkt konkret im Buch selbst nachgegangen werden kann, soll zuerst geklärt werden, was man unter Gewalt eigentlich versteht. Dies ist das Thema des ersten Kapitels im Hauptteil; vorgestellt werden in kurzer Form allgemeine und spezielle Definitionen des Ausdrucks „Gewalt“. Dies scheint mir unerlässlich, um später in vergleichender Weise das Verständnis und die Darstellung von Gewalt im Roman selbst betrachten und interpretieren zu können. Auch eine kurze Erklärung des Begriffes „Aggression“ soll erläutert werden, um diesen vom Gewaltbegriff, wenn nötig, trennen zu können.
Nach diesem noch allgemein gehaltenen Teil, wird in den folgenden Teilen der Hausarbeit nun konkret auf den Roman selbst Bezug genommen. Die Arbeit lässt sich inhaltlich in drei größere Abschnitte aufteilen.
• Zunächst ist die Figur des Vaters und sein Verhältnis zum „Ich“ der Ausgangspunkt der Interpretation. Da der Vater nur im zweiten Abschnitt, dem sogenannten „Traumkapitel“ eine Rolle spielt, werden vorher die Struktur und die möglichen Hintergründe eben dieses Kapitels erläutert.
Verschiedene Aspekte stehen in der nun folgenden Interpretation im Vordergrund. So stellt sich die Frage nach dem Verhältnis der Tochter zum Vater ? Gibt es hierbei eine dominante Figur oder eine ausgeglichene Beziehung zwischen beiden Figuren ?
Zuerst spielen in diesem Kapitel die Gewaltaspekte in allgemeiner Form eine Rolle, im folgenden soll die Metapher der „Blutschande“, welche im zweiten Drittel des Buches mehrmals auftaucht näher betrachtet werden.
Sichtweisen aus der Literaturwissenschaft werden zu diesem Thema miteingebracht. Den darauf folgenden größeren Abschnitt, bei dem die Figur des Vaters im Mittelpunkt steht, bilden die darauffolgenden zwei Unterkapitel, die sich mit der Darstellung des Faschismus allgemein und schließlich in Zusammenhang mit der Vaterfigur beschäftigen (wobei sich diese beiden Aspekte kaum auseinanderhalten lassen, da sie im Roman meist gemeinsam auftreten).
• Anschließend folgt der zweite größere Part der Arbeit, in welchem nun die Figur Malinawiederum hinsichtlich der Beziehung zur Ich- Erzählerin - den Kern der Interpretation bildet. Schon allein die Überschrift dieses Kapitels der Hausarbeit rückt die Frage in den Vordergrund, ob Malina ein aggressives, bzw. gewalttätiges Verhältnis zum Ich besitzt ? Analog zur vorherigen Betrachtung der Metapher der „Blutschande“, wird auch hier ein konkretes Bild herausgegriffen, welches in mehreren Szenen vorkommt: Das „Weinen“ der Ich- Figur und die Absichten und Verhaltensweisen Malinas werden hierbei interpretiert.
Dies bildet den Abschluss des zweiten Teils der Arbeit.
• Der dritte und letzte Part greift das Ende des Romans heraus, eine Schlüsselszene, die auch immer wieder in der Forschung zu unterschiedlichsten Interpretationen führt. Demnach sollen auch zunächst einige dieser Sichtweisen aus der Wissenschaft - ergänzt mit eigenen Überlegungen - erläutert werden, bevor im folgenden Kapitel eine gänzlich eigene Analyse zum letzten Teil des Buches erfolgt.
Im Schlussteil werden dann schließlich die wichtigsten Punkte der vorherigen Kapitel in komprimierter Form nochmals zusammengefasst und ein Fazit zur gesamten Arbeit gezogen. Zu erwähnen ist noch, dass in der Arbeit vor allem die letzten beiden Kapitel, d.h. der zweite Teil „Der dritte Mann“ und das abschließende Kapitel „Von letzten Dingen“ für die
4
Interpretation eine Rolle spielen. Denn vor allem hier finden sich fruchtbare Ausgangspunkte, die für die genannten Interpretationsziele relevant sind. Somit spielt das erste Drittel des Romans, d.h. der Abschnitt „Glücklich mit Ivan“ eine eher nebensächliche Rolle, sozusagen nur als „Hintergrund“ für die nächsten beiden Kapitel. Diese Beschränkung zieht logischerweise nach sich, dass die Figur des „Ivan“ dann ebenfalls nur am Rande betrachtet werden kann, da das Hauptaugenmerk hinsichtlich der Protagonistenauswahl auf den Figuren des Ichs, des Vaters und Malinas liegt.
1.3 Erläuterung der Begriffe „Gewalt“ und „Aggression“
Wie bereits in der Einführung erwähnt, soll in diesem Kapitel nun eine Definition von „Gewalt“ im allgemeinen und auch wissenschaftlichen Sinne erfolgen, um das notwendige Hintergrundwissen zu besitzen, das für einen Vergleich mit den Gewaltstrukturen in „Malina“ notwendig sein wird.
Im allgemeinen „täglichen“ Gebrauch werden die Substantive „Gewalt“ und „Aggression“ meist gleichbedeutend verwendet, es lässt sich zwischen beiden Wörtern keine eindeutige Trennlinie ziehen.
Dennoch gibt es einige Merkmale, die eine Unterscheidung beider Begriffe erleichtern können.
Aggressionen müssen nicht immer Auslöser für Gewaltakte sein, Aggression kann zum Beispiel als innerer psychischer Zustand eines Menschen angesehen werden, welcher durch eine vorhergehende unangenehme Situation bewirkt wurde.
Gewalt wird oft auch als eine Form aggressiven Verhaltens eingestuft, welche sich dann gegen andere Mitglieder derselben Gesellschaft richten kann. Aggression stellt im Gegensatz zu dieser Gewaltdefinition jegliches Verhalten dar, das auf Störung, Verletzung, Verdrängung und Vernichtung anderer Lebewesen ausgerichtet ist.
Schlagen wir einmal in einem Fremdwörterlexikon nach, so finden wir unter dem Substantiv „Aggression“ folgendes:
„die; -,-en 1. feindseliges Verhalten, Angriffsverhalten als Reaktion auf Bedrohung oder zum Zweck der Machtausübung 2. feindselige Einstellung, ablehnende Haltung (jemandem oder et. gegenüber), Angriffslust 3. völkerrechtswidriger Angriff, Überfall auf einen Staat“ 3 Die Suche nach „Gewalt“ bringt im „Duden“ folgendes Ergebnis:
„Die; -, -en [mhd. Gewalt, ahd. (gi)walt, zu walten]: 1.Macht, Befugnis, das Recht u. die Mittel, über jmdn., etw. zu bestimmen, zu herrschen: (...) 2.unrechtmäßiges Vorgehen, wodurch jmd. zu etw. gezwungen wird: (...) 3.elementare Kraft von zwingender Wirkung: (...)“ 4
Gewalt ist demnach eher unrechtmäßig und mehr als zwingende Kraft anzusehen, als Aggression, welche sich auch nur in einer ablehnenden Haltung manifestieren kann. In der Psychologie, die sich ja mit dem Verhalten des Menschen und dessen Auswirkungen auf die Umwelt beschäftigt, gibt es durchaus unterschiedliche Thesen zum Begriff der Aggression.
3 Internetquelle: Langenscheidts Fremdwörterbuch online. http://www.langenscheidt.aol.de/
4 Drosdowski, Günter [Hrsg.]: „Duden Deutsches Universalwörterbuch“. Hrsg. u. bearb. vom Wiss.Rat u.d. Mitarb. d. Dudenred. unter Leitung von Günther Drosdowski. Dudenverlag, Mannheim/Wien/Zürich, 1989. S.605
5
Man kann dabei von 3 wissenschaftlichen Haupttheorien aggressiven Verhalten ausgehen, den Triebtheorien, den Frustrations-Aggressions-Theorien und den Lerntheorien ii , welche hier aber nicht näher vorgestellt werden können (siehe Anhang).
Nach dieser kurzen Einführung soll nun zum Hauptteil und damit zu konkreten Textstellen im Buch übergegangen werden.
2.0 HAUPTTEIL
2.1 Struktur des zweiten Kapitels
„Das zweite Kapitel des Romans, >Der dritte Mann<, wird von der Mehrheit der Rezensenten und Interpreten als das Schlüsselkapitel, das Herzstück des Romans verstanden, um das herum die anderen Stücke >komponiert< seien.“ 5
Um dem Stellenwert dieses zweiten Kapitels gerecht zu werden, soll in kurzer Form zunächst dessen formaler und inhaltlicher Aufbau beschrieben werden.
Die oben zitierte Aussage von Bärbel Lücke macht deutlich, welche Bedeutung dieses Kapitel im Roman hat. Der Titel ist laut Lücke einem Kriminalfilm von Graham Greene entliehen, der im weitläufig verschlungenen Kanalsystem von Wien spielt:
„Das Kanalsystem, im Film Schauplatz auch eines psychischen Dramas, dient als Chiffre dafür, dass der Leser im zweiten Kapitel ins Reich des Unterbewussten entführt wird, ins Reich der Träume.“ 6 Sigrid Weigel schreibt:
„Das zweite Kapitel „Der dritte Mann“ (...) besteht aus einer Serie von Traumszenen, die gleichsam die Nachseite zum >Heute< des Ich darstellen: „Es sind die Träume von heute nacht“. 7
Im allgemeinen „Traumkapitel“ genannt, spielt dieses zweite Kapitel an verschiedenen Schauplätzen, welche oft sprunghaft gewechselt werden, es herrscht im Gegensatz zu den anderen beiden Kapiteln eine abstrakte Zeit- und Ortslosigkeit vor. Dies wird schon zu Beginn deutlich gemacht:
„Der Ort ist diesmal nicht Wien. Es ist ein Ort, der heißt Überall und Nirgends. Die Zeit ist nicht heute. Die Zeit ist überhaupt nicht mehr, denn es könnte gestern gewesen sein, es kann wieder sein, immerzu sein, es wird einiges nie gewesen sein.“ (S.174) Vordergründig besteht „Der dritte Mann“ aus den Kämpfen und Auseinandersetzungen der Ich - Erzählerin, d.h. der Tochter mit der alles beherrschenden allmächtigen Vatergestalt. Der Vater ist mehrere Male der Inbegriff unterschiedlichster Macht- und Wissensinstanzen, so tritt er zum Beispiel unter anderem als Regisseur (S.199) und Couturier (S.209) aber auch als Verkörperung eines Krokodils (S.223) auf. Einige Male werden Dialoge zwischen dem „Ich“ und Malina eingeschoben; die Art der Darstellung dieser Gespräche erinnert an ein Drama, zumal diese Dialoge formal (untereinandergesetzte Namen) an ein Theaterstück erinnern. Kennzeichnend für ein solches Gespräch sind die beständigen Fragen und Anweisungen Malinas, die in dem betreffenden Kapitel zur Figur Malina aber noch näher untersucht werden sollen.
5 Lücke, Bärbel: „Ingeborg Bachmann: Malina - Interpretation“. Oldenbourg, München, 1.Auflage, 1993. S.119
6 ebda.
7 Weigel, Sigrid: „Zur Genese, Topographie und Komposition von Malina“. In: Mayer, Mathias: „Werke von Ingeborg Bachmann“. Hrsg. von Mathias Mayer. Reclam, Stuttgart, 2002. S.221
6
Die Beziehung der Ich-Figur zu dem Vater ist von Konfrontationen geprägt, die Vaterfigur verbietet dem Ich einerseits „das Schreiben und die Sprache“ 8 andererseits allerdings ist das Ich an dieselbe „libidinös gebunden“ 9 .
Nach dieser kurzen strukturellen Übersicht über das zweite Kapitel soll nun im nächsten Abschnitt Bezug auf den Inhalt genommen werden.
2.2 Gewaltdarstellungen im zweiten Kapitel
2.2.1 Der Vater als Inbegriff der Zerstörung
Wie bereits oben erwähnt, befindet sich die Ich-Figur im Kapitel „Der dritte Mann“ im Unbewussten bzw. Unterbewussten, was sich durch die angesprochene Zeit- und Ortslosigkeit manifestieren lässt. Im Mittelpunkt steht die Figur des Vaters, der die Tochter (die Ich-Erzählerin) auf grausame Weise quält und misshandelt. Das Zitat „Das ist der Friedhof der ermordeten Töchter. Er hätte es nicht sagen dürfen, und ich weine bitterlich.“ (S.175) am Anfang dieses Kapitels stellt nur ein Beispiel für eine solche „psychische“ Misshandlung dar. Der Vater zeigt der Tochter diesen Friedhof, vermutlich will er ihr ihr eigenes Grab zeigen. Er selbst wird aber auch zum physischen Aggressor:
„Aber damit ich aufhöre, mein Nein zu rufen, fährt mir mein Vater mit den Fingern, seinen kurzen festen harten Fingern in die Augen, ich bin blind geworden, aber ich muß weitergehen. Es ist nicht auszuhalten.“ (S.177)
In gewalttätiger Form unterbindet der Vater in dieser Szene jegliche Form von Widerstand, das Ich soll keine Möglichkeit haben, sich der Kontrolle und Unterdrückung des Vaters entziehen zu können. Lücke meint dazu, dass die Tochter die Farben nicht sehen solle, der Vater wolle ihr „die geistige Schaukraft rauben, sie ihrer Spiritualität berauben“ 10 . Symbolisiert sieht Bärbel Lücke dies in der Farbe Blau:
„Mein Blau, mein herrliches Blau, in dem die Pfauen spazieren, und mein Blau der Fernen, mein blauer Zufall am Horizont!“ (S.177)
Die Farbe Blau symbolisiert nicht nur dieses Berauben der „Spiritualität“, sondern steht auch seit jeher für das Königliche und somit für eine Art Macht und Würde. Die Vaterfigur, die auf S.176 mit „Sire!“ angeredet wird, steht somit in direktem Bezug zu dieser Farbe: dieses Majestätische gebührt hier nur dem Vater, die Tochter wird zum Schweigen gezwungen. Eine weitere Konnotation zur Farbe Blau ist die der Freiheit; der Himmel besitzt ebenso diesen Farbton. „Das Blau der Fernen“ und „mein blauer Zufall am Horizont“ (ebda.), beides steht hier für die Freiheit und Unabhängigkeit, die die Ich-Figur nie erreichen wird. Indem dieses Blau in sie eindringt, wird diese Farbe zweckentfremdet, denn anstatt die unerreichbare Ferne des Himmels und des Horizonts zu repräsentieren, wird das Blau zum Verderben in allernächster Nähe.
Auffallend ist dennoch das ambivalente Verhältnis des Ichs zur Vaterfigur. Obwohl das weibliche Ich Opfer der väterlichen Macht ist, stellt es sich doch einige Male vor den Vater und schützt diesen sogar. So versucht die Ich- Erzählerin, den Vater vor der Polizei zu schützen, obwohl deren Eingreifen eigentlich eine Möglichkeit wäre, dem Vater - zumindest vorzeitig - zu entkommen:
8 Weigel, Sigrid: „Zur Genese, Topographie und Komposition von Malina“. In: Mayer, Mathias: „Werke von Ingeborg Bachmann“. Hrsg. von Mathias Mayer. Reclam, Stuttgart, 2002. S.221
9 ebda.
10 Lücke, Bärbel: „Ingeborg Bachmann: Malina - Interpretation“. Oldenbourg, München, 1.Auflage, 1993. S.126
7
Arbeit zitieren:
Rene Jochum, 2003, Aspekte der Gewalt in Ingeborg Bachmanns Roman Malina, München, GRIN Verlag GmbH
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