Gliederung
1. Einleitung 2
2. Methodendiskussion 4
2.1. Ausschluss der quantitativen Sozialforschung für unsere Zwecke 4
2.2. Diskussion um die gewählte qualitative Methode der Datenerhebung 6
2.2.1. Die Methode der Dokumente 7
2.2.2. Die Methode der teilnehmenden Beobachtung 8
2.3. Interviewformen 10
2.3.1. Nicht verwendete Interviewformen 10
2.3.2. Das Leitfadengestützte ExpertInneninterview 14
3. Beschreibung des Forschungsfeldes 18
3.1. Der DSH-Kurs 18
3.1.1. Der DSH-Kurs an der Hochschule Fulda 20
3.1.2. Beobachtungen aus den acht Kursbesuchen 22
3.2. Die Interviews 26
4. Länderinformationen zu Kamerun 33
5. Ergebnisdarstellung Vergleich mit der vorhandenen Literatur 34
5.1. Darstellung der push-pull Faktoren 34
5.2. Das Phänomen der Bamiléké 50
5.3. Beleuchtung der Integrationsstrategien 57
5.4. Zusammenfassung der Ergebnisse 62
6. Darstellung und Bewertung des Projektmanagements 63
7. Abschließende Bewertung der Studie 65
8. Aussichten auf mögliche weitere Forschungen 66
Literaturverzeichnis 68
1. Einleitung
In unserer Studie befassen wir uns mit verschiedenen Aspekten der Emigration kamerunischer Studierender nach Fulda. Wir konzentrieren uns dabei sowohl auf push-pull-Faktoren, die für die Migrationsentscheidung gesorgt haben, das Phänomen der Bamiléké als auch auf die Integrationsstrategien der Personen aus unserem Forschungsfeld, dem Kurs zur Vorbereitung auf die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang (im Folgenden: DSH-Kurs). Die Ergebnisse unserer Studie basieren auf qualitativen Daten, die wir in drei Interviews, acht Besuchen des DSH-Kurses und zahlreichen spontanen Gesprächen mit KursteilnehmerInnen erhoben haben. Die Interviews führten wir mit zwei Kamerunern und einer Kamerunerin, die seit mehreren Monaten in Fulda und Umgebung wohnhaft sind.
Wir wählten als Titel „Cameroon is the right place to be if I have everything done in my life“ – ein Zitat aus dem ersten Interview, welches wir mit Mohammed führten. Dieser Satz blieb uns stark im Gedächtnis hängen, da er auf der einen Seite die Heimatverbundenheit Mohammeds ausdrückt und andererseits darauf hinweist, dass er seine Migration als notwendig erachtet, um etwas in seinem Leben zu erreichen. Gleichzeitig wird die Rückkehr in das Heimatland in Aussicht gestellt – aber erst, wenn er seine Wünsche und Ziele verwirklichen konnte. Da wir auch in den beiden anderen Interviews vergleichbare Einstellungen feststellten, hielten wir dieses Zitat als Titel für unsere Forschung für sehr geeignet und aussagekräftig.
Betrachtet man Statistiken zu den Zahlen kamerunischer StaatsbürgerInnen in Deutschland und Fulda, stellt man Interessantes fest. Von den 438 internationalen Studierenden an der Hochschule Fulda bilden Kameruner mit 74 Personen die größte Gruppe - vor der Türkei und Russland. 1 Auch auf Bundesebene ist Kamerun mit über 5.500 Studierenden stark vertreten und belegt nach Marokko als zweites afrikanisches Land Platz 12 der quantitativ wichtigsten Herkunftsländer ausländischer Studierender. 2 Trotz dieser Daten und der Tatsache, dass die Zahl kamerunischer Einwanderer nach Deutschland zwischen 1995 und 2005 von 4.513 auf 14.100 gestiegen ist 3 , findet sich nur wenig Literatur zu diesem Thema. 4 Die meisten der Bücher, auf die wir während unserer Literaturrecherche stießen, beleuchteten Wanderbewegungen innerhalb des Landes oder die Kolonisierung Kameruns. Dies gab uns die Möglichkeit, in ein weitgehend unerforschtes Gebiet einzutauchen und spannende neue Erkenntnisse sammeln zu können.
1 International Office der Hochschule Fulda (2008).
2 Wissenschaft weltoffen (2008).
3 Migration Policy Institute (2008) und Fleischer (2008).
4 Diese Statistik berücksichtigt nicht bereits eingebürgerte KamerunerInnen, Migranten/innen mit europäischem Pass oder illegale Einwanderer. Unter Berücksichtigung der nicht registrierten KamerunerInnen in Deutschland ist anzunehmen, dass die Zahl deutlich höher wäre.
Wir rechneten zunächst damit, dass wir in dem DSH-Kurs auf eine eingeschworene und enge kamerunische Gemeinschaft stoßen würden, die sich gegenüber unserem Forschungsinteresse verschließen würde. So machten wir mögliche Gründe einer solchen Abschottung zu dem Thema unserer Arbeit. Sehr schnell stellten wir aber fest, dass wir in unserem Forschungsfeld nicht auf die erwartete Ablehnung stoßen würden und gingen in der Folge offen und neutral in das Feld. Wir beschlossen, unsere konkrete Forschungsfrage erst nach mehreren Aufenthalten im Feld zu formulieren und uns die Option zu erhalten, unsere Frage neu gewonnenen Erkenntnissen anzupassen und so Schritt für Schritt die Thematik besser zu erfassen und eine objektive Vorgehensweise zu ermöglichen.
Im Folgenden stellen wir zunächst dar, warum wir die Methode der qualitativen Sozialforschung wählten und wie wir im Einzelnen unsere Daten erhoben haben. Dabei werden wir die verwendeten Methoden kurz aufführen und den Verfahren gegenüberstellen, die für die Durchführung unsere Studie nicht in Frage kamen. Anschließend beleuchten wir den Feldzugang und reflektieren den Aufenthalt im Feld. Bei der Darstellung unserer Ergebnisse beleuchten wir zunächst die push-pull-Faktoren, die die Interviewten zur Emigration bewegten, gehen anschließend auf das Phänomen des Volksstammes der Bamiléké ein und stellen dann ihre Integrationsstrategien vor. In Abgleich mit der bereits vorhandenen Literatur werden wir diesbezüglich unsere Theorien bilden. Abschließend gehen wir auf unser Projektmanagement und das Arbeiten in der Gruppe ein und erörtern mögliche weiterführende Forschungen zu diesem Thema.
2. Methodendiskussion
Im Folgenden werden wir die verschiedenen Methoden zur Datenerhebung der Sozialforschung darstellen und diskutieren, warum wir uns für die qualitative Studie entschieden haben. Hierfür wird zunächst erklärt, was die qualitative Sozialforschung ist, ihre Eigenschaften werden dargestellt und mit unseren Forschungsinteressen in Verbindung gesetzt. Ferner werden wir begründen, warum wir uns für eine qualitative Studie entschieden haben und die verschiedenen Methoden voneinander abgrenzen. Da das Hauptaugenmerk unserer Arbeit auf drei Interviews liegt, werden wir den Fokus in diesem Kapitel auf das von uns angewandte leitfadengestützte ExpertInneninterview legen.
2.1. Ausschluss der quantitativen Sozialforschung für unsere Zwecke
Das Ziel der quantitativen Sozialforschung ist die Übertragung empirischer Relative in numerische Relative. Das bedeutet, dass die ForscherInnen Erfahrungstatsachen, wie bestimmte soziale Phänomene in Zahlen umwandeln. Dabei gehen sie so vor, dass sie umfangreiche Informationen mit Hilfe mathematisch-statistischer und standardisierter Verfahren auf ihre wesentlichen Eigenschaften reduzieren. Dadurch werden diese Phänomene messbar und lassen sich objektiv vergleichen. Intention der quantitativen Forschung ist die Falsifizierung bzw. Verifizierung von theoretisch abgeleiteten Hypothesen. 5
Ein Merkmal der quantitativen empirischen Sozialforschung ist der Umstand, dass sich diese Forschung vorwiegend auf bereits erforschtem Gebiet bewegt. Dies liegt daran, dass sie zur Erfüllung ihres Zwecks (der Überprüfung von Hypothesen) große Datenmengen braucht, die in bereits untersuchten Forschungsfeldern einfacher zu erheben sind. Unsere Forschungsfrage hingegen ist in diesem Zusammenhang und explizit zu dieser Thematik noch weitgehend unerforscht. So gibt es zwar eine nicht geringe Anzahl qualitativer Studien, die sich mit ähnlichen Themen bzw., allgemein gesehen, mit dem gleichen Forschungsfeld beschäftigen, allerdings spezifische Unterschiede in Bezug auf unsere Fragestellung aufweisen. Wir haben Studien recherchiert, die sich mit dem Thema der Emigration von Afrikanern nach Deutschland im Allgemeinen beschäftigen, eine Studie, die aus der Sicht interdisziplinärer Forschungsfelder die Entscheidung zur Emigration eines Kameruners beleuchtet und einige Studien zu afrikanischen Netzwerken in Deutschland. Das einmalige an unserer Studie ist, dass wir uns im speziellen mit Studierenden auseinandersetzen, die ausschließlich aus dem kamerunischen Kulturkreis kommen. Zudem beschränkt sich unsere Studie auf den Raum Fulda, der bis hierhin noch gar nicht untersucht wurde. In unserem Forschungsfeld gibt es eine sogenannten Forschungslücke.
Raithel, J. (2006). (S. 8)
Das bedeutet, dass zu unserer Forschungsfrage noch keine Forschung stattgefunden hat. 6
Eine quantitative Studie zeichnet weiterhin aus, dass sie sich mit Themen beschäftigt, die eine Verallgemeinerung zulassen. Hierbei sind standardisierte Methoden, also Erhebungsverfahren, die einen festen Rahmen vorgeben, durchaus sinnvoll, da sie die Daten vergleichbar machen. Das zentrale Forschungsthema unserer Studie bedingt allerdings ein individuelles und vielschichtiges Ergebnis, das in seinen Antworten und Erklärungen nicht auf einseitige bzw. beschränkte Aussagen reduziert werden kann. Folge einer standardisierten Erhebung von Daten, wäre eine starke Verallgemeinerung der Ergebnisse, deren Aussagekraft sehr eingeschränkt wäre. 7
Ein Grundprinzip der quantitativen Forschung ist die Erstellung kategorialer Zuordnungen, die dazu dient, komplexe Phänomene messbar und vergleichbar zu machen. Auch dieses Prinzip trägt dazu bei, theoriegeleitete Hypothesen zu überprüfen. Das Interesse unserer Studie gilt im Gegensatz dazu aber typologischen Konstruktionen, d.h. wir sind an der Entwicklung von Theorien in unserem Forschungszusammenhang interessiert. An einer Kategorisierung der kamerunischen Studierenden und der Überprüfung bereits vorhandener Theorien sind und können wir nicht interessiert sein. Dies würde den individuellen Unterschieden der Studierenden nicht gerecht werden. Zudem ist die geringe Menge der erhobenen Daten (drei Fallbeispiele) nicht dazu geeignet, kategoriale Zuordnungen auszuarbeiten. Um dies zu bewältigen, wäre eine wesentlich größere Anzahl an Fallbeispielen nötig. 8
Ziel unserer Forschung ist die Ausarbeitung invarianter Strukturen. Das sind Strukturen, die unveränderlich bei unserer Zielgruppe der Untersuchung auftreten. Sie machen die essentiellen Bestandteile der vorhandenen Situation der
kamerunischen Bewusstseinsstrukturen aller kamerunischen Studierenden in Fulda auszuarbeiten, können wir nicht gerecht werden, da auch hier die Anzahl der untersuchten Fälle zu gering ist. Mit einer quantitativen Studie wäre die Ausarbeitung der invarianten Strukturen nicht möglich. Die Erhebungsmethoden sind dazu nicht geeignet.
9
Das Ziel einer jeden quantitativen Studie ist, wie schon erwähnt, die Überprüfung von Hypothesen. Da der Anspruch unser Studie aber darin liegt, eigene empirische Theorien zu entwickeln, wäre eine quantitative Studie ein verfehlter Ansatz. Für uns war es eine große Motivation, dass wir in einer sogenannten
6 Vgl. Seminarunterlagen von Frau Prof. Honer vom 04.12.2008
7 Vgl. Seminarunterlagen von Frau Prof. Honer vom 04.12.2008 8 Vgl. Seminarunterlagen von Frau Prof. Honer vom 04.12.2008 9 Vgl. Seminarunterlagen von Frau Prof. Honer vom 04.12.2008
Forschungslücke forschten und so die Möglichkeit haben eigene Theorien aufzustellen. 10 Fazit
Fasst man nun die Merkmale einer quantitativen empirischen Sozialforschung zusammen und vergleicht diese mit unseren Ansprüchen an die Studie, so bleibt uns nur der Ausschluss einer quantitativen Studie in unserem Fall. Unsere Ergebnisse ermöglichen es aber eine Folgestudie in unserem Forschungsfeld durchzuführen, dabei würde auch eine quantitative Studie in Frage kommen.
2.2. Diskussion um die gewählte qualitative Methode der Datenerhebung
Bevor wir uns für eine Methode der qualitativen Datenerhebung entscheiden konnten, stand die Frage im Vordergrund, was unser exaktes Forschungsinteresse war. Welche Art von Daten wollten wir erheben, um daraus sinnvolle Schlüsse ziehen zu können? Desweiteren mussten wir uns überlegen, inwieweit unsere Zielgruppe der Untersuchung bereit war, an unserem Projekt mitzuarbeiten und wie wir ein schnelles Vertrauensverhältnis zu ihnen aufbauen könnten. 11 Wir entwickelten für den Fall eines möglichen Scheiterns des Feldzugangs einen „Notfallplan“, der es uns ermöglichte, zumindest einen kamerunischen Studierenden der Hochschule Fulda zu interviewen. Dieser Experte stand uns zur Verfügung, da er sich in unserem erweiterten Freundeskreis befindet. Der Plan sah vor, dass unsere Daten dann ausschließlich aus diesem Interview erhoben worden wären. Dieser Fall trat glücklicherweise nicht ein, da unser Feldzugang als überraschend positiv zu bewertet ist.
Unsere erhobenen Daten sind bis auf wenige Ausnahmen sogenannten künstliche Daten. Das sind Daten, die vom Forscher hergestellt oder zumindest von ihm initiiert wurden (z.B.:
Forschungsgesprächen etc.). Sie sind aus unseren drei ExpertInneninterviews und den teilnehmenden Beobachtungen aus dem DSH-Kurs. Die einzigen sogenannten natürlichen Daten entstammen aus persönlichen Gesprächen während und außerhalb des Feldzugangs. Natürliche Daten sind sowohl Objekte, die bereits im Feld vorhanden sind, als auch nicht vom Forscher initiierte Äußerungen. Dabei handelt es sich um Daten, die aus freien Stücken – auch ohne Forschungsinteresse – erstellt wurden. Unsere natürlichen Daten entspringen flüchtigen Äußerungen der DSH-KursteilnehmerInnen. Diese Daten wurden kurz nach den Gesprächen in schriftlicher Form dokumentiert. 12 Die für unsere Forschungsfrage aber brauchbarsten Daten sind die Daten aus den drei ExpertInneninterviews. Sie sind damit Grundlage unserer Studie und
10 Vgl. Seminarunterlagen von Frau Prof. Honer vom 04.12.2008
11 Vgl. Seminarunterlagen von Frau Prof. Honer vom 04.12.2008 12 Vgl. Seminarunterlagen von Frau Prof. Honer vom 04.12.2008
enthalten die Forschungsfrage. Die übrigen erhobenen Daten sind Ergänzungsmaterialien, die uns dazu dienten, über den gesamten Zeitraum der Studie hinweg die ausgewerteten Informationen zu überprüfen sowie die in der Studie aufgestellten Theorien zu untermauern. Zusätzlich orientierten wir uns an diesen Daten, falls Entscheidungen zum weiteren Vorgehen getroffen werden mussten.
2.2.1. Die Methode der Dokumente
Bei der Methode der Dokumente stehen den ForscherInnen Objektivierungen zur Verfügung. Diese sind sogenannte Ausdrucksgestalten des menschlichen Handelns, wie geschriebene Texte oder auch gemalte Bilder. Im Prinzip umfassen sie alle Formen der Dokumentierung menschlicher Interaktion. Im Mittelpunkt steht dabei nicht, was die betreffende Person mit ihrem Dokument aussagen wollte, sondern ausschließlich das, was tatsächlich ausgesagt wird. Diese Objekte werden dann einer umfassenden Dokumentenanalyse im Sinne der objektiven Hermeneutik unterzogen. Auf diese Analyse wird im Folgenden allerdings nicht näher eingegangen, da sie im Zusammenhang mit unserer Datenerhebung irrelevant ist. 13
Die Dokumente, auf die wir für unsere Studie zurückgegriffen haben, dienten uns primär dazu, unseren Feldzugang zu erleichtern und uns auf das erste ExpertInneninterview vorzubereiten. Es hat also eine „naive“ Kenntnisnahme von Dokumenten stattgefunden. Diese Kenntnisnahme zeichnet sich dadurch aus, dass sie der Beschaffung von Informationen dient. Eine Dokumentenanalyse nach dem hermeutischen Verfahren findet nicht statt. Bei den Dokumenten handelt es sich vornehmlich um Literatur, die sich mit Themen beschäftigt, die denen unserer Forschungsarbeiten ähnlich sind und um solche Literatur, die sich im Allgemeinen mit dem Land Kamerun auseinandersetzt. Die beschafften Informationen finden im Ergebnis unserer Studie keine Anwendung, da sie nicht ausreichend dokumentiert und analysiert wurden. 14
Eine Dokumentenanalyse mit einem systematischen Auswertungsprozess der vorhandenen Dokumente (hermeneutisches Verfahren der Textinterpretation) als Datenerhebung machte in unserem Fall keinen Sinn. Das Problem war, dass keine Dokumente zu unserem exakten Forschungsthema vorhanden waren. Weder Fachliteratur noch andere Dokumente zeichnen die spezielle Situation der kamerunischen Studierenden im Raum Fulda auf. Lediglich private Dokumente, wie Tagebücher wären eine mögliche Quelle. Da wir zu diesen Aufzeichnungen aber keinen Zugang hatten und auch im weiteren Verlauf unserer Untersuchungen
13 Wohlrab-Sahr, M. (2006). (S.123)
14 Vgl. Seminarunterlagen von Frau Prof. Honer vom 18.12.2008
nicht damit zu rechnen war, eine solche Quelle verwenden zu können, liegen unseren Untersuchungen keine Tagebücher bzw. Tagebucheinträge zu Grunde. 15
2.2.2. Die Methode der teilnehmenden Beobachtung
Der Grundgedanke der teilnehmenden Beobachtung ist die Annahme, dass die ForscherInnen mit dieser Methode die Möglichkeit haben, am Alltag der Zielgruppe der Untersuchung beteiligt zu sein und somit ihre Innenperspektive nachvollziehen können. Die ForscherInnen müssen dabei folgendermaßen vorgehen: Zunächst sollte die Beobachtungsdimension bestimmt werden, damit ein Leitfaden erstellt werden kann. Hierbei sollten die ForscherInnen ihr Beobachtungsinteresse theoriegeleitet festlegen, d.h. auf eine zentrale Fragestellung richten. Danach muss der Kontakt zum Forschungsfeld hergestellt werden. Nach einer Einfindungsphase, in der die ForscherInnen angehalten sind, sich in das Feld zu integrieren, kann die teilnehmende Beobachtung beginnen. Feldnotizen sind während des Aufenthalts möglich, wichtig ist aber ein ausführliches Beobachtungsprotokoll nach dem Feldaufenthalt. Gerade bei der teilnehmenden Beobachtung ist ein spiralförmiges Vorgehen von großer Bedeutung. Sind die ersten Beobachtungen ausgewertet, sollten neue bzw. erweiterte Beobachtungsdimensionen bestimmt werden. Schlussendlich folgt die Auswertung, die auf Grundlage aller Beobachtungsprotokolle stattfindet.
Geeignet ist diese Methode vor allem in Fällen, die an soziale Situationen gebunden sind. Weiter Voraussetzungen für den sinnvollen Einsatz dieser Methode sind Felder, in denen eine Bewertung von außen schwer fällt und Fragestellungen, die noch wenig erforscht sind. 16
Mit der Methode der teilnehmenden Beobachtung lag uns ein potentiell passendes Mittel zur Datenerhebung vor. Sie gab uns die Möglichkeit, in direkten persönlichen Beziehungen mit der Zielgruppe unserer Untersuchung zu stehen und an den natürlichen Lebenssituationen dieser teilzunehmen. Wir hatten dabei zwei mögliche Ansätze zur Datenerhebung: Zum einen die Beobachtung der Personengruppe im Alltag außerhalb des DSH-Kurses und zum anderen die Beobachtung der Personengruppen innerhalb des DSH-Kurses.
Der erste Ansatz, die Beobachtung dieser Personengruppe außerhalb des DSH-Kurses hätte die teilnehmende Beobachtung einzelner Personen in ihrem Alltag erfordert. Durch die konsequente Anwendung der Methode hätten wir Handlungsstrategien und Entscheidungsmuster nachvollziehen können. Eine Chance, die dieser Ansatz bietet, ist die Tatsache, dass die im Feld erhobenen Daten nahezu unverfälscht sind und eine Authenzität aufweisen, die bei anderen Methoden nicht unbedingt gewährleistet ist. Ein Nachteil dieser Methode ist die
15 Vgl. Seminarunterlagen von Frau Prof. Honer vom 18.12.2008 16 Vgl. Mayring, P. (2002). (S. 80-83)
Tatsache, dass wir lediglich die Auswirkungen und Konsequenzen der Situation der kamerunischen Studierenden beobachten können. Die Hintergründe ihres Handelns sind in diesem Fall nicht deutlich ersichtlich und es besteht die Gefahr der falschen Interpretation ihres Handelns. Letztendlich wäre die Dokumentation der Beobachtung zudem noch schwierig geworden, da eine sofortige Dokumentation im Feld beeinflussend auf die Situation wirken würde, eine spätere Erstellen eines Protokolls aber zur Auslassung von wichtigen Beobachtungen führen könnte.
Nach Abwägung der Realisierungsmöglichkeit entschieden wir uns, unabhängig von Vor- und Nachteilen, gegen diesen ersten möglich Ansatz. Die zentrale Schwierigkeit lag darin, dass unsere Zeit begrenzt war. Ein solches Vorgehen wäre nur mit einem äußerst guten Vertrauensverhältnis zwischen ForscherInnen und Zielgruppe der Untersuchung möglich gewesen. Trotz den guten Erfahrungen, die wir während unseres Feldaufenthaltes im DSH-Kurs gemacht haben, war dieses Ziel vermessen. Ein solches Vertrauensverhältnis baut sich erst nach einem längeren Zeitraum auf, in dem sich beide Parteien intensiv miteinander auseinander setzen.
Den zweiten Ansatz, die Beobachtung der DSH-KursteilnehmerInnen im Kurs, zur Datenerhebung setzten wir um, da er sinnvoll und realisierbar war. Zunächst planten wir unseren Feldzugang. Im Vordergrund unserer Überlegungen stand die Bemühung ein Vertrauensverhältnis zu den KursteilnehmerInnen aufzubauen. Wir versuchten uns als Mitglieder des Kurses zu integrieren, indem wir an den Übungen teilnahmen und entschieden uns dagegen, unbeteiligt im Kurs zu beobachten. Während des Frontalunterrichts nahmen wir allerdings nicht teil. Das gab uns die Möglichkeit auch während des Feldaufenthalts Notizen zu machen, die der Auswertung sehr dienlich waren. In den Pausen waren wir aktiv an Gesprächen mit allen Kursteilnehmern (auch Nicht-Kamerunern) beteiligt, um erstens Kontakte zu knüpfen und zweitens teilnehmend zu beobachten. So konnten wir in einigen Gesprächen unsere „natürlichen“ Daten erheben. Unsere Beobachtungen entwickelten sich von einer zunächst unstrukturierten zu einer zunehmend strukturierten Beobachtung. Wir konzentrierten uns auf einige Punkte auf Grundlage der geführten ExpertInneninterviews. Da wir offensichtlich im Raum saßen, direkt neben den Kursteilnehmern, waren wir offene Beobachter und jedem der Kursteilnehmer war bekannt, aus welchen Gründen wir in diesem Kurs saßen. Unsere Dokumentation konnten wir unmittelbar und ohne Einschränkung bzw. Beeinflussung der Situation durchführen. 17
Der Beobachtungsfokus wurde mit der Zeit präzisiert, um die ausgewerteten Daten unserer ExpertInneninterviews zu überprüfen. 18
2.3. Interviewformen
Im Folgenden werden die verschiedenen Interviewformen der qualitativen Datenerhebungsmethode dargestellt. In Abgrenzung zu dem von uns verwendeten leitfadengestützten ExpertInneninterview werden kurz die Eigenschaften und Voraussetzungen der nicht verwendeten Interviewformen dargestellt. Diese sind das problemzentrierte und fokussierte Interview sowie die Gruppendiskussion und das narrative Interview. Es wird auch erklärt, warum diese Formen von uns nicht in Frage kamen bzw. warum sie sich nicht umsetzen ließen.
2.3.1. Nicht verwendete Interviewformen
Das problemzentrierte Interview
Das problemzentrierte Interview verlangt eine offene Gesprächsführung 19 , bedingt aber gleichzeitig die Zentrierung auf ein bestimmtes Problem. Die ForscherInnen führen dabei zunächst eine umfassende Problemanalyse durch und konstruieren dann einen Leitfaden für das Interview. Dieser Leitfaden beinhaltet alle Themengebiete, die zu dem analysierten Problem relevant sind. Nach einem Pretest, der Erprobung des Leitfadens durch ein Vorab-Interview, und der darauffolgenden Evaluation des Leitfadens, kann anschließend das Interview durchgeführt werden. Die Fragen müssen sich an den drei Fragetypen des problemzentrierten Interviews orientieren. Zunächst sollen Sondierungsfragen gestellt werden. Das sind Einstiegsfragen in das Thema, die möglichst allgemein gehalten sind. Sie dienen dazu dem/der Interviewer/in ein Bild zu vermitteln, welche Bedeutung das Problem für den Interviewten hat. Der zweite Fragetyp ist die Leitfadenfrage. Diese beschäftigt sich mit dem wesentlichen Inhalt des Problems, das im vorherig erarbeiteten Leitfaden analysiert wurde. Der letzte Fragetyp ist die Ad-hoc-Frage. Falls die ForscherInnen während des Interviews auf neue Aspekte in ihrem Forschungsfeld treffen, die sie noch nicht kannten, können sie nun spontan formulierte Fragen stellen, die diese Aspekte vertiefen. Besonders geeignet ist diese Interviewform in Forschungsfeldern, in denen schon Theorien aufgestellt worden sind, d.h. schon einiges über das Forschungsfeld bekannt ist. Außerdem eignet sie sich für die Forschung mit vielen Fallbeispielen. 20 Das problemzentrierte Interview ist für unser Forschungsinteresse kein probates Mittel der Datenerhebung. Die Situation der kamerunischen Studierenden in Fulda ist auch unter dem Gesichtspunkt der genauen Forschungsfrage zu vielschichtig 19 nach Mayring, P. (2002). (S. 66) bezeichnet die offene Gesprächsführung die Möglichkeit für den Interviewten ohne Antwortvorgaben frei das zu sagen und zu formulieren, was ihm in Bezug auf das Thema bedeutsam ist.
20 Ebd. Vgl. (S.67-71)
und schließt diese Methode somit aus. In unserem Forschungszusammenhang ist es nötig, ein breit gefächertes Bild der Situation unserer Zielgruppe der Untersuchung und den einzelnen ExpertInnen zu gewinnen, sodass daraus Schlüsse gezogen werden können. Nicht ein Problem, sondern unterschiedliche Aspekte bedingen die Emigration unserer ExpertInnen.
Des Weiteren ist unser Forschungsfeld nicht ausreichend erforscht und es liegt keine ausreichend große Stückzahlen an Fallbeispielen vor. Deshalb entschieden wir uns nach kurzem Abwägen gegen diese Methode der Datenerhebung. Das fokussierte Interview
Der Begriff des fokussierten Interviews wurde von Merton und Kendall (1945) geprägt. Im Verfahren und Ablauf der methodischen Vorgehensweise ist diese Interviewform dem problemzentrierten Interview ähnlich. 21 Sie bezieht sich allerdings auf ein Ereignis, das ForscherInnen und Interviewte jeweils schon erlebt haben. 22 Somit ist diese Interviewform für unser Forschungsprojekt völlig ungeeignet, da wir im Zusammenhang mit unserer Forschungsfrage über keine gemeinsamen Erlebnisse mit unseren ExpertInnen verfügen.
Die Gruppendiskussion
Bei der Methode der Gruppendiskussion stehen nicht die einzelnen Interviewten mit ihren individuellen Meinungen und Handlungsstrategien im Vordergrund, sondern die kollektiven Einstellungen und/oder Ideologien der Gruppe der Interviewten. Hierbei gehen die ForscherInnen wie folgt vor: Zunächst muss die Fragestellung formuliert und ausgearbeitet werden. Es müssen ein Grundreiz und weitere Reizargumente für die Diskussion abgeleitet werden. Das ist im ersten Fall eine Quelle, die die Gruppe provozieren soll zu diskutieren und im zweiten Fall sind es vorher erarbeitete Argumente, die die Diskussion in eine neue Richtung führen sollen. Nach der Formulierung der Fragestellung muss die dem Thema entsprechende Gruppe der InterviewpartnerInnen abgeleitet werden. Diese Gruppe sollte möglichst schon zuvor im Alltag bestanden haben. Wird nun beim Zusammentreffen für die Diskussion der Grundreiz präsentiert, soll zunächst eine freie Diskussion entstehen, in der sich der/die Diskussionsleiter/in im Hintergrund hält. Im Verlaufe der Diskussion ist es seine/ihre Aufgabe, die weiteren Reizargumente einführen. Nach der Beendigung der Gruppendiskussion zum Forschungsthema findet eine Metadiskussion statt. Darin wird über die vorherige Diskussion gesprochen. Die TeilnehmerInnen werden befragt, ob sie sich zu allen ihnen bekannten Aspekten des Forschungsthemas äußern konnten und wie ihre Gefühlslage während der Diskussion war.
21 Vgl. Seminarunterlagen von Frau Prof. Honer vom 11.12.2008
22 Vgl. Mayring, P. (2002). (S. 67)
Geeignet ist diese Methode zur Ausarbeitung kollektiver Meinungen und sie findet Anwendung bei großen Stückzahlen von Fallbeispielen. 23
Theoretisch ist die Gruppendiskussion eine mögliche weitere Methode der Datenerhebung für unsere Forschungsfrage, da wir unter anderem auch kollektive Orientierungsmuster der kamerunischen Studierenden in Fulda herausarbeiten 24 (sogenannten invariante Strukturen). Es stand uns mit fünf bis sechs Kamerunern, die regelmäßig den DSH-Kurs besuchten, sogar eine Gruppe von ExpertInnen zur Verfügung. Da die kamerunischen Kursteilnehmer bis auf eine Person auch in ihrem Alltag eine Gruppe bildeten, wäre diese Voraussetzung zur Durchführung einer Gruppendiskussion sogar erfüllt. Mit der Erhebung von Daten durch die Gruppendiskussion hätten wir latente Sinnstrukturen der Gruppe herausarbeiten können. Latente Sinnstrukturen zeichnen sich dadurch aus, dass sie noch unreflektiert sind. 25 Diese Sinnstrukturen lassen sich nahezu ausschließlich in Gruppendiskussionen feststellen, da sie an soziale Situationen (Situation der Gruppe) gebunden sind. 26 Diese Erkenntnisse wären für unsere Forschungsfrage höchstinteressant.
Letztendlich entschieden wir uns nach der Abwägung von Vor- und Nachteilen und den Realisierungsmöglichkeiten gegen diese Form der Befragung. Zunächst einmal wäre bei dieser Interviewform den individuellen Bedingungen der Emigration unserer ExpertInnen nicht Rechnung getragen worden. Sie alle zeichnen individuell unterschiedliche Kriterien ihrer Entscheidungsmuster aus, die nur in einem persönlichen Interview erkannt werden können. Zudem muss das Interview thematisch möglichst breit gefächert sein, um eventuelle Entscheidungskriterien herauszufinden. Dies wäre in einer Gruppendiskussion im selben Umfang, wie bei einem Einzelinterview, nicht möglich.
Hauptsächlich sprachen aber die Realisierungsmöglichkeiten gegen diese Interviewform. Die genannten Kameruner haben sprachlich teilweise große Probleme. Das Deutsch ist in einigen Fällen nicht ausreichend, um eine sinnvolle Gruppendiskussion durchzuführen. Einige InterviewteilnehmerInnen würden sich in dem Fall kaum äußern, da sie nicht über die nötige sprachliche Kompetenz verfügen. So würde die Gruppendiskussion keine repräsentativen Daten ergeben. Zudem wäre es auf diesem sprachlichen Niveau kaum möglich, die Regeln als Diskussionsleiter einzuhalten. Die Vorstellung, die InterviewteilnehmerInnen nur ins Thema einzuführen und dann auf eine lebhafte Diskussion zu warten, in der man sich zurückhält, wäre unrealistisch. Das Vertrauen in die eigenen Sprachkenntnisse ist in der Gruppe der Kameruner in einigen Fällen nicht vorhanden. So entschieden wir uns gegen die Gruppendiskussion als geeignete Methode der Datenerhebung.
23 Ebd. Vgl. (S. 76-79)
24 Vgl. Seminarunterlagen von Frau Prof. Honer vom 08.01.2008 25 Vgl. Seminarunterlagen von Frau Prof. Honer vom 08.01.2008 26 Vgl. Mayring, P. (2002). (S. 76)
Das narrative Interview
Beim narrativen Interview versucht der/die InterviewerIn den Interviewten zum freien Erzählen zu animieren. Dabei müssen die ForscherInnen folgenden Ablauf beachten: Zunächst muss der Erzählgegenstand definiert werden. Das heißt, dass ein Forschungsthema erarbeitet werden muss, zu dem es auch etwas zu erzählen gibt. Bei der Auswahl des/der InterviewpartnerIn muss dann darauf geachtet werden, dass die betreffende Person dazu in der Lage ist, eine Erzählung darzubieten. Kommt es nun zum Interview hat der/die InterviewerIn die Aufgabe seinem/r InterviewpartnerIn das Thema näher zu bringen und gleichzeitig eine Vertrauensbasis zu schaffen. Danach wird der Interviewte aufgefordert ,eine Geschichte zu erzählen, die seiner Meinung nach mit dem Thema zusammenhängt. Der/Die ErzählerIn strukturiert dabei die Erzählung selbst und hebt somit die subjektive Relevanz der einzelnen Aspekte hervor. Zusammenhänge, die als solche vom Interviewten hergestellt werden, lassen sich erkennen und durch die Erzählung werden die Erfahrungen des Interviewten verarbeitet und evaluiert. 27 Erst nach der Erzählkoda (selbständige Beendigung der Geschichte) folgen narrative Nachfragen, die den Interviewten dazu veranlassen sollen, weitere Aspekte zum Thema zu nennen. Auch hier wird der/die ErzählerIn nicht in seinem/ihrem Redefluss unterbrochen. Der dritte Teil des Interviews ist die Phase, in der der/die InterviewerIn theoretischargumentative Fragen stellt. Der Interviewte soll die Inhalte der Erzählung begründen. 28
Sinnvoll ist der Einsatz dieser Methode bei Forschungsfragen, die einen starken Handlungsbezug haben. Außerdem ist diese Interviewform bei der Erforschung subjektiver Sinnstrukturen einsetzbar. Das bedingt kleine Stückzahlen an Fallbeispielen. Und schlussendlich macht diese Interviewform in unerforschten Forschungsfeldern Sinn. 29
Das narrative Interview bietet eine Möglichkeit, sich der Beantwortung unserer Forschungsfrage zu nähern. Dabei wäre sehr interessant gewesen, welche Aspekte unsere ExpertInnen in Bezug auf ihre Emigration ansprechen, welche Zusammenhänge sie herausarbeiten und wie sie ihre dargestellten Inhalte begründen würden. Mit der Erhebung unserer Daten mit dieser Methode hätten diese eine Authenzität, die mit der Verwendung anderer Methoden kaum erreichbar wäre. Die Voraussetzungen für einen sinnvollen Einsatz der Methode waren in unserem Fall gegeben. Wir untersuchen eine Forschungslücke, interessieren uns unter anderem für die individuellen Gründe der Emigration (subjektive Sinnstrukturen) und das Forschungsthema hat tatsächlich einen starken Handlungsbezug.
27 Vgl. Mayring, P. (2002). (S. 72-75)
28 Vgl. Riemann, G. (2006). (S. 120-122) 29 Vgl. Mayring, P. (2002). (S. 74)
Auf diesen Voraussetzungen basierend, entschieden wir uns für den Einsatz narrativer Elemente in unserem Interview. Da dieses Vorhaben aus verschiedenen Gründen aber nicht zu realisieren war, ließen sich unsere Daten nicht mit dieser Methode erheben. 30
2.3.2. Das Leitfadengestützte ExpertInneninterview
In einem ExpertInneninterview beschäftigen sich die ForscherInnen mit den organisatorischen Zusammenhängen des Forschungsfeldes. Das bedeutet, dass nicht der/die Experte/in im gesamten autobiographischen Kontext im Mittelpunkt der Forschung steht, sondern lediglich einige Aspekte dessen. Diese Aspekte stellen für den/die Experten/in lediglich einen Faktor in seinem/ihrem Leben dar. Für die ForscherInnen bedeutet das, dass sie ein thematisch begrenztes Interesse an dem/der Experten/in haben. Der/Die Experte/in zeichnet sich dadurch aus, dass er/sie Teil des Handlungsfeldes ist, das untersucht wird und er/sie Zugang zu Informationen über Personengruppen und Entscheidungsprozesse hat, die ausschließlich ihm/ihr vorliegen.
Ein ExpertInneninterview kann in einer Studie sowohl eine zentrale Stellung als auch eine Randstellung einnehmen. Letzteres ist dadurch gekennzeichnet, dass das Interview felderschließend und zur Beschaffung von Hintergrundinformationen genutzt wird. Bei einer zentralen Stellung des Interviews wird unterschieden zwischen ExpertInnen, die die Zielgruppe der Untersuchung sind und ExpertInnen, die eine komplementäre Handlungseinheit der Zielgruppe darstellen. Das Wissen im ersten Fall wird als sogenanntes Betriebswissen und im zweiten Fall als Kontextwissen angesehen. Betriebswissen beruht auf persönlichen Erfahrungen und kann daher Prüfinstanz für die gezogenen Schlüsse der Studie sein. Kontextwissen hingegen beruht auf der Funktion des/der Experten/in, der/die seine/ihre Schlüsse aus der Betrachtungsweise von außen gezogen hat. Daran lassen sich die Ergebnisse der Studie also nicht überprüfen.
In der Auswertung der ExpertInneninterviews sollen die ForscherInnen die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Interviews erarbeiten. Es sollten Schlüsse gezogen werden über Relevanzstrukturen, Repräsentatives zum Forschungsfeld, ExpertInnen übergreifende Wissensbestände und Interpretationen bzw. Deutungsmuster. 31
Ein leitfadengestütztes Interview ermöglicht es den ForscherInnen, dass wichtige Themenbereiche in ihrem Forschungsfeld angesprochen werden, die Interviewten aber durch offene Fragen nicht in ihrem Erzähldrang und ihrer inhaltlichen Schwerpunktsetzung beeinträchtigt werden. Dabei ist folgendermaßen vorzugehen: Zunächst müssen sich die ForscherInnen intensiv auf das Interview
30 Vgl. hierzu 3.2. Die Interviews
31 Vgl. Meuser, M. & Nagel, U. (1991). (S. 441-452)
Arbeit zitieren:
B. Schlüter, D. Schneider, J. Eidams, 2008, "Cameroon is the right place to be if I have everything done in my life" - Aspekte der Emigration kamerunischer Studierender nach Fulda, München, GRIN Verlag GmbH
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Ausarbeitung, 39 Seiten
Bettina Schlüter hat den Text "Cameroon is the right place to be if I have everything done in my life" - Aspekte der Emigration kamerunischer Studierender nach Fulda veröffentlicht
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