Theodor W. Adorno: Literatur und gesellschaftliche Wirklichkeit Der am 11. September 1903 in Frankfurt am Main geborene Philosophiedozent Theodor W(iesengrund) Adorno zählte zu einer Generation deutsch-jüdischer Intellektueller, die theoretische Einsichten des Marxismus, aber auch der Psychoanalyse für die kritische Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft nutzen wollte. Mit seinem Freund Max Horkheimer überstand Adorno das amerikanische Exil und ‚reimportierte‘ die sogenannte ‚Kritische Theorie‘ nach ‚Westdeutschland‘. Die von ihnen initiierte Frankfurter Schule gewann bald profilierte Köpfe aus der nächstjüngeren Generation und wurde in den 60er Jahren zum Kristallisationspunkt gesellschaftskritischen Denkens im (und gegen den) weithin statischen, restaurativen CDU-Staat - und damit auch zu einer (gesellschafts)theoretischen Quelle der Studentenbewegung von 1968. Adorno verstand sich als Fachphilosoph, der über Kant, Hegel, Husserl und Kierkegaard schrieb, nicht jedoch als Literaturwissenschaftler. Wenn er auch häufig als ein Vertreter der Literatursoziologie beschrieben wird, dann muss zumindest betont werden, dass er sich von deren empirischer Schule scharf abgrenzte. Adorno lieferte der Literaturtheorie einen eigenen interpretatorischen Ansatz, dem als entscheidende Bezugspunkte im Wesentlichen zwei Ideen zugrunde liegen: 1. die negative Macht der Tradition und 2. die Übermacht der „verwalteten Gesellschaft“.
Diese beiden Faktoren hindern seiner Theorie zufolge in erheblichem Maße die geschichtliche Entwicklung.
Nach Adorno kann in der durch diese beiden Faktoren geprägten gesellschaftlichen Situation folglich nur die Verneinung charakteristisch für Kunst sein, im Besonderen der Entwurf einer Gegenwelt. Der Frankfurter Sozialwissenschaftler sieht Literatur im Gegensatz zu Lukács nicht als bloße „Widerspiegelung“ einer gesellschaftlichen Wirklichkeit noch wie Goldmann als eine „Entsprechung“ von kollektiven Bewusstseinsstrukturen sondern vielmehr als Widerspruch zu der gesellschaftlichen Wirklichkeit, als ein Mittel des Protests gegen sie, wobei der Widerspruch nach Adorno die Nachahmung dialektisch miteinschließt. Zugleich werde die Kunst - so Adornosomit ein Indikator der Negativität des Bestehenden und ein Medium einer bewusstlosen Geschichtsschreibung.
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Zur Vertiefung werde ich in diesem Zusammenhang im folgenden auf Adornos Texte Standort des Erzählers im modernen Roman (1954), Rede über Lyrik und Gesellschaft (1958) und die Ästhetische Theorie (1970) eingehen.
In seiner Rede über Lyrik und Gesellschaft beschreibt Adorno das Verhältnis von Gesellschaft und Lyrik. Warum gerade Lyrik? Lyrik als etwas traditionell sehr Subjektives, Persönliches und dem Schein nach außerhalb der Regeln des gesellschaftlichen Getriebes Befindliches, das „die Macht der Vergesellschaftung“ 1 nicht anerkennen will und darf, soll in Beziehung, gar in Abhängigkeit zur Gesellschaft gesehen werden: ein heikles Thema. Eben diese Betrachtung der Beziehung auf das Gesellschaftliche soll jedoch „nicht wegführen vom Kunstwerk, sondern tiefer in es hinein“ 2 , was nach Adorno nur die natürliche Konsequenz bedeutet, denn: Individuelle Erfahrungen und Emotionen werden erst dadurch zu Kunst, dass sie Anteil am Allgemeinen gewinnen: „ Ästhetik zielt auf konkrete Allgemeinheit“ 3 , wie er es später in seiner Ästhetischen Theorie, auf die ich im weiteren Verlauf meiner Arbeit verstärkt eingehen werde, ausspricht. Scheible sieht in der „Glätte dieses Widerspruchs“ 4 gar die Essenz Adornos gesamter Theorie und verweist auf Hegels Philosophie, die er bei aller Differenziertheit als „grandioses Scheingefecht“ 5 abtut:„ Dadurch, daß wir die Dinge denken, machen wir sie zu etwas Allgemeinem, die Dinge sind aber einzelne.“ 6
Die Allgemeinheit des Kunstwerks bedeutet Adorno auf keinen Fall eine volonté de tous:
[...] die Versenkung ins Individuierte erhebt das lyrische Gedicht dadurch zum Allgemeinen, daß es Unentstelltes, Unerfasstes, noch nicht Subsumiertes in die Erscheinung setzt und so geistig etwas vorwegnimmt von einem Zustand, in dem kein schlecht Allgemeines, nämlich zutiefst Partikulares mehr das andere, Menschliche fesselte. 7
1 Adorno, Theodor W.: Rede über Lyrik und Gesellschaft. In: Noten zur Literatur I. Frankfurt am Main: Bibliothek Suhrkamp 1958, S. 74.
2 ebd.
3 Adorno, Theodor W.: Ästhetische Theorie (Gesammelte Schriften , Band 7). Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970, S. 393.
4 Scheible, Hartmut: Geschichte im Stillstand. Zur ästhetischen Theorie Theodor W. Adornos. In: Theodor W. Adorno (Text und Kritik, Sonderband). München: Edition Text und Kritik 1977, S. 97.
5 ebd.
6 Hegel: System der Philosophie. Zweiter Teil: Die Naturphilosophie. Jubiläumsausgabe ( Glockner ), IX, 1929, S. 39. Zitiert nach Scheible, a. a. O., S. 97.
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Literatur zeigt also nach Adorno Natürliches und Unverändertes - damit nehme sie utopisch einen gesellschaftlichen Zustand vorweg, in dem nichts „schlecht Allgemeines“ - die Gesamtheit der Gesellschaft - das Menschliche bzw. das Individuum zu fesseln vermag. Im Aufzeigen einer Gegenwelt zur gesellschaftlichen Wirklichkeit äußert sich der Widerstand gegen diese. Soweit stellt der Protest gegen die gesellschaftliche Wirklichkeit die Literatur fast ausschließlich antithetisch der Gesellschaft entgegen.
Entscheidend für Adornos Ansatz ist jedoch die These, dass der sich in Literatur äußernde Protest - scheinbar ganz spontaner, individueller Ausdruck der Lyrik - selbst wieder Ausdruck objektiver Kräfte, „Kräfte also einer Gesamtverfassung“ 8 ist, auch wenn es uns missfallen oder auf den ersten Blick befremdlich erscheinen mag:
Sie empfinden die Lyrik als ein der Gesellschaft Entgegengesetztes, Individuelles. Ihr Affekt hält daran fest, daß es so bleiben soll, daß der lyrische Ausdruck, gegenständlicher Schwere entronnen, das Bild eines Lebens beschwöre, das frei sei vom Zwang der herrschenden Praxis, der Nützlichkeit, vom Druck der sturen Selbsterhaltung. Diese Forderung an die Lyrik jedoch, die des jungfräulichen Wortes, ist in sich selbst gesellschaftlich. 9
In diesem Sinne ist nach Adorno auch das Spontane in der Lyrik durch das Allgemeine, das Universelle vermittelt. Das ist nur zu verstehen, wenn die gesellschaftliche Wirklichkeit selbst als in sich widersprüchlich begriffen wird. Wenn Adorno fordert, die Deutung von Lyrik habe auszumachen, „wie das Ganze einer Gesellschaft, als einer in sich widerspruchsvollen Einheit, im Kunstwerk erscheint; worin das Kunstwerk ihr zu Willen bleibt, worin es über sie hinausgeht“ 10 , spricht er eben diesen widerspruchsvollen Charakter der Wirklichkeit an. Seine Forderung impliziert zudem, dass sich nicht nur die Antithese oder Gegenwelt zu einem „gesellschaftlichen Zustand, den jeder Einzelne als sich feindlich, fremd, kalt, bedrückend erfährt“ 11 , in der Literatur Ausdruck schafft, sondern der widersprüchliche Charakter der Wirklichkeit in der Literatur durchaus auch selbst ausgetragen werden muss. Literatur der Moderne stelle also sowohl jene „reale Gewalt der
7 Adorno, Theodor W.: Rede über Lyrik und Gesellschaft, a. a. O., S. 74f.
8 ebd., S. 84.
9 ebd., S. 77f.
10 ebd., S. 76.
11 ebd., S. 78.
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Arbeit zitieren:
David Bies, 2002, Theodor W. Adorno: Literatur und gesellschaftliche Wirklichkeit - Zur Literaturtheorie Adornos, München, GRIN Verlag GmbH
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