Übernahmen (vgl. Soros 2008: 12). Durch eine Reihe besonders von Seiten der Investmentbanken entwickelter und betriebener Finanzinnovationen mit teilweise nicht mehr überschaubaren Risiken entwickelte sich eine Eigendynamik in der die Gier nach schnellen und hohen Profiten zum Leitmotiv avancierten. Die Entwicklungen, die sich hier abzeichneten müssen jedoch, wie Stephan Schulmeister konstatiert, als „Auslöser“ (Schulmeister 2008) und nicht als eigentliche Ursache der Finanzmarktkrise gesehen werden. Vielmehr zeigt sich, dass die Wirtschaftspolitik der letzten drei Jahrzehnte durch eine ‚Strategie‘ geprägt war, in der jedweder staatliche Eingriff zunehmend reduziert und dem Markt als primäres Koordinierungsinstrument eine ‚Kompetenz‘ zur Wahrung von Eigeninteressen und zur Selbstheilung zugeschrieben wurde. Seit den 1970er Jahren tritt das Finanzkapital verstärkt in den Vordergrund und hat eine Deregulierungs- und Privatisierungswelle (Huffschmid 2004) in Gang gesetzt. Der Markt avancierte zum primären Koordinationsprinzip. Der Glaube, die Märkte würden auf ein Gleichgewicht zusteuern indem man jedermann gestatte unbeirrt Eigeninteressen zu verfolgen, erweist sich jedoch heute als Irrtum (vgl. Soros 2000, 2008; Wegehenkel 1981: 18).
Die Zinspolitik der amerikanischen Notenbank steht dem in nichts nach und baut darauf durch die Ankurbelung des Konsums, in Folge niedriger Zinsen, die entscheidenden Anreize liefern zu können. Dabei wurde jedoch nicht in Erwägung gezogen, dass durch diese Schritte neue Krisenherde hervorgerufen werden könnten.
Der folgende Beitrag versucht der Frage nachzugehen, welche Mechanismen immanent in die Finanzmärkte integriert sind und wesentlich zur Ausbreitung und Beschleunigung beigetragen haben. Der erste Abschnitt thematisiert den Ausbruch der Krise und präsentiert die wesentlichen Verlaufsdaten und Ereignisse. Im zweiten Abschnitt erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit den aktuellen Gegebenheiten auf den Finanzmärkten, deren Folgewirkung sich bereits in der produzierenden Realwirtschaft offenbaren. Dabei werden mit Hilfe des von George Soros entwickelten Boom/Bust-Modells Rückschlüsse und Erklärungsansätze für die aktuellen Ereignisse vorgestellt. Der Beitrag schließt mit einigen Schlussfolgerungen, die aus der Krise gezogen werden können (müssen). Deren Intention liegt darin zukünftig solche Exzesse zu vermeiden, die Finanzmärkte einer stärkeren Kontrolle zu unterstellen und sie so ihrer ursprünglichen Funktion wieder anzunähern.
2 Der ‚Finanzmarktcrash‘ - Chronik einer Krise
Die Krise nahm ihren Ausgangspunkt im Finanzsektor und entwickelte zunehmend eine Eigendynamik, deren Auswirkungen bis tief in die Realökonomie zu beobachten sind. Der Verlauf der Krise ist durch zwei Phasen gekennzeichnet. In der ersten Phase erschütterten Zahlungsausfälle besonders im Suprime-Kreditsegment eine Vielzahl von Hypotheken- und anderen Finanzinstitutionen. Die Krise breitete sich mit zunehmenden Zahlungsausfällen ‚Schockwelle um Schockwelle‘ aus. Eine globale Dimension nahm die Krise aufgrund der engen Verknüpfungen zwischen den Finanzinstitutionen an. Diese waren durch neue Finanzprodukte und Innovationen und ebenso durch die Gründung von Zweckgesellschaften global eng miteinander ‚vernetzt‘. Um eine Refinanzierung der Kredite zu ermöglichen, wurden etwa Suprime-Kredite gebündelt und an Investoren weltweit verkauft. Jedoch veränderte sich die Situation in den Vereinigten Staaten als es für mehr und mehr Kreditnehmer nicht länger möglich war, die ausstehenden Darlehen zurückzuzahlen. Die internationalen Verknüpfungen und Verpflichtungen waren so dicht mit einander verwoben, dass die Krise rapide globale Züge annahm und sich immer weiter ausbreitete. Die Risiken für die Banken waren nicht länger überschaubar, was letztendlich auch große Investmentbanken zunehmend ins ‚straucheln‘ brachte. Die zweite Phase der Finanzmarktkrise wurde durch den Zusammenbruch von Lehmann Brothers eingeleitet. Das Ende dieser Investmentbank löste eine Beschleunigung aus und führte zu zunehmenden Misstrauen zwischen den beteiligten Akteuren, deren Auswirkungen bis tief in die Realwirtschaft hineinreichten. Diese Entwicklungen sind Folgen einer rigideren Kreditvergabepolitik der Banken bei gleichzeitig drastisch rückläufiger Auftragslage besonders bei exportorientierten Unternehmen. Im Folgenden erfolgt eine kurze Darstellung des Krisenverlaufs in Gestalt von wesentlichen Ereignissen:
1. Phase der Krise
Zwei Hedgefonds der New Yorker Investmentbank Bear Stearns 18. Juli 2007:
werden aufgelöst, da die in diesen Fonds enthaltenen Vermögenswerte weitgehend wertlos oder in großen Teilen an Wert verloren haben. Beide Fonds verlieren allein im US-Immobilienmarkt rund 1,48 Mrd. Dollar.
Juli und August 2007: In kurzer zeitlicher Abfolge geraten einige deutsche Landesbanken (u.a. Sachsen LB, WestLB und die Mittelstandsbank IKB) aufgrund von Fehlspekulationen in erhebliche Zahlungsschwierigkeiten. Nach Bekanntwerden von allgemeinen Zahlungsschwierigkeiten September 2007:
ziehen Kunden der britischen Bank Northern Rock über eine Milliarde Euro von ihren Sparkonten ab. Teilweise bildeten sich riesige Schlangen besorgter Kunden vor den Geldinstituten. Um die Pleite der Bank abzuwenden, greift die britische Bank of England mit einem Notkredit ein.
Viele Finanzinstitute vermelden erhebliche Verluste und hohe Oktober 2007: Abschreibungen.
Die US-Regierung stellt ein erstes umfangreiches Hilfspaket in Höhe Februar 2008:
von 150 Milliarden Dollar zur Verfügung Die amerikanische Investmentbank Bear Stearns weist Gerüchte um 11. März 2008:
Liquiditätsprobleme als „lächerlich“ zurück. Auf Druck der Federal Reserve (FED) wird Bear Stearns an die 17. März 2008:
zweitgrößte US Bank J.P. Morgan Chase verkauft. Die US-Regierung übernimmt die Kontrolle bei den 6. September 2008: Hypothekenriesen Fanny Mae und Freddie Mac.
2. Phase der Krise
15. September 2008: Schwarzer Montag an den Börsen: Die Investment Bank Lehmann Brothers muss Insolvenz anmelden. Die ebenfalls angeschlagene Bank Merrill Lynch wird durch die Bank of America aufgekauft.
19. September 2008: Die US-Regierung unter Präsident George W. Bush kündigt ein Rettungspaket für die Finanzbranche in Höhe von 700 Milliarden Dollar an. Am 1. Oktober 2008 wird dem Rettungspaket durch den US-Senat zugestimmt, nachdem weitere 100 Milliarden Dollar für Hausbesitzer und Unternehmen in das Packet integriert wurden. Das US-Repräsentantenhaus stimmt dem Rettungsplan am 3. Oktober zu.
21. September 2008: Die letzten beiden US-Investmentbanken Morgan Stanley und Goldman Sachs geben ihren Sonderstatus als Investmentbanken auf und werden zu gewöhnlichen Geschäftsbanken.
Die größte amerikanische Sparkasse Washington Mutual bricht 25. September:
zusammen und wird durch J.P. Morgan Lynch Chase übernommen. Die Hypo Real Estate gerät in erhebliche Schwierigkeiten. Ein 29. September:
Rettungspaket in Höhe von 35 Milliarden Euro wird bereitgestellt. Der isländische Ministerpräsident Geir Haarde warnt vor einem 7. Oktober 2008:
Staatsbankrott und die isländische Regierung übernimmt die Kontrolle über das Bankensystem.
Die Finanzkrise erreicht die deutsche Realwirtschaft. Als Erster 23. Oktober 2008:
vermeldet der deutsche Autohersteller Daimler dramatische Umsatz-und Ertragseinbrüche. Weitere Automobilhersteller werden weltweit von der Krise erfasst. An vielen Standorten werden Maßnahmen erwogen, um die Krise abzuwenden (u.a. Abbau von Zeitarbeitsplätzen, Einführung von Kurzarbeit etc.). Im Dezember erfasst die Krise weitere Branchen. So meldet die deutsche Maschinenbauindustrie erhebliche Auftragsrückgänge. Historischer Schritt: Die Federal Reserve (FED) senkt den Leitzins 16. Dezember 2008:
auf 0,00-0,25 Prozentpunkte. Der designierte amerikanische Präsident Barack Obama kündigt ein 850 Milliarden Dollar umfassendes Konjunkturpaket an.
Die hier in chronologischer Reihenfolge dargestellten Abschnitte der Finanzmarktkrise sind durch zwei wesentliche Aspekte charakterisiert. Erstens (1) setzte mit zunehmender Beschleunigung eine Ausbreitung der Krise ein. Jörg Huffschmid spricht in diesem Zusammenhang von ‚pyramidalen Ausbreitungseffekten‘ (Huffschmid 1999: 165), die ähnlich wie in der Asienkrise 1997 ihren Ausgangspunkt im Bankensektor hatten und sich schrittweise auf die produzierende Industrie und Wirtschaft ausbreiteten. (2) Zweitens zeigen die Ergebnisse, dass mit zunehmender Intensität der Krise die staatlichen Interventionsleistungen erheblich ausgebaut und ausgedehnt wurden. Jedoch müssen diese Maßnahmen kritisch hinterfragt werden, da der Vertrauensverlust, insbesondere im Bankensektor durch diese Schritte nicht kompensiert werden kann und die Krise sich aufgrund fehlender Kredite auf breite Teile der produzierenden und vom einbrechenden Export abhängigen Realökonomie auswirkten.
Arbeit zitieren:
Matthias Völcker, 2009, Die Blase ist geplatzt, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
'Das wars mit der Deutschland AG' - Der Shareholder-Value-Kapi...
Soziologie - Wirtschaft und Industrie
Wissenschaftlicher Aufsatz, 35 Seiten
Die Finanzmarktkrise 2007 in den USA und in Europa
Status Quo und Implikationen f...
BWL - Bank, Börse, Versicherung
Essay, 28 Seiten
Die Frage nach der Notwendigkeit eines Stabilisators im internationale...
Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien
Seminararbeit, 15 Seiten
Was ist eigentlich problematisch am demographischen Wandel?
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Seminararbeit, 24 Seiten
Ein Thesenpapier
Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung
Wissenschaftlicher Aufsatz, 11 Seiten
Thomas Hobbes' Leviathan: Die Entstehung des Leviathan und die Fol...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 14 Seiten
Vereine als Produzenten sozialen Kapitals?!
Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung
Hausarbeit, 26 Seiten
Gegenüberstellung zentraler Unterschiede der Theorien in den internati...
Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche
Hausarbeit (Hauptseminar), 16 Seiten
Ist die EU Handelspolitik WTO-konform?
Politik - Internationale Politik - Thema: Sonstiges
Seminararbeit, 26 Seiten
Reform der europäischen Wettbewerbspolitik und Perspektiven der global...
VWL - Wettbewerbstheorie, Wettbewerbspolitik
Bachelorarbeit, 90 Seiten
Der globale Kapitalmarkt - Entstehung, Struktur und politische Problem...
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Die Agenda 2010 - Reform des Sozialstaats
Überblick zu ihren Zielen und ...
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Der Theorieansatz der Regionalen Ordnungen
Die Konzeptionen von Buzan/Wæv...
Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien
Hausarbeit (Hauptseminar), 36 Seiten
Medien / Kommunikation - Fachkommunikation, Sprache
Wissenschaftlicher Aufsatz, 6 Seiten
Die FPÖ und das BZÖ vor dem Hintergrund des österreichischen Parteiens...
Politik - Internationale Politik - Region: Westeuropa
Hausarbeit (Hauptseminar), 34 Seiten
Matthias Völcker's Text Die Blase ist geplatzt ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Matthias Völcker hat den Text Die Blase ist geplatzt veröffentlicht
Matthias Völcker hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare