- 2 -
Das politische Denken von Wilhelm Hennis
Ein Versuch über seine Politik- und Wissenschaftsauffassung
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung - das Lebenswerk von Wilhelm Hennis
3
2. Der Politikbegriff
7
3. Der Wissenschaftsbegriff
9
3.1 Politik als praktische Wissenschaft 9
3.2 Methodologie praktischer Wissenschaften 11
3.3 Die gegenwärtige Situation der (Politik-)Wissenschaft 12
4. Schluß - die Bedeutung des politischen Denkens von
Wilhelm Hennis
14
5. Literatur
16
2
1. Einleitung - das Lebenswerk von Wilhelm Hennis
Eine Annäherung an das Politische Denken 1 Wilhelm Hennis‘ darf unter dem sprichwörtlichen Leitmotiv Wer gegen den Strom schwimmt, gelangt zur Quelle erfolgen, wurde doch der zur zweiten Generation der bekannteren, bundesrepublikanischen Politikwissenschaftler zählende Hennis als „Denker gegen den Strom“ (Sontheimer 1988, S. 11) gewürdigt und als „unbequemer Konservativer“ (Zundel 1988, S. 9) geachtet, den man zugleich „einen Lehrer und Moralisten, einen politischen >>Erzieher<<“ (Mehring 1991, S. 152) nennen könnte. Wilhelm Hennis‘ vorwissenschaftliche Biographie ist mindestens genauso interessant wie sein wissenschaftliches Werk, das entsprechend seinem noch zu skizzierenden Politikbegriff einem Aufsatzschaffen gleicht und auf umfangreiche Monographien zum Zwecke systematischer Abhandlungen und Begründungen verzichtet. Die enge Verknüpfung von Leben und Werk - und damit die weitestgehende Abgeschlossenheit -, der geringe Umfang der Schriften machen eine Beschäftigung mit dem politischen Denken von Wilhelm Hennis im Rahmen einer Hausarbeit erst möglich und verlangen nach einer einführenden Darstellung seines Lebenswerkes. Im Anschluß daran können die politischen und wissenschaftlichen Begriffsinhalte seines Denkens skizziert, zum Abschluß die aktuellen und politikwissenschaftlichen Bedeutungen seines Werkes erwogen werden. Zunächst aber zum Lebenswerk, zu dessen Schilderung auf einen am 05. Februar 1998 in Freiburg gehaltenen autobiographischen Vortrag Hennis‘ mit dem Titel „Politikwissenschaft als Beruf“ (PaB) zurückgegriffen wird. Wilhelm Hennis ist am 18. Februar 1923 in Hildesheim geboren, d. h. er gehört einem Jahrgang an, der den Eindruck unmittelbarer Kriegserlebnisse noch mit seinem Blut bezahlte:
„Dazu kommt die Problematik meines Jahrgangs: 1923. Ich habe ihn mir nicht ausgesucht. Viel Säure, wenig Restsüße - von meiner Dresdner Schulklasse ist die Hälfte nicht aus dem Krieg zurückgekehrt, aus der Parallelklasse des Staatsgymnasiums keiner“ (PaB, S. 381). 1933, im Jahr der Machtergreifung Hitlers, verläßt die Familie Hennis Deutschland in Richtung Südamerika, in das Land Venezuela, das sein Vater auf Wunsch des Diktators und Präsidenten Juan Vicente Gomez auf dem Gebiet des Seidenanbaus autark zu machen gedachte. Hennis besucht dort die deutsche
1 Warum das politische Denken im Blickfeld der vorliegenden Arbeit steht, hat Henning Ottmann solide begründet: Weil der Begriff Politisches Denken aufgrund seiner praktischen, interdisziplinären und sogar überwissenschaftlichen Konnotation „konkurrierenden Begriffen vorzuziehen ist“ (Ottmann 1996, S. 1ff).
Schule, das Colegio Aleman, muß dann aber „das Ende des venezolanischen Autarkieprogramms für Seide“ mit ansehen.
„Man hätte die Tropentauglichkeit der Seidenraupen zuvor prüfen müssen. Gegenüber allen Projekten, auch dem Projekt der Moderne, überkommt mich seitdem instinktive Skepsis. Projektieren heißt nach vorne Denken, etwas in die Zukunft hinein entwerfen. Wie weit reicht unser Blick in die Zukunft?“ (PaB, S. 387).
Aus dem venezolanischen Aufenthalt bis 1938 lernt Hennis auch, daß gegenüber den Entwicklungsländern „ein Schwarz-Weiß in Verfassungsfragen“ nicht geboten scheint;
„die korrekten Bemühungen unserer Entwicklungsexperten, aller Welt demokratische Mores zu lehren, haben mich immer eher verwundert. Der demokratische Rechts- und Verfassungsstaat ist ein großartiges, aber doch sehr rares Kulturprodukt, er hängt von Umständen ab, die nur in einem kleinen Teil der Welt gegeben und auch dort in schneller Erosion befindlich sind. Die Ökonomie, die private Gier nach Reichtum und Glanz, ist viel älter als eine dem Gemeinwohl verpflichtete Politik, und die Ökonomie holt sich gegenwärtig unter dem Beifall der Experten zurück, was die Politik ihr in zwei Jahrhunderten mühsam abgerungen hat“ (PaB, S. 386f). Nach einem Sommerurlaub in Italien kehrt die Familie nach Deutschland zurück, und Wilhelm Hennis kann sein Abitur 1942 an der Dresdner Oberschule ablegen, an der über zwanzig Jahre zuvor Erich Kästner gelernt hatte. Im Frühjahr 1942 wird er zum Kriegsdienst eingezogen und bis 1944 zum U-Boot-Offizier ausgebildet. Dreimal kann er vor dem sicheren Tod gerettet werden, ehe er Adjutant eines Admirals wird. Weil Hennis sich dann weigert, das Amt eines Nationalsozialistischen Führungsoffiziers zu übernehmen, wird er an die Front abkommandiert und der Wehrkraftzersetzung angeklagt. Der Krieg ist jedoch schneller beendet; schon im August 1945 kann er sich an der juristischen und philosophischen Fakultät der Universität Göttingen immatrikulieren. Über seine Kriegserfahrungen, die unter den aktiv am Krieg teilgenommenen Studenten damals Tabu waren, schreibt er:
„[E]es war eine Lust zu leben, ich habe dann nur nach vorn geblickt, für Vergangenheitsbewältigung hatte mein Jahrgang weder Lust noch Zeit. 20 Jahre später unterschied uns das sehr von den fünf Jahre jüngeren: Habermas, Sontheimer, Dahrendorfselten genügten wenige Jahre Altersunterschied für so unterschiedliche Generationserfahrungen“ (PaB, S. 398).
Neben das Jurastudium, hauptsächlich bei Rudolf Smend, tritt die Lektüre Max Webers - also eine frühe Leidenschaft Wilhelm Hennis‘ - und die Gründung der Göttinger Universitätszeitung. Gemeinsam mit Freunden aus Smends Staatstheoretischem Seminar, Peter von Oertzen, Horst Ehmke, ist Hennis Mitglied im SDS und Referent im ASTA. Seine 1951 maschinenschriftlich vorgelegte Dissertation „Das Problem der Souveränität“ hat denn auch Rudolf
4
Smend väterlich begleitet. Doch Hennis entscheidet sich gegen eine juristische Laufbahn und für die Politik.
„Die Politik - nach ihrem ursprünglichen Wortsinn ja eine Wissenschaft wie Ethik, Mathematik, Physik - hatte man seit der Antike bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts immer als die Fürstin aller Wissenschaften angesehen, umfaßt sie doch das Wissen um die für das Wohl des Bürgers wichtigste Angelegenheit, die gute Ordnung des Gemeinwesens. Zu dieser Wissenschaft zog es mich hin, aber es gab sie noch gar nicht“ (PaB, S. 403). Er bewirbt sich um eine Assistenz bei dem SPD-Justiziar und Kronjuristen Dr. Adolf Arndt 2 , wird angenommen und lernt die Möglichkeiten oppositioneller Politik im Bundestag, die Wahlkreisarbeit der Abgeordneten und die politische Instrumentarisierung des Bundesverfassungsgerichtes in praktischer Anschauung kennen. In späteren Aufsätzen zur Regierungslehre wird ihm dieses Herrschaftswissen zugute kommen (vgl. VuV und RuR). Das Harvard International Seminar, vom jungen Henry Kissinger organisiert, bringt ihm die amerikanische Political Science näher; der Kontakt zu den deutschen Exilierten Leo Strauss und Eric Voegelin indes bewahrte Hennis vor der Überbewertung der empirischen Wissenschaft. Carlo Schmid 3 , Mitverfasser des Grundgesetzes und Sozialdemokrat, bietet ihm 1953 die Assistentenstelle am Frankfurter Seminar für Politikwissenschaft an, bei ihm reicht Hennis im Herbst 1959 seine Habilitationsschrift „Politik und praktische Philosophie. Eine Studie zur Rekonstruktion der politischen Wissenschaft“ (PupP) 4 ein. Kommentiert hat er die Entstehung des Werkes folgendermaßen:
„Inzwischen war bei mir nämlich der Groschen gefallen [...]. Die Politik war, wie die Ökonomik, die Lehre vom >>ganzen Haus<< [...], seit Aristoteles eine der Disziplinen der praktischen Philosophie, also eine praktische Wissenschaft, will heißen, sie handelt vom Handeln, der Praxis des Menschen im politischen Bereich. Nun wurde mir klar, was mir an der neuen Political Science - mit ihrer ewigen Wechselreiterei >>theoretischer<< Moden - so mißfiel und ich begriff den größeren historischen Zusammenhang dieser Entwicklung seit Hobbes‘ Versuch, die Politik more geometrico zu konstruieren. [...] Die Geschichte der politischen Wissenschaft, ihre aristotelische Grundkonzeption, ihrer besondere topische Argumentationslogik und ihre Fortführung bis in die anthropologisch-charakterologischen Fragestellungen Max Webers hinein, erschloß sich mir, und hat seitdem meine Position im Fach bestimmt“ (PaB, S. 408f).
Im Juni 1960 habilitiert sich Wilhelm Hennis. Der öffentliche Habilitationsvortrag „Amtsgedanke und Demokratiebegriff“ (AuD) behandelt den Zusammenhang von
2 Wohl auch vor dem Hintergrund einer langjährigen SPD-Mitgliedschaft (kurzzeitig auch in der CDU). Rolf Zundel berichtet, daß Hennis seines politischen Engagements wegen der „rote Hennis“ geheißen habe (Zundel 1988, S. 9).
3 Wilhelm Hennis würdigte Carlo Schmid in der FAZ 1996 als großen „Parlamentarier“, der - trotz seiner intellektuellen Fähigkeiten und seines Bildungshorizonts - einem „radikal polarisierten >>Parteienstaat<<, in dem Machterhaltung oder Machterwerb zum einzigen Imperativ der parlamentarischen Politik geworden sind“ (AdWidP, S. 143), zum Opfer gefallen ist.
4 Seine zweifellos bedeutendste und eine der umfänglichsten Schriften (131 Seiten), in der Kurt Sontheimer die „Grundlinien des politischen Denkens von Wilhelm Hennis [...] vorgezeichnet“ sehen will: „Alles, was danach kam, war im wesentlichen die Umsetzung der dort entwickelten Grundüberzeugungen in die wissenschaftliche Behandlung der konkreten Probleme und Aufgaben der Politik seiner Zeit“ (Sontheimer 1988, S. 11).
5
Arbeit zitieren:
Christian Schwießelmann, 2000, Das politische Denken von Wilhelm Hennis. Ein Versuch über seine Politik- und Wissenschaftsauffassung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Einsichten zum Elementaren - Überlegungen zu den grundlegenden didakti...
Politik - Didaktik, politische Bildung
Hausarbeit (Hauptseminar), 16 Seiten
Ein kompakter Überblick
Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung
Referat (Handout), 22 Seiten
Historischer Längsschnitt: Der aristotelische Bürgerbegriff im Verglei...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 27 Seiten
Carl Schmitts Politikverständnis und seine Anwendbarkeit auf die Siche...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 22 Seiten
Hannah Arendts Verständnis von Macht als Ergebnis politischen Handelns
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Hausarbeit (Hauptseminar), 13 Seiten
Darfur – der vergessene Konflikt?
Die Krise im Westen des Sudan ...
Politik - Internationale Politik - Region: Afrika
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Der Positivismusstreit - Geschichte und Positionen
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Hausarbeit, 19 Seiten
Eine Betrachtung der Notwendig...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit (Hauptseminar), 16 Seiten
Industriekultur oder industrielle Kulturlandschaft? - Das Beispiel Ruh...
Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie
Seminararbeit, 13 Seiten
Das italienische Parteiensystem
Politik - Internationale Politik - Region: Westeuropa
Hausarbeit, 19 Seiten
Politische Partizipation der Gewerkschaften in Deutschland und Japan
Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche
Seminararbeit, 22 Seiten
Rock in der DDR - Jugendkultur zwischen offizieller Staatsdoktrin und ...
Politik - Politische Systeme - Historisches
Hausarbeit (Hauptseminar), 42 Seiten
Die Isaf-Mission in Afghanistan
Wie ist sie aufgebaut? Weshalb...
Politik - Internationale Politik - Thema: Deutsche Außenpolitik
Seminararbeit, 20 Seiten
Zum "Stand-alone"-Einsatz der EU im Kongo 2006. EUFOR RD CON...
Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Christian Schwießelmann's Text Das politische Denken von Wilhelm Hennis. Ein Versuch über seine Politik- und Wissenschaftsauffassung ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Christian Schwießelmann hat den Text Das politische Denken von Wilhelm Hennis. Ein Versuch über seine Politik- und Wissenschaftsauffassung veröffentlicht
Christian Schwießelmann hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare