Schizophrenie - ein Phänomen, das begrifflich jedem bekannt ist, aber inhaltlich nur wenigen Personen mit Fachwissen. Jedoch bürgerte sich die psychiatrische Vokabel „schizophren“ sukzessive in den Alltagsjargon ein und wird seither für eine ambivalente Handlung oder Einstellung eines Individuums verwendet. Diese Arbeit wird sich aber mit der medizinisch-psychiatrischen Begrifflichkeit und dem Phänomen „Schizophrenie“ auf einer wissenschaftlichen Perspektive nähern.
Ich habe dieses Thema für meine Studienarbeit ausgewählt, um mich primär selbst über diese komplexe psychische Erkrankung zu informieren und mich mit ihr wissenschaftlich auseinanderzusetzen, sekundär hoffe ich inständig den weniger fachkundigen Leser dazu anzuregen sich Gedanken über Schizophrenie zu machen.
Konkret würde ich mir wünschen dazu beizutragen, dass Schizophrene in unserem sozialen Umfeld akzeptiert werden und das Etikett des pathologischen, ja fast aussätzig Kranken schwindet, damit diese als volle Bürger unserer Gesellschaft angesehen werden können.
Angeregt, über dieses Thema zu berichten, wurde ich während meiner Zivildienstzeit bei den Barmherzigen Brüdern in Reichenbach, wo ich die Aufgabe hatte zehn geistig behinderte und zwei schizophrene Menschen auf einer Wohngruppe zu betreuen.
Anfangs zurückhaltend und zugegebenermaßen etwas ängstlich im Umgang mit den beiden an Schizophrenie erkrankten Menschen, entwickelte sich beiderseits nach einigen Wochen eine wirklich hervorragende Beziehung zwischen den Bewohnern und mir. Ich lernte diese tiefgründigen Bewohner der Anstalt wertzuschätzen, und zwar in solchem Masse, dass mir der in der Gesellschaft als normal bezeichnete Bürger nach meinem Zivildienst oft als oberflächlich und schon fast gedankenlos vorkam. Nach sechs Monaten wurde ich zur Einzelbetreuung eingesetzt und musste die Freizeit dieser Menschen gestalten. Ich glaube behaupten zu können, dass wir eine schöne Zeit miteinander verbrachten und ich kann mich heute noch an die schönsten Momente erinnern. Es waren diese Momente, als ich die Beiden zu einem herzhaften Lachen anregen konnte und ich somit das Feedback meiner Anstrengungen bekam. Jedoch handelte ich damals ohne jegliches Fachwissen, rein nach Intuition und gutem Gewissen, was für die therapeutische Arbeit mit Schizophrenen nicht optimal, eventuell gar gefährlich werden kann. Ich hoffe, dass sich diese Behauptung durch die nachfolgende Arbeit bestätigt.
Bleibt schließlich nur noch mich bei meiner Mutter für die offene Erziehung zu bedanken, die mir heute ermöglicht jeden Menschen als gleichwertig und auf seine Weise einzigartig und wertvoll zu betrachten.
Walderbach, Dezember 2002 Marco Häusler
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INHALTSVERZEICHNIS
1 Der Begriff „Schizophrenie“
1.1 Von Dementia praecox zu Schizophrenie
1.2 Medizinische und psychopathologische Definitionen
2 Ätiologie
2.1. Genetische Ursachen
2.2. Psychosoziale Ursachen
2.3. Biochemische Ursachen
2.4. Vulnerabilitätsmodell
3 Krankheitssymptomatik
3.1 Grundsymptome
3.1.1. Störung des Gedankenganges
3.1.2. Störung der Affektivität
3.1.3. Störung des Ich-Erlebens
3.2 Akzessorische Symptome
3.2.1. Wahn
3.2.2. Halluzinationen
3.2.3. Katatone Symptome
4 Unterformen
4.3 Hebephrene oder desorganisierte Form
4.1 Katatone Form
4.2 Paranoid - halluzinatorische Form
4.4 Andere Formen
5 Diagnose
5.1. Diagnosekriterien der ICD-10 und DS-MIII-R
5.2. Diagnostische Leitlinien des ICD-10
5.2. Differenzialdiagnose
6 Verlauf
7 Therapie
7.1. Psychopharmakotherapie
7.2. Psychotherapie
7.3. Soziotherapie
7.4. Allgemeine therapeutische Grundregeln
8 Zusammenfassung
1.1 Von Dementia praecox zur Schizophrenie
Denn schon im Jahre 1911 schlug Eugen Bleuler, Arzt und
Forscher aus Zürich, für diese psychische Erkrankung eine neue Sichtweise vor. Er gab der damaligen Dementia Praecox den Namen „Schizophrenie“, da er von einem Spaltungsirresein ausging ( schizo = ich spalte, phren = Geist). Bleuler stellte des weiteren ein Bindeglied zwischen den verschiedenen Symptomen, beispielsweise paranoiden und hebephrenen Zügen, in Hinsicht auf die psychopathologische (= die erkrankte Psyche betreffend) Struktur her und erkannte der Strukturzusammenhang der Persönlichkeit während der Krankheit verloren geht, was kurzum bedeutet, dass „die elementarsten Störungen in einer mangelhaften Einheit, in eine Zersplitterung und Aufspaltung des Denkens, Fühlens und Wollens und das subjektive Gefühl der Persönlichkeit zu liegen scheinen“ (M.Bleuler, 1983, S. 407).
1.2 Medizinische und psychopathologische Definitionen
Die schizophrenen Psychosen (auch: Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis) stellen eine Hauptgruppe der sogenannten endogenen Psychosen dar. Der Begriff „endogen“ bezieht sich dabei auf die ältere psychiatrische Auffassung und Definition der Schizophrenie, dass die Erkrankung unabhängig
1 Nosologisch bedeutet „Krankheiten systematisch beschreibend“ (Fremdwörterbuch, 1998, S.286)
2 Zyklothymien umschreiben das Phänomen der manisch-depressiven Psychosen (vgl. Peters, 1990, S.595)
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von körperlichen und seelischen Komponenten, gewissermaßen von innen heraus, ohne äußere Einflüsse im Körper selbst, entsteht (vgl. Pschyrembel, 1998, S.423).
Schizophrenie ist eine Krankheit, die nicht klar definiert oder empirisch bewiesen werden kann. Eine Diagnose zu Hepatitis B beschreibt einen relativ genauen pathologischen Terminus, während bei Schizophrenie der Zustand lediglich theoretisch umrahmt werden kann. Folglich besteht keine faktisch eindeutige Definition auch aus diesem Grund, da sie organisch einfach nicht erfasst werden kann. Azmur Finzen beschreibt Schizophrenie als die „schillerndste aller psychischen Störungen“. Sie kann leicht oder schwer sein, akut oder dramatisch verlaufen, kürzere Zeit oder ein ganzes Leben andauern, ausheilen oder zur Invalidität führen (vgl. Finzen, 2001, S.20). Thure von Uexküll spricht von der Geisteskrankheit par excellence, vom menschlichsten aller Leiden, denn genau die Eigenschaften, die den Menschen vom Tier abgrenzen, beispielsweise Denkprozesse und Sprache oder Störung des Selbstgefühls, sind betroffen (vgl. Uexkull, 1990, S.931). Der ICD-10 potuliert eine Mindestdauer der Krankheit, sonst sollte man „lediglich“ von einer schizophrenieformen Störung sprechen; außerdem wird der Ansatz ohne klare psychotische Störungen ausgeschlossen, dies sind „nur“ schizotype Persönlichkeitsstörungen. Darüber hinaus muss ein charakteristisches Symptombild (siehe 5) vorhanden sein (vgl. WHO, 2000, 4.Auflage, S.103-106) Schizophrenie ist also eine „(...) Form der körperlich nicht begründbaren Psychose, die durch ein Nebeneinander von gesunden und veränderten Erlebens- u. Verhaltensweisen gekennzeichnet ist (...)“ (Pschyrembel, 1998, S.419).
Schon bei der Definition von Schizophrenie konnte man feststellen, dass der Begriff nicht konkret erfasst werden kann. Analog kann bei den Ursachen des Krankheitsbildes auch nur vermutet werden, wie und von welchen Faktoren sie abhängt. Die einen Wissenschaftler legen Wert auf die genetischen Ursachen, andere führen die Ätiologie auf psychosoziale Ursachen zurück. „Nach heutigem Wissensstand (...) führen viele Faktoren (multifaktoriell) zum Ausbruch der Erkrankung.“ (Schwarzer, 1996, S.321). 2.1. Genetische Ursachen:
Die Untersuchungen, mit denen bewiesen werden sollte, dass Schizophrenie eine genetische Ursache haben soll, drehten sich meist um die Erforschung familiärer Zusammenhänge. Die Forschung unterteilte die genetischen Ursachen in drei Hauptkategorien (vgl.Uexküll, 1990, S.931): Blutsverwandtschaftsstudien: Hier wurde nach statistischen Häufigkeiten des Vorkommens der Störung in der Verwandtschaft gesucht, wobei weit erhöhte Morbidität bei Kindern festgestellt wurde, deren beide Elternteile schizophren sind. Auch bei Verwandtschaft ersten Grades und bei einem schizophrenen Elternteil ließen sich erhöhte Prozentsätze gegenüber der Rate der Allgemeinbevölkerung (Inzidenz ca. 1%) feststellen.
Gottesman führte hierzu eine Studie durch, die belegte, dass die Wahrscheinlichkeit mit steigendem Verwandtschaftsgrad zunimmt. Konkret stellte er bei Kindern, deren Eltern beide an Schizophrenie erkrankt sind, eine 46%ige Wahrscheinlichkeit fest, dass auch diese erkranken. Bei Geschwistern sinkt das Risiko auf 9% (vgl. Gottesman, 1993, S.111)
Zwillingsstudien: Bei eineiigen Zwillingen wurde eine Konkordanzrate von fast der Hälfte (48%) festgestellt. Aber auch zweieiige weisen eine relativ grosse Wahrscheinlichkeit (17%) auf, dass sie im Laufe des Leben beide an dieser endogenen Psychose erkranken (vgl. Gottesman, 1993, S.111).
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Adoptionsstudien: Diese Untersuchungen betrachteten Kinder, die
a, nach der Geburt von schizophrenen Müttern abgegeben wurden und b, die zur Adoption freigegeben wurden, bevor die Krankheit bei den Eltern ausbrach Die drei Kategorien ließen die Hypothese zu, dass 74% der Ursachen die Gene betreffen, der Rest jedoch auf bestimmte Umweltfaktoren zurückzuführen ist (vgl. Uexküll, 1989, S.936). „Massenstatistisch (nicht in jedem Einzelfall) ist hingegen nachgewiesen, daß familiäre und die persönliche Konstitution bei der Genese der Schizophrenien maßgeblich beteiligt sind“ (M.Bleuler, 1983, S.408). 2.2. Psychosoziale Ursachen:
Weitere Untersuchungen zeigten, dass schizophrene Menschen erhöhten psychischen Belastungen ausgesetzt waren und es folglich meistens mit einem „broken home“ zu tun hatten, was bedeutet, dass sich die Erkrankten häufig ( bei 50 untersuchten Personen erlebte nur eine erkrankte Person keine gestörte Familienverhältnisse) in zerrütteten und asozialen Familien behaupten mussten, beispielsweise Scheidungen, neurotische oder psychotische Eltern oder fehlende Mutter-Kind -Verhältnis (vgl. Frank, 1989, S.116).
Scheff ist der Meinung, dass die Etikettierung und Stigmatisierung psychisch Kranker den Patienten große Probleme bereite. Er geht sogar soweit zu behaupten, dass „(...)nicht die Störung zum Etikett, sondern das Etikett zur Störung(...) führe (vgl. Scheff, 1972, S.70).
Uexküll erwähnt, dass in amerikanischen Großstädten eine größere Prävalenzrate als in Kleinstädten, analog in armen Schichten mehr als in reichen Schichten, vorherrscht (vgl. Uexküll, 1990, S.935). Die psychosozialen Ursachen sind jedoch nicht wissenschaftlich belegt, es ist eher wahrscheinlich, dass diese Faktoren allenfalls den Verlauf der Erkrankung beeinflussen können. 2.3. Biochemische Ursachen:
Dieser Ansatz geht davon aus, dass Schizophrenie durch eine Hypersensibilität von Dopaminrezeptoren in einer bestimmten Gehirnregion verursacht wird. Bei Dopamin handelt es sich um eine Substanz, die zur Übermittlung von Nervenimpulsen (Transmitter) dient (Davison, Neale, 1996, S.467f). Aber „Dopamin hat auf das Denkvermögen denselben Effekt wie Angst: Es fokusiert und verengt die Assoziationen“ (Saum-Aldehoff. 1996, S.58). Dies widerlegt die bisher bestehende Theorie, die vom Überschuss an Dopamin ausging, was sich normalerweise auf lockernde Assoziation auswirkt. Manfred Spitzer experimentiert heute mit bewusstseinsverändernden Drogen, wie PCP, Ketamin, LSD oder Psilocybin. Er stellte fest, dass diese chemischen Stoffe, die das Gefühl der Derealisation ( „die Umwelt und selbst das eigene Ich erscheint plötzlich verändert und unwirklich“(Saum-Aldehoff, 1996, S.58)) hervorrufen, was auch bei der Schizophrenie zentrale Gefühle sind. Auch die sogenannten „Horrortrips“, die durch diese Drogen ausgelöst werden, lassen sich mit schizophren-psychotischen Gedankengängen vergleichen. Künstlich geschaffene Modellpsychosen kommen dem schizophrenen Erleben, den Wahrnehmungs- und Denkstörungen, relativ nahe (vgl. Saum-Aldehoff, 1996, S.59). 2.4. Das Vulnerabilitätsmodell:
All diese oben angeführten Ursachen sind lediglich rein denkbare, sie geben also keinesfalls Gewissheit. „Die kritische Hinterfragung hinterlässt Ratlosigkeit. Keiner der vorgetragenen Erklärungsversuche vermittelt eine wirklich Erklärung.“ (Finzen, 2001, S.89) Aber es lässt sich davon ausgehen, das es mehrere Phänotypen mit gleichen Erscheinungen gibt, die aber alle eine differierende Entstehungsgeschichte haben.
Arbeit zitieren:
Marco Häusler, 2003, Schizophrenie, München, GRIN Verlag GmbH
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