Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Historischer Kontext Die Weimarer Republik 2
3 Handlungsverlauf 4
4 Figuren 5
4.1 Jakob Fabian 5
4.2 Stephan Labude 7
4.3 Cornelia Battenberg 8
4.4 Irene Moll 9
4.5 Die vollkommene Mutter 10
5 Fabian als neusachlicher Roman 11
5.1 Die neue Frau 12
5.2 Das Zeitungswesen 15
5.3 Das Reklamewesen 17
5.4 Technik, Rationalisierung und Arbeitswelt 18
5.5 Film und Sport weitere neusachliche Sujets 19
6 Die Geschichte eines Moralisten 20
7 Zusammenfassung 23
Literaturverzeichnis 25
Prim ärliteratur 25
Sekund ärliteratur 25
Monographien 25
Aufs ätze in Sammelwerken 26
Internet Ressourcen 26
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1 Einleitung
Zwischen Redaktionssitzungen, Theaterproben und Kinobesuchen schrieb Erich Kästner 1930 das Manuskript zum satirischen Roman Fabian in einer Zeit, die zwischen der versiegenden Leichtigkeit der Goldenen Zwanziger Jahre und der katastrophalen Weltwirtschaftskrise mit ihren ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Nachbeben zerrissen war. Kästners Intention war es, der Gesellschaft einen Zerrspiegel vorzuhalten, die Lebensverhältnisse des großstädtischen Berlins nicht in Form eines Poesie- oder Photographiealbums, sondern in einer übertreibenden Satire, zu schildern. 1 Die vom Verlag abgelehnten ersten Titelvorschläge Sodom & Gomorrha und Der Gang vor die Hunde ließen die Blickrichtung des Autors erahnen. Er wollte vor Deutschlands und Europas Weg in den Abgrund warnen. Die schonungslos dokumentarische Satire — der Angestellten-, Großstadt-, Raum-, Entwicklungs- oder Bildungsroman 2 Fabian — wird zur Literaturbewegung der neuen Sachlichkeit, die sich in der Weimarer Republik entfaltete, gezählt.
Die Fragestellung der vorliegenden Arbeit zielt auf diese Zuordnung ab. Es soll anhand der im Fabian behandelten Themen und Milieus sowie ihrer sprachlichen Verarbeitung untersucht werden, wie hoch der ‚neusachliche‘ Gehalt des vorliegenden Werkes ist. Hierfür wird vorab der politische und ökonomische Hintergrund der Weimarer Republik grob skizziert. Anschließend werden die Handlung zusammengefasst und einige Schlüsselfiguren näher charakterisiert. Dabei werde ich auf die vielen Berührungspunkte zwischen den Romanfiguren und dem Leben Erich Kästners aufmerksam machen. Anschließend werden Eigenschaften und Besonderheiten der Neuen Sachlichkeit erläutert. Darauf aufbauend wird die intensive Auseinandersetzung mit den Motiven ‚Frauenbild‘, ‚Zeitungs- und Werbewesen‘, ‚Film‘, ‚Technologie‘ und ‚Rationalisierung‘ analysiert. Seine Schilderungen der ‚neuen‘ Frau machen eine Generationskluft in der wissenschaftlichen Kästner-Rezeption deutlich. In den jüngeren Publikationen wird immer wieder die Doppelbödigkeit Kästners’ moralischer Haltung kritisiert. Daran schließt das Kapitel über den schon im Titel präfigurierten Moralismus an, worauf schließlich die Ergebnisse der Untersuchung resümierend zusammengeführt werden.
1 Vgl. Kästner, Erich (1931): Fabian. Berlin/Weimar: Aufbau-Verlag, 1979. S. 224. 2 Vgl. Kiesel, Helmut (1981): Erich Kästner. München: Beck, 1981. S. 90.
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2 Historischer Kontext — Die Weimarer Republik
Die Weimarer Republik wurde 1919 als erster Staat mit demokratischer Verfassung auf deutschem Gebiet gegründet und fand 1933 mit der Machtübernahme der NSDAP ihr Ende. Das Experiment der liberaleren Demokratie fand vor dem Hintergrund extremer ökonomischer Verwerfungen statt, die sich auf dem politischen Werdegang der jungen Republik als unlösbares Problem herausgestellt haben. Die Metropole Berlin entwickelte sich dessen ungeachtet zum kulturellen und intellektuellen Mittelpunkt des Landes. In der Nachkriegszeit zwischen 1919 und 1923 kam es zu einer Schwächung der so-zialmoralischen Bindungen durch die Erfahrungen von Krieg, Hunger, Umsturzversuchen und Inflation. Diese Verunsicherung zeigte sich frappierend in der Kriminalitätsstatistik. Bereits im ersten Weltkrieg steigerte sich die Jugendkriminalität dramatisch und signalisierte den Zusammenbruch der überlieferten Autorität. 1922/23 explodierte die Erwachsenenkriminalität im Zeichen der Hyperinflation, die zum völligen Kollaps der deutschen Währung führte. Eine solche Massenkriminalität hatte es in Deutschland seit der Einführung der Statistik nicht gegeben; sie ist Zeichen des Zusammenbruchs bürgerlicher Ordnung. Es kam zu einem Verfall moralischer Verhaltensstandards und ihrer Ersetzung durch eine zeitgemäße Schiebermentalität — ein Prozess, der massenhaft und irreversibel wurde. Die Hyperinflation führte zu Geldverlusten in astronomischer Höhe. Es kam zu Arbeitslosigkeit und Hungerunruhen. Wettbewerbsvorteile auf dem internationalen Markt und billig aufgenommene Kredite machten viele Unternehmer und Spekulanten zu Inflationsgewinnern; außerdem begünstigte die massive Geldentwertung Hypothekenschuldner. Die großen Verlierer waren Mittelschichtler wie Angestellte und Beamte, Rentner und die Bezieher staatlicher Fürsorgeleistungen. Im November 1923 konnte durch die Einführung der Rentenmark die Inflation unterbrochen werden; dennoch haben sich die Erlebnisse der Inflationszeit tief ins kollektive Gedächnis gegraben. 3 Die Goldenen Zwanziger von 1924 bis 1929 waren geprägt von ökonomischer Entspannung und außenpolitischen Erfolgen. Es herrschte wieder Hoffnung auf einen schnellen deutschen Wirtschaftsaufschwung, die Stabilisierungskrise wurde schnell überwunden und ausländisches — vor allem amerikanisches — Kapital floss in das Land. An die Rationalisierung der deutschen Wirtschaft wurden große Erwartungen geknüpft. 4
3 Vgl. Peuckert, Detlev J. K. (1987): Die Weimarer Republik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1987. S. 82 -131. 4 Rationalisierung bedeutet in diesem Zusammenhang die Analyse und Optimierung von Arbeitsabläufen. Die Erhöhung der Produktivität ist das Ziel der Rationalisierung, das durch die Investition in arbeitssparende oder arbeitsbeschleunigende Maschinen und Fließbänder, die Massenproduktion ermöglichen, verwirklicht wird. Durch die Rationalisierungsprozesse kam es zum Anwachsen eines Sockels struktureller Arbeitslosigkeit und zu einer Marginalisierung der Arbeiterschaft in den Krisenjahren der Wirtschaft (1926, 1930 - 33).
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Künstlerisch waren die Zwanziger Jahre indes eine überaus schöpferische Epoche. Die politisch interessierten Künstler der nachexpressionistischen ‚Neuen Sachlichkeit‘ thematisierten das Leben in der Großstadt, den gesellschaftlichen und technischen Wandel und die soziale Ungleichheit. Die Großstadt galt als der moderne Lebensraum schlechthin, denn sie versprach durch ihre Anonymität Befreiung aus nachbarschaftlicher Bevormundung und Einbindung in traditionelleStrukturen. 1920 ließ die administrative Bildung von Groß-Berlin die Stadt mit 4,3 Millionen Einwohnern zur drittgrößten Metropole der Welt nach New York und London werden. Ihre Multifunktionalität und ihr überwältigendes Medien- und Warenangebot vermittelte Metropolitanität. Durch die Einführung der 40-Stunden-Woche und der ersten tariflichen Urlaubsregelungen überhaupt wurde der Rahmen für die moderne Freizeit der lohnabhängigen Massen geschaffen. Ursprünglich dem Bürgertum vorbehaltene Vergnügungen standen nun potentiell allen offen: Kinopaläste, Rummelplätze, Varietes, Tanzsäle, und Boxarenen konkurrierten mit seriösen Bildungsangeboten von Theater, Bibliothek und Volkshochschule. Massenkonsum und Freizeitkultur erhöhten die sozialen Gestaltungsmöglichkeiten großer Bevölkerungskreise und führten zu einer gewissen kulturellen Gleichstellung. Die Geschwindigkeit, mit der sich Veränderungen auf allen Ebenen des öffentlichen und privaten Lebens vollzogen, führte im Alltagsleben zu einem Pluralismus, der einerseits größere Freiheit für persönliche Entscheidungen bot, andererseits aber mehr Verantwortung — nebst daraus resultierender Unsicherheit im Umgang mit den neuen Lebensformen — nach sich zog. Diese scheinbare Widersprüchlichkeit zwischen emanzipierter Freiheit und ängstlicher Unsicherheit ist bezeichnend für diese Epoche. 5
Die Weltwirtschaftskrise im Oktober 1929 führte zum Zusammenbruch von Industrie und Banken. Die angespannte Haushaltslage bewirkte drastische Kürzungen der Beamtenbezüge; Massenentlassungen der Lohn- und Gehaltsempfänger nie zuvor da gewesenen Ausmaßes folgten. Das Vertrauen in die Demokratie und die Republik sank ungebremst. Die Republik wurde für die schlechte Wirtschaftslage verantwortlich gemacht, die Arbeitslosenzahl stieg auf über 5 Millionen; am stärksten von dieser Entwicklung betroffen war Berlin. Eine der auffälligsten Begleiterscheinungen der Weltwirtschaftkrise war eine beispiellose Selbstmordwelle, die sich mit dem Andauern der Depression auf alle sozialen Schichten ausbreitete. Ähnlich katastrophal wie die wirtschaftliche Entwicklung verlief auch die politische. Die Regierung trat zurück, nachdem sie an den Schwierigkeiten der Finanzierung des Staatshaushaltes — insbesondere der Arbeitslosenversicherung — gescheitert war. Reichspräsident Hindenburg ließ Artikel 54 aus der Verfassung streichen, der ihn an das Parlament band, und konnte nach Artikel 53 der Verfassung einen
5 Vgl. Peuckert, 1987, S. 166 - 243.
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Reichskanzler seiner Wahl ernennen. Die Politik der autoritären Wende wurde mit Not-standsverordnungen bis zum 30. Januar 1933 — dem Tag der Machtübernahme durch die NSDAP — praktiziert. 6
3 Handlungsverlauf
Die Handlung des Romans verläuft nicht linear, sondern in mehreren sich kreuzenden Handlungssträngen. Die 24 Kapitel haben Episodencharakter; jedem Kapitel sind drei schlagzeilenartige Überschriften zugeordnet. Die einzelnen Kapitel sind keine thematisch in sich geschlossenen Einheiten, aber beinahe jedes endet oder beginnt mit einem Ortswechsel. Dadurch entsteht eine Dynamik, eine erzählerische Hektik, die der Geschwindigkeit der Metropole Berlin entspricht. Der Protagonist Fabian streift scheinbar ziellos durch die Großstadt der frühen dreißiger Jahre und erlebt die Auswirkungen der gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklungen.
Schon im ersten Kapitel macht Fabian die erste, für den Leser nachvollziehbare, Frauenbekanntschaft in einem Etablissement zur „Anbahnung von Beziehungen“. 7 Es ist seine erste Begegnung mit Irene Moll, die er kurz darauf in ihre Wohnung begleitet. Dort angekommen, lernt er überraschenderweise ihren Ehemann kennen und wird über die herrschenden Verhältnisse ihrer Ehe aufgeklärt:
Nach dem ersten Jahr unserer Ehe setzten wir einen Kontrakt auf, dessen Paragraph 4 lautet: „Die Vertragspartnerin verpflichtet sich, jeden Menschen, mit dem sie in intime Beziehungen zu treten wünscht, zuvor ihrem Gatten, Herrn Doktor Felix Moll, vorzuführen. Spricht sich dieser gegen den Betreffenden aus, so ist Frau Irene Moll angewiesen, unverzüglich auf die Ausführung ihres Vorhabens zu verzichten. Jedes Vergehen gegen den Paragraphen wird mit einer hälftigen Kürzung der finanziellen Monatszuwendung geahndet.“ 8
Fabian ist entsetzt und verlässt fluchtartig das Haus. Seine Begegnungen mit Frauen werden noch mehrfach Einblicke in die — infolge der ökonomischen Krise und des sozialen Wandels — veränderte Sexualmoral bieten.
Im dritten und vierten Kapitel wird Fabians kritisches Verhältnis zu den Massenmedien und zur Werbewirtschaft behandelt, das durch die Schilderung seiner eigenen Anstellung in der Reklameabteilung einer Zigarettenfabrik vertieft wird. Das zentrale Thema dieser Episoden ist die Manipulation der öffentlichen Meinung. Fabian besucht in den folgenden Kapiteln gemeinsam mit seinem Freund Labude mehrere Vergnügungsstätten.
6 Vgl. Peuckert, 1987, S. 243 - 266. 7 Kästner, 1931, S. 8.
8 Ebd., S. 16.
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Ihre Freundschaft, politische Diskussionen, das Scheitern von Labudes Liebesbeziehung und schließlich die Eindrücke des Berliner Amüsierbetriebes prägen diese Episoden. Dabei kommt es wieder zu Frauenbegegnungen und dem Erleben sexueller Freizügigkeit. Die Bekanntschaft mit Cornelia Battenberg stellt die einzige ernste Liebesbeziehung Fabians dar; der Moment des gemeinsamen Glücks ist ein Höhepunkt des Romans. Dieses Hochgefühl währt nur kurz, denn Fabian wird überraschend arbeitslos. Das Thema ‚Arbeit‘ erfährt damit eine überraschende Wendung und einen Perspektivwechsel, der durch die Schilderung der Geschehnisse auf den Arbeitsämtern und der Bekanntschaft mit anderen Arbeitslosen vollzogen wird. In seiner neuen Identität als arbeitsloser Intellektueller lernt Fabian den Erfinder kennen. Es folgt eine kritische Reflektion des technischen und ökonomischen Wandels der Zeit und dessen katastrophaler Folgen. Fabians Albtraum im 14. Kapitel führt alle Handungsstränge in knapper Form zusammen. Technik erscheint im morbiden Zusammenhang mit Weltuntergang, Perversion und Unmoral. Kurz darauf verlässt ihn Cornelia zugunsten eines reichen Filmproduzenten. Ihr Ziel ist der Beginn einer Karriere als Filmschauspielerin. Nach dem beruflichen erlebt Fabian jetzt das private Scheitern. Er irrt wieder ziellos durch die Großstadt, im Begriff, seinen Kummer durch Liebesabenteuer zu kompensieren. Der Suizid seines Freundes Labude aufgrund einer intriganten Lüge über die Ablehnung seiner Habilitationsschrift bedeutet für Fabian den dritten Schicksalsschlag innerhalb kürzester Zeit. Der beinahe zeitgleiche Verlust von Arbeit, Liebe und bestem Freund veranlasst Fabian, Berlin zu verlassen und in seine Heimatstadt Dresden zurückzukehren. Dort begegnet er mit kritischer Distanz alten Bekannten, nimmt beinahe eine Stellung bei einer rechts-konservativen Zeitung an und sucht vergeblich nach Geborgenheit in der Provinzialität. Die vorbehaltlose Liebe seiner Mutter, die schon bei einem kurzen Besuch in Berlin eingeführt wurde, stabilisiert ihn kurzzeitig. Ratlos, wie er mit seinem weiteren Leben verfahren soll, stirbt er bei bei dem Versuch, einen ertrinkenden Jungen zu retten.
4 Figuren
4.1 Jakob Fabian
Bei der Hauptfigur — dem 32jährigen Germanisten Jakob Fabian — handelt es sich um einen ratlosen, passiven Beobachter, der das Berlin der Weimarer Republik durchstreift. Er treibt sich in Cafés, Nachtklubs, Kabaretts und Bordellen herum, besucht Zeitungsredaktionen und Arbeitsämter, durchquert zahlreiche Viertel der Stadt und gewinnt dadurch ein facettenreiches Bild unterschiedlicher Milieus, die allesamt eines gemein haben: die
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Arbeit zitieren:
Joachim Schmidt, 2008, Neusachliche Motive in Erich Kästners "Fabian", München, GRIN Verlag GmbH
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