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Fachbuch, 2009, 69 Seiten
Autor: Peter Grieder
Fach: Theologie - Sonstiges
Details
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Zusammenfassung / Abstract
Der Text- und Bildautor Peter Grieder, Kurator des Klösterlichen Tibet-Institutes in Rikon (Zürich) und Dozent am C.G. Jung-Institut in Küsnacht (Zürich) hat den Jahreswechsel 1999/2000 in einem Vietnamesischen Kloster in Bodhgaya verbracht, dem Ort der Erleuchtung Buddhas. Eine ältere Reiseteilnehmerin, Dorothea, war erstmals in Indien. Sie war durch das Erlebte gleichermaßen begeistert und verwirrt: Ihr fest gefügtes abendländisches Weltbild begann zu wanken. So entwickelte sich zwischen ihr und Peter Grieder während zweier Jahre eine Art „Meister-Schüler-Briefwechsel“, von der er nachfolgend selbstredend nur seine Antworten wiedergibt.
Textauszug (computergeneriert)
,,Liebe Dorothea..."
Ein Versuch, die Erkenntnislehre Buddhas einem in westlichem Denken
verankerten Menschen nahe zu bringen.
Der Text- und Bildautor Peter Grieder, Kurator des Klösterlichen Tibet-Institutes in
Rikon (Zürich) und Dozent am C.G. Jung-Institut in Küsnacht (Zürich), bietet mit
diesem sachkundigen Werk eine fruchtbare Begegnung zwischen Okzident und
Orient an. Mit sachkundigen Texten geleitet er den Leser und Betrachter von Bild zu
Bild, so dass dieser einem unsichtbaren inneren Faden entlang über die äußere
Bilderwelt zu seinem eigenen inneren Wesen gelangt. Mit wachsender Faszination
wird er gewahr, dass er sich auf dem ,,Pfad der Erkenntnis" befindet.
Er lädt den Leser zu einer großen Reise ein, die im geheimnisvollen und sagen-
umwobenen Hochland Tibet beginnt und in den Tiefen seines Herzens endet. Mit
Blumen, Seen, Kindern und Landschaften beginnt die Reise, mit dem Totenbuch der
Tibeter endet sie. Sie führt einem Mandala gleich von der Peripherie zum behüteten
Geheimnis der Mitte. Schritt um Schritt legt der Autor die buddhistische Erkenntnis-
lehre dar, die kein ,,Glaubensbekenntnis" ist, sondern vielmehr eine Lehre, die auf
unmittelbarer Erkenntnis und Einsicht beruht und keine ,,Gottesvorstellung" duldet. Er
geleitet den Leser vom Ur-Buddhismus über die späteren Formen bis zu magisch-
tantrischen Spätform, wie sie in Tibet ihre letzte Ausprägung gefunden hat. Mit
ikonographischen, sehr gezielt ausgewählten Darstellungen führt er in die tibetische
Bilderwelt und damit in das ,,Weltbild" des Vajrayâna-Buddhismus ein.
(Vorwort zum Bildband: *TIBET, LAND ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE*, Grin-Verlag,
ISBN: 978-3-638-91326-3)
Zeichen B und D
Ausgesprochen *bö" = TIBET
Tibeter ,,bö-pa"
Die Flagge Tibets
1
Wenn die Eisenvögel fliegen
Und die Pferde auf Rädern rollen,
dann wird der Mann aus dem Schneeland
seine Heimat verlassen müssen wie die Ameisen,
und die Lehre wird den ,,rotwangigen Mann" erreichen.
(Padmasambhâva, Weissagung aus dem 8. Jahrhundert)
Dank der modernen Entwicklung im Verkehrs- und Kommunikationswesen ist die
Welt kleiner geworden. Heutzutage kann man Gegenden aufsuchen und den dort
lebenden Menschen begegnen, die sich früher weit abseits befanden, oder man kann
zum mindesten an den Erlebnissen der Weitgereisten teilhaben durch die Mittel der
Photographie und der Erzählung. Auf diese Weise kommen wir immer mehr zur
Feststellung, dass die Menschen, ungeachtet ihres geographischen Standortes und
ihrer Kultur, sich im Grunde doch sehr ähnlich sind. Alle sind wir auf der Suche nach
dem Glück und wollen dem Leiden entfliehen, das unser Menschsein umgibt, und so
sind wir alle voneinander und erst recht von der Umwelt abhängig.
Peter Grieder ist von seinem Zuhause in den Bergen Europas hinausgereist und
hat in der großen Welt des Himalajas Inspiration gefunden. Was die Menschen, die
er in Ladakh, Zanskar, Bhutan und Tibet traf, unter sich vereint, ist eine ausgeprägte
Seelenstärke und Genügsamkeit, die sie weitgehend aus einer gemeinsamen, im
Buddhismus wurzelnden Kultur schöpfen.
Eines der Hauptelemente der Lehren Buddhas liegt in der Bedeutung des inneren
Weges. Was wir auch immer für äußerliche Entwicklungen durchmachen in dieser
Welt oder was für wunderbare Dinge wir in ihr sehen mögen, ohne eine
entsprechende innere Entfaltung werden wir die Glückseligkeit, nach der wir streben,
nie erlangen. In dem Maße jedoch, in dem es uns gelingt, den inneren Weg zu
gehen, ein warmes Herz für die anderen zu haben und Ruhe für unseren Geist zu
finden, liegt die wahre Hoffnung auf Frieden und Freude in der Welt.
2
Der Begründer der Lehre, Siddhârta Gautama Buddha
Daniel Aufschläger, der bekannte Tibetkenner, schreibt in der Publikation zum
vierzigjährigen Jubiläum des Klösterlichen Tibet-Institutes in Rikon ,,Buddhismus und
westliche Welt im Gespräch"
:
,,Schon in jungen Jahren übernahm Peter Grieder von seinem früh verstorbenen
Vater die Verantwortung für das Modehaus Grieder & Co. In Zürich. Mit der
tibetischen Kultur kam er in Kontakt, als er vom Roten Kreuz angefragt wurde, ob er
einen tibetischen Jungen, den heutigen Künstler Kesang Lamdark, mit dem Leben in
der Schweiz vertraut machen könne. Später stiess noch Loten Dahortsang zur
unterdessen achtköpfigen Familie.
Wie es der Zufall wollte, wurde mit dem Rücktritt Peter Grieders von der Leitung des
Modehauses im Jahre 1980 auch die Position des Kurators im Tibet-Institut frei. Er
erhielt die Stelle und bildete sich autodidaktisch in Sachen Tibet weiter, unter
anderem durch die Betreuung von Studentenarbeiten. Zu jungen Leuten fand er
einen besonders guten Draht, denn er vermittelte den Buddhismus in einfachen
Worten und in unserer Sprache; im Laufe der Jahre führte er Hunderte von Klassen
durch das Tibet-Institut. Peter Grieder war ein begnadeter Kulturvermittler.
Eine Schlüsselrolle bei seiner Tätigkeit nahm die Unterstützung einer Arbeit über das
Tibetische Totenbuch ein. Dieses Thema begründete einen weiteren Schritt in seiner
Laufbahn, nämlich als Referent im C.-G.-Jung-Institut. Seine Vortragstätigkeit über
den Buddhismus führten in bald über die Landesgrenzen hinaus. Er fand auch Zeit,
sich Buchprojekten zu widmen, davon zwei veritable Bestseller: ,,Buddhismus eine
atheistische Religion?" und ,,Tibet Land zwischen Himmel und Erde". Peter Grieder
wurde zu einem der bedeutetsten Vermittler des tibetischen Buddhismus in der
Schweiz. Seine Kollegen im Stiftungsrat konnte er davon überzeugen, 1985 die erste
Kalachakra-Initiation in Europa in Rikon zu organisieren, die ein voller Erfolg wurde.
Obwohl selber kein Buddhist, hat er eine grosse Affinität zu dieser Religion, die
eigentlich keine ist. Unter anderem fasziniert ihn, dass der Buddhismus nicht auf
Glauben baut, sondern auf Logik und Erkenntnis: ,,Der Buddhismus ist einsichtig wie
3
unsere Wissenschaft. So gibt es eine einfache Brücke zu unserer Geisteswelt. Das
westliche Denken ist mit dem Buddhismus kompatibel."
Im Alter von 77 Jahren trat Peter Grieder 2004 von seiner Funktion im Tibet-Institut
zurück. Er setzt sich aber weiterhin aktiv mit philosophischen Fragen auseinander,
unter anderem als Förderer des ,,World Spirit Forum Arosa", das als spirituelles
Gegenstück zum World Economic Forum Davos konzipiert wurde.
4
Den Jahreswechsel 1999/2000
habe ich mit Freunden in einem
Vietnamesischem Kloster in Bodhgaya,
verbracht, dem Ort der Erleuchtung Buddhas.
Eine ältere Reiseteilnehmerin, Dorothea,
war erstmals in Indien. Sie war durch das
Erlebte gleichermassen begeistert und verwirrt:
ihr fest gefügtes abendländisches Weltbild begann zu
wanken. So entwickelte sich zwischen ihr und mir während
zweier Jahre eine Art ,,Meister-Schüler-Briefwechsel", von dem
ich nachfolgend selbstredend nur meine Antworten wiedergebe
für den, der sich dafür interessiert...
5
Zumikon, den 4. Februar 2000
Liebe Dorothea,
hab Dank für deine Briefe, die mittlerweile beide angekommen sind. Leider war auch
der zweite etwas verspätet, weil die Postleitzahl, die Lèonard angegeben hat, nicht
richtig ist. Sie lautet CH-8126 Zumikon. Dass unsere Post nicht sehr findig ist, hängt
damit zusammen, dass du deine Adresse auf der Rückseite angegeben hast. Der
Absender soll sich selber bemühen. Erst wenn der Absender fehlt und auch das
Öffnen des Briefes keinen Hinweis ergibt, wird das ′postalische Kriminalamt′ aktiv.
Deine ausführlichen und einfühlsamen Zeilen und deine ′éloges′ aus Abu Dhabi
haben mich gefreut - und sie sind ja schliesslich angekommen, besser spät als nie!
Damit es nicht vergessen geht gleich zu Anfang: Ich war selber überrascht vom
Verlag zu hören, dass mein Buch vergriffen sei. Ich habe sofort Kontakt
aufgenommen, um eine Neuauflage zu veranlassen. Falls der Walter -Verlag nicht
einverstanden ist, geben wir es in unserem eigenen Verlag in Rikon heraus
(Opuscula Tibetana). Nur haben wir keine Organisation, um das Buch in die
Buchläden zu bringen. Wir haben jedoch noch einige Exemplare auf Lager und ich
habe bereits in Auftrag gegeben, dass man dir eins zustellt.
Was dein Selbstgespräch in deinem zweiten Brief anbelangt, so sind deine
Vermutungen nur bedingt richtig. Tatsache ist, dass mich mein Rückenproblem mit
nachfolgendem operativen Eingriff und im vergangenen Sommer noch eine
Darmoperation mit nachfolgender Bestrahlung, schon tüchtig aus dem Kurs geworfen
haben. 1998 hatte ich, so steht es im Jahresbericht des Tibet-Institutes, noch 76
Vorträge, Führungen und Seminare gehalten bzw. durchgeführt. Und das war so das
Mittel der vergangenen Jahre. Damit war′s natürlich vergangenes Jahr aus!
Aber schreiben, das kann ich immer noch und tue es auch täglich. Nicht zum
Zeitvertrieb - wer würde dann die Zeit ′vertreiben′ wollen? Sondern um Menschen,
meist Jugendlichen, auf dem Weg in die Erwachsenenwelt zu helfen. Im Moment
begleite ich vier ehemalige Strassenkinder in Nepal und drei junge Mönche in div.
Klöstern in Indien, einen Jungen im Libanon, und zwei in der Schweiz. Viele meiner
ehemaligen Schützlinge sind heute schon erwachsen (der Älteste ist heute Mitte
dreissig und Konzertmeister bei den Berliner Symphonikern!), alle aber gehören zu
meinen besten und vor allem verlässlichsten Freunden.
Photographieren: Mit 20 habe ich meine ersten Preise an einer (lokalen!)
Photoausstellung geholt (ein Knabengesicht und eine Strassenszene in Paris). Ich
habe dann ein Leben lang in der Familie und auf meinen Reisen Bilder gemacht, mit
denen ich Stimmungen einzufangen versuchte - ich denke so etwa wie du beim
Zeichnen. Ich habe dich bewundert, wie du das trotz aller Hektik hingekriegt hast. Nie
aber habe ich ′Tante-Emma-vor-dem-Kölner-Dom′-Aufnahmen gemacht. Deshalb
hatte ich auch jetzt in Indien keine Kamera bei mir.
Meine Ausrüstung wiegt volle acht Kilo!, ja, und seitdem ich auf ′drei Beinen′ gehe
6
liegt das offensichtlich nicht mehr drin. Und dann deine Bemerkung zum ′begabten
Liebhaber′: Was anders als Liebe könnte mich für meine Arbeit mit den jungen
Menschen motivieren? Ich versuche damit, ′Liebe ohne Bedingung′ zu lernen (wie es
Tenzing formulierte). Und dort, wo es gelingt, kommt diese Liebe in überirdisch
schöner Form zurück (- aber nur, wenn sie nicht erhofft oder gar erwartet wurde )
Das Leben ist doch nichts anderes als ein Lernprozess. Siehst du das anders?
Und die ′Nähe′, die du ansprichst. Ist es nicht eine Lebenserfahrung, dass Menschen,
die auf derselben Stufe wach sind, eine Nähe zueinander spüren? Mir jedenfalls ist
es bei der Begegnung mir dir so ergangen.
Dorothea, genug des Philosophierens, sonst kommt dieser Brief auch verspätet an.
Ich danke dir nochmals für deine Zuwendung und Unterstützung auf unserer Reise
und verbleibe ebenfalls
mit herzlichen Grüssen
P.S.
Ich bin tatsächlich froh, wenn die Briefe maschinen geschrieben ankommen. Mit
meinen Knaben in Katmandu korrespondieren wir sogar über das Internet (E-Mail).
Ich habe ihnen meinen alten Computer geschenkt, und die Jungen lernen die
Bedienung im Handumdrehen (ich selbst tue mich eher schwer mit diesen neuen
Techniken - ich bin schliesslich Jahrgang 28 - , aber wenn man mit der Jugend ′am
Ball′ bleiben will, bleibt einem nichts anderes übrig!)
7
Zumikon, den 25. Februar 2000
Liebe Dorothea,
herzlichen Dank für deine beiden Briefe. Zuerst zum Technischen: Bei uns werden 9
von 10 Zahlungen über die
Post
getätigt, deshalb heisst in unserem Jargon: 84-
59795-5 gleich
Postcheckkonto
mit dieser Nummer, lautend auf Tibet-Institut Rikon.
Sorry! Das Sekretariat hätte einen entsprechenden Einzahlungsschein beilegen
sollen. Ich bin jedoch gerne einverstanden, wenn du mir den Betrag in bar
überweisest. Für das zusätzliche Exemplar meines Buches bräuchte ich noch die
Adresse Deiner Schwester in Basel.
Und nun zu deinen ′eloges′ über meinen Bildband:
Ich hatte eigentlich nie die Absicht, ein Buch zu schreiben. Ich schien mir als Laie
dazu nicht berufen. Aber ein Verlag für Schulbücher für Mittel- und Hochschulen in
Belgien ermunterte mich dazu, nachdem der Verleger die vor fast 20 Jahren
verfasste kleine Schrift ′Buddhismus, eine atheistische Religion?′ in die Hände
bekommen hatte. Ihnen imponierte offensichtlich die einfache Sprache, mit welcher
ich scheinbar schwierige Zusammenhänge dargelegt hatte. Wie du aus dem
beigelegten Exemplar ersehen kannst, ist hier die Essenz des dritten Kapitels des
Bildbandes bereits formuliert.
Die ersten beiden Kapitel ergeben sich aus der inneren Folge meines Bildmateriales,
das lange vor dem Erscheinen des Buches schon existierte und das ich immer
wieder in anderer Zusammensetzung verwendete und verwende. Da ich Autor und
Bildautor zugleich bin, war das für mich ein Leichtes. Und meine ′einfache Sprache′
ist einerseits Ausdruck für die Tatsache, dass ich eben nicht ′von der Fakultät′, also
Laie bin, und resultiert andererseits aus der Situation, dass ich an meinen Vorträgen,
Führungen und Seminarien, sehr oft Schüler und Jugendliche vor mir habe. Auch ist
dir vielleicht aufgefallen, dass ich kaum je eine Autorität als Beweisführung zitiere,
weil ich grundsätzlich nur das weitergeben möchte, das ich selbst verstanden habe.
Und da kommt mir der Buddhismus sehr entgegen, da er ja kein Glaubensbekenntnis
ist, sondern eine
Erkenntnislehre
ist. Und wer könnte sich wahrer Erkenntnis
verschliessen?
An Weiterbildungsseminarien für Führungskräfte kommt oft noch etwas anderes zum
tragen. Da heisst es gelegentlich: "Der müsste einmal im harten Alltag stehen, dann
würde er sehr bald seine Schöngeistigkeit verlieren". Nun, ich war als junger Mann in
der ′Chefetage′, war Hauptmann in der Armee, war Handelsrichter, hatte einen
Pilotenflugschein und bin Familienvater von sechs Kindern. Alles Dinge, die in der
Aussenwelt so grosses Ansehen haben! Und noch spricht er so? Geistigkeit muss
praktisch
sein, sonst ist sie nur heisse Luft...
Dorothea, ich freue mich natürlich, dass du mich so gut verstehst und verbleibe
mit herzlichen Grüssen
8
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