und Isolde. Indem sie die Magie des Minnetrankes betonten, milderten sie auch die Brisanz des Tristanstoffes, also die radikale Macht der Liebe gegen alle Konventionen der hoefischen Gesellschaft (Krohn, Bd.3, 334). Wie geht nun Gottfried von Strassburg mit dem erzählerischen Element Minnetrank um? Erinnern wir uns zuerst daran, dass sich ausschliesslich auf Thomas beruft (v.150) und sich von anderen Tristanerzählungen (moeglicherweise Beroul und Eilhart) distanziert: Ich weiz wol, ir ist vil gewesen, die von Tristande hânt gelesen; und ist ir doch niht vil gewesen, die von im rehte haben gelesen. (v.131-134)
Wie bei Thomas, ist auch Gottfrieds Minnetrank nicht in seiner Wirkungsdauer beschränkt. Die magischen Qualitäten des Tranks sind also eher nicht betont. Allerdings ist es auch nicht so, dass sich Gottfried von allem Märchenhaften im Tristanstoff voellig distanziert hätte. Der Minnetrank ist da nicht das einzige Erzählelement. Viele weitere Motive sind uns auch als Märchenstoffe bekannt: der Drachenkampf um die Hand der Koenigstochter (v.8887ff.), das Mordkomplott gege Brangäne, die hier zum Schneewittchen wird (v.12675ff.), oder auch der Riese Urgan (15765ff.). Gottfrieds Tristan ist also voll von Erzählelementen, die aus der Welt des Zaubers und des Märchens stammen.
Auch das Element des Trankes als Entschuldigung fuer verletzte Normen ist durchaus vorhanden. Die Liebe zwischen Tristan muss ja gleich zwei riesige gesellschaftliche Hindernisse ueberwinden. Einerseits muss Isolde Tristan hassen, weil er ihren Onkel ermordete. Andererseits wird Isolde Tristans Herrn Marke verheiratet. Der Konflikt von ‘minne’ gegen die hoefischen Werte ‘êre’ und ‘triuwe’ wird aber bei Gottfried mit dem Minnetrank nicht gemindert oder heruntergespielt. Die Gegensätze werden eher noch betont; der Konflikt zwischen der Welt der Liebe und der hoefischen Welt wird zum zentralen Konflikt des Werks. (Dazu werden wir dann im nächsten Paper mehr hoeren).
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Der Minnetrank ist als Erzählelement in Gottfrieds Tristan also doppelt gerechtfgertigt. Einerseits als Element, das aus der Stofftradition heraus einfach zum Tristan gehoert. Andererseits auch als Element, dass eine unmoegliche Liebe schafft, die im krassen Gegensatz zu den Normen der hoefischen Gesellschaft steht. Deshalb moechte ich die Frage, die am Anfang dieses Vortrags stand, umdrehen: Warum sollte es in Gottfrieds Tristan denn keinen Liebestrank geben? In der Gottfriedforschung wurde der Minnetrank immer wieder als ueberfluessig bezeichnet, als blosses Relikt der Stofftradition, das bei Gottfried eigentlich keine Funktion mehr habe (Schroeder 22). Das mag einerseits mit unserer Auffassung von Liebe zu tun haben, die vom Sturm und Drang und der Romantik geformt wurde. Wir alle haben viele Buecher gelesen und noch mehr Filme gesehen, wo die Liebe zwei Menschen gegen ihren Willen und gege jede gesellschaftliche Konvention ueberfallen hat - und zwar ohne Zaubertrank. Andererseits ist es tatsächlich so, dass Gottfried einen eigentlichen Prototypen dieser Erzählungen schafft - wenn man einmal vom Minnetrank als Ausloeser absieht. Seine Beschreibungen der inneren Kämpfe der Liebenden sprechen fuer ein grosses Interesse an der Psychologie. Tristan dô er der minne enpfant, er gedâchte sâ zehant der triuwen unde der êren und wolte dannen kêren. “nein” dâchte er allez wider sich “lâ stân, Tristan, versinne dich, niemer genim es keine war.” wider sînem willen criegete er, er gerte wider sîner ger. er wolte dar und wolte dan. der gevangene man versuohte ez in dem stricke ofte unde dicke
und was des langen staete. (v. 11741-11755)
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Gottfried ist offensichtlich nicht an der hoefischen Minne, die ausschliesslich auf Äusserlichkeiten basiert, interessiert. Nach dem Minnetrank wendet er sich sehr stark dem Geschehen im Innern der Liebenden zu. Konzentriert man sich auf Gottfrieds radikales, romantisches Liebesbild, dann ist es natuerlich stoerend, dass diese Liebe nur durch einen Minnetrank zustande kommt.
Ein weiterer Punkt spricht dafuer, dass der Minnetrank ein veraltetes Element in einer äusserst modernen Erzählung ist. Auch Gottfrieds Konzeption von Plot entspricht nämlich nicht der mittelalterlichen Norm. Gottfried strukturiert seine Erzaehlung recht strikte nach den Gesetzen von Ursache und Wirkung. In anderen Romanen der Zeit, zum Beispiel in Wolframs Parzival, sind die Episoden und Ereignisse eher aneinandergereiht als logisch miteinander verknuepft. Die Figur des Tristan selbst ist eigentlich die Verkoerperung dieses Prinzips. Seine Ueberlegenheit kommt unter anderem von der Tatsache her, dass er Ursache und Wirkung voraussieht, und demensprechend handelt (Schroeder 30). Das beste Beispiel dafuer ist die Kette von Ursache und Wirkung, die zu Tristans erster Irlandreise fuehrt -und damit auch zu seiner ersten Begegnung mit der blonden Isolde. Tristan kaempft mit Morold, weil dieser mit seinen Zinsforderungen Markes Reich, und damit Tristans Erbe, schaedigt. Der Zweikampf ist keine blosse ‘aventiure’, sondern rechtlich notwendig. Morold verletzt Tristan mit einem vergifteten Schwert und sagt ihm, dass nur die Koenigin von Irland ihn heilen kann. Tristan besiegt Morold. Er versteckt seine Wunde vor den Iren, weil er weiss, dass sie wissen, dass nur die irische Koenigin ihn heilen kann. und swaz hier under rede ergie, mit dem schilte decte er ie daz bluot und die wunden vor den unkunden und ernerte in ouch daz selbe sider. wan jene die kâmen alsô wider, daz ez keiner nie bevant. (v. 7131-7137)
Danach verfolgt Tristan seinen recht komplizierten Plan mit dem Ziel, dass seine Todfeindin seine Lebensretterin werden soll - einen erfolgreichen Plan.
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Arbeit zitieren:
Mag. Markus Widmer, 1997, Der Liebestrank in Gottfried von Strassburgs Tristan, München, GRIN Verlag GmbH
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