Danksagung:
Ich möchte mich hiermit bei meiner Freundin Sandra sowie meinen Eltern Sigrid und Wolfgang bedanken, ohne die ich das Studium nicht geschafft hätte. Diese Menschen haben mich während meines gesamten Studiums immer unterstützt, immer zu mir gehalten und mir immer Mut gemacht. Ich danke Euch sehr dafür.
-II-
Inhalt:
1. Einleitung S. 1
1.1 Themeneinführung
1.2 Inhalt und Untersuchungsziele S. 2
2. Die historische Entwicklung des Marathons S. 3
2.1 Schlacht von Marathon und Sage vom Marathon-Boten
2.2 Erster olympischer Marathon und Spyridon Louise
2.3 Entstehung der Marathon-Distanz
2.4 Marathon als Zuschauersport zu Beginn des 20. Jahrhunderts S. 8
3. Der Marathon-Boom S. 11
3.1 Aufstieg des Marathons
3.1.1 Professionalisierung von Marathon-Läufern
3.1.2 Entwicklung der Läuferzahlen
3.1.3 Entwicklung der Marathon-Veranstaltungen
3.2 Marathon als Frauensport
3.3 Profiteure der Marathon-Entwicklung
3.4 Gründe des Marathon-Booms
3.5 Marathon-Entwicklung der letzten fünf Jahre S. 26
4. Marathon-Laufen im Bergischen Land S. 28
4.1 Bedeutung des Marathons im Bergischen Land
4.1.1 Marathon-Situation im Bergischen Land
4.1.2 Laufbedingungen im Bergischen
4.1.3 Bergische Städte als Lauf-Entwicklungshelfer
4.1.4 Laufvereine im Bergischen
4.1.5 Marathons in der Umgebung des Bergischen
4.2 Laufverhalten der bergischen Marathon-Läufer
4.2.1 Empirische Untersuchung der bergischen Marathon-Läufer
4.2.2 Charakteristik der bergischen Marathon-Läufer
4.2.3 Laufgewohnheiten der bergischen Marathonis
4.2.4 Trainings- und Wettkampforte der bergischen Marathonis S. 40
- III-
4.3 Pushfaktoren für den Marathon-Boom in Remscheid S. 44
4.3.1 Remscheider Marathon-Projekt
4.3.2 Remscheider „Röntgenlauf“
4.3.3 Lauf-Berichterstattung in der lokalen Presse S. 47
5. Fazit und Ausblick S. 48
Anlage: Befragungsformular S. 51
Abbildungsverzeichnis
Quellenverzeichnis S. 53
-IV-
1. Einleitung 1.1 Themeneinführung
„Fisch schwimmt, Vogel fliegt, Mensch läuft“ 1 hat sich Marathon-Olympia-Sieger Emil Zatopek aus Tschechien im Jahr 1955 geäußert. Dieses Zitat steht für den enormen Laufboom der letzten Jahrzehnte, der in einen weltweiten Marathon-Boom mündete. Vom Marathon geht bereits seit langer Zeit eine große Faszination aus. Millionen Menschen werden seit jeher, ob als Aktive oder auch als Zuschauer, vom Mythos der längsten olympischen Laufdistanz in ihren Bann gezogen. Die 42,195 Kilometer lange Distanz gehört nicht nur innerhalb der Leichtathletik, sondern auch unter allen Sportarten, zu den bedeutendsten Disziplinen. Der Marathon hat eine große Tradition, die ihren Ursprung in einem geschichtlichen Ereignis hat, das mehr als 2.500 Jahre zurück liegt. Diese Tradition greifen immer mehr Menschen aktiv auf. Sie stellen sich einer Herausforderung, die sowohl Körper, als auch Psyche fordert. In der von immer mehr Stress geprägten Gesellschaft dient das Marathon-Laufen als Ausgleich, der Psyche und Seele rehabilitiert. Dieser Bedarf ist in den letzten Jahrzehnten enorm angestiegen. Das ausdauernde Laufen ist gesund und fördert die Fitness sowie das Wohlbefinden. Doch noch vor 50 Jahren hätte man es wohl nicht für möglich gehalten, dass Millionen von Menschen in der
Lage und auch willig sein würden, eine Distanz von mehr als 42 Kilometern laufend zurückzulegen, die in etwa der Entfernung zwischen Köln und Düsseldorf entspricht. Die Entwicklung des Marathons verlief rasant. Dies bezieht sich nicht nur auf den Leistungssport und deren Professionalisierung, wie es in nahezu allen Sportarten der Fall war. Sondern diese bezieht sich auch und vor allem auf den Breitensport. Aus dem Nichts heraus etablierte sich der Marathon innerhalb von 20 Jahren zu einem beliebten Volkssport sowie zu einem interhumanen, Freundschaften knüpfenden Gesellschaftssport. Im Zuge des allgemeinen Fitnesstrends entstand in den 80er Jahren ein regelrechter Laufboom und in Folge dessen auch ein Marathon-Boom. Inzwischen wird die Zahl der weltweiten Marathon-Läufer auf zwei Millionen geschätzt, wobei die Tendenz weiter steigend ist. Der Begriff Marathon hat sich in den letzten hundert Jahren in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Dabei steht der Begriff Marathon inzwischen nicht nur für einen langen Lauf, sondern auch allgemein für einen lang anhaltenden, schwer fallenden Prozess, sodass man heutzutage beispielsweise auch vom Reise- Marathon bei langen und mühseligen Autofahrten, einer Marathon-Arbeit bei Doktorarbeiten oder von Marathon-Wartezeiten in Arztpraxen spricht. Der Marathon-Trend hält weiterhin an und hat viele Veränderungen mit sich gebracht. Die Zahl an Marathon-Veranstaltungen, Marathon-Projekten und Laufseminaren stieg in den letzten 30 Jahren enorm an. Auch die Laufbekleidungsindustrie erlebte Höhenflüge. Man kann durchaus davon sprechen, dass sich das Marathon-Laufen inzwischen sich zu einem Kulturgut entwickelt hat.
1
Pramann, U.: Faszination Marathon, S. 17
- 1 -
1.2 Inhalt und Untersuchungsziele Diese Arbeit zeigt die weltweite sowie regionale Entwicklung des Marathons auf. Sie beginnt mit den Ursprüngen des Marathons, beschreibt die Schlacht von Marathon und erklärt die Hintergründe der Marathon-Distanz. Die Arbeit erklärt die Entstehung des Marathon-Mythos und deren Rolle bei den ersten olympischen Spielen der Neuzeit Ende des 19. Jahrhunderts. Dabei wird der Fokus auch auf den ersten Marathon-Olympia-Sieger, Spyridon Louise, gelegt. Die Entwicklung des Marathons zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis hin zu den beiden Weltkriegen sowie der historische Verlauf im Anschluss an die Weltkriege werden ebenfalls thematisiert. Dabei stehen die Darstellung des Marathons als leichtathletische Disziplin, Zuschauersport und Wohlstandsgut im Vordergrund.
Im zweiten Teil beschreibt die Arbeit die Entstehung des Marathons als Volks- und Gesellschaftssport im Zuge des Laufbooms der 70er und 80er Jahre. Dabei werden die zunehmende Professionalisierung der Marathon-Läufer, der weltweite Aufstieg des Marathon- Sports sowie seine Folgen und Hintergründe thematisiert. Auch der enorme Zuwachs an Marathon-Veranstaltungen sowie die Entwicklung der Zahlen an Marathon-Läufern werden dabei beschrieben. Außerdem wird der Aufstieg des Marathons als Frauensport thematisiert. Anschließend erklärt die Arbeit die Gründe für den Marathon-Boom. Dabei nimmt die Arbeit das Marathon-Laufen als Folge des demographischen Wandels, als Fitness- und Gesundheitstrend, als Selbstbewusstseinsquelle, als Stressbewältigung, sowie als Geselligkeitsfaktor unter die Lupe.
Im dritten Teil spezialisiert sich die Arbeit auf das Marathon-Laufen im Bergischen Land. Das Bergische Land ist ein überwiegend ländliches Gebiet in Nordrhein-Westfalen, das sich im Raum zwischen Köln, Düsseldorf und Dortmund befindet. Es umfasst die drei Großstädte Wuppertal mit etwa 356.000 Einwohnern, Remscheid mit rund 114.000 und Solingen mit zirka 163.000 Bürgern. Außerdem beinhaltet es die Kleinstädte Wermelskirchen, Hückeswagen, Radevormwald, Burscheid und Leichlingen mit insgesamt etwa 122.000 Einwohnern, die in der Untersuchung ebenso Berücksichtigung finden. Der untersuchte Teil des Bergischen Landes ist also insgesamt 576,08 Quadratkilometer groß und hatte am 31. Dezember 2007 755.108 Einwohner. 2 Diese Arbeit thematisiert die Entwicklung des Marathon-Laufens im oben genannten Gebiet, wobei zwischen den einzelnen bergischen Städten unterschieden wird. Es wird aufgezeigt, wo der Marathon-Boom im Bergischen besonders ausgeprägt ist und erklärt, was die Gründe hierfür sind. Dazu werden die Pushfaktoren für diese Entwicklung aufgezeigt, die eine Betrachtung der natürlichen Gegebenheiten, der Stadtaktivitäten, der Laufveranstaltungen, der Marathons in der Umgebung, der Marathon-Vereine, sowie der Marathon-Berichterstattung der bergischen Presse vorsieht. Dabei werden das Remscheider Marathon-Projekt sowie der Remscheider „Röntgenlauf“ speziell unter die Lupe genommen.
2
http://www.lds.nrw.de/kommunalprofil, 20.09.2008
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Darüber hinaus wird die aktuelle Marathon-Situation im Bergischen Land dargestellt, was mit Hilfe einer empirischen Untersuchung geschieht. Insgesamt wurden hierzu 255 Marathon- Läufer aus dem Bergischen zu Ihrem Laufverhalten sowie zur Einschätzung der Laufbedingungen in ihrer Region befragt. 3 Mit Hilfe dieser Daten analysiert diese Arbeit die Laufgegebenheiten im Bergischen Land und untersucht, inwieweit die Marathon-Läufer aus der Bergischen Region damit zufrieden sind. Des Weiteren werden die speziellen Ausprägungen und Eigenschaften des typischen bergischen Marathon-Läufers herausgearbeitet. Darunter zählen die Untersuchung des Durchschnittsalters, des Männer- beziehungsweise Frauenanteils und ob die Marathonis eher alleine oder mit anderen laufen. Auch wie oft sie in der Woche laufen, wie häufig sie im Jahr einen Marathon absolvieren und aus welchen Gründen sie hauptsächlich laufen, ist Untersuchungsgegenstand. Außerdem wird herausgearbeitet, wo die bergischen Läufer trainieren, was ihre Lieblings-Marathons sind und an welchen Marathon- Veranstaltungen sie regelmäßig teilnehmen. Diese spezielle Untersuchung wird in den Gesamtzusammenhang der Arbeit eingeflochten, woran sich ein Fazit sowie ein Ausblick auf die zukünftige allgemeine sowie regionsspezifische Marathon-Entwicklung anschließt.
2. Die historische Entwicklung des Marathons 2.1 Schlacht von Marathon und Sage vom Marathon-Boten
Die Sage, die für die Distanz des ersten Marathon-Wettbewerbs bei den ersten olympischen Spielen und somit auch für die heutige Marathon-Distanz verantwortlich ist, erzählt von einem Griechen, der im Jahr 490 vor Christus den Sieg der Griechen über die Perser verkündet habe. Diese beiden Völkergruppen bekämpften sich am 12. September 490 vor Christus auf einem riesigen Schlachtfeld, das bei der Kleinstadt Marathon lag. Die Stadt Marathon liegt etwa 40 Kilometer nordöstlich von der griechischen Hauptstadt Athen. Bei dem Kampf ging es um territoriale Gebiete, wobei die Perser in deutlicher Überzahl waren. 4 Die Perser unter dem Großkönig Dareios I. hatten Griechenland angegriffen und wollten nun die Hauptstadt in ihren Besitz nehmen. Doch die Athener waren trotz der zahlenmäßigen Unterlegenheit siegreich und konnten die Perser vertreiben. 5 Daraufhin gab der zuständige Feldherr namens Miltiades einem Landsmann den Befehl, die Kunde über den errungenen Sieg nach Athen zu übermitteln. Hierbei gibt es zwei verschiedene Versionen, wie dies passiert sein solle beziehungsweise welche Identität der Bote gehabt habe. Laut erster Version habe es sich bei dem Nachrichtenübermittler um einen Soldaten gehandelt, der kurz zuvor noch mitgekämpft habe und mit samt seiner rund 20 Kilogramm schweren Rüstung ins 40 Kilometer entfernte Athen gelaufen sei. Dort habe er den Palast erreicht und den in Unwissenheit über den Ausgang des Kampfes befindlichen Stadtherren verkündet „Seid gegrüßt. Wir haben gesiegt.“ Nach diesen
3
Siehe Umfragebogen in der Anlage
4
Krämer, H.: Marathon, S. 13
5
Pramann, U.: Faszination Marathon, S. 42
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beiden Sätzen sei er zusammengebrochen und verstorben. 6 Nach einer anderen Überlieferung habe der Bote gesagt: „Freut euch. Wir haben gesiegt.“ 7 In einer anderen Version der Sage sei der Bote kein Soldat gewesen, sondern ein einfacher Diener, der darauf spezialisiert gewesen sei soll, über weite Entfernungen Nachrichten zu übermitteln. Dieser Bote sei ebenfalls die 40 Kilometer bis nach Athen gelaufen, allerdings ohne Rüstung. Dort habe er im Athener Palast die Botschaft „Seid gegrüßt. Wir haben gesiegt“ verkündet. Allerdings sei er in dieser Version der Sage nicht verstorben. Auch über den Namen des Nachrichtenübermittlers war man sich in der Überlieferung nicht einig, sodass in den unterschiedlichen Fassungen von Thersippos, Eukleas und Pheidippides die Rede ist. 8 Der Name Pheidippides wird jedoch am weitaus häufigsten übermittelt, wobei dieser nach einer anderen Sage wenige Tage vor der Marathon-Schlacht sogar ins 250 Kilometer entfernte Sparta gelaufen sein soll, um dort um Hilfe zu bitten. 9 Die Sage vom Marathon-Boten wurde zum ersten Mal im vierten Jahrhundert vor Christus von dem Griechen Herakleides erzählt und wurde in den darauf folgenden mehr als 2.000 Jahren immer wieder überliefert, wenn auch in verschiedenen Fassungen. Ungeachtet dessen, welche Version damals zugrunde lag, erhielt der Marathon seit jeher durch diese Legende seinen besonderen Mythos. Allerdings wurde die Version des eine Rüstung tragenden Soldaten, der nach Überbringung der Kunde verstarb, am weitaus häufigsten erzählt, weil es sich dabei um die spektakulärere Fassung handelt.
Bei den ersten olympischen Spielen in Athen hat man diese Sage vor allem in Griechenland immer wieder zitiert und als Grundlage für den ersten olympischen Marathon angesehen. Deshalb behielt man die Strecke von Marathon bis Athen, die dieser Legende zugrunde liegt, auch beim ersten Marathon bei. Auch den Namen des Wettbewerbs hat man daher auch bereits im Jahr 1896 verwendet und seitdem beibehalten. Allerdings ist es am wahrscheinlichsten, dass diese Sage nicht in der Realität stattgefunden hat, sondern nur frei erfunden wurde. 10 Zwar gibt es zu diesem Thema in der Forschung unterschiedliche Meinungen, doch kamen die weitaus meisten Historiker zu dem Ergebnis, dass der antike Marathon-Lauf nicht stattgefunden hat. Dagegen spricht vor allem, dass das Ereignis in dem anerkannten Geschichtswerk des Griechen Herodot nicht erwähnt wird. Das ist vor allem deshalb aufschlussreich, weil Herodot als Grieche ansonsten äußerst patriotisch schreibt und den Sieg der Athener mit jeder Menge Glorifizierungen beschreibt. Ein 40 Kilometer langer Botenlauf findet jedoch mit keinem Wort Erwähnung. Darüber hinaus ist es sehr fragwürdig, was solch eine Art der Nachrichtenübermittlung überhaupt für einen Sinn gehabt hätte. Damals überbrückte man lange Entfernungen mit Hilfe von Pferden, die ein wesentlich schnelleres und entspannteres Reisen bewirkt hätte. Außerdem gab es zu dieser Zeit die gängige und wesentlich effizientere Methode
6
Goette, H.: Marathon, S. 78
7
Krämer, H.: Marathon, S. 13
8
Goette, H.: Marathon, S. 78
9
Krämer, H.: Marathon, S. 13
10
Goette, H.: Marathon, S. 78
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des Einsatzes von Lichtzeichen, die im militärischen Bereich damals Gang und Gäbe war. Zudem kannten die Griechen in der Glorifizierung ihres Sieges keine Grenzen und neigten zu Übertreibungen. Aus diesen genannten Gründen ist der Wahrheitsgehalt des Athener Botenlaufs sehr unwahrscheinlich. Man kann also davon ausgehen, dass nicht im Jahr 490 vor Christus der erste Marathon-Lauf stattgefunden hat, sondern erst 2.386 Jahre später, nämlich im Jahr 1896. 11
2.2 Erster olympischer Marathon und Spyridon Louise
Im Zuge der Neuentdeckung des Sports entschloss man sich im Jahr 1892 dazu, die olympischen Spiele der Antike in neuer Form fortsetzen zu wollen. Der Franzose Pierre de Coubertine, Präsident des „Internationalen Olympischen Komitees“, war der Vorreiter dieser Idee und setzte durch, dass im Jahr 1896 in Athen die ersten olympischen Spiele der Neuzeit stattfanden. Dass dabei auch ein Marathon zum Programm gehörte, geht auf die Idee eines Freundes von Coubertine, dem Franzosen Michel Breal, zurück. 12 Bei den ersten olympischen Spielen standen neun Sportarten auf dem Programm. 13 Zu den Leichtathletik-Wettbewerben gehörte der Marathon, der damals rund 40 Kilometer lang und der mit Abstand längste Laufwettbewerb war. Darüber hinaus gab es nämlich noch Läufe über 800 und 1.500 Meter, sodass das ausdauernde Laufen also mit drei Disziplinen vertreten war. Die 5.000- und 10.000- Meter-Distanzen wurden erst im Jahr 1912 ins Olympia-Programm aufgenommen. 14 Diese Distanz zu laufen empfand man damals als unvorstellbar, sodass der erste olympische Marathon besonders aufmerksam und mit besonderer Spannung beobachtet wurde. Überhaupt war dies die erste offizielle Marathon-Konkurrenz. Dieser Wettbewerb stand unter dem Zeichen einer Sage über einen 40 Kilometer langen Lauf von Marathon nach Athen, auf deren Inhalt später noch detailliert eingegangen wird.
Der Start fand deshalb auch in Marathon statt, einer Kleinstadt, die etwa 40 Kilometer von Athen, wo im Jahr 1896 sämtliche anderen Sportarten ausgetragen wurden, entfernt war. Das Ziel befand sich in Athen. Die Strecke führte nicht durchs Gebirge, was die schnellste Verbindung nach Athen gewesen wäre. Stattdessen führte der Marathon überwiegend durchs Flachland, um auf eine Distanz von exakt 40 Kilometern zu kommen. Die Strecke wies lediglich einen schweren Anstieg um rund 260 Höhenmeter auf, wobei die Teilnehmer am Ende des Rennens in das tief gelegene Athen knapp 200 Höhenmeter bergab laufen konnten. Außerdem musste das zu durchlaufende Gelände einen befestigten Untergrund aufweisen, da die Läufer während des gesamten Wettbewerbs von einem Fahrzeug begleitet wurden. Darin befanden sich zwei mit Stoppuhren ausgerüstete Kampfrichter sowie zwei Ärzte, die im Notfall
11
Goette, H.: Marathon, S. 78
12
http://www.ndr.de/edmonton2001/disziplinen/marathon/datenfakten.html, 23.09.2008
13
http://www.athen-magazin.eu/ameu/modules.php?name=News&file=article&sid=236, 23.09.2008
14
Neumann, G.: Das große Buch vom Laufen, S. 14
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schnell eingreifen konnten. 15 25 Teilnehmer aus neun verschiedenen Ländern fanden sich am Morgen des 10. April zusammen und liefen diese Distanz bei den olympischen Spielen allesamt zum ersten Mal. Zwar hatten sie zuvor trainiert, doch konnte ihr Training bei weitem nicht die Belastung eines Marathons simulieren. Nahezu alle Läufer waren mit der Distanz überfordert und mussten sich die enorme Schwierigkeit dieser Aufgabe eingestehen. 18 Teilnehmer mussten entkräftet aufgeben, sodass lediglich sieben Läufer das Ziel erreichten. Der Sieger des Marathons, Spyridon Louise, stellte dabei eine Ausnahme dar und erreichte das Ziel nach 2:58:50 Stunden. Die Zweit- und Drittplatzierten, Flake und Lemiseau, folgten mit zehn beziehungsweise 15 Minuten Abstand. Die ersten 20 Kilometer lagen der Franzose Lemiseau sowie der Australier vorne. Ab der Hälfte des Rennens setzte sich Spyridon Louise an die Spitze, ließ seinen Kontrahenten keine Chance und gewann den ersten olympischen Marathon souverän. 16 Spyridon Louise hatte sich die Kräfte am besten eingeteilt und überholte seine Gegner am einzigen Anstieg der Strecke in Pikermi. Dort errichtete man später ein Denkmal in Form einer Bronzestatue von Louise.
Der zu diesem Zeitpunkt 23-jährige Louise war ein griechischer Hirte und kam aus ärmlichen bäuerlichen Verhältnissen. Er stammte aus dem Athener Vorort Maroussi, wo man bereits vor dem Rennen um seine besonderen Fähigkeiten wusste und sehr stolz auf seinen Olympia- Teilnehmer war. 17 Daher schenkte man ihm Sportschuhe für den Marathon-Lauf, die sich der junge Mann selbst nicht leisten konnte. Louis war im restlichen Griechenland bis zu jenem 10. April völlig unbekannt. Zu dem fehlenden Prestige kam sein äußerst bescheidenes Auftreten, das dazu führte, dass ihn seine griechischen Landsleute nicht ins Olympia-Team aufnehmen wollten. Bei einem Qualifikations-Marathon, der nur fünf Tage vor dem Olympia-Marathon stattfand, erreichte Louise in 3:18:25 Stunden nur die 17.-beste griechische Zeit und konnte sich somit nicht qualifizieren. 18 Daher schloss sich Louis kurzerhand der amerikanischen Olympia- Mannschaft an, wo man ihn sofort herzlich empfang. Spyridon Louis hat seinen Olympia-Sieg also nicht für Griechenland, sondern für Amerika, errungen. Die Griechen wollten diese Tatsache im Anschluss an das Rennen natürlich unter Verschluss halten und feierten ihren Nationalhelden auf eine Weise, die es zuvor noch nie bei einem Sportler gegeben hatte. Nach seinem Olympia-Sieg absolvierte Louise allerdings kein Rennen mehr. 19 Spyridon Louise, der 1873 geboren wurde und 1940 im Alter von 63 Jahren starb, wurde zum griechischen Volkshelden und erhielt für den Rest seines Lebens großen Ruhm. 20
15
Goette, H.: Marathon, S. 136
16
Goette, H.: Marathon, S. 137
17
Krämer, H.: Marathon, S. 18/19
18
Cierpinski, W.: Meilenweit bis Marathon, S. 17
19
Cierpinski, W.: Meilenweit bis Marathon, S. 21
20
Goette, H.: Marathon, S. 136/137
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2.3 Entstehung der Marathon-Distanz Die Streckenlängen der ersten olympischen Marathon-Wettbewerbe unterschieden sich zum Teil recht erheblich. Richtlinie war bei allen olympischen Spielen, die vor dem Jahr 1924 stattfanden, die Sage über den 40 Kilometer beziehungsweise 25 Meilen langen Lauf von Marathon nach Athen. Dies war jedoch eben nur ein Richtwert, sodass die folgenden Marathon- Veranstaltungen Entfernungen zwischen 39 und 43 Kilometern beziehungsweise zwischen 24 und 25 Meilen aufwiesen. Dies lag daran, dass man direkte Entfernungen von Städten für die Strecken auswählte. Die Wahl der Entfernung war den Organisatoren überlassen. Lediglich beim ersten olympischen Marathon in Athen absolvierten die Sportler eine Strecke von exakt 40 Kilometern. Bei den zweiten und dritten olympischen Spielen, 1900 in Paris und 1904 in Sankt Louis, betrugen die Entfernungen 40,26 beziehungsweise 40,23 Kilometer. 21 Aufgrund dieser Längenunterschiede kann man die Siegerzeiten auch nicht exakt miteinander vergleichen. Im Zuge der flächendeckenden Messungen von sämtlichen sportlichen Leistungen und Katalogisierung von Rekorden nicht zuletzt zugunsten des Zuschauerinteresses entstand schließlich das Bedürfnis, die Marathon-Distanz nicht mehr länger frei wählbar, sondern mit einem konstanten Wert festzulegen. Für diese Festlegung diente der vierte olympische Marathon im Jahr 1908, der in London stattfand. Wenn der italienische Vulkan Vesuv im Jahr 1906 nicht ausgebrochen wäre, wäre die heutige Marathon-Distanz übrigens eine andere. Denn ohne diese Naturkatastrophe hätten die olympischen Spiele 1908 in Rom stattgefunden. Stattdessen wählte man kurzfristig London als Olympiastadt. 22 Die Londoner Marathon-Strecke verlief vom Schloss Windsor am Stadtrand der britischen Hauptstadt aus bis zum im Zentrum gelegenen und damals neu errichteten „White-City- Stadion“. Dort angekommen mussten die Läufer noch eine dreiviertel Stadionrunde zurücklegen, da die Ziellinie bewusst auf Höhe der königlichen Loge gesetzt wurde. 23 Diese Strecke entsprach exakt einer Entfernung von 42,195 Kilometern beziehungsweise 26,385 Meilen. Der olympische Marathon in London war also die bis dato größte Entfernung, die Langstreckenläufer in Wettkämpfen zurückgelegt hatten. Entgegen aller anderen leichtathletischen Laufdistanzen war diese Entfernung also erstmals nicht auf eine runde Kilometerzahl geeicht. Die Londoner Marathon-Entfernung wurde 13 Jahre später, im Jahr 1921, in Genf vom internationalen Leichtathletik-Verband als allgemein gültige Marathon- Distanz festgelegt und galt ab diesem Zeitpunkt als Vorgabe für alle folgenden Marathon- Wettbewerbe. Zuvor, bei den olympischen Spielen in Stockholm im Jahr 1912 und in Antwerpen 1920, hatte man noch andere Strecken, nämlich 40,2 beziehungsweise 42,75 Kilometer, gewählt. 24 Bei den siebten olympischen Spielen, die im Jahr 1924 in Amsterdam
21
Steffny, M.: Spiridon, 7/08, S. 13
22
http://www.runnersworld.de/d/100439, 22.09.2008
23
Goette, H.: Marathon, S. 136
24
Steffny, M: Spiridon, 7/08, S. 13
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stattfanden, übernahm man schließlich die 42.195 Meter lange Entfernung erstmals. Für die Zuschauer waren Leistungen von nun an vergleichbarer und Rekorde aussagekräftiger. Dieses Uniformitätsdenken war ein Ergebnis der zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals enorm ausgeprägten Rekord- und Sensationslust, die sich nicht nur auf den Marathon, sondern auf sämtliche Sportarten, in denen Leistungen messbar sind, bezog.
Der olympische Marathon von London wurde legendär, da er einen besonders skurrilen Verlauf aufzuweisen hatte. Es war ein Hitzerennen mit zirka 30 Grad Celsius, bei dem nur 27 Läufer das Ziel erreichten. Der vermeintliche Sieger, Dorando Pietri aus Italien, brach wenige Meter vor der Ziellinie zusammen. Kampfrichter und Zuschauer hoben ihn hoch und stützen ihn bis ins Ziel, das er nach 2:54:46 Stunden erreichte. 25 Er fiel fünfmal zu Boden und benötigte für die letzten 355 Meter neun Minuten und 46 Sekunden. 26 Anschließend wurde der Italiener unter dem Protest der Zuschauer wegen unerlaubter Hilfestellung disqualifiziert. Kurioserweise wäre Pietri damals Olympia-Sieger geworden, wenn die Organisatoren nicht noch kurzfristig beschlossen hätten, das Ziel vor die königliche Loge vorzuverlegen. Stattdessen wurde der Zweitplatzierte John Hayes aus den USA, der das Ziel eine halbe Minute später erreichte und ebenfalls kollabierte, nachträglich zum Olympia-Sieger erklärt. Doch auch Pietri erhielt im Rahmen der offiziellen Siegerehrung von der Königin Alexandra einen zusätzlichen Pokal für seinen Siegeswillen und wurde von den Zuschauern noch mehr umjubelt als Hayes. 27 „Die Umstände des Rennens vom 24. Juli 1908 […] lenkten weltweites Interesse auf den Marathon und erhöhten dessen Mythos.“ 28
2.4 Marathon als Zuschauersport zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Man verehrte die Marathon-Helden wie Spyridon Louise oder Dorando Pietri auf der ganzen Welt und empfand die Marathon-Entscheidungen als Höhepunkte der olympischen Spiele. Allein die Tatsache, dass es Menschen tatsächlich schaffen, solch eine enorme Distanz zurückzulegen, war damals eine hoch gefeierte Leistung. Dass es sogar jemand schaffte, unter drei Stunden zu bleiben, war damals eine Sensation. Bei den darauf folgenden olympischen Spielen wurde der Marathon zu einem nicht wegzudenkenden Element, das die Zuschauer immer wieder besonders beeindruckte. Bei allen 29 olympischen Spielen war der Marathon vertreten. Allerdings muss man dabei berücksichtigen, dass es ausschließlich die Marathon- Teilnehmer der olympischen Spiele sowie diejenigen, die versuchten, sich dafür zu qualifizieren, waren, die Marathon liefen. Somit waren es also weltweit nur rund 100 Menschen, die sich dieser Herausforderung stellten. Normale Menschen, die nicht das Ziel einer Teilnahme an olympischen Spielen hatten, wären zu dieser Zeit nach wie vor nicht auf die Idee gekommen,
25
Horlemann, W: Marathonlauf, S. 9
26
Steffny, M.: Spiridon, 7/08, S. 14
27
Appell, H.: Marathon, S. 12
28
Steffny, M.: Spiridon, 7/08, S. 12
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Arbeit zitieren:
Bachelor of Arts Christian Werth, 2008, Entwicklung des Marathons unter besonderer Berücksichtigung des Marathon-Laufens in der Bergischen Region, München, GRIN Verlag GmbH
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