Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung Seite 3
2. Theorien zu Gedächtnisbildung Seite 4
3. Das kollektive Gedächtnis Seite 6
3.1. Das kommunikative Gedächtnis Seite 7
3.2. Übergang Seite 8
4. Das kulturelle Gedächtnis Seite 9
5. Medien des kulturellen Gedächtnisses Seite 11
6. Erinnerungsorte Seite 13
6.1. Das Panthéon als Erinnerungsort Seite 14
6.2. Der Giro d’Italia als Erinnerungsort Seite 15
7. Fazit Seite 16
8. Literaturverzeichnis Seite 17
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1. Einleitung
Gibt es Tatsachen, Ereignisse, Begebenheiten oder historische Fakten, an die sich zum Beispiel ein ganzes Volk erinnert oder eine bestimmte Gruppe von Menschen? Und könnte ein solches Ereignis, solch ein historischer Fakt, das Denken und Handeln dieser Gruppe beeinflussen, rechtfertigen oder gar determinieren? Gibt es eine gruppenspezifische Geschichte, welche parallel zur Geschichte verläuft, die ihren Platz in Büchern und Chroniken hat? Wenn ja, wie wird diese Geschichte geschrieben, wer erinnert sich an sie, durch welche Medien wird sie geschrieben, weitererzählt oder am Leben erhalten? Wer ist Geschichtsschreiber, wer Interpret, wer Bewahrer dieser Geschichte? Ist es möglich, dass eine derart spezifische, klar auf ihre jeweilige Gruppe beschränkte Geschichte, die Gruppe selbst überdauert? Wie funktioniert ein Gedächtnis, wie entsteht es? Gibt es nur ein Gedächtnis von Personen oder können Gruppen auch Gedächtnisse haben? Und wie würde sich ein „Gruppen-Gedächtnis“ bilden, so es eins gäbe?
Auf all diese Fragen wird die vorliegende Arbeit versuchen, Antworten zu finden. Es werden Theorien erklärt werden, die das Gedächtnis im Allgemeinen betreffen, jene, die sich dem kollektiven Gedächtnis und seinen Ausprägungen beschäftigen und es soll anhand von Beispielen gezeigt werden, wie und ob ein kulturelles Gedächtnis funktioniert. Dabei werden zuerst die Begriffe Gedächtnis, und insbesondere dessen Bezug und Wechselwirkungen zu den Begriffen Geschichte und Tradition, kollektives Gedächtnis, kommunikatives Gedächtnis und kulturelles Gedächtnis erläutert werden. Diese Begriffe wurden vom französischen Soziologen Maurice Halbwachs vor allem in seinem Buch „Das kulturelle Gedächtnis“ geprägt, welches 1950 erschien. 1 Der Ägyptologe Jan Assmann bezeichnete später die Entdeckung des kollektiven Gedächtnisses als Bahn brechend. 2 Er war hauptsächlich an der Ausarbeitung, Interpretation und Verfeinerung der Thesen von Halbwachs beteiligt.
1 M. Halbwachs, Das kollektive Gedächtnis, 1991
2 J. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, 1992, S.46
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2. Theorien zur Gedächtnisbildung
Maurice Halbwachs baut seine Theorie vom kulturellen Gedächtnis auf eine ganz entscheidende und für seine Zeit revolutionäre These. Er geht davon aus, dass Erinnern und das Gedächtnis an sich nicht ausschließlich eine biologische Leistung sind, sondern von sehr vielen externen Faktoren geprägt werden. Halbwachs sagt, dass sich die Gedächtnisbildung nicht bei jedem Menschen in gleicher Weise vollzieht, sondern dass sie immer das Produkt der Sozialisierung des jeweiligen Individuums ist und damit jeder Mensch ein anderes Gedächtnis hat und sich infolgedessen an bestimmte Ereignisse anders erinnert als zum Beispiel jemand, der genau dasselbe Ereignis erlebt hat. Um diese Sozialisierung zu erklären, bedient sich Halbwachs eines einfachen Beispiels: ein erster Besuch in London. Er beschreibt im ersten Kapitel seines Buches 3 , dass ein Mensch, welcher sich vor dem ersten Besuch Londons über die Stadt in einem Reiseführer informiert hat, diese anders sehen und erleben wird, als jemand, der zum Beispiel mit einem Architekten oder Historiker die Stadt besucht. Er selber hatte in seiner Jugend Dickens gelesen und „so ging ich dort also mit Dickens spazieren“. 4
Diese Vorbereitung prägt also die Eindrücke, welche den Filter des Vergessens passieren und im Gedächtnis gespeichert werden. Indem man sich also an früher Erlerntes erinnert, nimmt man Eindrücke in einer bestimmten Art und Weise wahr und in der Konsequenz ist auch die Erinnerung von dieser Vorbildung geprägt. Halbwachs sagt, dass man also nie allein ist, man gehört immer einer Gruppe an bzw. man versetzt sich in Gedanken in die eine oder andere Gruppe. Deshalb ist das individuelle Gedächtnis immer das Produkt aus der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, sei diese Gruppe wirklich physisch anwesend oder nur in der persönlichen Vorstellung vorhanden. Diese Idee bezieht Halbwachs auf jede Art von Erinnerung und damit meint er, Erinnern sei durch Sozialisierung geprägt.
3 M. Halbwachs, Das kollektive Gedächtnis, 1991
4 Ebd., S.3
4
Bei dem Begriff „Gruppe“ denkt Halbwachs an alle möglichen Arten von Gruppen, welche durch eine gemeinsame Eigenschaft, durch ein gemeinsames Interesse oder Ähnliches miteinander verbunden sind. Das können zwei spielende Kinder sein, welche zusammen etwas erleben, das kann eine Familie sein, eine Sportgemeinschaft und im größten Falle auch eine Nation, ein Volk, welches zusammen etwas erlebt hat. Er nennt die Gruppen „soziale Milieus“. 5
Diese Gruppenzugehörigkeit ist für Halbwachs die soziale Dimension des Gedächtnisses, welche ergänzt wird durch die affektive Dimension. Damit meint er, dass man sich nicht nur an Begebenheiten und Ereignisse erinnert, sondern auch an Gefühle und Eindrücke, welche zum Beispiel Worte oder Landschaften hinterlassen haben. Deshalb ist für ihn Gedächtnis immer gelebte Erinnerung, rekonstruierte Vergangenheit. Für Jan Assmann ist daraus die Konsequenz, dass er sagt: „Der Mensch ist der einzige Träger des Gedächtnisses.“ 6 , denn eine Gruppe als ein abstraktes Gebilde kann sich per se nicht erinnern, sondern nur deren Mitglieder können sich zusammen deren gemeinsame Vergangenheit rekonstruieren. In einem anderen Werk geht Jan Assmann noch weiter, er unterteilt das Gedächtnis in vier verschiedene Dimensionen, das mimetische Gedächtnis, das Gedächtnis der Dinge, das kommunikative Gedächtnis und das kulturelle Gedächtnis. 7 Mit dem ersten meint er den Bereich des Gedächtnisses, welcher sich auf Handlungen bezieht, das heißt Handlungen, welche erlernt, wiederholt und damit gespeichert werden. Im Gedächtnis der Dinge sind alle möglichen Gerätschaften aus dem täglichen Leben gespeichert, allerdings auch Landschaften, Orte, Bauwerke usw. Dem kommunikativen und dem kulturellen Gedächtnis werden später einzelne Kapitel gewidmet werden, deshalb wird an dieser Stelle darauf nicht eingegangen. In diesen Ausführungen sollte deutlich werden, dass es sich bereits beim individuellen
5 Ebd., S.14
6 J. Assmann, Religion und kulturelles Gedächtnis, 2000
7 J. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, 1992, S.20 f.
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Arbeit zitieren:
M.A. Martin Piesker, 2004, Gedächtnisbildung von Individuen und Gruppen, München, GRIN Verlag GmbH
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