Abkürzungsverzeichnis
BRD Bundesrepublik Deutschland
bzw. beziehungsweise
ČSSR Tschechoslowakische Sozialistische Republik
DDR Deutsche Demokratische Republik
DHfK Deutsche Hochschule für Körperkultur
DSA Deutscher Sportausschuss
DSB Deutscher Sportbund (BRD)
DTSB Deutscher Turn- und Sportbund (DDR)
ebd. ebenda
ESA Einheitliche Sichtung und Auswahl
etc. et cetera
FDGB Freier Deutscher Gewerkschaftsbund
FDJ Freie Deutsche Jugend
IOC International Olympic Committee (Internationales Olympisches Komitee)
KJS Kinder- und Jugendsportschulen
KPdSU Kommunistische Partei der Sowjetunion
LSK Leistungssportkommission
MFAA Ministerium Für Auswärtige Angelegenheiten
MfS Ministerium für Staatssicherheit
NATO North Atlantic Treaty Organization
NOK Nationales Olympisches Komitee
NSW nicht-sozialistischer Wirtschaftsraum
S. Seite
SAPMO Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen (der DDR)
SBZ Sowjetische Besatzungszone
SC Sportclubs
SED Sozialistische Einheitspartei Deutschlands
SMD Sportmedizinischer Dienst
TPK Theorie und Praxis der Körperkultur
TTB Trainingstagebuch
TZ Trainingszentren
u. a. unter anderem
UdSSR Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
U. M. Unterstützende Mittel
u. v. m. und vieles mehr
v. a. vor allem
vgl. vergleiche
VR Volksrepublik
z. B. zum Beispiel
ZK Zentralkomitee
II
Inhaltsverzeichnis
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
1. Einleitung.................................................................................................................. 1
2. Geschichtlicher Überblick....................................................................................... 2
3. Innerdeutsche Sportbeziehungen........................................................................... 4
4. Aufbau des Sportsystems........................................................................................ 14
4.1 Der Deutsche Sportausschuss........................................................................ 15
4.2 Das Staatliche Komitee für Körperkultur und Sport..................................... 15
4.3 Der Deutsche Turn- und Sportbund und dessen Abteilungen ...................... 16
4.4 Das Nationale Olympische Komitee............................................................. 18
4.5 Die Leistungssportkommission..................................................................... 19
5. Trainer und Trainerausbildung............................................................................. 20
6. Die Deutsche Hochschule für Körperkultur......................................................... 22
7. Sportanlagen und Sportmaterial............................................................................ 23
8. Kinder und Jugendliche im DDR-Spitzensport.................................................... 23
8.1 Die „Olympiade der Kleinen“ - Spartakiaden in der DDR............................ 24
8.2 Die Einheitliche Sichtung und Auswahl........................................................ 25
8.3 Die Trainingszentren..................................................................................... 26
8.4 Die Kinder- und Jugendsportschulen der DDR............................................. 29
9. Innen und außenpolitische Aufgaben des Sports.................................................. 31
10. Internationale Sportbeziehungen der DDR........................................................... 34
10.1 Brüderliche Zusammenarbeit mit den sozialistischen Ländern..................... 35
10.2 Beziehungen zu Ländern der Dritten Welt.................................................... 37
10.3 Bilaterale Beziehungen zu kapitalistischen Ländern..................................... 39
11. Internationale Erfolge der DDR............................................................................. 42
12. Die Instrumentalisierung des Sports als wichtigste Möglichkeit
internationaler Anerkennung................................................................................. 45
13. Doping – Mittel um die gesteckten Ziele zu erreichen......................................... 47
14. Résumé...................................................................................................................... 50
ANHANG
LITERATUR- UND QUELLENVERZEICHNIS
III
1. Einleitung
Spontan aufgenommene Wettkämpfe stören den Trainingsaufbau und verhindern die kontinuierliche
Leistungssteigerung. Dabei soll man endlich mit dem Gerede von der politischen Notwendigkeit
aufhören. Politisch notwendig ist es nur, dass wir Rekorde erobern und Siege erringen, um unseren
Arbeiter- und Bauern-Staat würdig zu vertreten. (Heinze 1955 in: Buss/Becker, 2001, S. 535)
Meine Bachelor-Arbeit im Fach Sport bezieht sich auf das Thema des DDR- Hochleistungssports als Mittel zum Zweck. In dem oben angeführten Zitat wird deutlich, dass es schon wenige Jahre nach Gründung der DDR zu einer politischen Instrumentalisierung des Sports kommen sollte. Der Sport als populärster gesellschaftlicher Bereich diente somit als Medium, um die staatlichen Ziele zu verwirklichen.
Die Leistung im Sport stand nun im Mittelpunkt, um die politischen Ideologien der DDR durchzusetzen und jeder Sportler hatte sich dem – stark an der Sowjetunion orientierten – Sportsystem anzupassen, wenn er längerfristig erfolgreich sein wollte.
Um bestmögliche Leistung zu erbringen, war das System des Hochleistungssports in der DDR auf „weitgehende relative operative Autonomie“ angelegt, welche nur annähernd erreicht werden konnte, sobald das Sportsystem dem der Gesellschaft gerecht wurde oder dieses sogar übertraf. Das Erbringen perfekter sportlicher Leistungen stellte eine weitere Möglichkeit dar, die eben erwähnte Autonomie zu erreichen. Im Dezember 1948 stellte das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) eine Forderung, mit der man die sowjetische Sportwissenschaft in den darauf folgenden Jahren identifizieren sollte: „Körperkultur und Sport in jeden Winkel des Landes zu verbreiten und das Fertigkeitsniveau in einer solchen Weise anzuheben, dass sowjetische Sportler weltweite Überlegenheit in den wesentlichen Sportarten in der unmittelbaren Zukunft erbringen“ (Riordan 1977, S. 165 in: Buss/Becker, 2001, S. 539).
Die absolute Leistungssteigerung, die sogenannte „Anthropomaximologie“, wurde als Ziel gesetzt (vgl. Krüger, in: Buss/Becker, 2001, S. 539). Wichtig war es nun, zur richtigen Zeit in Bestform zu sein und nicht nur einfach zu einem beliebigen Zeitpunkt in seiner Sportlerlaufbahn.
Walter Ulbricht und sein Nachfolger Erich Honecker sahen den Sport als ein „Instrument des Klassenkampfes“, der die Überlegenheit des gesamten sozialistischen Systems zum Ausdruck bringen sollte. Auch der langjährige Minister für Staatssicherheit in der DDR, Erich Mielke, verstand den Sport als eine „wichtige politische Waffe [...] die wir zur Stärkung unserer sozialistischen Heimat, zur Erhöhung des internationalen Ansehens des Sozialismus, zur Erhaltung des Friedens und zur Völkerverständigung einsetzen“ (Holzweißig, 1988, S. 7).
1
Sportliche Erfolge der DDR wurden fortan als ein Beleg der Überlegenheit des Sozialismus über den Kapitalismus gewertet. Hierzu ein Zitat von Erich Honecker:
Von der Qualität der Sportverbände und Sportklubs, der Kinder- und Jugendsportschulen sowie aller
Trainingszentren hängt entscheidend ab, wie wir weiterhin mit unseren internationalen Erfolgen auch
auf dem Gebiet des Sports die Überlegenheit des Sozialismus auf deutschem Boden dokumentieren.
(ebd. S. 13).
Der hohe politisch-ideologische Stellenwert des Sports erklärt die tiefe Verstrickung von SED-Funktionären in den Sport und von Sportlern in politische Angelegenheiten. Die Staatsführung konnte mit Hilfe der allgegenwärtigen Staatssicherheit den Sport und nahezu alle anderen Lebensbereiche der DDR-Bevölkerung kontrollieren. Auf der Ebene des Sports war für diese Aufgaben das sogenannte Staatssekretariat für Körperkultur und Sport zuständig. Der Sport sollte von nun an als politisches Instrument fungieren, um staatliche Ziele und internationale Anerkennung zu erreichen. „Sport ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck“, wie es schon Erich Honecker im Jahre 1948 erklärte (vgl. Pabst, 1980, S. 35).
2. Geschichtlicher Überblick
Um den Aufbau und die Funktionsweise des DDR-Sportsystems besser zu verstehen, müssen zunächst einige geschichtliche Fakten etwas näher betrachtet werden.
Aufgrund der Spaltung der deutschen Nation entwickelten sich nach 1945 zwei in Ideologie, Staatsform und Wirtschaftsordnung völlig verschiedene Staaten: Die Bundesrepublik Deutschland (BRD) auf der einen und die Deutsche Demokratische Republik (DDR) auf der anderen Seite. Die gesellschaftlichen wie auch die politischen Vorstellungen beider Staaten entwickelten sich immer mehr in unterschiedliche Richtungen. Die BRD und die DDR wurden zu regelrechten Rivalen, die ständig unter einem wettbewerbsmäßigen Vergleichszwang standen. Die Politik hatte die Nation gespalten und so erging es auch dem deutschen Sport. Je größer die politische Kluft der beiden deutschen Staaten wurde, um so weiter entfernten sich die ideellen und strukturellen Vorstellungen der beiden deutschen Sportsysteme voneinander (vgl. Pabst, 1980, S. 32 ff.).
Am 17. Dezember 1945 kam es zur Direktive Nr. 23, welches die wichtigste Bestimmung für den Aufbau des Sports darstellte. Der Kontrollrat der Alliierten beschloss die restlose Auflösung von sämtlichen sportlichen Organisationen, die vor der Kapitulation bestanden hatten. Dies galt als Maßnahme um zu verhindern, dass Gruppierungen aus der Naziherrschaft weiterhin existierten. Da die Direktive Nr. 23 für beide Teile Deutschlands galt, hätte sie laut
2
Pabst (1980, S. 51) die Ausgangsbasis für eine einheitliche Neuentwicklung des deutschen Sports sein können. Jedoch aufgrund der vagen Bestimmungen und der weit gefassten Formulierung in Zukunft nur noch „nicht-militärische Sportorganisationen lokalen Charakters“ zu gestatten, konnten die Sowjets den kommunalen Sport in der SBZ aufbauen, legitimieren und schließlich auch durchsetzen (ebd. S. 51).
Die Entwicklung des Sportsystems der DDR war in vielerlei Hinsicht durch den Stalinismus geprägt und so sollten die kommunalen Sportorganisationen nach sowjetischem Vorbild die traditionellen Werte der kommunistischen Arbeitersportvereine bewahren. Am Aufbau dieser Vereine waren vor allem bürgerliche und sozialdemokratische Funktionäre beteiligt. Am 7. März 1946 wurde die Freie Deutsche Jugend (FDJ) und kurze Zeit später auch der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) zum Hauptträger des Sports in der SBZ ernannt. Allerdings wurde aufgrund von ineffizienten Entwicklungen am 1. Oktober 1948 der Deutsche Sportausschuss (DSA) in Ost-Berlin gegründet, mit dem Ziel, eine einheitliche Sportbewegung aufzubauen sowie den internationalen und gesamtdeutschen Sportverkehr zu koordinieren. Mit der Gründung der DDR im Jahre 1949 wuchs die Konkurrenzbeziehung der beiden Staaten erneut und wurde zu einem großen Teil im Sport ausgetragen. Mit der Gründung des „Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport“ am 24. Juli 1952 übernahmen staatliche Organe die Führung und Kontrolle des Sports, wodurch dessen Bindung des Sports an die Politik verstärkt wurde und der DSA somit im Bereich des Sports entmachtet wurde und er sich auf seine Aufgaben der „allgemeinen Agitation und Propaganda“ beschränkte (vgl. Spitzler/Teichler/Reinartz, 1998, S. 20).
Um den DDR-Sport weiterhin auf SED-Kurs zu halten, wurde am 22. Oktober 1950 in Leipzig die „Deutsche Hochschule für Körperkultur“ (DHfK) als zentrale Lehr- und Forschungsstätte des Sports in der DDR gegründet, welche der weiteren Zentralisierung und Intensivierung der sportlichen Förderung und Entwicklung diente.
Hier wurden zahlreiche Spitzensportler, Sportfunktionäre, Trainer und Sportmediziner ausgebildet. Von nun an rückte die Übernahme der sowjetischen Vorstellungen immer weiter in den Vordergrund und es wurde nach dem Prinzip: „Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen“ unterrichtet (Müller 1950 in: Buss/Becker, 2001, S. 537).
Spätestens seit 1951 wurde der gesamte, zentralistisch gesteuerte Sport in der DDR auf höchste Leistungsentwicklung ausgerichtet. Dies geschah u. a. durch folgende gesamtstaatliche Funktionen:
- die Unterstützung der ideologischen Zielsetzung,
- die Gestaltung einer „sozialistischen Gesellschaft“,
3
- die politische Stabilisierung nach innen,
- die Gewinnung von Anerkennung nach außen.
Um diese Funktionen umsetzen zu können, wurden Umstrukturierungen und Maßnahmen des Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport und einiger staatlicher Ministerien initiiert, die durch den 1957 gegründeten „Deutschen Turn- und Sportbund“ (DTSB) umgesetzt werden sollten.
Um auch in sportwissenschaftlicher Hinsicht an vorderster Position zu rangieren, wurde im März 1952 der Wissenschaftliche Rat des DSA gebildet, der als wichtiges Gremium in Beratungs- und Koordinierungsfragen diente (vgl. Pabst, 1980, S. 134).
Im Laufe der Jahre folgten immer wieder neue Beschlüsse und auch Neugründungen von Institutionen, um den Sport der politischen Linie anzupassen und ihn noch besser koordinieren zu können.
3. Innerdeutsche Beziehungen
Seitdem nun der Sport in der DDR stärker ideologisch reflektiert wurde, rückte der Aspekt der sportlichen Leistung im umfassenden Sinne in den Vordergrund. Höchstleistungen auf diesem Gebiet waren von besonderer Bedeutung für das Verhältnis des DDR-Sports zum staatlichen Gesamtsystem und wurden ein wichtiger Faktor im innerdeutschen und internationalen Spannungsfeld des Sports. Für die DDR gab es nur eine Möglichkeit die Überlegenheit des sozialistischen Systems zu beweisen, es mussten Höchstleistungen auf allen Gebieten der Gesellschaft und des Sports erbracht werden, um den „Klassenfeind“ besiegen zu können. Auf dem Gedanken „den Sozialismus in ganz Deutschland zu verbreiten“ basierten fast alle wichtigen Beschlüsse und Entscheidungen der SED und der DDR-Sportführung. Das erklärte Ziel der DDR-Staatsführung war „durch sportliche Leistungen die Aufnahme [...] in die internationalen Sportgremien zu erreichen“ (Pabst, 1980, S. 132).
Um die DDR bei internationalen Wettkämpfen würdig vertreten zu können, erklärte der DSA im Jahre 1950, dass der Leistungssteigerung mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden müsse. Somit begann im Jahre 1954 die systematische Förderung des DDR-Leistungssports. Bedingt durch die zahlreichen Diskrepanzen gab es zwischen den beiden deutschen Staaten fast keine Kontakte mehr, Kirche und Sport waren die einzigen Ausnahmen. Zwischen 1950 und 1955 wurden die Sportsysteme beider Teile Deutschlands in die internationale Sportwelt integriert, wobei der Sport der BRD die Integration früher und schneller erreichte als der Sport der DDR, weil die ganz und gar westlich gesinnten internationalen Fachverbände den westdeutschen Sport bevorzugten. Somit wurden die innerdeutschen Sportbeziehungen auch
4
im internationalen Bereich ein politisch relevanter Faktor. Mit der Wiederaufnahme Deutschlands in den olympischen Sportbereich kam es durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) 1951 zur Anerkennung des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) der BRD. Folglich schloss sich die Aufnahme eines NOK-Ost automatisch aus, da Deutschland international als Einheit angesehen wurde. Die westdeutschen Fachverbände konnten sich nun als Vertreter ganz Deutschlands aufspielen und so Sitz und Stimme in den internationalen Verbänden für sich allein beanspruchen. Erst durch erneute Bemühungen der DDR um ein eigenständiges NOK in den folgenden Jahren kam es 1955 zur provisorischen und 1965 schließlich zur völligen Anerkennung des NOK-Ost durch das IOC. Dieser Schritt verdeutlicht den politischen Kurs der SED, dem Ziel des eigenständigen Auftritts bei internationalen Wettbewerben näher zu kommen (vgl. Wonneberger u. a., 1967, S. 91ff).
Aufgrund der gegensätzlichen Auffassung vom Verhältnis des Sports zur Politik kam es auf internationaler und auf nationaler Ebene zu Konfrontationen zwischen dem Sportsystem der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik. Die BRD wollte Sport ohne Politik, die DDR mochte ohne Politik keinen Sport. „Die DDR stellte den Sport völlig in den Dienst ihrer Politik“, so Pabst (1980, S. 110). Die unterschiedlichen Ideologieauffassungen ließen die beiden deutschen Staaten nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen, denn die DDR sah die BRD als unmittelbaren politischen Gegner an, mit dem es keine gemeinsamen Interessen in Bezug auf den unvereinbaren Gegensatz zwischen Sozialismus und Kapitalismus gab. Um im Bereich des Sports nun aber die Überlegenheit des sozialistischen Systems zum Ausdruck zu bringen, versuchte die DDR ihre politischen Ideologien zu transferieren, was jedoch nicht von großem Erfolg war. Die innerdeutschen Beziehungen dienten als Mittel der Anerkennungs- und Abgrenzungspolitik. Da beide deutsche Staaten sich als einzig rechtmäßigen deutschen Staat betrachteten, beharrten sie auf dem Grundsatz der gegenseitigen Nichtanerkennung. Vorteil für die BRD war die Bestätigung und die Förderung des Alleinvertreteranspruchs durch die Westmächte (vgl. Pabst, 1980, S. 109). Westdeutsche Funktionäre versuchten mit allen Mitteln, die um Gleichberechtigung und Anerkennung ringenden DDR-Sportverbände aus internationalen Fachverbänden fernzuhalten. Alleinvertreteranspruch stand gegen Anerkennungswillen und der deutsch- deutsche Zweikampf benutzte den Sport auf nationaler und auf internationaler Ebene als Medium der ideologischen Auseinandersetzung. Die BRD wie auch die DDR sahen in der Existenz des jeweiligen anderen eine Herausforderung, die sich auf den Bereich des Sports übertrug. Der Sport diente ihnen als ein politisches Kampfinstrument, um den jeweiligen
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anderen zu übertreffen, da die innerdeutschen Sportbeziehungen laut Pabst (1980, S. 41) die einzige Sphäre waren, in der man direkt in Konkurrenz treten konnte.
Im Jahre 1952 wurde der DDR ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen in Oslo (Winter) entzogen, da sie eine eigene Mannschaft gemeldet hatte, die jedoch vom norwegischen Organisationskomitee mit Hinweis auf die Zuständigkeit des bundesdeutschen NOK nicht zugelassen wurde. Die Eingliederung von ostdeutschen Sportlern in die Mannschaft wurde durch das Präsidium abgelehnt. Zu den Olympischen Spielen in Helsinki (Sommer) kam es erneut zu einer Nicht-Teilnahme der DDR, da das IOC die beiden deutschen Staaten aufforderte, ein gemeinsames Team zur Olympiade zu schicken und die DDR die Zusammenarbeit ablehnte. Unter der Bedingung, eine gesamtdeutsche Mannschaft zu den Olympischen Spielen im Jahre 1956 zu schicken, wurde im Juni 1955 das NOK der DDR provisorisch anerkannt. Auch wenn dies nicht den Vorstellungen des Selbstständigkeits- Anspruchs der DDR entsprach, war sie im Hinblick auf die weltweite Repräsentanz und die Kontaktmöglichkeiten, die Olympische Spiele mit sich bringen, dazu bereit, den Kompromiss einer gesamtdeutschen Mannschaft einzugehen. Von nun an forderte jedoch die DDR im gesamten Bereich der innerdeutschen Sportbeziehungen die volle Gleichberechtigung und Anerkennung, obwohl sie gleichzeitig weiterhin ihre Abgrenzung zur BRD demonstrierte (vgl. Pabst, 1980, S. 184; Hartmann, 1998, S. 43). Die DDR versuchte nun bei den kommenden Olympischen Spielen die meisten Teilnehmer des gesamtdeutschen Teams zu stellen, damit sie einen ihrer Athleten als „Chef de Mission“ ernennen konnten, denn würde dieser aus der Deutschen Demokratischen Republik kommen, so wäre dem „Ulbricht’schen Anerkennungswillen zum Durchbruch verholfen“ (Hartmann, 1998, S. 44).
Die Teilnahme der DDR an den Olympischen Spielen 1956 in Cortina d’Ampezzo und Melbourne wurde bereits als Erfolg gewertet und bildete die Grundlage für die Verhandlungen der beiden NOK-Führungen über die kommenden Olympischen Spiele. Was die politische Dimension dieser Olympischen Spiele betraf, war die DDR eindeutig der Gewinner: „Ihre klare taktische Marschroute in Richtung auf die politische Anerkennung hatte ihr in den Verhandlungen und im Erscheinen vor der internationalen Sportwelt Erfolg gebracht“, so Pabst (1980, S. 244). Die DDR hatte also durch ihr geschicktes Auftreten und die hohen sportlichen Leistungen den ersten Schritt in Richtung internationaler Anerkennung geschafft, ihr Selbstbewusstsein war gestärkt und sie richtete nun ihr Augenmerk auf die vollständige Anerkennung ihres NOKs durch das IOC, um bei den folgenden Olympischen Spielen als eigenständiger Staat mit eigener Mannschaft antreten zu können. Sie war von nun an nur noch bereit, dort ein gemeinsames deutsches Team zu bilden, wo es die internationalen
6
Verbände zwingend vorschrieben. Bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom ging die DDR erneut als Teil der gesamtdeutschen Mannschaft an den Start, da der Beschluss der IOC- Sitzung festgelegt hatte, dass der DDR-Sport erst seine politische Neutralität und Unabhängigkeit beweisen müsse, bevor er endgültig anerkannt werden könne (vgl. Pabst, 1980, S. 256). Auch in das außen- und deutschlandpolitische Konzept der Regierung Konrad Adenauers passte die olympische Gemeinsamkeit 1960 nicht hinein. Die Bundesregierung war ebenso wie die DDR gegen eine gesamtdeutsche Mannschaft und begründete ihre Ablehnung damit, dass die „olympische Gemeinsamkeit der Deutschen den wahren Zustand der gespaltenen deutschen Nation verschleiere“ (ebd. S. 257). Die Spaltung Deutschlands wurde somit verborgen und eine gemeinsame Mannschaft als Trugbild der Wirklichkeit nach Rom geschickt.
Der Mauerbau vom 13. August 1961 führte zu einer schweren Krise im innerdeutschen Sportverkehr. Auf nationaler Ebene wie in den internationalen Fachverbänden wurde er für einige Jahre fast völlig unterbrochen, nur die gesamtdeutsche Olympiamannschaft blieb bis zum Jahre 1964 bestehen, da sich das NOK vollkommen nach dem IOC richten musste, wenn es sich nicht selbst aus der olympischen Bewegung ausschließen wollte. Trotz der innerdeutschen Krise und obwohl den DDR-Sportlern nach dem Mauerbau die Einreise zu Wettkämpfen in NATO-Ländern in der Regel verweigert wurde, erlebte der Leistungssport der DDR einen erheblichen Aufschwung. In den letzten Olympischen Spielen mit gesamtdeutscher Mannschaft stellte die DDR nicht nur die meisten Teilnehmer, sondern auch den „Chef de Mission“ Manfred Ewald 1 . Somit war ein weiterer Schritt in Richtung der DDR- Zielsetzung getätigt. Als im Jahre 1966 die innerdeutschen Sportbeziehungen wieder aufgenommen wurden, zeigte sich jedoch, dass die DDR dem gesamtdeutschen Sportverkehr keine Priorität mehr einräumte. Zwischen 1957 und dem Mauerbau 1961 kam es zu 3 971 Begegnungen mit 82 361 Sportlern, die die DDR bevorzugt auf ostdeutschem Boden austragen ließ, um westlichen Einflüssen vorzubeugen und um westdeutsche Besucher politisch zu beeinflussen. Nach der Wiederaufnahme des innerdeutschen Sportverkehrs kam es ab dem Jahr 1966 bis 1969 lediglich zu 273 Begegnungen mit 4 781 Sportlern. Die Intensität blieb also weit hinter der aus der Zeit vor dem Mauerbau zurück (vgl. Holzweißig, 1988, S. 72). Rossade (1987, S. 200) ist der Meinung, dass „das Abblocken seitens der DDR insbesondere mit der Befürchtung zusammenhing, dass Sportler, Trainer und andere mit dem Sport Befasste die Reisen in den Westen zur ,Republikflucht’ nutzen könnten.“ Bei genauerer Untersuchung der sogenannten „Düsseldorfer Beschlüsse“, die als ,sportkameradschaftlicher
1 Manfred Ewald war von 1961 bis 1988 Präsident des DTSB, ab 1963 Mitglied des ZK der SED und von 1973
bis 1990 Präsident des NOK der DDR; gilt als einer der einflussreichsten Sportfunktionäre der DDR
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Solidaritätsakt’ 2 bezeichnet werden und eine direkte Reaktion auf den Mauerbau und die vom DDR-Sport betriebene Isolierung darstellen, bemerkt Pabst (1980, S. 299), dass drei verschiedene Dimensionen enthalten sind: eine sportliche, eine psychologische und eine politische. Obwohl der Abbruch der Sportbeziehungen zur DDR vordergründig aus sportlichen und politischen Gründen geschah, hatten die „Düsseldorfer Beschlüsse“ ebenfalls eine tiefe psychologische Ursache:
[...] Sie waren Ausdruck ohnmächtiger Hilflosigkeit und moralischer Entrüstung, die sich bei fast allen Bundesbürgern infolge des Mauerbaus einstellten. Wenn schon die Westmächte und die Bundesrepublik nichts gegen die Mauer unternehmen konnten, so sollte wenigstens der Sport die deutsche Ehre und die Aktionsfähigkeit des Westens beweisen [...] Die ,Düsseldorfer Beschlüsse’ sind ohne Zweifel auch als unbewusste Reaktion der westdeutschen Sportführung auf die ihnen von der DDR so zahlreich zugefügten Demütigungen, Verleumdungen und Enttäuschungen zu betrachten (Pabst, 1980, S. 299).
Entscheidend ist jedoch das politische Ausmaß der Beschlüsse, da der Sport der BRD mit ihnen eine Entscheidung getroffen und erkannt hatte, dass die Theorie des „unpolitischen Sports“, welche jahrelang in den Sportbeziehungen zur DDR vertreten wurde, bloß reine Illusion gewesen war. Mit dem Bau der Mauer und dem folgenden Abbruch der innerdeutschen Sportbeziehungen erkannten die bundesdeutschen Sportführer die Unhaltbarkeit ihrer Auffassung des „zweckfreien“ Sports. Ein gesamtdeutscher Sport ohne Politik war zwischen den grundverschiedenen Ideologien der beiden deutschen Staaten endgültig unmöglich geworden (ebd. S. 300).
Nach der Aufhebung der „Düsseldorfer Beschlüsse“ im Jahre 1965 durch den DSB kommt es im Jahr 1970 zur Annäherung des DSB an den DTSB, um die Sportgespräche und die innerdeutschen Beziehungen – insbesondere im Hinblick auf die Olympischen Spiele von 1972 in München – wieder aufzunehmen. Um den DTSB erneut zu Verhandlungen zu bewegen, gestattete die Bundesregierung das Abspielen der DDR-Hymne und das Hissen der DDR-Flagge bei internationalen Sportveranstaltungen in der Bundesrepublik Deutschland. Dies schien eine der wichtigsten Vorbedingungen des DSB für eine positive Reaktion seitens der DDR zu sein. Zwei Jahre zuvor war es der DDR zwar gelungen als eigene Mannschaft bei den Olympischen Spielen in Mexiko (Sommer) und in Grenoble (Winter) an den Start zu gehen, jedoch nur mit der Einschränkung unter einer gemeinsamen Flagge und der „Ode an die Freude“. Deshalb wurden 1970, bei der ersten innerdeutschen Zusammenkunft seit fast einem Jahrzehnt, folgende Aspekte klargestellt und gesetzlich festgehalten: Erstens durfte die
BRD künftig keinen Widerspruch einlegen, wenn Verbände des DTSB den Zusatz „DDR“
führten und bei internationalen Sportwettkämpfen mit eigener Flagge, Hymne und Emblem
2 Bezeichnung entnommen aus Pabst, 1980, S. 299
8
auftreten wollten. Zweitens sollte der IOC ab dato die jeweiligen Geltungs- und Zuständigkeitsbereiche des DSB und DTSB und deren allgemeinen Gepflogenheiten regeln. Damit wurde jegliche Einmischung in den Zuständigkeitsbereich einer anderen Organisation unzulässig. Drittens wurde ab diesem Zeitpunkt jegliche Art der Abwerbung ostdeutscher Sportler geahndet (vgl. Holzweißig, 1981, S. 49).
Die Bemühungen der BRD, die innerdeutschen Sportbeziehungen zu intensivieren, wurden vom DTSB mehr oder weniger abgeblockt. Manfred Ewald, Präsident des DTSB und des
NOK und Mitglied des Zentralkomitees der SED, war nicht viel daran gelegen die
Abmachungen einzuhalten und erteilte Vereinen und Verbänden der BRD ständig Absagen aufgrund von Terminengpässen. Die Souveränität der DDR und ihres Sports sollte geachtet und nicht auf irgendeine Weise untergraben werden, somit wurden die sportlichen Beziehungen zur BRD nur auf einem gewissen Level gehalten. Der DTSB signalisierte zwar in dieser sogenannten „vor-olympischen Phase“, dass er den Kontakt zum DSB nicht abreißen lassen wolle, aber eine längere Denkpause anstreben würde, um die Ergebnisse der bisherigen und noch völlig offenen Regierungsverhandlungen zwischen den beiden deutschen Staaten abzuwarten (ebd. S. 51).
Anfang des Jahres 1971 erlebte der innerdeutsche Sportverkehr einen erneuten Tiefpunkt aufgrund der Verzögerungstaktik des DTSB. Ewald hielt eine günstige Entwicklung des innerdeutschen Sportverkehrs nur unter normalen Beziehungen auf völkerrechtlicher Grundlage für möglich, so wie sie seitens der DDR-Regierung schon wiederholt empfohlen wurden. Die deutsch-deutschen Sportbeziehungen lagen erneut nahezu auf Eis und die DDR befasste sich vorrangig mit ihren Zielsetzungen für die kommenden olympischen Spiele 1972: In der Nationenwertung der Sommerspiele in München soll die Platzierung von 1968 bestätigt und ein Platz vor Westdeutschland erreicht werden, den Platz in der Nationenwertung bei den Winterspielen in Sapporo gilt es zu verbessern (vgl. Hartmann, 1998, S. 76). Um diese gesteckten Ziele zu erreichen, ergriff die DDR umfassende Maßnahmen und entschied einige Sportarten vorrangig zu fördern, da „unter dem gegebenen Ziel die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1972 erfordert, dass alle finanziellen, personellen und materiellen Potenzen des Leistungssports mit höchstmöglichem Effekt genutzt werden“ (Hartmann, 1998, S. 76).
Die Einteilung des Leistungssports der DDR beendete abrupt hunderte Karrieren, denn nur die medaillenträchtigen olympischen Disziplinen erhielten weiterhin die finanzielle Zuwendung und somit auch die optimale Förderung unter den entsprechenden Trainingsbedingungen.
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Arbeit zitieren:
Lisa Marlen Häßler, 2008, Der Hochleistungssport in der DDR, München, GRIN Verlag GmbH
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