Inhaltsverzeichnis
I. Teil
1. Einführung und Fragestellung zum Thema Sprechkunst 3
2. Kurzer Abriss über die Entwicklungsgeschichte
der Sprechwissenschaft 4
3. Vertreter der Sprechkunst und ihre Auffassungen 5
3.1 Erich Drach 5
3.2 Irmgard Weithase 8
3.3 Eva-Maria Krech 9
3.4 Hellmut Geißner 11
3.5 Gottfried Meinhold 12
3.6 Egon Aderhold 14
4. Fazit zu Teil I 17
II. Teil
1. Einführung und Fragestellung zum Anliegen der Programmgestaltung 18
2. Forum sprechkünstlerischer Arbeit und der Gestus-Begriff 18
2.1 Programmgestaltung nach Margaret Bräunlich 18
2.2 Martina Haase und der Gestus-Begriff 20
2.3 Hans Martin Ritter und der Gestus-Begriff 22
3. Fazit zu Teil II 24
4. Literaturverzeichnis 26
2
Teil I
1. Einführung und Fragestellung zum Thema Sprechkunst
Da mich das künstlerische Unterfangen Texte zu sprechen fasziniert, bin ich vor vier Jahren nach Jena gegangen um Sprechkunst - ein Bereich der Sprechwissenschaft - zu studieren. Die Faszination gibt aber auch den Impuls, mich theoretisch mit Fragen der Sprechkunst auseinander zu setzen. Deshalb möchte ich im ersten Teil dieser Arbeit klären, wie diese Kunstform in der Forschungsliteratur definiert wird, welche Auffassungen und Kernaussagen zu diesem Thema getroffen wurden und inwieweit sich diese aufeinander beziehen. Die frühesten Äußerungen zur sprecherischen Gestaltung finden sich bereits bei Martin Seydel, Ewald Geissler, Emil Milan und Richard Wittsack. Da es aber den Rahmen einer Hausarbeit sprengen würde und ich nur einen groben Überblick geben möchte, werde ich mich nicht auf alle, sondern auf einige ausgewählte sprechwissenschaftliche Äußerungen zur Sprechkunst konzentrieren, im Besonderen auf die von Erich Drach und Irmgard Weithase. Die anschließende Darstellung der Vortragskunst nach Eva-Maria Krech und der ästhetischen Kommunikation nach Hellmut Geißner, sowie die Äußerungen Gottfried Meinholds und Egon Aderholds sollen weiterhin helfen, den Begriff der Sprechkunst und ihr Anliegen einzugrenzen und verständlich zu machen.
Von diesem Verständnis ausgehend werde ich dann im zweiten Teil der Arbeit auf das Experimentierfeld sprechkünstlerischer Arbeit - die Programmkunst - eingehen. Dabei möchte ich auf das von Margaret Bräunlich herausgestellte Anliegen künstlerischer Programme eingehen und prüfen, ob der aus dem Theater stammende Gestus-Begriff, wie ihn Martina Haase und Hans Martin Ritter vorstellen, ein zusätzliches Mittel für den Aneignungs- und Gestaltungsprozess literarischer Texte sein könnte.
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2. Kurzer Abriss über die Entwicklungsgeschichte der Sprechwissenschaft
Da die Sprechkunst selbst ein Gebiet der Sprechwissenschaft darstellt, gehen auch die Äußerungen zur Sprechkunst mit der Entwicklungsgeschichte des Faches einher. An dieser Stelle möchte ich deshalb ganz kurz auf diese Entstehung eingehen, nicht zuletzt damit die später beschriebenen sprechwissenschaftlichen Äußerungen in einem engeren Bezug zum Fach stehen.
Die Herausbildung der Sprechwissenschaft zu einer eigenständigen und anerkannten Wissenschaft liegt in Deutschland zwar erst kurze Zeit zurück, aber genauer betrachtet, kann sie auf eine viel ältere Geschichte verweisen. "Die heutige Sprechkunde ist aus der antiken Rhetorik erwachsen" 1 , schreibt Christian Winkler und Hellmut Geißner führt weiter aus: "denn die griechisch-römische Rhetorik begründete, wenn auch unter anderen politischen Voraussetzungen und folglich mit anderen Zielen, bereits eine Theorie `mündlicher Kommunikation´, die praktische Politik und Rechtslehre ebenso einschloss wie Vortragslehre und praktische Psychologie, wozu im Zeitalter der literarischen Rhetorik die Suasorien ebenso hinzukamen wie die Deklamatorien […].“ 2
Noch bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts gab es Lehrstühle für Poetik und Rhetorik, die das tradierte Fachwissen der beiden redenden Künste vermittelten. Diese Tradition wurde jedoch durch verschiedene politische, gesellschaftliche, philosophische und wissenschaftsgeschichtliche Einflüsse fast gänzlich verdrängt. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts tritt die Mündlichkeit wieder ins Bewusstsein und wird z.B. von Professoren wie Martin Seydel (Stimmkunde), Emil Milan (Vortragskunst) und Ewald Geißler (Rhetorik) aufgegriffen. Zusammen mit der Aussprachelehre von Theodor Siebs (1898), diversen reformpädagogischen Bestrebungen und sprachtheoretischen Ansätzen wie die von Herder, Humboldt und Fichte sowie den Vorarbeiten von Ewald Geißler bildete sich die Sprecherziehung heraus.
1 Winkler, Christian: Sprechkunde und Sprecherziehung. Düsseldorf 1969. S. 74.
2 Geißner, Hellmut: Sprechwissenschaft. Theorie der mündlichen Kommunikation. Königstein 1981. S. 7.
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Dieser Begriff der „Sprecherziehung“ ist dem gleichnamigen Buch von Erich Drach, das 1922 entstand, zu verdanken. Auch wenn die Bestimmung der genauen Geburtsstunde der Sprecherziehung schwierig ist, so besteht für Hellmut Geißner kein Zweifel an der Erkenntnis, dass die systematische Entwicklung der Sprechwissenschaft und damit auch der Sprechkunst in Deutschland mit Erich Drach begann und dabei auf Ewald Geissler basiert. 3
3. Vertreter der Sprechkunst und ihre Auffassungen 3.1 Erich Drach (1885-1935)
Erich Drach, der wie bereits erwähnt als Begründer und Vater der Sprecherziehung gilt, war Lektor für Stimmkunde und Vortragskunst an der Universität Berlin. Er gründete 1920 die "Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlich gebildeten Fachvertreter der Stimmkunde, Vortragslehre und Sprachkunst" und 1930 den "Deutschen Ausschuss für Sprechkunde und Sprecherziehung".
In seiner „Sprecherische[n] Gestaltungslehre“ 4 , die sich besonders an den Deutschunterricht richtet, beschreibt er, dass die Dichtung endlich kein „totes Schreibwerk“ 5 mehr ist, sondern vielmehr die „klingende Rede eines sprechenden Menschen“. 6 Entschieden spricht er sich gegen Eduard Sievers Grundgedanken aus, dass nur der „Autorenleser“ 7 , der exakt die vom Text vorgegebene ursprüngliche Schallform nachbilden kann, den Eindruck des sinnvoll Richtigen erzeugen kann. Der „Selbstleser“ 8 ruft Sievers zu Folge nur falsche Eindrücke hervor.
3 Vgl. Geißner, H.: Sprechwissenschaft. S. 7-9.
4 Drach, Erich: Sprecherische Gestaltungslehre. In: Sprecherziehung. Rede. Vortragskunst. Hrsg. von Hans Lebede. Berlin 1930.
5 Ebd. S. 24.
6 Ebd.
7 Ebd. S. 30.
8 Ebd. S. 31.
5
Drach bestätigt zwar, dass jede Dichtung ihre eigenen objektiven Schallform-Merkmale hat, aber er glaubt nicht daran, dass es nur eine objektiv richtige Fassung gibt, ein Gedicht zu sprechen. Denn selbst wenn ein Sprecher einige Merkmale der idealen Schallform treffen würde, bleibt die empirische Schallform immer seine spezifisch Eigene und Ich-Bedingte.
Die „ideale“ Konzeptionsbestimmung eines Dichters ist zudem nicht nur psychisch schwierig nachzuempfinden, sondern auch physisch schier unmöglich. Außerdem teilt Drach nicht die Meinung, dass es dem Hörer ausschließlich um eine reine Darstellung des Gedichts als objektives Kunstwerk geht und überhaupt nicht um den Erlebnisausdruck des Dichters oder Sprechers. Die Dichtung ist zwar beliebig oft sprechbar, aber in ihrer Ausführung nie völlig identisch. Und gerade die Erlebnisfähigkeit bzw. Auffassung des Sprechers ist es, durch die sich der Sinn der Dichtung dem Sprecher offenbart und dadurch wiederum auch für den Hörer verstehbar wird.
Deshalb vereint für Drach ein ansprechender empirischer Vortrag objektive Merkmale der nur vorgestellten idealen Schallform des Dichters mit subjektiven Merkmalen des Ausdruckswillens eines Sprechers. Außerdem, so resümiert Drach, wirkt starre Formtreue oftmals erschreckend langweilig und geht am eigentlichen Sinn des Vortrags völlig vorbei. 9 Denn der Zweck des Dichtungsvortrags liegt vor allem darin, dem Hörer ein künstlerisches Genusserlebnis zu bereiten:
Denn nur davon zieht die Sprechkunst Leben und Lebensberechtigung, dass sie ihren Hörern ein besonderes seelisch-geistiges Geschenk zu geben hat, Zugang zu Erlebniswelten, die ihnen ohne den Vortrag nicht oder nicht so reich zugänglich wären. […]. Der Zweck des Sprechens ist nur erfüllt, wenn in den Hörern erweckt wurde, was der Sprecher wecken wollte. Lebensnerv allen Sprechens ist die Sprechwirkung […] im Sinne von “in Mitleidenschaft gezogen werden.“ 10
9 Vgl. Drach, E.: Sprecherische Gestaltungslehre. S. 24-42.
10 Ebd. S. 32.
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Wenn Drach sich aber für das Anliegen und den Wirkungswillen der Sprechkunst interessiert, muss er natürlich auch den Sprecher selbst in den Fokus seiner Analyse stellen. Deshalb unterscheidet er drei Haupttypen von Sprechern, die er nach ihrer Einstellung und ihrer Motivation kategorisiert:
1. Der Virtuose. Unter dem Virtuosen versteht Drach den Schauspieler, der meist die „Erzählzwiesprache mit Zuhörern“ 11 mit dem „Bühnenspiel vor Zuschauern“ 12 verwechselt und seine Textwahl nach den besten „Reißern“ 13 wild zusammenmischt. Zudem würde der Schauspieler oftmals verkennen, dass es beim Rezitieren nicht um das Vormachen eines Kunststückes geht und Theatralik hier völlig fehl am Platz ist.
2. Der Selbstinterpret zeigt sich am deutlichsten, wenn der Autor selbst aus seinen Werken liest, da es einzig um das Verständlichmachen der Dichtung geht. Dem Selbstinterpreten fehlt jedoch das Wissen um Technik und Ausdrucksstärke und somit ist auch die sprecherische Wirkung auf den Zuhörer eher gering.
3. Dem Rhapsoden geht es nur um die Sache selbst und die Wirkung auf den Zuhörer. Er sieht sich als Sprecher genau wie den Dichter als „Diener am Volk“ 14 und nicht als „Diener am Wort“ 15 . In erster Linie gilt es den Zuschauer emotional zu berühren und anzusprechen. Der Rhapsod ist auch der von Drach favorisierte Sprechertyp, da es ihm weder darum geht zu zeigen wie virtuos er ist, noch damit anzugeben, was sich alles in dem Gedicht herauslesen lässt.
11 Ebd. S. 42.
12 Ebd.
13 Ebd.
14 Ebd. S. 43.
15 Ebd.
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Arbeit zitieren:
Josephine Rittenbach, 2006, Sprechkunst von Drach bis Ritter, München, GRIN Verlag GmbH
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